Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 1243  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Joseph Ratzinger

Dank an unsere jüdischen Brüder

Die Geschichte, wonach Gott, wie der Kirchenvater Irenäus sagte, sich daran gewöhnte, mit den Menschen zu sein, und der Mensch sich an die Gemeinschaft mit Gott gewöhnte, beginnt mit dem Glauben Abrahams. Abraham ist der Vater der Glaubenden, Vater auch des Glaubens der Christen und durch den Glauben unser Vater.

Die Geschichte geht weiter im Segen für die Patriarchen, in der Offenbarung an Mose und im Auszug Israels zum Gelobten Land. Eine neue Etappe öffnet sich mit der Verheißung eines Königtums ohne Ende an David und sein Geschlecht. Die Propheten ihrerseits deuten die Geschichte, rufen zur Buße und Umkehr und bereiten so das Herz der Menschen vor, die höchste Gabe zu empfangen. Abraham, der Vater des Volkes Israel, der Vater des Glaubens, ist die Wurzel des Segens, in dem „sich gesegnet nennen alle Familien der Erde“ (Gen 12,3). Aufgabe des erwählten Volkes ist es daher, allen anderen Völkern seinen Gott zu schenken, den einzigen und wahren Gott, und tatsächlich sind wir Christen Erben ihres Glaubens an den einzigen Gott.

Unser Dank gilt daher unseren jüdischen Brüdern, die trotz der Schwierigkeiten ihrer Geschichte bis heute den Glauben an diesen Gott bewahrt haben und ihn vor den anderen Völkern bezeugen, die, ohne die Kenntnis des einzigen Gottes, „in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“ (Lk 1,79).

Israel und die Kirche sind untrennbar

Der Gott der Bibel der Juden, welche – zusammen mit dem Neuen Testament – auch die Bibel der Christen ist, ist manchmal von unendlicher Zärtlichkeit, manchmal von einer Strenge, die Furcht einflößt. Er ist auch der Gott Jesu Christi und der Apostel. Die Kirche des zweiten Jahrhunderts mußte Widerstand leisten gegen die Zurückweisung dieses Gottes von Seiten der Gnostiker und vor allem Markions, die dem Gott des Neuen Testamentes einen alttestamentlichen demiurgischen Schöpfergott entgegensetzten. Die Kirche hingegen hat immer den Glauben an einen einzigen Gott, den Schöpfer der Welt und den Urheber beider Testamente, festgehalten.

Die neutestamentliche Erkenntnis von Gott, die in der johanneischen Definition „Gott ist Liebe“ (1 Job 4,16) gipfelt, widerspricht der Vergangenheit nicht, sondern begreift die ganze Heilsgeschichte in sich, welche am Anfang Israel als Vorkämpfer hatte. Deshalb erklingen in der Liturgie der Kirche von den Anfängen an bis heute die Stimmen von Mose und den Propheten; das Psalmenbuch Israels ist auch das große Gebetbuch der Kirche. Folgerichtig hat sich die Urkirche nicht Israel entgegengestellt, sondern sie glaubte in aller Einfachheit, dessen rechtmäßige Fortsetzung zu sein.

Das herrliche Bild im 12. Kapitel der Offenbarung des Johannes, eine Frau, mit der Sonne bekleidet, mit zwölf Sternen bekränzt, schwanger und leidend in den Schmerzen der Geburt, ist Israel, das den gebiert, „der alle Nationen mit eisernem Zepter regieren soll“ (Ps 2,9); und dennoch verwandelt sich diese Frau in das neue Israel, Mutter neuer Völker, und ist in Maria, der Mutter Jesu, personifiziert. Diese Vereinigung von drei Bedeutungen – Israel, Maria, Kirche – zeigt, wie für den Glauben der Christen Israel und die Kirche untrennbar waren und sind.

Eine neue Vision der Beziehung Israel – Kirche

Wir wissen, daß jede Geburt schwierig ist. Sicherlich war das Verhältnis zwischen der werdenden Kirche und Israel von Anfang an oft durch Konflikte bestimmt. Die Kirche wurde von ihrer Mutter als entartete Tochter betrachtet, während die Christen die Mutter als blind und verstockt betrachteten. Die schon schwierigen Beziehungen verschlechterten sich in der Geschichte der Christenheit weiter und führten in vielen Fällen zu geradezu antijüdischem Verhalten, das in der Geschichte bedauernswerte Akte der Gewalt hervorgebracht hat.

Auch wenn die letzte abscheuliche Erfahrung der Schoa im Namen einer antichristlichen Ideologie erfolgte, welche den christlichen Glauben in seiner abrahamitischen Wurzel treffen wollte, im Volk Israel, kann man nicht leugnen, daß sich ein gewisser ungenügender Widerstand von christlicher Seite gegen diese Grausamkeiten aus dem antijüdischen Erbe erklärt, das in der Seele nicht weniger Christen da war. Vielleicht gerade wegen der Dramatik dieser letzten Tragödie ist eine neue Vision der Beziehung zwischen Kirche und Israel entstanden, ein aufrichtiger Wille, jede Art von Antijudaismus zu überwinden und einen konstruktiven Dialog gegenseitiger Kenntnis und der Versöhnung zu beginnen.

Ein solcher Dialog muß, um fruchtbar zu sein, mit einem Gebet an unseren Gott beginnen, daß er vor allem uns Christen eine größere Hochschätzung und Liebe zu diesem Volk, den Israeliten, gebe, welche die „Sohnschaft haben, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, das Gesetz, den Gottesdienst, die Verheißungen, die Väter, von denen Christus dem Fleische nach stammt, der über allem als Gott steht, er ist gepriesen in Ewigkeit. Amen“ (Röm 9,4–5), und das nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig, denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt (Röm 11,29). Wir werden auch beten, daß er den Söhnen Israels eine größere Erkenntnis Jesu von Nazaret gebe, ihrem Sohn, und dem Geschenk, das sie uns gemacht haben. Da wir beide in Erwartung der endzeitlichen Erlösung sind, laßt uns beten, daß unser Weg auf zusammenlaufenden Linien erfolge.

Israels Glaube – das Fundament unseres Glaubens

Es ist offensichtlich, daß der Dialog von uns Christen mit den Juden auf einer anderen Ebene stattfindet als der mit den anderen Religionen. Der in der Bibel der Juden, dem Alten Testament der Christen, bezeugte Glaube ist für uns nicht eine andere Religion, sondern das Fundament unseres Glaubens. Deshalb lesen und studieren die Christen – und sie tun es heute immer mehr in Zusammenarbeit mit ihren jüdischen Brüdern – mit so großer Aufmerksamkeit und als Teil ihres selben Erbes diese Bücher der Heiligen Schrift. Es stimmt, daß auch der Islam sich als Sohn Abrahams betrachtet und von Israel und den Christen denselben Gott geerbt hat, aber er geht einen anderen Weg, der für den Dialog andere Maßstäbe braucht.

Wir müssen vor allem erkennen, daß alles, was wir haben und tun, ein Geschenk Gottes ist, das man mit Hilfe des demütigen und aufrichtigen Gebetes empfängt, ein Geschenk, das geteilt werden soll mit verschiedenen Ethnien, mit Religionen auf der Suche nach einer größeren Erkenntnis des göttlichen Mysteriums, mit Nationen, die den Frieden suchen, und mit Völkern, die eine Gesellschaft herstellen wollen, in der Gerechtigkeit und Liebe herrschen. Das ist das Programm, das das Zweite Vatikanische Konzil für die Kirche der Zukunft entworfen hat. Und wir Katholiken bitten den Herrn, uns zu helfen, auf diesem Weg auszuharren.


 

Nachbemerkungen der Redaktion (C. T.)

Kardinal Ratzinger ist im Zusammenhang mit dem vatikanischen Dokument Dominus Iesus ins theologische und dialogische Streitlicht geraten.1 Allerdings wird er mißdeutet, wenn man ihm unterstellt, er sei indirekt dogmatisch-antijüdisch und er wolle die Christologie – ohne Beachtung des Bundes mit dem jüdischen Volk und jüdischer Wahrheitsaussagen – hervorheben.

Religionstheoretisch ist es spannend, Dominus Iesus mit dem jüdischen Dialogdokument Dabru Emet zu vergleichen. Das von Kardinal Ratzinger verantwortete Dokument Dominus Iesus wurde am 6. August 2000 in Rom veröffentlicht, Dabru Emet2 einen Monat später (September 2000) in den USA. Etwa 170 Rabbiner und jüdische Gelehrte aus den USA, aus Kanada, England und Israel bestätigten dieses von vier nordamerikanischen Autoren unterzeichnete Dokument. Die in den acht Punkten von Dabru Emet enthaltene jüdische Dialogbereitschaft soll hier gegen die vatikanische Position kurz abgewogen werden.

In Dabru Emet wird speziell die katholische Kirche gelobt, weil sie seit einiger Zeit deutlich Reue über ihre Mißdeutungen und die daraus resultierende Verfolgung und Ermordung von Juden gezeigt hat. Die Erklärung beginnt mit der Feststellung:

„In den vergangenen Jahren hat sich ein dramatischer und beispielloser Wandel in den christlich-jüdischen Beziehungen vollzogen.”

In protestantischen und katholischen führenden Kreisen und Gremien sei in letzter Zeit die Reue (teschuwa) über den christlich geprägten Antisemitismus und über die geistig-religiös mitverschuldete Schoa nachhaltig zum Ausdruck gekommen.

Der stete und ungekündigte Bund Gottes mit dem Volk Israel und der Beitrag dieses Volkes „zur Weltkultur und zum christlichen Glauben“ werden christlicherseits gewürdigt. Diese und andere Veränderungen „verdienen eine wohl bedachte jüdische Antwort“. Es sei an der Zeit, „die christlichen Bemühungen um eine Würdigung des Judentums“ zur Kenntnis zu nehmen. Folgende acht gemeinsame Bezugspunkte werden in Dabru Emet aufgezählt:

  1. Juden und Christen beten den gleichen Gott an: „den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Schöpfer von Himmel und Erde“.
  2. Beide Gruppen stützen sich auf die Autorität der hebräischen Bibel.
  3. Christen können den Anspruch des jüdischen Volkes auf das Land Israel respektieren.
  4. Die moralischen Prinzipien der Tora werden von beiden anerkannt.
  5. Der Nazismus war kein christliches Phänomen.
  6. Die jüdisch-christlichen Glaubensdifferenzen werden erst ausgeräumt werden, wenn Gott die ganze Welt erlösen wird.
  7. Ein verbessertes Verhältnis zwischen Juden und Christen wird das Judentum nicht schwächen.
  8. Juden und Christen müssen sich gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.

Diese jüdisch motivierten Aussagen samt ihren Kommentierungen und Ergänzungen könnten als Vorbild für ein neu zu besprechendes Dominus Iesus dienen. Bei allen Aussagen über religiöse und gesellschaftliche Differenzen und Verknüpfungen geht es auch um Klarstellungen des gemeinsamen Erbes und gemeinsamer Hoffnungen sowie um „Reinigung der Wege” zu vereintem Handeln für Frieden und Frömmigkeit. Die Besonderheiten im Glauben sollten im Rahmen von Erneuerungszielen anerkennend in Erinnerung gerufen werden. Ohne Konkurrenzfurcht könnte so das Miteinander durch jüdisch-christlichen Austausch erprobt werden.

Besser als in Dominus Iesus und näher an der Denkweise der Verfasser von Dabru Emet hat Kardinal Ratzinger in seiner Meditation die jüdischen und christlichen Besonderheiten und Gemeinsamkeiten hervorgehoben. Gott hat sich bereits in biblischer Zeit daran gewöhnt, mit den Menschen zu sein. Für das Christentum ist Jesus die personale Verdeutlichung der Gemeinschaft des Gottes Israel mit den Menschen.

Mit diesem Text wird von Joseph Ratzinger ein Tor zum jüdischen Volk hin geöffnet, das vor den Päpsten Johannes XXIII. und Johannes Paul II. kaum einer der römischen Wächter der katholischen Rechtgläubigkeit zu öffnen gewagt hätte. Christen und Juden sollen gemeinsamer Glaubensinhalte bewußt werden. Zusammenarbeit im Hinblick auf das kommende und heranreifende „Reich des Ewigen“ beruhen weitgehend auf der Kenntnis und Anerkennung der inneren religiösen Motivationen und Anliegen des Gegenübers. Ähnlich wie Dabru Emet ist auch die Meditation von Kardinal Ratzinger ein Hoffnungszeichen für eine jüdisch-christliche Zukunft.


Die deutsche Erstveröffentlichung (Übersetzung von Titus Lenherr, Rom) dieser Meditation von Joseph Kardinal Ratzinger erschien in HEUTE in Kirche und Welt, Zeitschrift der Katholischen Integrierten Gemeinde, Nr. 2/Februar 2001.
  1. Vgl. Michael J. Rainer (Hg.), Dominus Iesus, Anstößige Wahrheit oder anstößige Kirche? Wissenschaftliche Paperbacks 9, Münster 2001. Darin findet sich sowohl der Wortlaut von „Dominus Iesus” als auch das Interview, das Kardinal Ratzinger der F.A.Z. im Zusammenhang mit den heißen Diskussionen um dieses Dokument gegeben hat. Ferner enthält das Buch Stellungnahmen von 35 Wissenschaftlern und theologischen Journalisten.
  2. Dabru Emet − Redet Wahrheit (Sach 8,16). Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum, FrRu 8(2001)114−117).


top