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Helmut Zwanger

Die Stimme des auferstandenen Wortes

Jüdische Dichtung nach 1945

Nelly Sachs gab ihrem zweiten Gedichtband (1949) die Überschrift „Sternverdunkelung“: Wenn wie ein erloschenes Gestirn der Mensch zu Grunde fährt. In und mit und durch die Schoa wurde das Desaster offenkundig, „wobei man das Desaster“, so der jüdische Philosoph Emmanuel Lévinas im etymologischen Sinne des Wortes „als ,des-aster’ [gr. aster = Stern] verstehen muss: In der Welt nicht unter den Sternen sein“. Nirgends und nirgendwo ein guter Stern! Erloschen die Fixsterne des Wahren, des Guten und des Schönen, verglüht das Sonnengestirn humanistischer Kultur. „Der goldene Sternenraum ist leer“, heißt es in einem Gedicht von Anna Maria Achenrainer (1909–1972).

1945: ein Desaster wird offenkundig

Das Desaster reicht freilich noch tiefer, nämlich in die uralt versprochene Verheißung hinein, wie es in dem christlichen Weihnachtslied „Jakobs Stern ist aufgegangen“ oder in einem Epiphanias-Lied: „Wie schön leuchtet der Morgenstern [...] Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm“ heißt. War mit der Zerstörung der deutschen Synagogen, mit der Ermordung der Juden im nationalsozialistischen Gewaltbereich die Sternenverheißung an Abraham, „Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; [...] So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“, erloschen? War der Wille Hitlers, „Heraus aus dem deutschen Blut muss der jüdische Fluch vom Sinai!“, ans Ziel gekommen?

Die kulturelle Blüte Deutschlands ist dahin, der kulturelle Boden heillos vergiftet und kontaminiert. Und es ist 1945 noch nicht einmal ausgemacht, was das braune Nazi-Geschmeiß noch anrichten wird. Resigniert, voll Trauer und Scham, hält Albrecht Goes1 in einem Essay unmittelbar nach dem Krieg fest: „Das blieb von den ,Tausend Jahren’ übrig: tausend Jahre Totengräberdienst.“ Der Weg ging für ihn weiter mit einem Wort von Martin Buber, seinem väterlichen Freund und jüdischen Beistand:

„Wir können das Wort ,Gott’ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganz machen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten.“

Es blieb ein Weg, einerseits streng gebunden an die Schoa-Erinnerung, „wir können in dieser Welt nicht leben ohne die Erinnerung an die Rampe von Auschwitz“, andererseits eingebunden in die Bubersche Botschaft vom ‚ungekündigten Bund’, vom ,unkündbaren Bund’, wie Albrecht Goes formuliert. In der weltweiten jüdischen Diaspora war kaum eine Familie von der Schoa unbetroffen oder unberührt geblieben. Es ist ein Wunder, dass überhaupt wieder jüdische Dichtung entstand, zumal in deutscher Sprache. Es ist ein Wunder, wie wenn Abel auferstanden wäre.

„Faden schlagen“ nach der Schoa

Paul Celan wird 1920 als einziger Sohn in einer deutschsprachigen Familie in Czernowitz geboren. Sein Vater stirbt in einem KZ in Transnistrien an Typhus, seine Mutter wird erschossen. Nach 1945 haust Celan zunächst in Wien und Bukarest, bis er sich dann in Paris niederlässt. 1970 nimmt er sich dort das Leben. 1963 entstand das Gedicht Fadensonnen:

über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baum-
hoher Gedanke
greift sich den Lichtton: es sind
noch Lieder zu singen jenseits
der Menschen.

Der Kontext von Fadensonnen ist die Schoa: „grauschwarze Ödnis“, ausgedrückt mit der Aschefarbe der Krematorien und konnotiert mit biblischer Schöpfungssprache: „Und die Erde war wüst und leer.“ „Wie ein Baum“ (Psalm 1,3) ist jener Mensch, der Tag und Nacht nach dem Lichtton greift, der das Wort „Und Gott sprach: es werde Licht!“ meditiert; der Tag und Nacht wie eine girrende Taube nach der Wegweisung Gottes sucht. Von „Sonnen“ ist die Rede: für die untergegangene und für die noch nicht aufgegangene Sonne. Gott ruft der Welt zu „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ (Psalm 50,1).

Aber jetzt geht die Weisung an den Menschen. Dafür setzt Celan die Doppelmetapher „Fadensonnen“ ein. Das Wort „Faden“ (ein Längenmaß entsprechend der Körperlänge eine Mannes) wurde hauptsächlich zu Tiefenmessungen und im Seewesen benutzt. Jetzt ist es am Menschen, ‚Faden zu schlagen’ vom Niedergang der Sonne bis zu ihrem Aufgang, und auszumessen, was die Welt wieder licht macht. Deshalb gilt: „es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen“. Man muss das jiddisch intonieren: „jenseits d’rr Mee’nschen", um die von Martin Buber nach Auschwitz eingeführte Unterscheidung von „homo humanus und homo contrahumanus“ zu verstehen.

Mit dem „noch“ der wohl bewussten Infinitiv-Konstruktion, „noch Lieder zu singen“, unterstreicht Celan den messianischen Spannungsbogen und schafft Raum für Lieder und Psalmen: Psalmen der Erinnerung, der Klage, des Dankes. Es ist eine apodiktische Sprache: unumstößlich, unwiderlegbar, endgültig; eine Sprache, die untrüglich Segen und Fluch, Leben und Tod zu unterscheiden vermag. Nach der Schoa hält Celan fest:

„Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede.“

Ebenfalls aus Czernowitz stammt Celans Schulfreund Immanuel Weißglas (1920–1979). 1941 bis 1944 wurde für Weißglas zum Trauma. Der Zwangsarbeit vor Ort folgte die Verschleppung ins südukrainische Transnistrien. Im KZ „Steinbruch am Bug“ überlebte er trotz Hunger, Erschöpfung, Auszehrung, Flecktyphus, Hitze und Kälte. 1947 veröffentlichte Weißglas seinen ersten Gedichtband. Die „Gesammelten Gedichte“ erschienen 1994 in Deutschland unter dem Titel „Aschenzeit“. Die meisten Gedichte sind Dokumente extremer menschlicher Gefährdung und Destruktion.

„Die Gedichte stehen hier als Meilensteine, die den schauerlichen Weg bezeichnen, den wir in den Jahren 1941/44 zwischen Dnjestr und Bug in der Ukraine gegangen sind.“

„Curriculum mortis“ überschreibt Weißglas einen Gedichtzyklus. Das lyrische Ich ist versehrt, verstümmelt, nur noch „stengellose Blume“, nur noch „Strohstrunk“ und dennoch hält es „Wache“ mit einem Anklang an die Jesaja-Verheißung: „Gott hat mir eine Zunge gegeben [...]. Alle Morgen weckt er mir das Ohr“ (Jes 50,4). Es ist die Sprache der Totenerweckung und wurzelt in der archaischen Worthaftigkeit Gottes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ (Joh 1,1).

Immanuel Weißglas gehört – wie viele jüdische Autoren – zu den Hiob-Gestalten der Schoa: obwohl alles zerfällt und sogar vom Zerfall bedroht bleibt, treibt Weißglas dem Tod seine Dämonie aus: „Schreck ich den Tod“. So wird er zu einem Hiob der Schoa: „Und ist meine Haut noch so zerschlagen, so werde ich doch Gott schauen“ (Hiob 19,26). Selbst wenn die satanische Versuchung Gott völlig verdunkelt und verfinstert, bleibt der Weckruf Gottes im Menschen lebendig und durchdringt die satanische Versuchung.

Und noch an eine Stimme aus Czernowitz ist zu erinnern: Rose Ausländer (1901–1988) durchlebte von 1941 bis 1944 Verfolgung und Todesnot im Getto von Czernowitz. Ähnlich wie Immanuel Weißglas glaubt Rose Ausländer an die sinnstiftende Kraft des Wortes: „Mein / aus der Verzweiflung / geborenes Wort“. Intensiv greift sie theologische Themen auf, und zwar oft mit der Pointe, die Selbstherrlichkeit des Menschen und seine hybride, totalitäre Selbstinszenierung zu entlarven.

Als wäre
Gott
sagt der Mensch
als wäre er
ein Richter
säße im siebten Himmel
seine Aufgabe
Menschen zu verurteilen
oder zu belohnen

Dieser kleinliche Gott
vom Menschen erschaffen

Als wäre nicht
der Mensch
ein Pünktchen auf Erden
im endlosen Raum
unter unendlichen Welten
die der Mensch
sich nicht einmal
vorstellen kann

Aus den Wohnungen des Todes kommend

1947 erschien in Berlin unter dem Titel „In den Wohnungen des Todes“ der erste Gedichtband von Nelly Sachs (1891–1970), eine „Lyrik im Angesicht der Schoa“ mit den Leitmotiven Nacht, Stern, Verdunkelung, Rauch und Staub. Fast 50 Jahre hat Nelly Sachs in Berlin gelebt. Mit einem der letzten Flüge rettete sie sich 1940 zusammen mit ihrer Mutter nach Stockholm.

Wo nur finden die Worte
die Erhellten vom Erstlingsmeer
die Augen-Aufschlagenden
die nicht mit Zungen verwundeten
die von den Lichter-Weisen versteckten
für deine entzündete Himmelfahrt
die Worte
die ein zum Schweigen gesteuertes Weltall
mitzieht in deine Frühlinge –

Ein gewaltsamer Bruch ist geschehen. Ein ganzes „Weltall“ wurde durch die Schoa zum Verstummen gebracht. Jetzt ist neu zu fragen: Wo finden die Worte von einst, die Worte aus dem biblischen Erbe, neu zum lebensschöpferischen Wort?

Vier große Worttraditionen benennt Nelly Sachs: „Die Erhellten vom Erstlingsmeer“, die Worte aus der befreienden Exodustradition; „die Augen- Aufschlagenden“, hellsichtige-prophetische Wahrheitsworte; „die nicht mit Zungen verwundeten“, wie es in Ps 57,5 heißt: „ihre Zungen sind scharfe Schwerter“; und die von den „Lichter-Weisen versteckten“ Worte sind die Worte der Kabbala, der jüdischen Mystik, die Worte der Chassidim. Worte „für deine entzündete Himmelfahrt“ – die Himmelfahrt Elijas mit dem feurigen Wagen, dem Elischa nachschreit: „Mein Vater, mein Vater, du Wagen Israels und sein Gespann“ (2 Kön 2,12) – sind Worte, die sich in den messianischen Spannungsbogen einzeichnen; es sind ‚auferstandene Worte’, die sich im dichterischen Sprechen, im Akt der Dichtung finden.

Cordelia Edvardson, 1929 in München unehelich geboren und streng katholisch aufgewachsen, wegen ihres jüdischen Vaters nach den Nürnberger Gesetzen als ‚Volljüdin’ eingestuft, wurde 1944 nach Theresienstadt deportiert und von dort nach Auschwitz. Edvardson verarbeitete ihre furchtbaren Erfahrungen in dem Buch „Gebranntes Kind sucht das Feuer“ (1984). Die Gedichte „Jerusalems Lächeln“ erschienen in der schwedischen Originalausgabe 1991 (dt. 1993).

Ich weiß, die Liebe lebt
scheintot im Leichentuch aus Vorbehalten
begraben unter dem Stein.
Nicht wegzuwälzen ist er
und redete ich mit Engelszungen.
In den Windungen des Labyrinths gingen wir irr
von fernher tönt die Flöte
doch der Ariadnefaden –
gerissen.

Spiele, spiel
mich hinauf aus der Finsternis
oder steige herunter ins Todesschattental
denn ich weiß, die Liebe lebt.

In dem Gedichtband „Jerusalems Lächeln“ ist dieses Gedicht als einziges mit einer Bibelstelle (Hiob 19,25–26) versehen:

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.“

„Nicht wegzuwälzen“ ist die Schoa-Erinnerung; sie ist „Finsternis“ und „Todesschattenschlucht“ (Martin Buber, Ps 23,4).

Schoa und deutscher Zivilisationsbruch sind in eins zu sehen: „der Ariadnefaden – gerissen“. Und doch gibt es die große Klammer in der ersten und letzten, mit einem „denn“ verstärkten Zeile: „denn ich weiß, die Liebe lebt“. Bemerkenswert, wie Cordelia Edvardson in diesem Gedicht zwischen christlicher und jüdischer Sprache hin und her geht und damit die uralte antijudaistische Abgrenzung gegenüber dem Judentum hinter sich lässt.

Erich Fried (1921–1988) wurde in Wien geboren. Sein Vater starb an den Folgen eines Gestapo-Verhörs. Daraufhin emigrierte Fried mit seiner Mutter nach London. „In der Welt ist gegen die Welt anzuschreiben“, das ist sein poetisches Programm. Wahrheit und Wirklichkeit sind zu unterscheiden. Wahrheit ist Prozess. Wahrheit ist Dynamik. Wahrheit geschieht in Einspruch und Widerspruch.

Mit Händen zu greifen ist in seinem Gedicht Realitätsprinzip die jüdische Matrix in der Verknüpfung der Tora der Heiligkeit: „Du sollst deinen Nächsten lieben. Er ist ein Mensch wie du“ (Lev 19), und „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Du sollst den Herrn, deinen Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ (Dtn 6,4–5).

Die Menschen lieben
das heißt die Wirklichkeit hassen.
Wer lieben kann
der kann alles lieben
nur sie nicht.

Die Wahrheit lieben?
Vielleicht. Erkennen kann Lieben sein.
Aber nicht die Wirklichkeit:
Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit.

Was wäre das
für eine Welt
wenn die Wirklichkeit
diese Wirklichkeit rund um uns
auch die Wahrheit wäre?

Die Welt vor dieser
Wirklichkeit retten wollen.
Die Welt wie sie sein könnte lieben:
Die Wirklichkeit
aberkennen

Der Mensch – ein Wort

Elazar Benyoëtz, mit bürgerlichem Namen Paul Koppel, wurde 1937 in Wiener Neustadt (Öst.) geboren. 1939 flüchtete die Familie nach Tel Aviv. „Aus Europa vertrieben, erwachte ich auf einem noch nicht entweihten Sprachboden.“ Nach dem Rabbiner-Examen 1959 wurde er freier Autor, zunächst als Lyriker in hebräischer Sprache, dann als deutsch-jüdischer Schriftsteller. 1965 gründete er in Berlin das „Archiv Bibliographia Judaica“. Der katholische Theologe Josef Wohlmuth hält fest:

„Der gewaltsame Abbruch jüdischer Tradition macht die Rückkehr des Dichters ins Deutsche so brisant. Sind nur jene schuldig geworden, die den Vernichtungsbefehl der Juden auf deutsch gaben, oder ist auch die Sprache schuldig geworden?“

Die Wahrnehmung der Schoa-Erinnerung wird zu einer inneren Voraussetzung im Werk von Elazar Benyoëtz. „Rom wie Jerusalem sind aber nur noch über Auschwitz zu erreichen.“ Gegenwärtig gilt Elazar Benyoëtz als der bedeutendste Aphoristiker deutscher Sprache. Das folgende Gedicht zeigt, welchen Reichtum Sprache erschließt, wenn man sie beim Wort nimmt.

Der Mensch –
ein Wort,
von Gott gehalten

Der Mensch –
ein Wort,
von Gott fallengelassen

Der Mensch
hat das Wort,
wenn Gott ihn ruft:
es ist das letzte,
mit dem er widerspricht,
das erste,
das er wieder spricht

Matthias Hermann, 1958 in Bitterfeld geboren, mit 20 Jahren in der DDR wegen ‚politischer Straftaten’ inhaftiert, von der BRD freigekauft, hat die Gedichtbände „72 Buchstaben“ und „Der gebeugte Klang“ veröffentlicht. In dem Gedicht „Gebot“

In der Glaslade der Sprache
Wohnt das Eine, das
Einzige Gedicht
Und verbietet uns
Bildhaftigkeit

nimmt Hermann die Tradition der Bundeslade und der Zehn Gebote auf und radikalisiert sie in zweifacher Weise: zum einen ist es nicht mehr die im Allerheiligsten verborgene Lade, sondern – metaphorisch verwandelt – die „Glaslade der Sprache“: lucide, fragil, kostbar, offenkundig. Die Einwohnung Gottes geschieht in der Sprache. Die Zehn Gebote sind auf das Verbot der Bildhaftigkeit reduziert. Verboten ist jegliche Haft, jegliche Idolatrie, jegliche Ideologisierung der Wirklichkeit, verboten jeglicher Rassismus, Antisemitismus, Fanatismus. Unausgesprochen und doch wahrnehmbar bleibt die unendlich offene Antlitzfähigkeit des Menschen: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ (Gen 1,27).

Hilde Domin (1912–2006) zählte sich bewusst – so sagte sie bei der Entgegennahme des Nelly-Sachs-Preises 1983 – zu den „deutschen Dichtern jüdischen Schicksals, die aus der Verfolgung als Boten der Versöhnung heimgekehrt sind ins Sprachzuhause“. Beispielhaft dafür das Gedicht "Bitte":

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ouml;lbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

Biblische Traditionen wie Sintflut und Arche Noah, Daniel in der Löwengrube und die drei Männer im Feuerofen verflechten sich zur existenziellen Deutung. Die biografischen Erfahrungen von Vertreibung und Verfolgung, Exil und Rückkehr werden in den aufgerufenen Traditionen durchsichtig – „bis auf die Herzhaut“.

Die zweite Strophe negiert die Flucht in Wunschwelten und ändert die Perspektive hin zu einer fünffachen Bitte: fünfmal – wie das große Pentateuch- Geläut – „dass“, „und dass“: „immer versehrter und immer heiler“. Das verneinende Nein wird vom Bitthorizont des bejahenden Ja umschlossen, „stets von neuem“, entlassen in die eigene Mündigkeit. Als Schlüsselerlebnis schrieb Hilde Domin:

„Als ich die Augen öffnete, verwaist und vertrieben, da stand ich auf und ging heim, in das Wort.“

Tafelsilber deines G’ttes

Esther Dischereit, 1952 in Heppenheim geboren, hat seit 1988 ein weites Werk aus Essays, erzählender Prosa, Hör- und Theaterstücken und Gedichten vorgelegt. Das Gedicht „Jüdische Renaissance II“ ist dem Gedichtband „Als mir mein Golem öffnete“ (1996) entnommen. Bereits die Überschrift erinnert einerseits an die völlige Auslöschung des Judentums in Deutschland: physisch, ökonomisch, kulturell und religiös, andererseits an die zunehmende Wiedergeburt jüdischen Lebens in Deutschland.

Übe das Tales tragen
sprich die Worte die nicht dir
sondern einer Ewigkeit gehören
such dir die Wahrheit auf der Stirn
schütze dich vor der Hand
die über den Buchstaben streicht
du brauchst jetzt die Kraft
und sei sie nur geliehen

Eröffne ein Geschäft
mit dem Tafelsilber deines G’ttes
sieh zu dass du verkaufst
in der kurzen Blüte der Zeit
die bleibt
Ich bin schon tot
warum weigerst du dich
bei mir zu liegen
Niemand kann sich den G’tt
wie ein Bonbonglas kaufen

Beide Strophen beginnen imperativisch. Die erste mit einer Einweisung ins jüdische Gebetsleben mit Gebetsmantel und Gebetsriemen: erinnert wird an die Tora-Lesung am Sabbat mit dem Lesefinger, um die heilige Schrift nicht frevelhaft zu entweihen; persönliche Achtsamkeit, Demut und Wahrheitssuche prägen die erste Strophe. Die zweite Strophe geht im Kontext jüdischen Lebens in Deutschland darüber hinaus.

In ihrem Werk setzt sich Esther Dischereit immer wieder mit der deutschen Gesellschaft auseinander, in der es nach wie vor noch nicht normal ist, „überhaupt jüdisch zu sein und zu leben“. Deshalb die öffentliche Aufforderung: „Eröffne ein Geschäft / mit dem Tafelsilber deines G’ttes.“

Ein zweiter Gedankengang berührt die Erinnerung an ihre verstorbene Mutter und an ihre NS-Verfolgungsgeschichte. Ein dritter Gedankengang: Gott ist kein Medium, das Dasein zu versüßen; unterstrichen wird vielmehr der erste Gedankengang: „Eröffne ein Geschäft / mit dem Tafelsilber deines G’ttes“.

Die Metapher von Gott, der die Tafel deckt und sein Tafelsilber ausbreitet, findet sich in der Vision bei Jesaja:

„Und der Herr Zebaoth wird auf einem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen [...] Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen“ (Jes 25,6 ff.).

Yvan Goll (1891–1950), im elsässischen Saint-Dié geboren, ging 1939 mit seiner Frau ins amerikanische Exil. Fortan verzichtete er bewusst auf die deutsche Sprache, die ihm durch die Nazis korrumpiert und entweiht erschien. Seine jüdische „Schicksalserbschaft“ ist der Schlüssel zu seinem poetischen Universum. 1947 kehrte Yvan Goll nach Frankreich zurück. Aus seiner großen Hiob-Trilogie sprechen die beiden Schlussstrophen mit ihrem biblischen Gewicht ganz für sich; sie sind Antwort auf seine Frage:

„Wieso ich noch lebe? / Unsicherer Gott / Dich dir zu beweisen.“

Hans Keilson, 1909–2011, in Bad Freienwalde an der Oder geboren, emigrierte 1936 in die Niederlande, 1940 schloss er sich dem niederländischen Widerstand an. Nach der Befreiung 1945 behandelte Keilson als Arzt und Psychoanalytiker traumatisierte jüdische Waisenkinder. Kurz vor seinem Tod am 21. Juni 2011 erschienen seine Lebenserinnerungen, „Da steht mein Haus“ (vgl. S. 64 f. i. d. Heft).

In dem langen Gedicht „Zug durch die Wüste“ aus dem Gedichtband „Sprachwurzellos“ (1963) werden Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig, Deutung von Einst und Jetzt gehen ineinander über. „Der Bund zerbrach“, heißt es, „diese Nacht für allzeit eingegraben“. Und dann kommt die Schlussstrophe, die dennoch ins Offene und Verheißungsvolle weist:

Die letzte Nacht. Abschied und Ende. Stummer
der Tritt von Tier und Mensch. Der Berg entschwand.
Wir brachen auf. Die Wüste lag im Schlummer.
Vor uns Verheißung – das gelobte Land.

Die Großfamilie von Robert Schindel (1944 in Bad Hall, Oberösterreich, geboren) wurde in der Schoa weitgehend ausgelöscht. Nur seine Mutter und ihr Bruder überlebten. In seinem schriftstellerischen Werk wird das Nachdenken über jüdische Identität zum zentralen Thema. Die Doppelmetapher seines Gedichtbandes „Wundwurzel“ (2005) verweist auf die Wunde der Schoa und auf die Verwurzelung im ‚ungekündigten Bund’. Viele Gedichte in diesem Band sind mit „Reisevermerk“ überschrieben und – wie das folgende, „Reisevermerk 22 (Dem Jonas)“, – durchnummeriert.

Am Montparnasse
Im Odessa gestern
Im kalten Feber vier
Umzingelt von der Bar Mitzwa
Der Familien Lustiger und Moses, selbst
Der Kardinal war vorhin in der Synagoge
Der Gebetsmantel hing
An meinem Leib diese
Melancholische Fahne
Nun hier
An der place d’Odessa
Fegt der Wind die Tränen vom Gesicht
Dass wir noch da sind
Dass etwas da ist im kalten
Feber vier Bar Mitzwa Jonas
Heute im Lutetia
Die Juden tanzen
Wie seit tausend Jahr
Zweitausend gar

Am 3. und 4. Februar, „gestern“ im Hotel Odessa zu Füßen des Montparnasse- Turms in Paris und „heute“ im Hotel Lutetia in Saint Germain des Près, wird die „Bar Mitzwa“ von Jonas gefeiert. Er wird religionsmündig, ein Sohn der Tora, der Wegweisung Gottes, der ‚Mitzwa’. Er tritt ein in die Gemeinschaft derer, die ‚am Sinai stehen’, einst wie jetzt.

Die „Bar Mitzwa“ erfolgte in der Synagoge; die Großfamilien Lustiger und Moses sind dabei. Anfang des 20. Jh. kam die polnische Familie Lustiger nach Paris. Ihr Sohn Aaron (1926–2007) hat sich später als Erzbischof von Paris und als Kardinal Jean-Marie Lustiger für die Aussöhnung von Juden und Christen engagiert.

Mit bei der „Bar Mitzwa“ ist auch Robert Schindel, eingehüllt in den Gebetsmantel. Eigentlich ist es ein Freudenfest, aber Wehmut und Tränen überkommen den Dichter. Warum? Das entfaltet die zweite Strophe: „Dass wir noch da sind / Dass etwas da ist“, – dass noch Juden da sind, dass die Tora lebendig von Generation zu Generation weitergereicht wird, dass die ganze Gemeinde mit den Torarollen tanzt, dass seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer das Freudenfest Simchat Tora tanzend gefeiert wird, dass an diesem Tag noch immer die letzten Sätze aus dem 5. Buch Mose gelesen werden und sogleich mit der Lesung des 1. Buches Mose begonnen wird. Die Wegweisung Gottes, seine ‚Mitzwa’, wird zum „Reisevermerk“ im Diaspora-Judentum der Gegenwart.

Dr. theol. Helmut Zwanger, Pfarrer in Tübingen, ist engagiert im jüdisch-christlichen Dialog und in der Friedens- und Kirchenasylarbeit. Veröffentlichungen: u. a. die Gedichtbände „Israel, o Israel“ (1994); „Wort. Wo bist du?“ (2000); Helmut Zwanger / Karl-Josef Kuschel (Hg.), Gottesgedichte (2011). Vgl. auch die Besprechung des Gedichtbandes von Maria Diedenhofen / Frits Gies, GrenzenLos, in FrRu 17(2010)59–61.

  1. Vgl. Helmut Zwanger, Albrecht Goes. Freund Martin Bubers und des Judentums, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2008; ders., Aber zuweilen muss einer da sein, der gedenkt. Albrecht Goes und die Novemberpogrome 1938, in: FrRu 16(2009)25–33.

Jahrgang 19 / 2012 Heft 1 S. 31−41


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