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Alwin Renker

„Jesus ist kristallklares Judentum“

In Erinnerung an den Judaisten und christlich-jüdischen Theologen Professor Dr. Clemens Thoma (1932–2011)1

Am 7. Dezember 2011 verstarb im Pflegezentrum Baar (Schweiz) im Alter von 79 Jahren der bekannte Judaist Professor Dr. Clemens Thoma, langjähriger Chefredakteur und Ehrenmitglied des Freiburger Rundbriefs.

Clemens Thoma wurde am 2. November 1932 in Kaltbrunn, Kanton St. Gallen, geboren, wo er zusammen mit zehn Geschwistern aufwuchs. Nach dem Abitur 1957 am Humanistischen Gymnasium in Einsiedeln, Schweiz, und dem Studium der Theologie in St. Augustin bei Bonn und St. Gabriel bei Wien wurde er Mitglied der Steyler Missionsgesellschaft (SVD) und erhielt 1961 die Priesterweihe. Nach Judaistik-Studien und der Promotion bei Professor Kurt Schubert in Wien (1962–1966) übernahm Thoma 1971 den Lehrstuhl für Bibelwissenschaft und Judaistik an der damaligen Hochschule in Luzern.

In dieser Zeit erschienen – noch ein Jahr vor Franz Mußners „Traktat über die Juden“ – Thomas „Christliche Theologie des Judentums“ (Pattloch, Aschaffenburg 1978) und das Buch „Theologische Beziehungen zwischen Christentum und Judentum“ (1982, Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 1994, die Thoma zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Professor und Rabbiner J. J. Petuchowski erhielt2, war Thomas Buch „Das Messiasprojekt“ (Pattloch, 1994) erschienen. Das 1989 erstmals zusammen mit Petuchowski publizierte „Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung“ erschien 1997 in zweiter Auflage und 2009 – um einen islamischen Teil erweitert – im Herder-Verlag Freiburg.

In den zehn Jahren bis zur Gründung des „Instituts für jüdisch-christliche Forschung“ (Luzern 1981) intensivierte Thoma seine Tätigkeit als Organisator von jüdisch-christlichen Symposien, erst in Luzern, dann in Bern, deren Ergebnisse in der Schriftenreihe „Judaica et Christiana“ greifbar sind. Den Anstoß zur Fortsetzung von Thomas Tätigkeit im „Freiburger Rundbrief“, die er 1971 auf Einladung der Herausgeberin und Begründerin Dr. Gertrud Luckner begonnen hatte, nun in Neuer Folge, gab die Einberufung einer Konferenz am 29. Juli 1991 durch den damaligen Erzbischof von Freiburg, Oskar Saier, im Mutterhaus der Vinzentinerinnen in Freiburg. In der Einladung wurde zitiert, was Dr. Ehrlich s. A.3 1985 über den Freiburger Rundbrief sagte: „Seine Bedeutung ist unermesslich.“ Der Erzbischof schrieb:

Clemens Thoma 

Prof. Dr. Clemens Thoma
Foto: Franz Schurtenberger.

„Dieser ‚Freiburger Rundbrief’ soll als Frau Dr. Luckners großes Lebenswerk der Versöhnung zwischen Juden und Christen weitergeführt werden. Herr Professor Clemens Thoma, der bisher schon die Schriftleitung mit ihr geteilt hat, ist dankenswerterweise bereit, das Werk weiterzuführen. Sein Können und sein Engagement sind die Garantie dafür, dass der Freiburger Rundbrief weiterhin eine unentbehrliche Dokumentation für die christlich-jüdische Zusammenarbeit bleiben wird.“

Gewiss hatten J. M. Oesterreicher4 und – ein Jahr nach Thoma – Franz Mußner zum christlich-jüdischen Dialog Bedeutendes veröffentlicht. Doch Thoma gebührt sicherlich der Ruhm, mit großer Zähigkeit und immensem Forschergeist an der Sache wie kein zweiter weitergearbeitet zu haben. Man sieht das an den Entwicklungen in den oben genannten Büchern „Christli- che Theologie des Judentums“ (1978), „Theologische Beziehungen zwischen Christentum und Judentum“ und schließlich am bedeutungsvollsten Buch, „Das Messiasprojekt“.

Hatten in den beiden Vorgängern noch das Konzilsdokument „Nostra aetate 4“ (1965) und der Synodalbeschluss 37 der Evangelischen Kirche im Rheinland (1980) über Hemmnisse heutiger Juden gegen den Dialog mit Christen und auch Überlegungen zu den politischen, gesellschaftlichen und religiösen Krisen in Israel eine Rolle gespielt, so waren im „Messiasprojekt“ viele Informationen über das zu Jesus von Nazaret zeitgenössische Judentum, das Judentum im Mittelalter und in der Neuzeit geliefert worden. Zurechtrückungen sind erfolgt, die christliche Judenfeindschaft – auch die in der Kirche – unerschrocken entlarvt.

Die in Zusammenarbeit mit Simon Lauer bzw. Hanspeter Ernst herausgebrachten vier Bände „Die Gleichnisse der Rabbinen“ (1986–1997) stellen ein eingelöstes dringliches Desiderat dar in Bezug auf die jüdische wie die christliche Theologie. Im „Messiasprojekt“ ist eine von der christlichen Theologie längst noch nicht übernommene These aufgestellt, der jüdische Beitrag zur Verurteilung Jesu sei historisch nicht zu verifizieren. Dies ist ein schwer verdaulicher Brocken angesichts der neutestamentlichen und liturgischen (!) Lektüre der Passionsgeschichte.

Nach dem Wiedererscheinen des Freiburger Rundbriefs 1993/94 NF liegen jetzt 18 Jahrgänge vor, die Thoma als Chefredakteur bis zu seiner schweren Krankheit vor zwei Jahren verantwortete. Aus dem in seiner Art einmaligen Freiburger Rundbrief in erster Folge (alte Reihe) bis 1986 ist ein modernes Dialogheft geworden, das viermal im Jahr erscheint. Christliche wie jüdische Stimmen, bereits von Autoren in der nachfolgenden Generation, sind vernehmbar gemacht, das Zeitgeschehen soweit möglich eingefangen, die Buchproduktion zum christlich-jüdischen Dialog besprochen. Unverwechselbar sind die Editorials aus der Feder von Prof. Thoma.

1998 war das Dokument der Kommission für religiöse Beziehungen mit dem Judentum „We remember – wir erinnern [uns], Nachdenken über die Schoa“ Gegenstand eines kritischen Kommentars von Thoma, den er „Vatikanische Reue – mit Einschränkungen“ (FrRu 5[1998]161–167) überschrieb. Inhaltlich vermisst er jegliches Eingehen auf antijüdische Haltungen der Christenheit in der Geschichte, auch unter den Päpsten Pius IX. und Leo XIII., „die sehr fleißig und exakt in der Verurteilung von Häresien und weltlich- antikirchlicher Bewegungen waren, denen es aber nicht einfiel, den die Juden an Leib und Leben bedrohenden Rassismus zu verdammen“ (165).

Im Blick auf die Jahrtausendwende und auf das Apostolische Schreiben Tertio millennio adveniente von Johannes Paul II. begrüßte Thoma die „Reinigung des Gewissens“. In FrRu 7(2000)161–166 nahm er Bezug auf die „große Versöhnungsbitte der katholischen Kirche“, die Johannes Paul II. am 12. März 2000 im Petersdom aussprach und dann am 26. März 2000 an der Westmauer des Tempels in Jerusalem auf seiner Heilig-Land-Reise als Pilger wiederholte. Das Bild hat sich uns allen eingeprägt (ebd. 180). Zur Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre „Dominus Iesus“ (6. Aug. 2000) machte Thoma sich die Meinung von Ernst Ludwig Ehrlich zu eigen: „Dominus Iesus geht uns Juden nichts an. Für die christlich-jüdischen Beziehungen ist es unerheblich.“ Heute wissen wir, dass der Untertitel der Erklärung über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche zum ungelösten Problem zwischen Christen und Juden führt: den beiden Heilswegen.

Eine letzte wichtige Stellungnahme Thomas zum Zeitgeschehen – vieles andere müssen wir auslassen – ist seine Rezeption der Bilanz, die der Bonner Theologe Thomas Fornet-Ponse in seinem Buch „Im Geheimnis der Kirche“ zog. Thoma formulierte: „Judentum und Christentum, verbunden in der ‚Reich-Gottes-Hoffnung’“.5 Fornet-Ponse konnte den Herzenswunsch Thomas belegen, dass nicht nur die christliche Bibelwissenschaft, sondern auch die Fundamentalheologie und Dogmatik auf die Linie von Nostra aetate 4, aus der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, eingeschwenkt waren, wenigstens in Vertretern wie Papst Johannes Paul II., Kardinal Walter Kasper, Kardinal Joseph Ratzinger bzw. Papst Benedikt XVI. und Josef Wohlmuth. Es waren die Ergebnisse der theologischen Forschung, die Röm 9–11 und dann den ungekündigten Bund zwischen Gott und Israel herausstellten und jegliche Substitutionstheorie, d. h., die Ersetzung Israels als Volk Gottes durch die Kirche, als verhängnisvollen Irrtum begriffen.

Clemens Thomas Wunsch war es, dass sich doch alle theologischen Disziplinen auf die Erkenntnisse der christlich-jüdischen Forscher – wie er selbst und Franz Mußner, aber auch bedeutender Namen auf evangelischer Seite – stützten und eine neue christliche Theologie des Judentums verwirklichen.

  1. Dieses Flusser-Wort war ein oft wiederholtes Lieblingszitat von Clemens Thoma; vgl. Clemens Thoma, David Flusser: Aussagen in Briefen und Vorträgen, FrRu 8(2001)86–93, hier 89.
  2. Vgl. Wieland Zademach, Den Anderen aus dem Glauben verstehen lernen. Eine jüdische Theologie des Christentums (In Erinnerung an J. J. Petuchowski), FrRu 19(2012)2–10.
  3. Vgl. Hanspeter Heinz, Ernst Ludwig Ehrlich s. A. zum Gedenken (1921–2007), FrRu 15(2008)82–85.
  4. In memoriam, Johannes M. Oesterreicher (1904–1993), FrRu 1(1993/94)68–70.
  5. Clemens Thoma, Judentum und Christentum. Verbunden in der Reich-Gottes-Hoffnung, FrRu 16(2009)2–8.

Jahrgang 19 / 2012 Heft 2 S. 82−85


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