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Chaim Noll

Concives Imperii

Zum Verhältnis von Christen und Juden

Das fast zwei Jahrtausende währende Zerwürfnis zwischen Christen und Juden wirft Fragen auf, die wir erst heute offen stellen können. Wie ist dieser für Europas Entwicklung folgenschwere Bruch zu erklären, obwohl Jesus Jude und das Christentum in seinem Ursprung eine jüdische Bewegung war? Ist christlicher Antijudaismus zunächst theologisch motiviert oder politisch-sozial? Ist christliche Judenfeindschaft im christlichen Schrifttum angelegt? Oder eher eine Begleiterscheinung der weltlichen Macht, in der das Christentum im Lauf der Jahrhunderte aufging und die andere als religiöse Interessen Überhand gewinnen ließ?

Antijudaismus und christliche Selbstlegitimierung

Aus der Geschichte wissen wir: je fragwürdiger die Handlungen von Menschen, umso mehr brauchen sie Legitimierung, Jurisdiktion, Absicherung dessen, was man ohnehin tun wollte, durch ein Gefühl von Rechtlichkeit. Da für Christen Eigenschaften wie Tugend, Reinheit, Abgewandtheit vom Diesseits als Ideale gelten, wurden ihre Gegner als nicht rein, nicht tugendhaft, dem Diesseits verhaftet, dem irdischen Staub verfallen dargestellt. Der Gegner wird zum Gegenbild der eigenen Wunschidentität aufgebaut. Profanität und Geldgier, früh symbolisiert durch Judas Iskariot und die dreißig Silberlinge, wurden zu einem jüdischen Wesenszug erklärt. Die Liste der Beschuldigungen christlicher Gesellschaften gegen Juden ist so lang wie absurd. Es gibt so gut wie keine Schandtat, kein Verbrechen, kein Laster, das Christen Juden nicht nachgesagt hätten.

Der neuralgische Punkt im Verhältnis der Christen zu den Juden ist seit jeher die Nicht-Anerkennung der Person Jesu als Messias (gr. Chrestos) durch die jüdische Mehrheit. Darüber wurde in diesem zunächst innerjüdischen Streit vergessen, dass Jesus früheste Anhängerschaft durchweg aus Juden bestand, und dass es eben gerade Juden waren, die in ihm den Messias oder Chrestos sahen. Hinzu kommen tendenziöse Übersetzungen mancher Stellen im Neuen Testament (Mt 27,25; Tit 1,10–11 u. a.), die den Anschein des Unvermeidlichen gaben. „Sagen wir es direkt“, schrieb der Historiker Carsten Peter Thiede, „Übersetzungen und Ausleger [...] haben hier Schuld auf sich geladen.“ Jahrhundertelang wurde von christlichen Kanzeln verkündet: „Die Juden haben unseren Herrn Jesus Christus umgebracht.“

Frühes kirchliches Emanzipationsbemühen förderte die Legende von der jüdischen Schuld. In der Passa-Homilie des Bischofs Melito von Sardes, geschrieben um das Jahr 150, werden „die Juden“ zum ersten Mal offen als Christusmörder bezeichnet. Der christlich-römische Philosoph Laktantius folgte der Unwahrheit zwei Jahrhunderte später in seinem Standardwerk Divinae Institutiones, wodurch sie ins lateinische Schrifttum einging.

Ambrosius von Mailand (4. Jh.), die Kirchenväter Johannes Chrysostomos (Homiliae adversus Iudaeos) und Augustinus (Tractatus adversus Iudaeos) kennzeichnen weitere Etappen der Kirche auf dem abschüssigen Weg in Judenhass und Verfolgung des Volkes Jesu. Nachdem sich die Nachrede einmal eingebürgert hatte, erwuchsen daraus auch die Behauptungen von Ritualmord, Kinderschlachten und Brunnenvergiftungen.

Noch um die Wende zum 20. Jh. entstand der Mythos von einem jüdischen geheimen Rat, der sich bei Nacht und Nebel auf dem Judenfriedhof in Prag am Grabe des Shimeon bar Jehuda versammle, um Pläne zur Welteroberung und Unterjochung der Menschheit zu schmieden. Diese jüdische Weltverschwörung, in die Geschichte christlich-abendländischer Hysterie eingegangen unter dem Namen „Die Protokolle der Weisen von Zion“, bestünde unter anderem in dem teuflischen Plan, alle Arbeiter zum Alkoholismus zu verführen, durch Erhöhung der Lebensmittelpreise und die Verbreitung ansteckender Krankheiten chaotische Zustände und am Ende den Zusammenbruch der christlichen Gesellschaften herbeizuführen. Millionen von Menschen, darunter gekrönte Häupter, Kleriker, Gelehrte und höchste Regierungsbeamte, haben den Betrug geglaubt. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ wären nichts als lächerlich, enthielten sie nicht den Keim zur antisemitischen Paranoia des 20. Jh., die schließlich zu Hitlers Vernichtungslagern und Stalins Judenverfolgungen führte.

Judenhass in der Antike

Christlicher Judenhass ist kein originäres Phänomen. Das Christentum empfing die Anregung dazu aus der antiken Welt und fügte lediglich neue Schein-Argumentationmuster hinzu. Eines der ältesten Muster findet sich im biblischen Buch Esther, vorgetragen von Haman am Hof des persischen Großkönigs: die Juden hätten eigene Gesetze, weshalb sie denen des Königs und des Landes nicht folgen könnten (Est 3,8).

Der durch viele Jahrhunderte in den verschiedensten politischen Systemen unter Beweis gestellte Assimilationswille der Juden straft diese Behauptung Lügen. Unzweifelhaft ist jedoch, dass Juden wegen ihrer Anhänglichkeit an den Moralkodex der mosaischen Bücher zu allen Zeiten unbequeme Untertanen für despotische Herrscher waren. Ihre Opposition blieb zwar meist spirituell, war aber dadurch vielleicht umso gefährlicher.

Derlei Erfahrungen bewogen schon den seleukidischen König Antiochus IV. ( Epiphanes, 2. Jh. v. d. Z.), das Befolgen des mosaischen Gesetzes, sogar die Lektüre der Gesetzesbücher, unter Todesstrafe zu stellen und unter diesem Vorwand – exemplarisch für den „rechtlich“ verkleideten Judenhass – auch gleich den Jerusalemer Tempelschatz zu plündern (vgl. 1 Makk). Antiochus Epiphanes löste dadurch den Makkabäer-Aufstand aus und kam wenig später zu Fall, obwohl er, so der griechische Historiker Diodor, als „mächtigster König seiner Zeit“ gegolten hatte. Auch dieses Muster zeigt sich früh: pathologischer Judenhass führt in generelles Scheitern – für Judengegner wiederum ein Grund, die Juden zu dämonisieren.

Eine andere Begründung für Judenhass demonstriert um 250 vor Christus der ägyptische Tierpriester Manetho, später übernommen von Kaiser Neros Lehrer Chairemon: die Juden wären „Gefleckte“ oder „Aussätzige“, von anderen Menschen durch Mängel und Gebrechen unterschieden, – ein frühes Beispiel für einen rassistischen Legitimationsversuch. Der römische Philosoph Seneca lehnte die Juden aus ökonomischen Gründen ab. Die vom biblischen Gesetz geforderte Einhaltung eines freien Tages in der Woche, des Schabbat, beargwöhnte Seneca als schlechtes Vorbild für alle Unfreien und als wirtschaftlichen Verlust, vor allem natürlich für die Sklavenhalter, zu denen auch er selbst gehörte. Die judenfeindlichen Äußerungen der römischen Dichter Martial und Juvenal artikulieren die Sorge, das Judentum könnte in Rom zu einflussreich werden und Nichtjuden in seinen Bann ziehen. Der Historiograf Tacitus sah die Juden – und die frühen Christen – als Gefahr für das römische Staatswesen. In seinen Historien bezichtigt er sie der Verachtung der Götter, der Verleugnung des Vaterlandes und der Geringschätzung der Familie.

Diesen Vorurteilen fügen frühe christliche Judengegner wie Justin oder Melito von Sardes im 2. Jh. die Behauptung von der „Blutschuld“ der Juden am Tode Christi hinzu. Schon die Synode von Elvira (306) verkündet die gesellschaftliche Diskriminierung der Juden: das Verbot von Ehen mit Juden und der Speise- und Wohngemeinschaft. Bei Ambrosius von Mailand (4. Jh.) finden wir christlichen Judenhass bereits mit einem Aufruf zur Aktion verbunden. Die Spaltung war perfekt.

Judentum und Islam: Das Gesetz der „dhimma“

Wie eine Selbstverständlichkeit präsentiert sich der Judenhass einige Jahrhunderte später im Islam, wo er sowohl im Koran als auch im Hadith festgeschrieben und sanktioniert wurde. Die judenfeindlichen Stellen des Koran sind zahlreich und begnügen sich nicht mit Anschuldigungen, sondern rufen zu blutigem Vorgehen auf. Im Jahre 627 ließ Mohammed alle männlichen Juden der Gemeinschaft Banu Quraiza in Medina abschlachten, während Frauen und Kinder versklavt wurden, – das erste islamische Judenmassaker, dem im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche folgen sollten. Mohammeds Eroberung der von Juden bewohnten Oase Chaibar ist das erste Beispiel eines islamischen Krieges gegen die Juden im Rahmen des Jihad.

Bis zu dieser Zeit waren größere christliche Gewaltaktionen gegen Juden nicht bekannt – man muss davon ausgehen, dass Mohammeds brutales Vorgehen gegen die Juden bahnbrechende Wirkung hatte. Auch in relativ ruhigen Zeiten waren in islamischen Ländern die Juden oft noch rechtloser als in christlichen Gesellschaften. Das Gesetz der dhimma war grundsätzlich diskriminierend:

„Bekämpft diejenigen, denen die Schrift gegeben wurde und die […] sich nicht zur Religion der Wahrheit (des Islam) bekennen, bis sie erniedrigt sind und Tribut entrichten“ (Sure 9,29).

Die in den islamischen Rechtsvorschriften fixierten Erniedrigungen bestimmten das alltägliche Dasein der dhimmi. Sie mussten sich beleidigen, schlagen und verhöhnen lassen, ohne sich wehren zu dürfen (ihrerseits einen Muslim zu schlagen, hatte die Todesstrafe zur Folge). Waffenbesitz war ihnen untersagt, ihre Aussage vor Gericht wertlos, sie hatten sich im Straßenbild in demütiger Haltung zu bewegen und zuerst zu grüßen, durften keine Pferde reiten und mussten von ihrem Reittier – Maultier oder Esel – absteigen, sobald ihnen ein Muslim begegnete. Sie waren verpflichtet, besondere Kleidungsstücke und Kopfbedeckungen oder den dhimmi-Status markierende Abzeichen etc. zu tragen. Da die Regelungen der dhimma religiös verankert sind, erweisen sie sich bis heute als kaum reformierbar. Perioden freundlicher Behandlung ändern nichts an der grundsätzlich verächtlichen Haltung des Islam gegenüber Juden und Judentum.1

Rechtsschutz und Eigennutz

Anders als in islamischen Ländern konnten verfolgte Juden in der christlichen Welt immerhin öffentliche Fürsprache finden. Als 1509 der Renegat Johannes Pfefferkorn, unterstützt von den Kölner Dominikanern, zur Beschlagnahmung und Verbrennung jüdischer Schriften aufrief, beauftragte Kaiser Maximilian Sachverständige, darunter den Juristen Johannes Reuchlin, die Beschuldigungen gegen die Juden zu prüfen. Reuchlin widerlegte die Vorwürfe und verteidigte die Juden unter Berufung auf die grundsätzliche Rechtslage: nach dem im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation als verbindlich geltenden römischen Recht seien Judentum und Christentum „zwei Sekten“ und gleichermaßen concives imperii, Mitbürger des Imperiums. „Zuletzt“, so Reuchlin, „soll ein Christenmensch den Juden lieb haben als seinen Nächsten: das alles ist im Rechte begründet.“ Dennoch kam es zu Judenverfolgungen, sogar gegen den Willen des Kaisers oder Papstes oder, wie bei den Pogromen in Speyer, Köln und Mainz, gegen den Willen der dortigen Bischöfe.

Laut Spinozas Traktat über die Ethik verstehen Menschen unter „gut“ „das, von dem sie mit Sicherheit wissen, dass es ihnen nützlich ist“. Und nützlich schien Reuchlins Zeitgenossen nicht seine Anmahnung an römisches Recht und christliche Nächstenliebe, sondern die Verfolgung und Beraubung ihrer jüdischen Mitbürger. Daher wurden Legitimationsmuster entwickelt, die das Unchristliche „christlich“, das Schlechte „gut“ erscheinen ließen. Im Rechtsempfinden weiter Volkskreise galten die Juden über Jahrhunderte als Menschen zweiter Klasse. Als Moses Mendelssohn 1743 durch das Stadttor nach Berlin einwanderte, notierte der Zollbeamte in sein Wachbuch: „Heute passierten sechs Ochsen, sieben Schweine und ein Jude.“

Die tief ins populäre Bewusstsein eingesickerte Verachtung übertraf nicht selten die der Herrschenden. Dieser populäre Judenhass geht weitgehend auf das Konto der Kirchen, die in diesen Zeiten den größten Einfluss auf Bildung und geistigen Zustand des Volkes ausübten. Die Stigmatisierung der Juden als „Mörder unseres Heilands“ rechtfertigte ihre Ausschließung aus dem Konsens der sonst gültigen Rechtlichkeit und lud zu Übergriffen ein.

Daraus entstand mit der Zeit ein inoffizielles zweites Recht, ein Gewohnheitsrecht. Zudem waren viele Christen bei Juden verschuldet, oft auch Könige, Fürsten, Erzbischöfe. Sie hatten zwar die Juden ins Land geholt und ihnen Rechtsschutz zugesagt, dann aber über die Ausschreitungen hinweggesehen oder sie stillschweigend geduldet.

Die theologisch vorgetragenen Legitimationsmuster müssen daher immer vor den pragmatisch-profanen Hintergründen ihrer Entstehung betrachtet werden. Früher christlicher Antijudaismus resultiert zunächst aus dem Prozess der Abspaltung der messianischen Sekte der Jesus-Anhänger vom pharisäisch-rabbinischen Judentum, den Emanzipationsbemühungen der Sezession gegenüber der „Mutterreligion“, zudem aus Rivalitäten im Imperium Romanum, in dem die Juden seit der Zeitenwende den Status einer religio licita innehatten, welchen die Christen erst zu Beginn des 4. Jh. erlangten.

Aus dieser jahrhundertelangen rechtlichen Bevorzugung der Juden entstand viel Unmut unter den Christen, der sich in frühen christlichen Äußerungen niederschlug. Später standen die Juden dem Absolutheitsanspruch der Kirche im Weg, den „allein seligmachenden“ Glauben zu vertreten („Extra ecclesiam salus non est“, wie der Kirchenvater Cyprianus formulierte). Zusätzlich deklarierte sich die Kirche zunehmend als das „neue Volk Gottes“, das die Juden als Volk Israel abgelöst hat.

Im 10. Jh., als Kriegs- und Ritterwesen mehr und mehr das Antlitz christlicher Gesellschaften dominierten und sich allenthalben Männer zu geistlichen Verbänden zusammenschlossen, um mit dem Schwert in der Hand „für das Christentum“ zu kämpfen, sahen sich die europäischen Juden in der seltsamen Rolle, die „christlichen“ Tugenden – Friedfertigkeit, Duldsamkeit, Opferbereitschaft – anzumahnen. Der Mainzer Jude Shimeon bar Isaak reflektierte darüber in einem Gedicht aus dieser Zeit:

„Ihre Festungen stehen auf schroffen Höhn,
Sie gehn auf die Jagd unter drohendem Fels,
Wo in engem Gedränge die Schilde stehn,
Dazwischen Panzer und Helme,
Weit leuchten Embleme und Wappen.
Sie kämpfen mit blitzendem Schwert,
Reichlich verzieret mit Silber und Gold [...].
Wir aber beten zum allmächtigen Gott,
Der alle Kriege beendet.“

Antijudaismus – theologisch umstritten

Das Leben des jüdischen Volkes kreist um ein Buch, dessen Rezeption ernsthafte geistige Arbeit erfordert. Die uralte Schriftorientierung ist tief ins alltägliche Leben, Empfinden und Denken der Juden eingedrungen, selbst solcher, die sich vom Judentum abgewandt haben. Religiöses Judentum, mit seinem auf Bildung und Kenntnis begründeten, ständiges Studium erfordernden Anspruch nahm den Mangel an Popularität bei den umgebenden Völkern hin, ertrug ihn sogar mit einem gewissen Selbstbewusstsein, allerdings machte es die fehlende Beliebtheit leichter, sie ihrer Rechte zu berauben und in eine Opferrolle zu drängen. Gerade diese legendäre Überlebensfähigkeit steigerte den Hass. Die Kirche spürte immer wieder den Drang weiter Volkskreise, antijüdische Argumentationsmuster zu liefern, um Aggressionen gegen die Juden zu rechtfertigen. Oft in der Geschichte war christlicher Antijudaismus nichts anderes als populärer Judenhass unter Hinzufügung pseudo-theologischer Vorwände.

Andererseits können Juden diese Angriffsfläche nicht vermeiden, es sei denn um den Preis, ihre Identität als Volk aufzugeben. Ihnen vorzuwerfen, sie lieferten durch ihr Anderssein selbst den Grund zur Verfolgung, ist bereits ein judenfeindlicher Vorstoß, da er die Preisgabe der jüdischen Identität um größerer Beliebtheit willen suggeriert, eine Forderung, welche Juden, wenn sie Juden bleiben wollen, nicht erfüllen können.

Diese einfache Wahrheit wollen Judengegner durch immer neue Scheinargumente vergessen machen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich daher die Suche nach antijüdischen Indizien zu einer Manie innerhalb der christlichen Gesellschaft entwickelt. Antijudaismus war populär, doch zugleich gab es zu allen Zeiten Kreise – mitunter auch einflussreiche –, die ihn seinem Wesen nach für unchristlich erklärten.

Dennoch blieb der Antijudaismus in christlichen Ländern umstritten und Gegenstand innerkirchlicher Konflikte. Gerade Theologen wussten, in welchem Ausmaß, welcher elementaren Tiefe das Christentum geistig auf dem Judentum basiert. Daher finden wir oft gebildete Priester in geistiger Nähe zum Judentum, Männer wie den am Hof der Mediceer-Päpste einflussreichen Kardinal Aegidius von Viterbo, der im römischen Getto bei gelehrten Juden Hebräisch-Studien trieb, jüdisches Schrifttum studierte und auf seine Kosten eine Talmud-Ausgabe drucken ließ.

„Geistig sind wir alle Semiten“ (Spiritualmente siamo tutti semiti), erklärte Papst Pius XI. vor belgischen Pilgern am 6. Sept. 1938, in einer Zeit des überhand nehmenden Antisemitismus. Schon lange vor ihm hatten sich einzelne Päpste offen gegen christlichen Judenhass gestellt (Martin V. im frühen 15. Jh., oder Sixtus V. im 16. Jh.). Päpstliche oder bischöfliche Erlasse gegen Judenhass – von denen es mehr gibt, als gemeinhin angenommen – sind weniger Akte pragmatischer Politik, sondern eher theologische Grundsatzerklärungen, die den unchristlichen Charakter der Judenverachtung anhand christlicher Schriften nachweisen.

Ein interessantes Beispiel dafür ist die „Bulle gegen die Anklage der Brunnenvergiftung und des Gebrauchs von Christenblut bei der Herstellung von Mazzot“ (ungesäuertem Brot) von Papst Martin V. (13. März 1422). Darin weist der Papst nicht nur die genannten Anklagen zurück, sondern erklärt, dass „ein jeglicher Christenmensch“ verpflichtet sei, mit seinen jüdischen Mitbürgern „in menschenfreundlicher Weise umzugehen“ (Humana mansuetudine).

Islam und Judentum

In der ambivalenten Haltung des Christentums zum Judenhass liegt ein entscheidender Unterschied zum Islam. Der Islam ist konfliktfrei judenfeindlich, da die Verwerfung der Juden als Leitmotiv in seinem religiösen Grundlagentext verankert ist. Dagegen widerspiegeln einige Stellen im Neuen Testament, die über Jahrhunderte von Predigern und Autoren als Belege frühestchristlicher Judenverachtung bemüht wurden, in Wahrheit nichts als innerjüdische Debatten. Zudem werden die strittigen Stellen durch Aussagen des neutestamentlichen Textes aufgefangen, die in bekennerischer Weise projüdisch sind wie der berühmte Ausspruch Jesu: „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22).

Die Verwerfung der Juden im Koran hinderte einige islamische Herrscher zwar nicht daran, eine judenfreundliche Haltung zu zeigen, doch die heute viel zitierten Beispiele islamisch-jüdischer Kooperation (etwa im Khalifat von Cordoba) bleiben historische Ausnahmen. Die „Normalität“ islamischer Judenverachtung ist einer der Gründe, warum die zahlreichen Judenverfolgungen in muslimischen Ländern nicht einmal historiografischer Aufzeichnung für wert befunden wurden. Dieser Mangel wird allen Ernstes als Beweis dafür angeführt, Juden wären in islamischen Staaten besser behandelt worden als in christlichen.

In Wahrheit stellen bereits die Wahrnehmung und erst recht die Kritik des Phänomens „Judenhass“ eine Kulturleistung christlich geprägter Gesellschaften dar, die der Islam bisher nicht erbracht hat.

Judentum unter Kommunismus und Nationalsozialismus

Christlicher Judenhass half auch die antijüdische Ausprägung der beiden Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts legitimieren, Kommunismus und Nationalsozialismus. Diese beiden Bewegungen brachten die innere Ambivalenz zum Verstummen, die das christliche Verhältnis zu den Juden gekennzeichnet hatte, und machten den Antijudaismus zu einer unbestrittenen, selbstverständlichen Haltung. Die Nationalsozialisten begründeten ihn mit einer Rassentheorie, die Kommunisten mit der marxistischen Gesellschaftslehre, nach der Judentum in der kommenden Ordnung obsolet sei.

Beide Totalitarismen gehen von der Schädlichkeit und Gefährlichkeit der Juden für das angestrebte neue Gemeinwesen aus. Beide Totalitarismen sahen im Judentum eine Bedrohung, weil die totale Unterordnung des Einzelnen durch jüdisches Denken infrage gestellt wird. Im jüdischen Alltagsleben ist die Forderung der „Freiheit der Andersdenkenden“ belegt durch den jahrtausendealten Schabbat-Segen, der den „Fremden“ ausdrücklich einbezieht –, eine revolutionäre Formel rechtlicher Gleichstellung und ein frühes „Toleranzedikt“, das von keinem anderen Volk bekannt ist.

„Denn alle Völker gehen ihren Weg,
jedes ruft den Namen seines Gottes an;
wir aber gehen unseren Weg im Namen Jahwes, unseres Gottes,
für immer und ewig“ (Micha 4,5).

„Entchristlichter“ Antisemitismus der Moderne

Antijudaismus gehört auch zum Inventar modernen bürgerlichen Denkens. Das überlieferte Zerrbild des Juden findet sich als Grundmuster neuer, vorgeblich „wissenschaftlicher“ Untersuchungen zum Thema, wie sie mit dem Aufkommen des bürgerlichen Antisemitismus entstehen. Wie Wilhelm Marr, der Gründer der „Liga der Antisemiten“, verbindet der deutsche Volkswirtschaftler Werner Sombart in „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ (1911) seine Kritik an den negativen Seiten des Kapitalismus weitgehend mit jüdischen Einflüssen.

Von da bis zu Hitlers Rassentheorie war es nur noch ein Schritt: die Theoretiker des Nationalsozialismus mussten diesem Ansatz lediglich hinzufügen, dass Amoral, Betrug und Gesinnungslosigkeit „rassisch“ im jüdischen Volk verankert wären.

Sombarts Thesen belegen die erschreckende Popularität judenfeindlicher Stereotype im deutschen Geistesleben der letzten Jahrzehnte vor dem Nationalsozialismus. Insgesamt gehen die modernen Spielarten des Antijudaismus über den christlichen Judenhass hinaus. Indem sie sich des im Christentum immer bestehenden Zusammenhangs zwischen jüdischer und christlicher Bibel und aller biblischen Werte überhaupt entledigten, nahmen sie eine totale Abschaffung des „Jüdischen“ in Angriff, etwas, das nie auf der Tagesordnung christlicher Gesellschaften stand.

Erst moderne Gesellschaften entwickelten Konzepte zur totalen Abschaffung des „Jüdischen“ und damit des originär Biblischen. Konsequenterweise richtete sich ihr Eliminierungswunsch dann auch gegen die Christen als Vertreter des biblischen Konzepts, sodass sich, nach zweitausend Jahren Judenverfolgung in christlich beherrschten Gesellschaften, nun plötzlich Christen an der Seite der Juden wiederfanden: in der Rolle von Verfolgten und Opfern. Offenbar hat dies die Solidarität zwischen Christen und Juden neu belebt.

Heute lässt sich eine vollkommen neue Topografie erkennen. Das Christentum ist nicht mehr weltliche Macht und monopolisierte Staatsreligion, sondern wieder „Sekte“ (Reuchlin, s. o.) geworden, juristisch gleichgestellt mit der jüdischen. Die modernen Totalitarismen haben Christen in die Lage gebracht, in der Juden über Jahrhunderte waren. Diese Erfahrung hat ihnen geholfen, das Christentum wieder mit seiner jüdischen Herkunft zu verbinden, die dem allgemeinen christlichen Bewusstsein entfallen war.

Auf der anderen Seite haben die Juden ihre eingebüßte Staatlichkeit wiederlangt und sehen sich daher mit Problemen konfrontiert, die während der letzten zwei Jahrtausende Christen vorbehalten blieben: Sicherung und Verteidigung ihres Landes, Kriegführung, internationale Politik, Umgang mit auf ihrem Staatsgebiet lebenden Minderheiten. Beider Situation im existenziellen Kontext hat die Einseitigkeit eingebüßt: die Christen fixiert auf die Macht, die Juden fixiert auf die Ohnmacht.

Ein so tiefgreifender Rollenwechsel macht geneigt zum Verständnis, offen für den Dialog. Insofern bietet uns diese Zeit, mit dem Erbe, das wir zu tragen haben, und den Herausforderungen, die vor uns liegen, die Gelegenheit zu einem Neubeginn.


* Chaim Noll, deutsch-israelischer Schriftsteller, 1954 in Ost-Berlin geboren, Studium der Mathematik in Berlin und Jena, Kunststudium und Kunstgeschichte an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, Verweigerung des Wehrdienstes in der DDR, 1984 nach West- Berlin, 1989–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, 1992–1995 in Rom, seit 1995 in Israel. Zum gleichen Thema vgl.: Chaim Noll, Rom und Jerusalem – eine wechselhafte Beziehung, in FrRu 16(2009)265–276.

  1. Bei der offiziellen Feier des 47. Jahrestags der Gründung der Fatah hat Mufti Mohammed Hussein (Jerusalem) im Januar 2012 folgenden Hadith zitiert: „Der jüngste Tag wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden kämpfen und sie töten, sodass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken. Und jeder Baum und Stein wird sagen: ,Oh Muslim, oh Diener Gottes, da ist ein Jude hinter mir. Komm und töte ihn’“ (vgl. Artikel 7 der Charta der hamas). Der Moderator der Veranstaltung, der die Rede des Muftis ankündigte, sagte: „Unser Krieg gegen die Nachfahren der Affen und Schweine ist ein Krieg der Religion und des Glaubens“ (Aus: Newsletter der Botschaft des Staates Israel, 23.01.2012).

Jahrgang 19 / 2012 Heft 3 S. 162−172


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