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Gottfried Mehnert

Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus

Seine Anfänge in Marburg 1891/1892

Ende 1890 gründeten in Berlin zwölf liberale Politiker, an ihrer Spitze Heinrich Rickert (1833–1902), Rudolf von Gneist (1816-1895) und Theodor Barth (1849–1909) den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus”.1 Veranlaßt war diese Vereinsgründung durch das Anwachsen der völkischen antisemitischen Bewegung vor allem in Hessen, Sachsen und Westfalen, wo sie in den achtziger Jahren des 19. Jh. unter der Landbevölkerung starke Zustimmung fand und in antisemitischen Parteien in Erscheinung trat, die bei der Reichstagswahl im Januar 1890 fünf Mandate gewannen. Als antisemitische Parteiführer traten vor allem Liebermann von Sonnenberg, Hermann Ahlwardt und, besonders in Hessen, Otto Böckel hervor.

Das Zentrum der antisemitischen Bewegung in Hessen war in jenen Jahren Marburg und sein Umland. Hier war seit 1883 der junge Bibliotheksassessor Dr. Otto Böckel2 als antisemitischer Agitator und Publizist aufgetreten, der schon bald, begleitet von zahlreichen Anhängern, darunter auch Studenten aus Marburg und Gießen, über den unmittelbaren Bereich Marburgs hinaus im Umland wirkte, und der seit Januar 1887 mit seiner Wochenzeitung “Reichsherold” antisemitische Demagogie betrieb. Böckels antisemitische Bewegung in Hessen, die wegen ihres tumultartigen Auftretens als „Radau-Antisemitismus” bezeichnet wurde, fand in der Landbevölkerung eine so starke Resonanz, daß es Böckel gelang, in der Reichstagswahl 1887 den Wahlkreis Marburg-Kirchhain-Frankenberg-Vöhl zu gewinnen und als erster Abgeordneter einer antisemitischen Partei in den Reichstag einzuziehen. „Die gesamte antisemitische Bewegung bekam durch seine Erfolge in Hessen neuen Aufschwung.”3 1888 gründete Böckel eine eigene Partei, die „Antisemitische Volkspartei”, die sich 1893 in „Deutsche Reformpartei” umbenannte.

Wie weit der Antisemitismus bereits in die Bevölkerung eingedrungen war, beleuchtet eine Notiz in der Oberhessischen Zeitung am 14. Oktober 1891 über eine Verfügung der preußischen Regierung wegen der öffentlichen Schmähungen jüdischer Erwachsener und Kinder durch christliche Schüler, denen den Ermittlungen zufolge einzelne Lehrer durch ihre Haltung Vorschub geleistet hätten. In der Verfügung werden die Kreisschulinspizienten angewiesen, den Lehrern zur Pflicht zu machen, solchem Treiben mit Entschiedenheit entgegenzutreten und „mit dem eigenen Beispiele christlicher Duldsamkeit gegen Andersglaubende der ihnen anvertrauten Schuljugend voran(zu)gehen”.

Regionale Gegenbewegung – der Marburger Abwehrverein

Unter den 585 namhaften Politikern, Wissenschaftlern, Schriftstellern und Theologen, die Anfang Januar 1891 in Berlin den Gründungsaufruf des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus unterschrieben haben, befanden sich auch einige prominente Marburger. In den liberal gesonnenen akademischen und bürgerlichen Kreisen Marburgs fand der Abwehrverein Zustimmung – immerhin gehörte fast die Hälfte der Marburger Professoren liberalen politischen Parteien an.4

Edmund Stengel 

Prof. Dr. Edmund Stengel.
Hessisches Staatsarchiv Marburg.

Wortführer der Marburger Gruppe war Dr. Edmund Stengel, Professor für abendländische Sprachen und Literatur. Schon vor der Gründung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus war Prof. Stengel an Überlegungen beteiligt, wie in Hessen der antisemitischen Bewegung entgegengetreten werden könnte. Für Stengel hatten die Bemühungen noch einen besonderen persönlichen Aspekt, weil Otto Böckel, der Gründer der „Antisemitischen Volkspartei”, sein Schüler und Promovend war.

Bereits 10 Monate nach seiner Gründung trat der Verein an die Öffentlichkeit. Anzeigen in den Marburger Zeitungen luden zu einer öffentlichen Versammlung am 29. Oktober 1891 im Marburger „Saalbau” ein, in der der Schriftführer des neu gegründeten Vereins, Licentiat der Theologie Dr. Graebner5 aus Berlin, einen Vortrag Über den Antisemitismus halten werde. Die seit Ende Oktober 1891 wöchentlich von Graebner herausgegebenen „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus” berichteten ausführlich über die Veranstaltung.6 Auch die Marburger Zeitungen veröffentlichten mehrspaltige Beiträge über diese teilweise turbulent verlaufene Versammlung.

Dem Bericht der Oberhessischen Zeitung zufolge war der Marburger Saalbau „von ca. 1000 etwa zu zwei Drittteilen aus Antisemiten bestehenden Personen besetzt, welche [...] Dr. Böckel mit brausenden Hochs empfingen”7. Der General-Anzeiger berichtete, daß Graebner gleich zu Beginn seiner Rede „durch einen ungeheuren Lärm unterbrochen” wurde. Es gelang dem Leiter der Versammlung, Professor Edmund Stengel, nur mit Mühe, dem Redner Gehör zu verschaffen. Nach dessen Vortrag erhielt Böckel das Wort zu einer Erwiderung, die sich „weniger auf die Widerlegung von Tatsachen beschränkte, sondern vielmehr in persönliche, spitze Anzapfungen des Vorredners überging”8. Als Böckel sich über Professor Hermann Cohen (1838−1906) höhnisch äußerte, gab es „wüsten Lärm”, woraufhin Prof. Stengel die Versammlung beendete. Die „Mittheilungen” berichteten schon in der nächsten Ausgabe9, daß die Marburger Versammlung dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus neue Freunde eingebracht hatte.

Das Auftreten des Abwehrvereins in Marburg war angesichts der in weiten Kreisen vorherrschenden antisemitischen Stimmung ein mutiges Unternehmen. In der folgenden Zeit fand ein regelrechter Versammlungsstreit mit ungleichen Kampfmethoden statt. In den Versammlungen des Abwehrvereins suchte Böckels Anhängerschaft durch Radau und Tumult zu stören, während die liberalen Gegner der Antisemiten diesen mit rationalen Argumenten entgegentraten. Die Bekämpfung des Antisemitismus fand auch die Unterstützung des Marburger national-liberalen Vereins, dessen Vorsitzender der Staatswissenschaftler Prof. Dr. Hermann Paasche war. Ein weiteres prominentes Mitglied war der als Politiker bedeutende Jurist Prof. Dr. Ludwig Enneccerus. Anfang Dezember 1891 lud der Verein mit auffälligen Anzeigen in den Marburger Zeitungen zu einer öffentlichen Versammlung ein, in der der (Schweizer) Major a. D. Johann Pestalozzi zum Thema "Warum ist der Antisemitismus zu bekämpfen?" sprach.

Wesentlichen Anteil an der Entfaltung des Abwehrvereins in Marburg hatte Dr. Georg Winter, der, wie auch Prof. Stengel, dem Berliner Vorstand des Abwehrvereins angehörte10 und der in den Mittheilungen von Dezember 1891 bis September 1892 unter dem Titel "Der Antisemitismus in Kurhessen und seine Bekämpfung" in 18 Folgen die antisemitische Bewegung in Hessen beschrieb und analysierte. Am 24. Februar 1892 sprach er in einer Versammlung, für die mit Anzeigen in den Marburger Zeitungen11 geworben wurde, über "Die Vorwürfe der Antisemiten gegen unsere jüdischen Mitbürger". Der General-Anzeiger schrieb12 über die Versammlung:

„[...] wenn die Antisemiten [...] der Meinung sein mochten, daß man Argumente und Beweise am Besten durch Niederbrüllen widerlegen könne, so haben sie gestern Abend dieser Meinung tatkräftigsten Ausdruck gegeben, ihrer Sache aber den denkbar schlechtesten Dienst erwiesen [...].”

Ausbreitung des Vereins in das Marburger Umfeld

Wie Marburg seit Mitte der achtziger Jahre ein Agitationszentrum der antisemitischen Bewegung war, so wurde es Anfang der neunziger Jahre zu einem Zentrum der Abwehr des Antisemitismus, das bald schon in das Umland Marburgs hineinwirkte. So berichteten die Mittheilungen13 Ende Dezember 1891 von einer Versammlung mit Prof. Stengel und Dr. Winter in Ebsdorf, bei der 40 bis 50 Bauern teilnahmen, und zwei Monate später von einer weiteren Versammlung in Marburg. Anfang März 1892 wird berichtet:

„Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hat in Marburg ein Bureau errichtet [...]. Alle Mitglieder des Vereins werden gebeten, Mittheilungen aller Art, welche unserer Agitation dienen können, dort abzugeben [...]. Die Mitglieder des Vereins erhalten daselbst Rath und Hülfe in allen landwirtschaftlichen und Rechtsangelegenheiten.”14

In den Marburger Zeitungen15 wie auch im Kreisblatt für den Kreis Frankenberg veröffentlichte der Marburger Abwehrverein Anzeigen, die auf dieses „Bureau” hinwiesen. Damit sollte der Agitation von Böckels antisemitischem „Mittelhessischen Bauernverein” eine echte Hilfe für in Not geratene Bauern entgegengesetzt werden.

Die Marburger Filiale des Abwehrvereins dehnte ihre Tätigkeit immer weiter über das Marburger Umland hinaus aus. Am 24. April 1892 fand in Frankenberg eine Versammlung statt, bei der der Landrat und der Bürgermeister anwesend waren und in der als Redner Dr. Winter und der Schriftsteller und emeritierte Lehrer F. W. Runze auftraten.16 Eine weitere Versammlung mit den Repräsentanten des Marburger Abwehrvereins fand im September in Frankenau statt. Prof. Stengel und Dr. Winter gingen sogar so weit, Böckel zu einer Versammlung nach Laasphe zu folgen. Die Zeitungsberichte über diese offensichtlich turbulente Versammlung in Laasphe differieren erheblich.

In der antisemitischen Demagogie Böckels spielte die Verunglimpfung des Talmuds eine bedeutende Rolle. Auch dagegen wandte sich der Marburger Abwehrverein mit einer öffentlichen Versammlung am 19. Mai 1892, in der der Marburger Rabbiner Dr. Munk über den Talmud sprach und zu dem sich „ein zahlreiches Publikum” eingefunden hatte.17

Die Umtriebe Böckels werden in den Mitteilungen des Abwehrvereins aufmerksam verfolgt. So verbreitete der Marburger Abwehrverein ein Flugblatt18 gegen den Versuch Böckels, die hessischen Handwerker für sich zu gewinnen. Der Auseinandersetzung mit dem „politischen und wirtschaftlichen Programm der antisemitischen Volkspartei” Böckels war eine Vereinsversammlung in Marburg am 17. Juni 1892 gewidmet. Als Referenten dieser Versammlung traten Dr. Winter und der Schriftsteller Runze auf, sowie auch ein Journalist der Frankfurter Zeitung, Dr. Quark.19 Der Schriftsteller und Lehrer em. F. W. Runze erwähnte ironisch – den Antisemitismus auf die Spitze treibend –, man könne

„noch weiter gehen wie Herr Dr. Böckel und getrost in den Ruf ‚Juden weg‘ einstimmen, wenn man sich auf den Standpunkt einer Marburger Pfingstpredigt stelle, die es als ein bedenkliches Zeichen unseres lebendigen Christentums hinstellte, daß es in beinah 2000 Jahren das Judentum nicht gewonnen und überwunden habe”.

Dem Werben Böckels unter den Handwerkern begegnete der Marburger Abwehrverein mit einer besonders an Gewerbetreibende gerichteten Einladung zu einer öffentlichen Versammlung am 11. August 1892 mit dem Redakteur der Frankfurter Zeitung Dr. Quark, der in Marburg bereits als Debattenredner in Versammlungen Böckels aufgetreten war.20 Zur „Handwerkerfrage” fand auch eine Versammlung des Abwehrvereins am 2. Oktober 1892 mit Dr. Quark in Wetter statt.21

Die Mittheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus Nr. 38 (18. Sept. 1892) enthalten einen Beitrag aus Marburg „Zur Charakteristik der politischen Anschauungen der Antisemiten”, aus dem auch der General-Anzeiger einen Auszug veröffentlichte.22 Der Verfasser ist offensichtlich Dr. Winter. Sein Kampf gegen den Antisemitismus in Marburg endete infolge seiner Versetzung als Archivar nach Magdeburg jedoch schon im Oktober 1892.23 Als Mitglied des Berliner Vorstands in Magdeburg hat Dr. Winter den Kampf gegen den Antisemitismus fortgeführt.

Professor Stengel hat den Marburger Abwehrverein noch bis zu seiner Versetzung an die Universität Greifswald im Frühjahr 1895 geleitet. In den späteren Jahren, in denen die Antisemitenpartei Böckels an Bedeutung verlor, ging die Aktivität der Marburger Filiale des Abwehrvereins zurück, und in der Zeit von 1918 bis zum Ende des Abwehrvereins im Jahr 1933 enthalten die Mittheilungen keine Hinweise auf Marburg.

* Pastor em. Dr. theol. Gottfried Mehnert, Marburg, war von 1958–1990 lutherischer Pfarrer in Kiel und von 1972–1990 geschäftsführender Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Schleswig-Holstein.

  1. Barbara Suchy, The Verein zur Abwehr des Antisemitismus, in: Leo Baeck Institute, Teil I, Year
    Book 28(1983)205–239; Teil II, Year Book 30(1985)67–103.
  2. Über Böckel und seine Agitation in Hessen: B. vom Brocke, Marburg im Kaiserreich 1866–1918, in: Marburger Geschichte. Rückblicke auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen. Marburg 1980, unveränderter Nachdruck mit ergänzendem Anhang 1982, 474–489.
  3. Rüdiger Mack, Otto Böckel und die antisemitische Bauernbewegung in Hessen 1887–1894, in: Wetterauer Geschichtsblätter 16, 1967, 113–147, hier 130.
  4. Vgl. Anm. 2, 461.
  5. Graebner, ein liberaler Theologe, war Schriftführer des Abwehrvereins und Redakteur der „Mittheilungen” des Vereins, die seit Oktober 1891 erschienen. Anm. d. Red., zur Wochenzeitung „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus” vgl. auch Clemens Thoma, Der Jude Jesus im Deutschen Reichstag, FrRu 5(1998)241–245, bes. 244–245.
  6. Mittheilungen Nr. 2, 1. November 1891.
  7. Oberhessische Zeitung Nr. 256, 31. Oktober 1891.
  8. Marburger Tageblatt Nr. 256, 31. Oktober 1891.
  9. Mittheilungen Nr. 3, 8. November 1891.
  10. Mittheilungen Nr. 1, 1. Januar 1893.
  11. Marburger Tageblatt Nr. 44, 21. Februar 1892.
  12. General-Anzeiger für Marburg und Umgegend Nr. 48, 26. Februar 1892.
  13. Mittheilungen Nr. 10, 27. Dezember 1891.
  14. Mittheilungen Nr. 10, 6. März 1892.
  15. Oberhessische Zeitung Nr. 50, 28. Februar 1892; Marburger Tageblatt Nr. 53, 3. März 1892; Kreisblatt für den Kreis Frankenberg Nr. 18, 1. März 1892.
  16. General-Anzeiger Nr. 97, 26. April 1892.
  17. General-Anzeiger Nr. 119, 21. Mai 1892.
  18. Mittheilungen Nr. 35, 28. August 1892; beigelegt auch dem General-Anzeiger Nr. 198, 24. August 1892.
  19. General-Anzeiger Nr. 137, 14. Juni 1892 (Anzeige), Nr. 143, 21. Juni 1892.
  20. Bericht des General-Anzeigers Nr. 188, 12. August 1892.
  21. General-Anzeiger Nr. 233, 4. Oktober 1892.
  22. General-Anzeiger Nr. 215, 13. September 1892.
  23. Mittheilungen Nr. 40, 2. Oktober 1892.

Jahrgang 9 / 2002 Heft 4 S. 270−275.


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