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Silvia Käppeli

„Alles ist ein Gleichnis”

Verdeutlichungen der Tora durch rabbinische Gleichnisse

Alle Vergleichsbilder in der Bibel müssen als „Gleichnis und Metapher, das heißt als bildhafte und erzählerische Wiedergaben des Gemeinten aufgefaßt werden”. Mit diesem Satz wollte der große jüdische Religionsphilosoph Moses Maimonides (1135-1204) die biblische Offenbarung vor Mißdeutungen schützen. In der Hebräischen Bibel ist von Augen, Füßen, Fingern, Händen und Zornesäußerungen Gottes die Rede. Diese Vergleichsbilder können aber zu häretischem Verständnis führen: Gott sei der Ur-Mensch oder: man könnte ihn darstellen. Viele mittelalterliche jüdische Denker und Seelsorger wollten solchen Mißdeutungen zuvorkommen. Maimonides wollte die gläubigen Juden vor plastischen, vermenschlichten und götzendienerischen Auffassungen schützen. Bei Verdeutlichungen und Exemplifizierungen einer verpflichtenden Botschaft geht es aber nicht ohne Vergleiche und auch nicht ohne sprachliche Ästhetik, um die Phantasie zu fördern.

Gleichnisforschung

Die weit über 2000 rabbinischen Gleichnisse aus den ersten zwölf Jahrhunderten n. Chr. sind literarisch hochstehende Versuche, die Aufmerksamkeit und Phantasie der jüdischen Gemeindemitglieder wachzurütteln und ihr Glaubenszeugnis auf die richtigen Pfade zu lenken. An den Wegrändern dieses Volkes lauert ja, so die rabbinischen Weisen, der Teufel des Irrtums, des Mißverständnisses und der Verführung. Die hier angeführten Beispiele sollen die heutige Forschung anregen, die religiöse Literaturgeschichte der Spätantike und des Mittelalters neu zu überdenken. Jüdische Gleichniserzählungen in der Spätantike, im Mittelalter und in der Neuzeit sollten von der Forschung möglichst bald in eine religiöse Literaturgeschichte hineingestellt werden.

Der vierte Band der Gleichnisse der Rabbinen analysiert und kommentiert 59 Gleichnisse, die zwischen dem 6. und dem 11. Jahrhundert von jüdischen Gelehrten und Predigern in Südfrankreich und teilweise in Mesopotamien und in Galiläa verfaßt worden sind.1 Es handelt sich um rabbinisch-analytische und rabbinisch-mystische Deutungen des zweiten Buches Moses (Ex 15−22). Sie finden sich verstreut in dem im Frühmittelalter endredigierten Midraschwerk „Shemot Rabba", dem großen Kommentar zum 2. Buch Moses. Es geht in diesen gleichnishaft gedeuteten biblischen Kapiteln2 besonders um die Rettung der Israeliten aus den götzendienerischen Händen des Pharao, um den befreienden Durchzug durch das Rote Meer, um das Siegeslied am Schilfmeer, um Manna vom Himmel und Wasser aus dem Felsen und um die göttliche Gesetzgebung auf dem Berg Sinai.

 

Salomo und Schulamith, von Benno Elkan für die Menora vor dem Knessetgebäude entworfen, von den Vertretern der jüdischen Orthodoxie aber als zu erotisch abgelehnt (vgl. Fritz Hofmann/Peter Schmiederer, Benno Elkan. Ein jüdischer Künstler aus Dortmund, in: FrRu 5[1988]304-305).

 

Das Gleichnis vom Sturz vom Dach

Mehrere Gleichnisse beinhalten moralische Aufforderungen zum aufmerksamen Hinhören auf die Worte der Tora. Das „Gleichnis vom Sturz vom Dach” hat Ex 18,1 als Basistext: Jitro, der Schwiegervater des Mose, hörte, was Gott alles für sein Volk Israel und für Moses getan hatte. Das Gleichnis (maschal) lautet:

„Wenn ein Mensch vom Giebel des Daches fällt, ist sein ganzer Körper zerschlagen. Der Arzt kommt zu ihm und legt ihm einen Verband um seinen Kopf, ebenso um seine Hände, um seine Füße und um alle seine Glieder. So ist der gefallene Mensch ganz im Verband eingehüllt.”

Im deutenden Teil des Gleichnisses (nimschal) wird folgendermaßen argumentiert: Der Mensch hat 248 Glieder. Jedes Glied wird immer wieder verschmutzt, bzw. durch Übertretungen der Tora verwundet. Wenn der Mensch deshalb Schmerzen hat und zu Gott um Hilfe ruft, heilt ihn Gott.

Das Verbindungsglied der Israeliten zu Gott ist das Ohr. Das Ohr wird in der rabbinischen Tradition nirgends deuterisch zu den 248 Gliedern des menschlichen Körpers gezählt. Es ist kein bloßes Glied, sondern das unverwundete Empfangsgerät, das die Tora in alle menschlichen Glieder hinein vermittelt, oder, wie es an anderer rabbinischer Stelle heißt, es ist ein Gitterwerk, das alle menschlichen Glieder auf feurigem Untergrund durchwärmt und erhitzt. Reue und Bekehrung sind erst nach einem erneuten Hören auf das Wort der Tora möglich.

Das Gleichnis vom Sturz vom Dach ist literarisch gelungen und inhaltlich bibeltreu. Der Mensch als sündig Verwundeter und Gott als heilender Arzt nehmen im biblisch-talmudisch-jüdischen Denken eine zentrale Stellung ein. Diese Gleichniserzählung deutet sowohl die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft an als auch die Befreiung des Jitro aus Schuld, Nachlässigkeit und Unglauben.

Das Gleichnis vom entronnenen Vogel

Absage an den Götzendienst und Konversion zum Judentum sind in folgendem Gleichnis (wiederum zu Ex 18,1) angesprochen. Der Maschal lautet:

„Gleich einem Vogel, der dem Jäger entronnen war und auf die Hand einer Königsstatue fiel. Als der Jäger den Vogel sah, begann er ihn zu bewundern. Er sagte zu ihm: Welch schöne Flucht ist dir gelungen.”

Der Nimschal ist dann ebenso kurz: „So rühmte Bileam den Jitro. Er sagte zu ihm: ‚Dein Wohnsitz ist festgefügt, dein Nest ist in den Fels gesetzt‘” (Num 24,21). Dann folgt die rhetorische Frage an Jitro: „Wer hat dich zu den Dauerhaften umkehren lassen?”

Jitro hatte sich zur Religion der Israeliten bekehrt, als er hörte, was Gott dem Mose und seinem Volk Israel alles zu deren Rettung getan hatte (nach Ex 18,1). Er war aber ein Nachkomme des Brudermörders Kain. Der Seher Bileam wußte dies und wollte diesen Abkömmling einer schlechten Sippe zunächst verfluchen, bzw. wie einen Vogel erschießen. Die Konversion Jitros zum Judentum wird mit dem Bild der gelungenen Flucht eines Vogels auf die Hand einer Königsstatue verglichen. Im Römerreich mußte dem Standbild des Königs die gleiche Reverenz erwiesen werden wie dem König selbst. Die Flucht des Vogels ist ein Vergleichsbild für die Absage an den Götzendienst und die Konversion zum Judentum.

Das Gleichnis von der Königsstatue, die den Gott Israels und die jüdische Erwählungsgemeinschaft symbolisiert, bildet einen sehr gewagten Vergleich. Er könnte als Zugeständnis an die heidnisch-christliche Bilderverehrung missdeutet werden. Im frühmittelalterlichen Judentum hat man sich aber kaum gescheut, auf literarischer Ebene Statuen als Symbole Gottes und der religiösen Rettung in den Dienst der Erklärung der jüdischen Religion zu nehmen. Der Gleichnisband enthält noch weitere Konversionsgleichnisse, in denen Statuen, Tiere und Berufsleute eine erklärende Rolle spielen.

Apologetische (antichristliche) Gleichnisse

Mehrere Gleichnisse beinhalten gegenchristliche Aussagen. Gen 19,24 wurde von den Christen schon im frühen 2. Jahrhundert trinitarisch gedeutet:

„Der Ewige (YHWH) ließ Schwefel und Feuer auf Sodom und Gomorra regnen: vom Ewigen (YHWH) vom Himmel her.”

Gott und sein ihn charakterisierender Name kommen hier zweimal vor: Zuerst ist er der Tätige, dann der Besitzer. Dieser zweifach handelnde Gott wird zum Einen und damit Dreifaltigen, weil er ein und dieselbe Tätigkeit von verschiedenen Eckpunkten her mit einem Geist ausführt. Er wirkt als Ich und als Du, als primär Handelnder und als Ergänzender. Den Rabbinen waren diese christlichen Gottesspekulationen bekannt. Sie ersannen daher Gleichnisse, die die Einzigkeit Gottes hervorhoben. Als Deutung von Gen 19,24 erzählten die Rabbinen folgende „Zwillingsgleichnisse von den Gefäßen” in Frageform:

„Fleisch und Blut (also: ein Durchschnittsmensch) macht sich einen Dreifachbehälter. Er gießt verschiedene Arten von Flüssigkeiten in ihn hinein, jede Art in eines der drei Gefäße. Kann er etwa die drei Flüssigkeiten aus einem und demselben Gefäß holen?”

Der Maschal des zweiten Gleichnisses lautet:

„Gleich einer Kocheinrichtung aus Gold. Jemand will Kaltes – er holt es heraus! Jemand will Kohlen – er holt sie heraus!”

Gott aber sei anders als der Experimentierer mit dem Dreifachbehälter und als der angestellte Koch. Aus einem und demselben Behälter, dem Himmel, hat er sowohl Feuer und Schwefel auf die Sodomiten regnen lassen als auch den Tau auf das Manna der Israeliten. Aus dem gleichen einen Behälter schickt der eine Gott auch Frost und Hitze auf die Erde herab. Alles Gute und Schwere kommt vom einen Gott im Himmel. Unheilstiftendes – z. B. feurige Kohlen – kommt auf die Erde gegen und wegen götzendienerischen Häretikern und Übertretern biblischer Gebote. Sie sind für das Verderben bestimmt. Gott ist Herrscher über alle Naturgewalten und über die Wahrheit auf Erden. Auch der einfache Mensch der Straße wird durch derlei Plastizitäten (Gott wie ein Verkäufer und Kohlenschaufler) der Treue zur Überlieferung und der Wahrheit näher gebracht.

Gleichnisse zur Verleihung der Tora

Sieben Gleichnisse behandeln die Einleitung zur Verkündigung der „Zehn Gebote”: „Ich bin der Ewige, dein Gott” (Ex 20,2). Ein dazu gehöriges „Gleichnis von der Strategie des Königs” lautet:

„Wenn ein irdischer König zu Verhandlungen aus zieht, dann zieht er allein aus. Bricht er aber zum Krieg auf, dann ziehen Zehntausende mit ihm aus.”

Die beigefügte Deutung ist zunächst oppositionell. Gott sei allein als Kriegsherr gegen die Ägypter im Roten Meer ausgezogen und habe allein das Riesenheer der Israelfeinde vernichtet. Er lasse den Feinden Israels keine Chance. Erst bei der Toraverleihung auf dem Berg Sinai, also nach dem alleinigen Krieg Gottes gegen die Ägypter, seien zehntausend Engel mit ihm gekommen.

Mit dieser konstruierten Geschichte wird das Mißverständnis abgewehrt, daß die Toraverleihung nur eine religiöse Feier für die Israeliten gewesen sei. Vielmehr sind die Israeliten, die Engel und alle Menschen davon betroffen. Das Gleichnis richtet sich auch gegen die Art, wie in der neutestamentlichen Johannesapokalypse die Besiegung der bösen heidnischen Mächte geschildert wird. Laut Apk 12,7–12 besiegen die Engelscharen unter der Regie des Erzengels Michael die bösen Mächte. Nein – so sagt unser Gleichnis und sein Umfeld –, nicht die Engel sind die Vernichter des Bösen, sondern Gott allein. Das Gleichnis von der Strategie des Königs bildet eine theologisch, politisch und literarisch durchsiebte Aussage über urzeitliche, zwischenzeitliche und endzeitliche Eingriffe Gottes in die irdische Wirklichkeit und in das Schicksal des Volkes Gottes.

Erwählungsgleichnisse

Mehrere Gleichnisse erklären die spezielle Erwählung Israels samt den damit verbundenen Gefährdungen. Ein literarisch und inhaltlich besonders gut gelungenes Gleichnis ist „das Gleichnis von der Störchin”:

„Gleich einer Storchenmutter. Sie legte ein Ei in den Staub der Erde. Passanten traten darauf und zerquetschten es. Wer ist daran schuld? Schuld daran ist die Störchin, die ihr Ei auf die Erde legte. Hätte sie sich in die Höhe hinaufgeschwungen, um das Ei dort zu legen, dann hätte ihr kein Geschöpf schaden können. Sie hätte über alle Zertrampler gelacht.”

Mit 18 Bibelstellen wird dann dargelegt, wie Israel erwählt ist, wie sich das Volk vom Götzendienst lösen muß, wie es weise, demütig und furchtlos sein und Gott ehren muß. Erst dann wird Israel erfolgreich sein. Die Rabbinen haben Störche beobachtet, die ihre Eier auf hohen Bäumen oder auf Dächern deponierten. Sie sahen aber auch zertretene Storcheneier auf den Wegen! Naturbeobachtungen regten sie zu konzisen und bilderreichen Aussagen an. Eine Störchin, die ihre Eier auf die Straße legt, handelte unklug. Das Ei muß vielmehr versteckt werden. So muß auch Israel seine Erwählung durch Absonderung am Leben erhalten und weitertragen.

Reich-Gottes-Gleichnisse

Mehrere Gleichnisse beinhalten die Glaubensaussage, daß das Reich Gottes im Volk Israel seit der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft eine Realität ist. Dazu „das Gleichnis von der geschmückten Braut”:

„Gewöhnlich ist es so: Zuerst reinigt man eine Braut und parfümiert sie. Erst danach führt man sie unter den Traubaldachin. Aber der Heilige, gelobt sei Er, hat es nicht so gemacht. Vielmehr hat er zur Gemeinde Israel gesagt: Von Lehm und Ziegeln habe ich dich weggeholt und dich zur Braut gemacht.”

Israel versteht sich demnach seit der Befreiung aus Ägypten als erwählte Braut Gottes. Die Aussage, daß das Reich Gottes seit der Errettung aus der ägyptischen Sklaverei bei den Israeliten trotz ihrer Sünden präsent ist, enthält wahrscheinlich auch eine Spitze gegen das exklusiv christliche Erwählungsbewußtsein. Mehrere Gleichnisse sind abgrenzende Aussagen über jüdisches Selbstbewußtsein in frühmittelalterlicher Zeit, als das Christentum zunehmend dominant wurde.

Abschließende Beobachtungen

Die rabbinischen Gleichnisse sind dichterisch inspirierte Verbindungsaussagen zwischen Natur- und Gesellschaftsbeobachtungen und dem Engagement für die religiöse Exaktheit und Einzigartigkeit. Könige, Generäle, Bräute, Landbesitzer, Knechte und Mägde, Vögel und Raubtiere wurden samt ihren Kräften und Schicksalen in den Dienst der Verdeutlichung und Verteidigung der biblischen und traditionellen Offenbarungserfahrung gestellt. Mitten in ihrem gesetzlichen Lernen entspannten sich viele Rabbinen durch poetisches Konstruieren von Gleichnissen gewonnen aus der Beobachtung der Natur. Sie spielten zarte geistige Beobachtungspiele und gelangten so zu treffsicheren und ästhetischen Urteilen. Die jüdische und die christliche Literaturgeschichte der Spätantike und des frühen Mittelalters muß wissenschaftlich noch aufgearbeitet werden. Gleichniserzählungen bilden vermutlich die wichtigste literaturästhetische Gattung dieser Zeit.


DDr. Silvia Käppeli promovierte in Pflegewissenschaft (Manchester) und in Judaistik in Kombination mit Pflegewissenschaft (Luzern). Seit 1989 leitet sie das Zentrum für Entwicklung, Forschung und Fortbildung am Universitätsspital in Zürich.
  1. Clemens Thoma / Hanspeter Ernst, Die Gleichnisse der Rabbinen, 4. Band, Vom Lied des Mose  bis zum Bundesbuch: ShemR 23-30, Judaica et Christiana 18. Peter-Lang-Verlag, Bern 2000.
  2. Die ersten 14 Kapitel des Buches Exodus mit 23 Gleichnissen wurden von Hanspeter Ernst / Clemens Thoma bereits im 3. Band der Gleichnisse der Rabbinen, Judaica et Christiana 16, Peter-Lang-Verlag, Bern 1996, behandelt. Die noch nicht gedeuteten Kapitel (Ex 23−40) werden hoffentlich bald in Angriff genommen.

 


Jahrgang 9 / 2002 Heft 1 S. 34−41

 



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