Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 1276  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Josef Blaha

Der Begriff „Erlösung” bei Franz Rosenzweig

Nach Gershom Scholem ist in Rosenzweigs Stern der Erlösung1 „die ganze jüdische Welt gewissermaßen eingefaltet in ein Buch“. Das Werk endet mit den Worten:

„Und dies Letzte ist nichts Letztes, sondern ein allezeit Nahes, das Nächste; nicht das Letzte also, sondern das Erste. Wie schwer ist solch Erstes! Wie schwer ist aller Anfang! Recht tun und von Herzen gut sein – das sieht noch aus wie ein Ziel. Vor jedem Ziel kann der Wille noch erst ein wenig verschnaufen zu müssen behaupten. Aber einfältig wandeln mit deinem Gott – das ist kein Ziel mehr, das ist so unbedingt, so frei von jeder Bedingung, von jedem Erstnoch und Übermorgen, so ganz Heute und also ganz ewig wie Leben und Weg, und damit so unmittelbar der ewigen Wahrheit teilhaft wie Leben und Weg. Einfältig wandeln mit deinem Gott - nichts weiter wird da gefordert als ein ganz gegenwärtiges Vertrauen.

Aber Vertrauen ist ein großes Wort. Es ist der Same, daraus Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen, und die Frucht, die aus ihnen reift. Es ist das Allereinfachste und grade darum das Schwerste. Es wagt jeden Augenblick zur Wahrheit Wahrlich zu sagen. Einfältig wandeln mit deinem Gott – die Worte stehen über dem Tor, dem Tor, das aus dem geheimnisvoll-wunderbaren Leuchten des göttlichen Heiligtums, darin kein Mensch leben bleiben kann, herausführt. Wohinaus aber öffnen sich die Flügel des Tors? Du weißt es nicht? Ins Leben“ (471 f.).

Franz Rosenzweig (1886–1929) stammte aus einer reichen assimilierten jüdischen Familie in Kassel. Er studierte erst Medizin, wandte sich dann aber der Philosophie zu. Seine Dissertation „Hegel und Staat” (1912) war so gut, daß ihm von der angesehenen Marburger Universität eine Stelle als Dozent angeboten wurde. Unter dem Einfluß von Sören Kierkegaard wurde er der erste jüdische Existentialist.

Das religiöse Judentum war ihm fremd. Auf Drängen seiner christlichen Freunde und Verwandten entschloß er sich, zum Christentum überzutreten, fand aber dann doch während des Gebetes am Jom Kippur des Jahres 1913 in der Berliner Synagoge im Judentum seinen eigentlichen Lebenssinn. Er wurde Schüler von Hermann Cohen und übersetzte die Werke von Jehuda Halevi. Zusammen mit Martin Buber begann er die Hebräische Bibel ins Deutsche zu übersetzen.2 1926 erschien sein Buch „Zweistromland“. Den „Stern der Erlösung“ (1921) verfaßte er während des Ersten Weltkrieges an der Balkanfront auf Postkarten. Seit 1922 war er gelähmt, hat aber weitergearbeitet bis zu seinem Tod im Jahre 1929.

Rosenzweigs Leben war ein Zeugnis für den Ewigen. Er versuchte, mit all seinen Kräften das neue Denken in den jüdischen Gemeinden in Deutschland einzupflanzen. Zusammen mit Martin Buber gründete er 1920 das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt.3 Er konnte nicht ahnen, daß der Holocaust alles vernichten wird.

Im „Stern der Erlösung" vertritt Rosenzweig die Ansicht, daß diese Welt noch nicht endgültig von Gottes Barmherzigkeit berührt worden ist. Darauf gründet der messianische Glaube im Judentum. Nach Vollendung des biblischen Rachegerichtes (vgl. Ps 2,9.21–25 und Jes 11,4)

„wird er [der Messias] ein heiliges Volk zusammenführen und ein Reich gründen, in dem kein Unrecht geschieht, und alle Menschen heilig sind“.4

Im Mittelalter hat Maimonides diese Idee im zwölften der dreizehn Glaubensartikel zusammengefaßt:

„Ich glaube mit perfektem Glauben an das Kommen des Messias, und möge er sich auch verzögern, ich glaube jeden Tag, daß er kommt.“

Die Einleitung zum dritten Teil (295–330) überschreibt Franz Rosenzweig mit dem Titel Über die Möglichkeit, das Reich zu erbeten. Er bedient sich dabei der traditionellen Vorstellungen vom Messias.

„Daß man Gott versuchen könne, ist vielleicht die absurdeste der vielen absurden Behauptungen, die der Glaube in die Welt gesetzt hat. Gott, den Schöpfer, vor dem, nach dem, nach der Behauptung eben des Glaubens, Völker sind wie die Tropfen am Eimer, ihn sollte – wieder mit den Worten dieses Glaubens – der Mensch, die Made, und der Menschensohn, der Wurm, versuchen können!

Und wenn auch etwa nicht so sehr dabei an den allmächtigen Schöpfer gedacht wäre, sondern mehr an den Offenbarer, wie könnte auch von ihm, wenn anders er wirklich der Gott der Liebe ist, vorgestellt werden, daß der Mensch ihn versuchen könne; müßte dieser Gott da nicht in seiner Liebe beengt sein, und gebunden an das was der Mensch tut, und nicht wie es wieder doch der Glaube selbst meint, unbeschränkt frei und nur dem Drang der eigenen Liebe folgend?

Oder endlich den Erlöser, sollte ihn der Mensch versuchen können? Ihn wohl noch am ehesten. Denn ihm gegenüber hat ja der Mensch nach der Vorstellung des Glaubens wirklich eine Freiheit, die er als Geschöpf und Kind Gottes nicht hat, die Freiheit zur Tat oder allermindestens doch die Freiheit zum Entschluß, das Gebet. Aber grade im Gebet nun wiederholen Jude und Christ ohne Unterlaß die Bitte: Führe uns nicht in Versuchung!“ (295).

Rosenzweig verschreibt sich ganz der Idee der Erlösung. Er weigert sich, den Zustand der Unerlöstheit dieser Welt, in der so viel Schlechtes geschieht, zu akzeptieren. Deshalb glaubt er an das Kommen des „Sterns der Erlösung”.

Zum Christentum hat Rosenzweig eine positive Haltung. Christentum und Christenheit definiert er als eine Gemeinschaft des ewigen Wegs oder als Gemeinschaft des ewigen Lebens (378). Vom Judentum spricht er als dem Volk der Ewigkeit (365) oder dem ewigen Volk (334 ff.). Im Kapitel „Das Feuer oder Das Ewige Leben" (331–372) führt Rosenzweig dazu aus:

„Gepriesen sei, der ewiges Leben gepflanzt hat mitten unter uns. Inmitten des Sterns brennt das Feuer. Erst aus dem Feuer des Kerns brechen die Strahlen hervor und fließen unwiderstehlich ins Außen. Das Kernfeuer muß brennen ohne Unterlaß. Seine Flamme muß sich ewig aus sich selbst nähren [...]. Es muß seine eigene Zeit erzeugen. Es muß sich selbst ewig fortzeugen. Es muß sein Leben verewigen in der Folge der Geschlechter, deren jedes das nachkommende erzeugt, wie es selber hinwiederum von den Vorfahren zeugt. Das Bezeugen geschieht im Erzeugen.

In diesem doppelsinnigen, tateinigen Zusammenhang des Zeugens verwirklicht sich das ewige Leben [...]. Es gibt nur eine Gemeinschaft, in der ein solcher Zusammenhang ewigen Lebens vom Großvater zum Enkel geht, nur eine, die das ,Wir’ ihrer Einheit nicht aussprechen kann, ohne dabei in ihrem Innern das ergänzende ,sind ewig’ mitzuvernehmen. Eine Gemeinschaft des Bluts muß es sein, denn nur das Blut gibt der Hoffnung auf die Zukunft eine Gewähr in der Gegenwart.

Jede andre, jede nicht blutmäßig sich fortpflanzende Gemeinschaft kann, wenn sie ihr Wir für die Ewigkeit festsetzen will, es nur so tun, daß sie ihm einen Platz in der Zukunft sichert; alle blutlose Ewigkeit gründet sich auf den Willen und die Hoffnung. Die Blutgemeinschaft allein spürt die Gewähr ihrer Ewigkeit schon heute warm durch die Adern rollen“ (331 f.).

Das Alte Testament spricht von „Erlösung“ am häufigsten im Hinblick auf den Auszug aus Ägypten. So wird im Schabat-Kiddusch gebetet:

„Denn dies ist der Tag der Preisung, die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.”

In Ex 6,6–7 heißt es:

„Ich bin Jahwe, ich führe euch aus dem Frondienst für die Ägypter heraus und rette euch aus der Sklaverei. Ich erlöse euch mit hoch erhobenem Arm und durch gewaltiges Strafgericht über sie. Ich nehme euch als mein Vok an und werde euer Gott sein. Und ihr sollt wissen, daß ich Jahwe bin, euer Gott, der euch aus dem Frondienst in Ägypten herausführt.”

Wegen des Bundes wird Israel zu einem „heiligen“, dem Herrn geweihten Volk, zum „besonderen Volk“ Gottes (Ex 19,5 f.)

Es gibt aber auch die messianische Erlösung. Die Propheten verwenden im Hinblick auf die Befreiung aus dem Exil (galut) bewußt dieselben Formeln, und der „Erlöser“ wird dabei vor allem bei Deuterojesaia zu einem der mit Vorliebe gebrauchten Titel des Ewigen.

„Denn beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. Ja, er wird Israel erlösen von allen seinen Sünden” (Ps 130,7–8).

Für das Judentum ist wichtig, daß seine Erwählung eng mit dem Bund verbunden ist, denn es ist ein Bund auf ewige Zeiten, ein lebendiger Bund.5

Erwählung im Judentum geschieht aber nicht nur – wie im Christentum – dem Geiste nach, sondern auch dem Leibe nach. Deshalb ist es auch eine Gemeinschaft des Blutes. Rosenzweig sieht im jüdischen Volk, im „ewigen Volk“, das ewige Leben schlechthin. Er sieht in ihm die Hoffnung auf die messianische Zeit, auf die kommende Welt. Das Judentum hat die Hoffnung auf eine bessere Welt nie aufgegeben. In der Mischna heißt es: „Alle Juden haben Anteil an der kommenden Welt“ (mSan 10,5; vgl. Jes 60,21):

„Und dein Volk besteht aus lauter Gerechten, für immer werden sie das Land in Besitz nehmen; es ist der Sproß meiner Pflanzung, das Werk meiner Hände zur Verherrlichung.“

Rosenzweig war ein treuer Sohn Israels. Er war davon überzeugt, daß der Herr eines Tages den Stern der Erlösung erscheinen läßt.

* Josef Blaha SJ, Prag, Promotion 2001 an der Katholischen Fakultät der Universität Olmütz zum Thema „Tora und moderne jüdische Philosophie"; Promovend der Theologie an der Karls-Universität in Prag über den Propheten Jeremia.

  1. Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1996. Die Seitenangaben sind im Text in Klammern gesetzt. Diese Ausgabe ist identisch mit der vierten Auflage von 1976.
  2. Die Schrift, verdeutscht von Martin Buber und Franz Rosenzweig, Verlag Jakob Hegner, Köln / Olten 1954.
  3. Upon Opening the ,Jüdisches Lehrhaus’, in: Franz Rosenzweig, On Jewish Learning, edited and with introduction by Nahum N. Glatzer, Schocken Books, New York 1955, 95−103.
  4. Messianische Erwartung im Judentum, in: Bibellexikon, St. Benno Verlag, Leipzig 1969, 1146.
  5. Vgl. David Hartman, A Living Covenant. The Innovative Spirit in Traditional Judaism, Jewish Light Publishing, Woodstock, Vermont 1997.

Jahrgang 9 / 2002 Heft 4 S. 260−263.


top