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Wolfgang Klaghofer

Zwischen Gottestraum und Untergang

Zum 120. Geburtstag von Stefan Zweig

„Es wird hier während des Krieges und nach dem Kriege arg für uns werden, a) als Deutschgeboren[e], b) als Jüdischgeborene. Aber wohin vor dem Haß. Er wird überall uns mißgünstig erwarten, überall hin uns verfolgen.”1

Diesem bitteren Eintrag Stefan Zweigs in sein Tagebuch am 27. Mai 1940 in England folgte wenig mehr als zwei Wochen später ein dunkler Trost: „Der einzige Trostgedanke, daß man jeden Augenblick Schluß machen kann.”2

Diesen Blick aufs Ende tat ein Mensch, der von ganz anderen, schöneren Zeiten hergekommen war. Stefan Zweig war am 28. November 1881 in Wien als Kind einer gutsituierten jüdischen Kaufmannsfamilie zur Welt gekommen. Eine behütete assimilierte Erziehung brachte dem feinsinnigen und begabten Knaben eher christliche Bräuche als jüdischen Glauben bei. Während seines Philosophiestudiums lernte er Theodor Herzl kennen, der ihn förderte, weil er das feine Talent bewunderte und wohl auch schützen wollte.

Doch Stefan Zweig war für eine Welt nicht gebaut, die sich bald den Haß gegen die Juden auf die Führerfahnen schreiben sollte. Ohnmächtig sah er Gewalt und Mord heraufkommen; wo er konnte, half er, ohne zu fragen, auch mit finanziellen Mitteln. Er organisierte Fluchtmöglichkeiten, verschaffte gefälschte Pässe und traf meist auf dankbare Annahme, wenn er nicht auf so stolze Figuren wie Elias Canetti stieß, die sich noch lange nach dem Krieg zugute hielten, die Hilfe dieses „trivialen Alltagsliteraten” abgewiesen zu haben.3

Spätestens in den Tagen der anhebenden Verfolgung begann bei Stefan Zweig der jüdisch-religiöse Hintergrund, wenngleich in einem fahlen Licht, wieder zu leuchten. In seinem weitläufigen Werk tauchten da und dort Bezüge zu Gott, Judentum und Exil auf und schließlich auch zum Geheimnis des Endes.

Der Glaube – Traumbild oder Tragik?

Von seinen Jugendtagen her lebte Stefan Zweig in einer weltfreudigen Aufgeklärtheit. Vor dem Licht der Sonne über die Fluren und Wälder, vor den prächtigen Farben in der Natur und in der Kunst, vor den großen Gebilden, wie sie etwa Auguste Rodin (1840−1917) hervorgebracht hatte,4 nahm sich der „kindische Glaube, diese heitere, unbesorgte Blindheit”5, wie ein anämisches Trugbild aus. Solcher Glaube schuf nach Stefan Zweigs Erfahrung eine eigentümliche Sonderwelt. Bei einem Besuch in Brügge sah er, wie dieser Glaube „nicht die Wendung ins Ewige zurück, sondern zu Gott und den Symbolen der katholischen Kirche”6 betrieb; er sah “die hingebungsvolle Feier der großen Mirakel, die innige Zärtlichkeit des Mariendienstes und jene leise Poesie der heiligen Dinge, die nur die einfältige Glut schlichter Menschen dichtet”.7

Und doch hatte Stefan Zweig diese Verbindung von Gott und befriedeter Menschenwelt gesucht und die schroffe Erhabenheit Gottes verneint. Mit Gott verbinden sich darum in seinem Roman Ungeduld des Herzens Güte, Gerechtigkeit, Glück und der Morgen, an dem Kranke geheilt werden, die Unruhe schwindet und die Angst sich löst.8

Angstauflösung stellte nach Stefan Zweig den Motor allen religiösen Bewußtseins dar. In allen Traumbildern Gottes wird die Zersetzung der Angst erwünscht und verfolgt. Das gilt selbst da, wo die Psychoanalyse am Werk ist, deren Aufklärungsarbeit etwas „Entgötterndes”9 zukommt. Dem Nihilismus hat sie nichts entgegenzusetzen. Allein die religiöse „Bildnerlust” vermag ihn wenigstens zu stellen, wenn schon nicht zu überwinden. Diese religiöse Freude an der Gestaltung ist nach Stefan Zweig kein zufälliges Spiel, sondern fällt mit dem geistigen Leben unmittelbar zusammen.

Das ist Basis für das Gottesbewußtsein. Diesem gegenüber ist es nach Stefan Zweig ganz gleichgültig, woher es stammt, wer es geformt hat und auf welche Weise es überliefert wurde. Als Sigmund Freud durch seine Schriften über Mose10 aus dem Jahr 1937 heftig kritisiert wurde, stimmte ihm Stefan Zweig in einem Brief vom 2. März 1938 vorbehaltlos zu. Denn einerlei, woher Mose die Idee des einen Gottes zuwuchs,

„dies mindert doch nicht die Gestalt des Gestalters, der den Monotheismus der Menschheit als Problem überliefert hat und nicht die des Volkes, das aus seiner Sprache, aus seinem Geist diese Idee zu einer weltgültigen Anschauung gemacht hat”.11

Doch zu Stefan Zweigs Gottestraum paßte dieser markante Monotheismus nicht ganz. Ließ sich mit und unter ihm denn wirklich leben? In seiner Figur des Jakob Mendel schrieb er seine Zweifel nieder:

„Vor dreiunddreißig Jahren, mit noch weichem, schwarzflaumigem Bart und geringelten Stirnlocken, war er, ein kleines schiefes Jüngel, aus dem Osten nach Wien gekommen, um Rabbinat zu studieren; aber bald hatte er den harten Eingott Jehovah verlassen, um sich der funkelnden und tausendfältigen Vielgötterei der Bücher zu ergeben.”12

Ein Lob des Polytheismus oder der Literatur?

Stefan Zweig hatte in seinem eigenen Schaffen eine allzu starke Ambivalenz erlebt, um Literatur als Erlösung vorbehaltlos zu preisen. Jedesmal, wenn eines seiner Bücher fertig war, wurde er unzufrieden und fast depressiv.13 Wie schwach die Kraft des Buches war, hatte er selbst erlebt, als man seine Bücher mit Tausenden anderer Autoren im inszenierten Volkszorn „auf großen Scheiterhaufen unter Rezitierung patriotischer Sprüche zu Asche verbrannt”14 hatte. Als Zweig in New York am 16. Mai 1941 im Rahmen einer Veranstaltung des P.E.N.-Clubs an die Zuhörer appellierte:

„Es ist an uns heute, an uns, denen das Wort gegeben ist, inmitten einer verstörten und halb schon vernichteten Welt den Glauben an die moralische Kraft, das Vertrauen in die Unbesiegbarkeit des Geistes trotz allem und allem unerschütterlich aufrechtzuerhalten”15,

ließ sich das nur noch als verzweifeltes „trotzdem" verstehen.

Stefan Zweig 

Stefan Zweig, um 1928.
Foto: Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin.

Literatur und Wortkunst zehren zwar vom Gottestraum, aber sie stehen doch von Gott unendlich ab. Darin liegt ihre Größe, ihre Ohnmacht und auch ihre Verzweiflung. Stefan Zweig erfuhr sie in den dreißiger und vierziger Jahren, aber auch schon in der patriotischen Erhebung des Ersten Weltkrieges, den er als nationalistischen Widersinn erlebte. In diese Jahre hinein schickte er seinen Propheten Jeremias in dem gleichnamigen Bühnenstück mit einer dunklen Gotteskunde:

„Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der Menschheit Gesicht.Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!”16

Das zerreißt alle Gottseligkeit. Keine Dichtung, kein Glaube, kein Wissen schafft sie herbei. Zwar hoffte Stefan Zweig mehr als ein Jahrzehnt später, daß die Welt durch dieses Grauen ernüchtert worden wäre, weil man gesehen hätte, was er in seiner Erzählung Buchmendel schon ausdrücklich als „Konzentrationslager” beschrieben hatte; daß nämlich

„von allen Grausamkeiten und verbrecherischen Übergriffen dieses Krieges keine sinnloser, überflüssiger und darum moralisch unentschuldbarer gewesen als das Zusammenfangen und Einhürden hinter Stacheldraht von ahnungslosen [...] Zivilpersonen”.17

Doch das „Böse, das ein einziges Vaterland über alles stellt”18, hatte im Ersten Weltkrieg erst ein Vorspiel gefunden. Für Stefan Zweig ließ sich das, was in den Jahren 1914−1918 und dann in den dreißiger Jahren geschehen war, nicht in Verbindung bringen mit Gott und den Traumbildern von ihm, auch nicht von seiten der Juden, die ihr Judesein als Last erfuhren, ja gar als Unmöglichkeit und Zwang, wie es Jean Améry19 beschrieben hat. Stefan Zweig erlebte eine kaum auszudeutende Enttäuschung seiner Hoffnungen: In den Tagen des aufkommenden Nationalsozialismus

„zwang man den Juden zum erstenmal seit Hunderten Jahren wieder eine Gemeinsamkeit auf, die sie längst nicht mehr empfunden, die seit Ägypten immer wiederkehrende Gemeinsamkeit der Austreibung. Aber warum dieses Schicksal ihnen und immer wieder ihnen? […] Warum du? […] Warum wir alle? Und keiner wußte Antwort […]. Aber vielleicht ist es gerade des Judentums letzter Sinn, durch seine rätselhaft überdauernde Existenz Hiobs ewige Frage an Gott immer wieder zu wiederholen, damit sie nicht völlig vergessen werde auf Erden.”20

Jeremia, dem Gott entschwand, und Hiob, der ihn mit seinen Fragen verfolgte: Mit diesen zwei Bildern festigte sich in Stefan Zweig auch die Verzweiflung über die Ausweglosigkeit. Und plötzlich steht das Judesein nicht mehr nur als Last vor ihm, sondern als „Fluch” ohne jede Schuld, wie er am 2. Juni 1940 in sein Tagebuch schreibt.

„Daß man, nahe seinem sechzigsten Jahr, wie ein Verbrecher gejagt werden könnte, hätte man sich in der Jugend und im Hochgefühl unseres Jahrhunderts auch nicht träumen lassen.”21

Der feinsinnige Mensch war müde geworden, entmutigt nicht zuletzt durch seine eigenen historisch-romanhaften Arbeiten, in denen er immer wieder an Profile und Gestalten geriet, die seines Sinnes waren und doch gegen die Fanatiker von Religion oder Politik nie aufkamen.

Bezeugung der menschlichen Schwäche

Für Stefan Zweig war Gott aus der religiösen Atmosphäre fortgezogen, wenngleich auch nicht ins Exil, wie Menschen ins Exil geraten waren. Einmal tauchte bei Stefan Zweig die Ahnung auf, daß Exil zur Zeit der großen Einkehr ins Wesentliche werden könnte, denn dem wahrhaft Starken ist „das Exil keine Minderung, sondern nur Kräftigung seiner Kräfte”.22

Stefan Zweig gehörte nicht zu denen, die aus ihrer Exilsschwäche Stärke ziehen konnten. In der kalten Welt erfror sein Lebensmut. Was er von ihr sah, lockte keine neuen Lebenskräfte hervor, sondern zog die Schlinge der Entmutigung immer fester um ihn. Von seiner Beschäftigung mit historischen und biographischen Darstellunger her wußte Zweig, daß die Geschichte nur ein kleines Stück des wirklichen Geschehens verwahrt, und dies wieder nur dadurch, daß Chronisten und Erzähler dieses und jenes aufschreiben.23 Und selbst diese kleinen Ausschnitte sind durchtränkt mit Tendenzen, aber auch mit Wahrheitsblitzen, auf welche Enttäuschung folgt. Denn Weltgeschichte ist stets auch „Geschichte der menschlichen Feigheit”24 und Politik das kümmerliche Geschäft angepaßter Machtgier.

Das Profil eines Politikers, der sowohl Revolutionär wie Reaktionär und Monarchist war, hat Stefan Zweig in seiner Schrift über Joseph Fouché (1759−1820) ausgefaltet. Dieser Mann zuckte mit keiner Wimper, wenn das Schafott niederfuhr oder seine Truppen einer halben Stadt den Tod brachten; listig und weinerlich aber konnte er werden, wenn seine Interessen bedroht waren. Von hier aus wird Stefan Zweigs traurige Einsicht, die er in Amerigo, einem seiner letzten Werke, niedergeschrieben hatte, verständlicher:

„Wer von der Geschichte Gerechtigkeit erwartet, fordert mehr, als sie zu geben gewillt ist: oft teilt sie dem einfachen, dem mittleren Mann Tat und Unsterblichkeit zu und wirft die Besten, die Tapfersten und Weisesten ungenannt ins Dunkel.”25

Das hinzunehmen, hätte eine Position vorausgesetzt, die weder Entwicklungen noch dichterische Darstellung und Erinnerung geachtet, sondern nur historische Registratur hervorgebracht hätte. Doch darauf verstand sich Stefan Zweig nicht. Dem römischen Ideal „sine ira et studio" konnte er sich nie unterwerfen, weil in seinen Werken immer auch seine Geschichte zugegen war und miterzählt wurde. Entsprechend einem spezifisch jüdischen Habitus wird er als Erzähler mit den erzählten Figuren verwandt. Er wächst mit ihnen zusammen, vor allem mit denen, die an den Rändern der Welt herumziehen, ihre Hasser kennen und doch gegen sie ohnmächtig sind. Darum sollte Literatur nicht (nur) den „obern erhellten Lichtrand des Lebens”26 beleuchten, sondern in Tiefen dringen, vor denen man die Augen verschließt. Literatur ist Bezeugung menschlicher Schwäche. In ihr wird das Menschliche, Erbärmliche und Erbarmungswürdige erschaut und erlauscht.

Das mitgenommene Geheimnis

Stefan Zweigs Einstellung zur Literatur hat auch seine Weltschau verengt. Denn die Geschichten der Tiefe haben ihn nicht auf freiem Feld getroffen, wo sich trefflich streiten läßt, sondern in der Enge der Angst. Dabei hat sich ein Grundzug verstärkt, von dem er sagte, daß er ihn auch zeitlebens angezogen hat: das Interesse an Charakteren, deren geistige Kraft sich auf einen einzigen Punkt linsenhaft zusammendrängte und diesen überhell erleuchtete, als „merkwürdige und durchaus einmalige Abbreviatur der Welt”.27 So faszinierend das für den Dichter auch war, es barg in sich die Auslieferung an die Angst.

Schon zu Beginn der dreißiger Jahre hat ihn die Angst umfangen, als er am Vortag seines 50. Geburtstags in sein Tagebuch schrieb:

„Blick auf die Uhr, morgen, nein, in einer Viertelstunde werde ich (gräßlich!) fünfzig Jahre(.) Ob je noch ein neues Element bei mir ins Spiel kommt? Ob die Reserven, ob die Spannkraft reicht?”28

In der Ermattung, die da plötzlich auf den Lebensabend weist, geht die schwarze Nacht der Angst auf. Auf tragische Weise verkoppelt sich das mit den Nachtgestalten, die, als Mörder ins Dunkel getaucht, unerkannt und anonym geblieben sind. Aus dieser Verbindung erfuhr Stefan Zweig auch die Kraft der Angst: Sie treibt aufs Ende hin, indem sie zuvor verengt, was noch offen schien.29

Gleichzeitig aber bringt die Angst auch einen überscharfen Blick hervor. Was vordem noch verschwommen gewesen ist, gerät durch die Angst in eine letzte Klarheit. Von einem solchen Durchbruch spricht Stefan Zweig in einer Erzählung über flüchtende Juden, die im Winter just zu jenen Bäumen gekommen waren, unter denen ihre Angehörigen begraben lagen:

„Tiefe Stille, die nur das leise Schluchzen durchbricht. – Und heiße Tränen rinnen über die erstarrten, leiderfahrenen Gesichter herab und werden im Schnee zu blanken Eistropfen. – Vergangen und vergessen ist alle Todesfurcht, wie sie den tiefen stummen Frieden sehen. Und alle überkommt mit einemmale eine unendliche, tränenschwere, wilde Sehnsucht nach dieser ewigen, stillen Ruhe am ,guten Ort‘, zusammen mit ihren Lieben.

Es schläft so viel von ihrer Kindheit unter dieser weißen Decke, so viel selige Erinnerungen, so unendlich viel Glück, wie sie es nie mehr wieder erleben werden. Das fühlt jeder und jeden faßt die Sehnsucht nach einem ,guten Ort‘.”30

Dieser „gute Ort", Zielbild der Hoffnung, löste die Angst in einen unbegreiflichen Frieden auf. Nicht nur Stefan Zweig ahnte diesen Frieden. Auch sein Zeitgenosse Franz Kafka, dem sein Leben zur Qual geworden war, sehnte diese Ruhe des Endes herbei.31 Und wie bei Franz Kafka, so drängte sich auch in Stefan Zweig der Gedanke an das freiwillige Ende auf. In seinem Roman Ungeduld des Herzens verzweifelt eine behinderte junge Frau daran, daß sie zwar stets Mitleid, kaum aber Liebe umgeben hat.32 Statt der Suche nach Liebe wählt die junge Frau das Ende, das der Verzweiflung entstammt und doch eigentümlich erhaben ist.

Stefan Zweig lag dieser stille Freitod nahe, weil er von der Verzweiflung her dem Frieden verwandt ist. Am 22. Februar 1942 hatte er gemeinsam mit seiner zweiten Gattin Lotte in Petropolis (Brasilien) im Schlaf sein leises Ende gefunden. Auf dem Rücken liegend, seine Frau umarmend, fand man die beiden, angelangt an ihrem „letzten Refugium”33. Dieses bedrückende Ende klingt bereits in Zweigs Nachlaßroman Rausch der Verwandlung an, den er in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre erarbeitet hatte.34

Zweigs Freitod hat jüdische Exilanten schwer getroffen.35 Seine Zeitgenossen fanden keine Antwort auf das Warum, das Stefan Zweig zurückgelassen hat. Doch mit seinem stillen Abgang deutete er sich selbst noch einmal. Er sprach zu seiner Zeit mit leiser Stimme – und wurde überhört, belächelt, verachtet. Das hat sich kaum geändert. Auch heute ist seine Stimme fast nicht zu hören. Sein Werk spiegelt eine tief biblische Haltung.

Zweig war stiller Sprecher und Erzähler, voll Empathie für die kleinen Geschicke und Randexistenzen, die sich auch in der Bibel finden und mit denen sich kein Geschäft machen, kein Triumph herausschlagen läßt. Ihre Würde gewinnen sie allesamt im Licht des unsichtbaren, oftmals auch verschwiegenen Gottes, der wie ein geheimnishafter Hintergrund auch Stefan Zweigs Werk begleitet. Gerade damit bleibt er für heute bedeutsam, daß das Eigentliche des menschlichen Lebens nicht Sieg und Erfolg ist, sondern die Suche nach dem vieldeutigen Gott der Bibel.

In seiner Novelle „Der begrabene Leuchter" erzählte Stefan Zweig von einem alten Juden, dessen Leben von der Suche nach Gott und seinem Licht – dem begrabenen Leuchter – bestimmt war. Die Summe seiner langen Jahre ließ Stefan Zweig ihn in die kargen Sätze fassen:

„Glaubt mir, Brüder, furchtbar ist es, einer zu sein, den Gott immer wieder ruft und doch niemals erhört, den er lockt mit Zeichen und sie dann nie erfüllt. Besser, daß ein solcher im Dunkel bliebe und keiner blickte und hörte auf ihn.”36

Den Leuchter hat man nicht mehr gefunden, das Licht war verloschen, der Docht verglüht. Der Jude war ins Dunkel eines Unbekannten zurückgekehrt, wohin ihm Stefan Zweig „fern, auf fremder Erde” (Ps 137,4) nachgegangen war. Den Nachkommenden aber haben beide ein Zweifaches hinterlassen: die Einsicht, daß der Mensch, der glaubende zumal, ein heimatloser Wanderer ist, und die stille Gotteshoffnung, daß alle Worte und alle Erzählkunst und aller Glaube in ein Kommendes entzogen sind.


* Dr. Wolfgang Klaghofer, geb. 13. 4. 1961, a. o. Universitätsprofessor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Lehrbeauftragter für Religionspädagogik und Fundamentaltheologie an der Pädagogischen Akademie der Diözese St. Pölten in Krems a. d. Donau, freier Mitarbeiter der Abteilung Religion des ORF-Fernsehens und Mitglied des P.E.N.-Clubs.
  1. Stefan Zweig, Tagebücher, Frankfurt/M. 1993, 459 f.
  2. Stefan Zweig, Tagebücher (Anm. 2), 469.
  3. Stefan Zweig, Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931−1937, Frankfurt/M. 1988, 161.
  4. Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Frankfurt/M. 1997, 173−176.
  5. Stefan Zweig, Die Gouvernante, in: Stefan Zweig, Phantastische Nacht. Erzählungen, Frankfurt/M. 1996, 20−38, hier 28.
  6. Stefan Zweig, Auf Reisen, Frankfurt/M. 1994, 28.
  7. Stefan Zweig, Auf Reisen (Anm. 6), 28 f.
  8. Stefan Zweig, Ungeduld des Herzens. Roman, Frankfurt/M. 1997, 397−399.
  9. Stefan Zweig, Die Heilung durch den Geist: Mesmer, Mary Baker-Eddy, Freud, Frankfurt/M. 1995.
  10. Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Frankfurt/M. 1970.
  11. Stefan Zweig, Über Sigmund Freud. Porträt − Briefwechsel − Gedenkworte, Frankfurt/M. 1988, 177.
  12. Stefan Zweig, Buchmendel, in: Stefan Zweig, Buchmendel. Erzählungen, Frankfurt/M. 1997, 197−229, hier 210.
  13. Stefan Zweig, zit. in: Knut Beck, Nachbemerkung des Herausgebers, in: Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, Frankfurt/M., 1987, 231−245, hier 241: „Ich selbst bin immer, wenn ein Buch fertig ist, davon abgestoßen. Alles kommt mir dann falsch, ärgerlich, ungelungen vor und die Depression hält einige Zeit unverändert an.”
  14. Stefan Zweig, Die Welt von Gestern (Anm. 5), 414 f.
  15. Stefan Zweig, In dieser dunklen Stunde, in: Stefan Zweig, Der Amokläufer. Erzählungen, Frankfurt/ M. 1997, 276−278, hier 278.
  16. Stefan Zweig, Jeremias, in: Stefan Zweig, Tersites · Jeremias. Zwei Dramen, Frankfurt/M., 1982, 117−327, hier 282.
  17. Stefan Zweig, Buchmendel (Anm. 12), 220 f.
  18. Stefan Zweig, Clarissa. Aus dem Nachlaß herausgegeben und bearbeitet von Knut Beck, Frankfurt/M. 1992, 77.
  19. Jean Améry, Über Zwang und Unmöglichkeit, ein Jude zu sein, in: Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, Stuttgart 31997, 130−156.
  20. Stefan Zweig, Die Welt von Gestern (Anm. 4), 484.
  21. Stefan Zweig, Die Welt von Gestern (Anm. 4), 464.
  22. Ebd., Stefan Zweig, Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen, Frankfurt/M. 1997, 107.
  23. Stefan Zweig, Magellan. Der Mann und seine Tat, Frankfurt/M. 1997, 129.
  24. Stefan Zweig, Joseph Fouché (Anm. 22), 57.
  25. Stefan Zweig, Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums, Frankfurt/M. 1996, 109.
  26. Stefan Zweig, Verwirrung der Gefühle, in: Stefan Zweig, Verwirrung der Gefühle. Erzählungen, Frankfurt/M. 1997, 182−279, bes. 269 f.
  27. Stefan Zweig, Schachnovelle, Frankfurt/M. 1997, 19.
  28. Stefan Zweig, Tagebücher (Anm. 1), 357.
  29. Stefan Zweig, Angst. Novelle, Frankfurt/M. 1997, 103−105.
  30. Stefan Zweig, Im Schnee, in: Stefan Zweig, Buchmendel (Anm. 12), 96−110, hier 106.
  31. Wolfgang Klaghofer, Mensch und Gott im Schatten. Franz Kafka und Franz Werfel − Konturen des Exodus, Bern u. a. 2000 (Bohemia 2), 119−125.
  32. Stefan Zweig, Ungeduld des Herzens (Anm. 9), 258.
  33. Hartmut Müller, Stefan Zweig. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1997, 132.
  34. Stefan Zweig, Rausch der Verwandlung. Roman aus dem Nachlaß, Frankfurt/M. 1996, 276.
  35. Vgl. Franz Werfel, Stefan Zweig, in: ders., Leben heißt, sich mitteilen. Betrachtungen, Reden, Aphorismen, Frankfurt/M. 1992, 400−408.
  36. Stefan Zweig, Der begrabene Leuchter. Eine Legende, Frankfurt/M. 1993, 130.

Jahrgang 9 / 2002 Heft 1 S. 41−49.


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