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Aram Mattioli (Hg.)

Antisemitismus in der Schweiz 18481960

Die Geschichte des Antisemitismus gehörte lange Zeit nicht zu den Kernthemen der Geschichte der Schweiz. Erst jüngere Anfragen wie die Diskussion um die Rolle (nicht nur) Schweizer Banken in der Zeit des Nationalsozialismus, die Haltung der Eidgenossenschaft gegenüber Flüchtlingen und ihre Politik angesichts der Umklammerung durch den übermächtigen Nachbarn haben den Blick auf diese Fragen gelenkt. Da wurde rasch deutlich, daß sich an der Schweiz die andernorts offenliegenden Phänomene ebensogut und vielleicht deutlicher betrachten lassen. Es war aber nicht nur der Identitätsschock der 1990er Jahre, sondern auch die Einsicht, daß die Schweiz in ihrer politischen und kulturellen Vielgestaltigkeit ein formidables Untersuchungsfeld für Fragen von europaweiter Relevanz sei, die in den vergangenen Jahren eine beachtliche Zahl von Studien zum Antisemitismus hat entstehen lassen.

Die streckenweise sehr gefällig zu lesenden Beiträge zu Aram Mattiolis Band decken gut einhundertfünfzig Jahre Schweizer Geschichte im Spannungsfeld mitteleuropäischer Geschichte ab. Der erste von vier Hauptteilen gilt „Forschungsstand und Überblick“; es folgen „Widerstand gegen die Emanzipation. 1798–874“, „Ausbreitung des modernen Antisemitismus. 1880–1914“, und schließlich der Zeitraum 1917–1960 unter dem Aspekt der „antisemitischen Fremdenabwehr“. Neben entsprechenden Beiträgen zum legislativen und exekutiven Handeln (Silvia Arlettaz/GéraldArlettaz, Stefan Mächler) sowie dem „öffentlichen Antisemitismus nach 1945“ (Georg Kreis) folgen im vierten Teil auch Beiträge, die konfessionelle und theologische Positionen einer genaueren Betrachtung unterziehen. Nach einer katholizismuszentrierten Gesamtschau auf das kirchliche Verhältnis zum Rassenantisemitismus (Clemens Thoma) ist der Beitrag über den reformierten Theologen Wilhelm Fischer hervorzuheben, der schon im Titel („Vom Unverständnis eines Wohlmeinenden“) auf die Beschränktheiten selbst jener verweist, die nicht in die Mitte des Stroms antisemitischer Auffassungen gerieten (Ekkehard Stegemann).

Der Band bietet wertvolle Einzelstudien und unterstreicht die vielfältige Erscheinungs- und Artikulationsformen von Antisemitismus in der Schweiz im 19. und 20. Jh. Keiner der vier Abschnitte kann sein Themenfeld annähernd ausschöpfen. Auf den abschnittsleitenden Titel folgen stets nur partielle Ausführungen, die neue Fragen aufwerfen: Gab es einen spezifisch reformierten Antisemitismus analog zum gleich doppelt behandelten Schweizer „katholischen Antisemitismus“? (Markus Ries, Urs Altermatt). Gab es eine spezifische Verhandlungsform und Funktionalisierung von Antisemitismus entsprechend den Bedingungen des Schweizer politischen Systems und seiner Gesellschaft(en)? Die Beiträge bieten hierzu mancherlei Hinweise. Hervorgehoben sei der Beitrag zum Schächtverbot von 1893 und der Analyse der jahrelangen Kampagne in seinem Vorfeld. Er gewährt Einblicke in strukturbedingte regionale Unterschiede der Kampagne, sowohl hinsichtlich der Verläufe, als auch ihres Erfolgs (Beatrix Mesmer).

Auch sonst wird der Leser wenigstens fallweise mit der Bedeutung regionaler und lokaler Spezifika für Gestalt und Funktion von Antisemitismus in der Schweiz unter wechselnden Bedingungen vertraut gemacht. Besonders genannt seien die Studie zu den aargauischen „Judendörfern“ Lengnau und Oberendingen sowie die Konflikte um die Gewährung des Ortbürgerrechts 1860–1862 (Mattioli). Mit Luzern (Heidi Bossard-Borner) und der Zentralschweiz (Lang) wird die Funktion von Judenfeindschaft in ausgeprägt konservativ- katholischen Landschaften ohne (nennenswerten) jüdischen Bevölkerungsanteil betrachtet, mit Baselbiet dagegen ein gemischtkonfessionelles stadt- und grenznahes Gebiet (Leuenberger).

Daß manches im lokalen Schweizer Kontext Entdeckte aus dem Studium von anderen europäischer Regionen her vertraut klingt, etwa die Erscheinung des bürgerlichen Unterhaltungsromans als die gepflegte Form der Judenhetze, darf an sich schon als Ergebnis gelten (Albert M. Debrunner): Die Schweiz und ihre kulturellen Ausdrucksformen erreichten auch mit ihrer Judenfeindschaft (leider) europäisches Format – gleichwohl gerade hier die Beschränkung der Analyse auf die deutschschweizerische Literatur unverständlich bleibt. Im Tessin und in Graubünden hat es anscheinend keinen Antisemitismus gegeben, und die Literaten am Genfer See wußten, was sich (nicht) gehört – oder? Immerhin werden die Einwirkungen deutscher und französischer Tendenzen und mancherlei Vernetzungen (und Verstrickungen: Urs Aeschbacher) in eigenen, sehr ertragreichen Fallstudien betrachtet (Holger Böning, Alain Clavien, Jacques Picard).

Im Vergleich zu diesem etwas disparaten, aber unvermeidbar unvollständigen Sammelband müßte sich Urs Altermatt1 mit seiner Studie zum katholischen Antisemitismus in der Schweiz einem überschaubaren Thema gegenübergesehen haben. Dem hat der Autor aber, wie schon die heterogenen Stichworte des langen Titels andeuten, eine Vielfalt des methodischen Zugriffs entgegengesetzt. Da folgen nicht nur kritische Kirchengeschichte und Sozial- oder Mentalitätsgeschichte, sondern auch volkskundliche Blikke auf Liturgie und Brauchtum sowie Begriffs- und Systemdiskussionen. Fast scheint es, als wolle das dicke Buch über die Katholiken in der kleinen Schweiz keine gegenwärtig aktuelle Fragestellung bis hin zum „schwierigen Umgang mit der Shoah” (I) auslassen und im Unterschied zu Olaf Blaschkes Makroblick auf den doppelbödigen „Katholischen Antisemitismus im deutschen Kaiserreich“ (1997) nun möglichst viele Perspektiven öffnen; nur wird keine davon erschöpfend behandelt.

Im Zentrum der Darstellung stehen die „langen Schatten des christlichen Antijudaismus” (III), die weitgehend an ihrer äußeren Erscheinung (Bräuche) nachgezeichnet werden, dann „das ambivalente Koordinatensystem des katholischen Antisemitismus (IV) und die „Paradigmen im öffentlichen Diskurs” (V). Diese Abschnitte dienen der Konturierung des katholischen Antisemitismus in der Schweiz, der Abschnitt „Stimmen zum Zeitgeschehen” (VI) schildert entsprechend die Reaktionen auf die Vorgänge in Deutschland und Europa 1933–1945, wobei die schweizerischen Positionierungen nach „Schlüsseljahren” (1933/1938/1942/1944) gegliedert und dann in ihrer Entwicklung insgesamt betrachtet werden.

Zweifellos bietet die Lektüre von Altermatts Studie eine Fülle von Einzelbeobachtungen, und manchen, wie den später als weitsichtigen Konzilsberichterstatter gerühmten Mario von Galli SJ, holen hier die Schatten ihrer publizistischen Anfänge ein (236–242). Biographische Zugänge, wie Altermatt sie vorführt, unterstreichen, daß das Jahr 1945 für den Schweizer Antisemitismus keinen nachhaltigen Einschnitt bedeutete und bestätigen die bis 1960 reichende Perspektivenwahl in Mattiolis Sammelband. Insgesamt schöpft Altermatt aber nicht annähernd das Potential seines Thema aus, und sein theoretisches Gerüst bis hin zu den Schlußfolgerungen hinterläßt einen ausgesprochen ambivalenten Eindruck.

Was nicht recht deutlich wird, sind Spezifika des schweizerischen katholischen Antisemitismus. Als neben den üblichen antimodernistischen Implementen eigentlich helvetische Erscheinungen werden die ausgrenzende Idee vom „Schweizertum” und eine besondere, negative Aufmerksamkeit für den Zionismus ausgemacht (IV, 5-6) – nur mag solches wohl spezifisch schweizerisch, aber kaum eigentümlich katholisch gewesen sein. Erstaunlich wenig werden agrartypische Argumentationsmuster referiert, und wenn diese in der Schweiz keine Rolle spielten, so wäre ihr Fehlen eine eigene Diskussion wert gewesen. Überhaupt verwundert es, wie wenig zergliedert Altermatts katholische Schweiz wirkt, so als hätten sich die Katholiken im Aargau nicht von den Städtern in Luzern oder ihren Brüdern in der Basler, Zürcher und Berner Diaspora unterschieden.

Beide Bücher unterstreichen die Langlebigkeit traditioneller Stereotypen und ihre Kompatibilität mit Motiven aus dem Reservoir nicht-religiöser Diskriminierungsstrategien, darunter auch, aber eher als Randphänomen, rassische Argumentationsmuster. Das ergibt insgesamt kein Gesamtbild des Antisemitismus in der Schweiz, aber immerhin einen Überblick über dessen vielfältige Erscheinungsformen und die Desiderata der Forschung – letzteres nicht, weil die Schweiz eine besonders antisemitische Geschichte aufwiese, sondern weil die sprachlich-kulturell, sozial und konfessionell so auffällig ausdifferenzierte Eidgenossenschaft ertragreiche Perspektiven zu seiner Untersuchung bietet.

Keiner der beiden Bände bietet ein abschließendes Bild: Mattioli zweifellos mehr Facetten, aber eben auch den Eindruck von verbliebenen Lücken im nicht-bürgerlichen und nicht-konfessionellen Spektrum. Beide lassen erkennen, daß Judenfeindschaft in der Schweiz in situativen und lokalen Zusammenhängen stets verfügbar war und fast selbstverständlich eingesetzt wurde, aber zu keinem Zeitpunkt eine den französischen oder deutschen Entwicklungen vergleichbare Bewegung begründeten.

Judenfeindschaft spielte – soviel ist erkennbar – in der Schweiz keine eigenständige Rolle, sondern bleib stets eine Funktion der notorischen Selbstbezogenheit und Fremdenangst, auch vor den übermächtigen und deshalb nur bedingt zum Vorbild taugenden Nachbarn im Westen und Norden. Beide Autoren scheuen allerdings in ihren innerschweizerischen Erkundungen den Weg über die hohen Berge, und selbst niedrigere Übergänge werden nur widerwillig beschritten. Dabei läßt etwa die Darstellung der Diskurse 1933–1945 bei Altermatt (VI) bemerkenswerte Differenzen zwischen den meist ungebremst judenfeindlichen deutsch-schweizerischen und manchen moderaten bis kritischen franko- schweizerischen Stellungnahmen erkennen, die als Ausdruck unterschiedlicher theologischer und politisch-publizistischer Kulturen in hierüber zu unterschiedenen schweizerischen Katholizismen sein können.

Johannes Heil, Berlin


  1. Urs Altermatt, Katholizismus und Antisemitismus. Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte der Schweiz 1918- 1945. Verlag Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 1999. 414 Seiten. Johannes Heil, Berlin, Jahrgang 9 / 2002 Heft 3 S. 222−226

Jahrgang 9 / 2002 Heft 3 S. 222−226



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