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Gerhard Höver (Hg.)

In Verantwortung vor der Geschichte

Besinnung auf die jüdischen Wurzeln des Christentums

Der vorliegende Band dokumentiert ein Symposium, das 1998 in Bonn vom Katholischen Bildungswerk, der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität, dem Studium Universale und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit veranstaltet worden ist. Hauptreferent war Prof. Stéphane Mosès, Direktor des Franz Rosenzweig Research Center of German-Jewish Studies, Jerusalem. In seinem Beitrag Judentum und Christentum bei Franz Rosenzweig charakterisiert er unter Bezugnahme auf Rosenzweigs „Stern der Erlösung” den grundlegenden Unterschied zwischen den beiden Religionen wie auch deren unlösliche Zusammengehörigkeit:

„Das Christentum ist mit den Geschicken der Völker verbunden, es begleitet sie auf dem langen Weg der Geschichte und strebt danach, sie allmählich dem Gottesreich nahezubringen. So hat es sowohl an der Ewigkeit wie an der Zeitlichkeit teil [...].

Das jüdische Volk dagegen ist prinzipiell dazu bestimmt, außerhalb der Geschichte der Völker zu leben, in der sich ständig erneuernden Ewigkeit seiner liturgischen Zeit. Seine höchste religiöse Bestimmung besteht darin, der Menschheit den Entwurf eines schon ‚hic et nunc‘ erlösten Gemeinschaftslebens zu zeigen. Rosenzweigs Vorstellung des Verhältnisses zwischen Judentum und Christentum könnte mit dem Verhältnis eines Paradigmas zu dessen Verwirklichung verglichen werden” (12).

Wie Judentum und Christentum sich im Warten auf die Erlösung in der Welt vom Standpunkt der einen Wahrheit aus ergänzen und darstellen, exemplifiziert Mosès in Kritik der historischen Vernunft aus den Quellen des Judentums. Nicht zuletzt in der Konsequenz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, welche für sie den optimistischen Glauben an den unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit ein für allemal ruiniert hatten, kamen Denker wie Franz Rosenzweig und Walter Benjamin zu ihrer Absage an das teleologische Modell der Geschichte – „zugunsten einer ganz anderen Auffassung der historischen Zeit, in der jeder Augenblick seine eigene messianische Chance mit sich trägt” (45).

Alfred Bodenheimer weist in „Mittlertum und Erlösung" darauf hin, daß im jüdischen Denken „Gott auch selbst der Erlösung bedarf“. Da „die Exilierung des Volkes Israel zugleich eine Exilierung Gottes bedeutet“, kann Erlösung „nur eine gemeinsame Erlösung“ sein (35).

Weitere Ausführungen behandeln die Schwerpunkte „Liturgie in Judentum und Christentum" (Albert Gerhards), insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Judentum in der Römischen Liturgie (S. Mosès), den „Namen Gottes als Wort und Feuer" (Heinrich Assel), den „Antijudaismus in der Feministischen Theologie" (Irmtraud Forster).

Abgerundet wird dieser äußerst informative Band mit einer Übersicht (Gabriel Adriányi) der Reaktionen auf das Dokument „Wir erinnern uns: Nachdenken über die Schoa” (1998). Die Schwachstellen des Dokumentes zeigen, wieviel unheilvolle historische Last noch aufzuarbeiten und abzutragen ist im Verhältnis von Kirche und Judentum, damit und bis die Utopie eines Franz Rosenzweig zu einer ‚bewohnbaren Vision‘ heranreifen kann.

Man darf hoffnungsvoll gespannt sein auf weitere Tagungen und Veröffentlichungen dieser Art im Rahmen des in Bonn bereits angelaufenen Sonderforschungsbereichs „Judentum–Christentum: Konstituierung und Differenzierung in Antike und Gegenwart”, das sich interfakultativ dieser besonderen Verantwortung vor der Geschichte stellen will.

Wieland Zademach, Schwaig


Jahrgang 9 / 2002 Heft 2 S. 141 f.

 



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