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Markus Schreiber

Geschichte der Marranen

Im April des Jahres 1659 starb in Antwerpen ein etwa siebzigjähriger Portugiese, der kurz zuvor aus Madrid zugezogen war und dessen Witwe, während sie eine katholische Beerdigung vortäuschte, den Leichnam des Gatten heimlich nach Holland verbringen und auf dem Friedhof der sephardischen Gemeinde Amsterdams in Ouderkerk bestatten ließ. Als die Leitung der Gemeinde davon erfuhr, wurde dieser Fernando Montesinos exhumiert, feierlich beschnitten und – mit dem neuen Namen David Arari – unter großer Anteilnahme wieder beerdigt.

Wer war dieser Mann, der unter den portugiesischen und spanischen Juden Amsterdams als einer der ihren angesehen wurde, während er in den Spanischen Niederlanden als bedeutender katholischer Geschäftsmann des Kastilien der Jahrhundertmitte galt, der – neben seinem Wollhandel – das dortige Salzgeschäft beherrscht, spanische Plätze in Nordafrika mit Waffen und Getreide versorgt und als Gläubiger Philipps IV. nicht unwesentlich zu dessen Kriegsfinanzierung beigetragen hatte?

Wer war dieser Mann, der Ende des 16. Jahrhunderts in dem nordostportugiesischen Städtchen Vila Flor als Fernão Lopes Telles geboren wurde und als junger Kaufmann nach Kastilien auswanderte, um dort mit dem neuen Namen Fernando Montesinos die Identität zu wechseln und in der Hauptstadt des spanischen Weltreiches eine prominente wirtschaftliche Rolle zu spielen, zugleich aber geschäftliche und private Beziehungen zu Juden in den rebellischen Niederlanden, die mit Spanien im Krieg standen, zu unterhalten?

Während uns in den Papieren verschiedener königlicher Räte der erfolgreiche Geschäftsmann begegnet, tritt uns in den Akten der Inquisition ein des Judaisierens Angeklagter entgegen, der mindestens zehn Jahre seines Lebens in den cárceles secretas der Inquisition verbrachte. Fernando Montesinos war Marrane, ein getaufter iberischer Jude, der mit dem Tod zur Religion seiner Vorfahren zurückkehrte.

Juden und Marranen im spätmittelalterlichen Spanien

Die Frage nach den Ursprüngen der marranischen Geschichte führt zurück auf die mittelalterliche Iberische Halbinsel mit ihrer konfliktreichen wie friedlichen Verbindung islamischer, christlicher und jüdischer Geschichte. In dieser komplexen, durch vielfältige gegenseitige kulturelle Einflüsse geprägten Welt hatte sich eine blühende jüdische Gemeinschaft herausgebildet, deren Spielraum allerdings im Hoch- und Spätmittelalter schleichend, dann dramatisch eingeengt und schließlich ganz ausgelöscht wurde.

In diesen Jahrhunderten verschlechterten sich die Rahmenbedingungen jüdischen Lebens in der ganzen christlichen Welt. Erwähnt seien die Massaker des Jahres 1096 an den rheinländischen Juden im Zusammenhang mit dem 1. Kreuzzug und die zunehmend feindselige Einstellung der Kirche, die sich etwa in den antijüdischen Bestimmungen des 4. Laterankonzils von 1215 oder dem bald darauf folgenden Talmudverbot äußerte.

Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Juden Englands des Landes verwiesen. Bald darauf setzte die Vertreibung aus Frankreich ein, die erst im späten 15. Jahrhundert ihren Abschluß finden sollte. Mitte des 14. Jahrhunderts rollten – begleitet von der Großen Pest – blutige Judenpogrome über Deutschland hinweg. Schließlich wurde auch die Iberische Halbinsel von dieser antijüdischen Welle erfaßt. 1391 zogen, – von Andalusien ausgehend, kirchlich gesteuerte Schlägertrupps von „matadores de judíos”, „Judenschlächtern”, eine Blutspur durch das Land. Die Bilanz war für das spanische Judentum verheerend: Tausende von Toten, zerstörte Gemeinden sowie eine große Zahl unter dem Druck nackter Gewalt konvertierter jüdischer „Neuchristen”. Spätestens mit diesem Zeitpunkt beginnt die Geschichte der getauften iberischen Juden, der Marranen.

Die Neuchristen des Jahres 1391 – deren Bekenntnis zum Christentum in vielen Fällen nicht sehr tief ging – vervielfachten eine kleine Zahl getaufter Sephardim, die schon früher zum Christentum übergetreten waren: erfolgreiche jüdische Geschäftsleute, die sich am Hof und im Kreis der Mächtigen bewegten, sich – in einem vergleichsweise offenen Umfeld – akkulturierten und schließlich konvertierten. Auch nach 1391 setzten sich Konversionen iberischer Juden – unter mehr oder weniger großem Druck – fort. Während sich das Judentum Spaniens bzw. Kastiliens und der Krone Aragoniens einem Erosionsprozeß ausgesetzt sah, eroberten die Marranen im Laufe des 15. Jahrhunderts, nachdem die für Juden geltenden Schranken für sie weggefallen waren, erfolgreich neue Lebensbereiche.

Die Reaktion der „altchristlichen“ Mehrheit auf dieses als problematisch empfundene Nebeneinander von jüdischer und marranischer Minderheit erwies sich als Sprengsatz. Durch sie wurde eine für Juden wie Neuchristen gravierende Entwicklung forciert, deren Dreh- und Angelpunkt die „Marranenfrage” bildete und welche die Geschichte von getauften Juden und Sephardim eng verzahnte. Vor allem Kirchenmänner witterten einen negativen religiösen Einfluß der Sephardim auf die getauften Juden, so daß Forderungen nach einer Ausweisung der Juden immer lauter wurden. Zugleich bemühten sich Kirche und Krone aber auch erfolgreich um einen weiteren Ansatz ihres Vorgehens gegenüber den Neuchristen: 1478 wurde die Spanische Inquisition gegründet, deren Vorgeschichte und ersten Jahrzehnte ausschließlich von der marranischen Geschichte geprägt waren.

Vertreibung und Taufe

In dem Jahr, in dem mit der Einnahme Granadas durch die Katholischen Könige die muslimische Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel nach acht Jahrhunderten zu Ende ging und Kolumbus der spanischen und europäischen Geschichte eine neue Dimension eröffnete, stellten Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien die Juden ihrer Königreiche vor die Alternative, entweder auszuwandern oder zum Christentum überzutreten. Diese Ausweisung – ein Marksteine jüdischer Geschichte, der sich tief in das kollektive Bewußtsein eingrub – zeitigte unabsehbare Folgen: Sie hinterließ eine gravierende Lücke im Land, läutete die Geschichte des sephardischen Judentums außerhalb der Iberischen Halbinsel ein und trug entscheidend dazu bei, daß sich die Geschichte der Marranen in ein internationales Phänomen wandelte. Von den weniger als 100 000 spanischen Juden konvertierte 1492 ein Teil. Die Mehrheit wanderte aus: in die islamische Welt, in geringem Maße nach Italien, in erster Linie aber nach Portugal.

Dieses kleine Land am Rande Europas mit nicht mehr als einer Million Einwohner, dessen Seefahrer, Kaufleute und Adlige in jenen Jahren im Begriff standen, ein vier Kontinente verbindendes Weltreich aufzubauen, beherbergte eine jüdische Gemeinschaft von etwa 30 000 Personen. Mit der Einwanderung von 60 000 bis 80 000 Sephardim aus Spanien war die Anzahl der jüdischen Bevölkerung war mit einem Schlag auf etwa zehn Prozent hochgeschnellt und führte zu wachsendem Widerstand aus der christlichen Umwelt. Die Juden Portugals, meist spanischer Herkunft, verfügten über enge Verbindungen zu den Neuchristen in Spanien. Auch zahlreiche getaufte Juden flohen vor der Spanischen Inquisition nach Portugal und hielten sich im Umfeld der jüdischen Gemeinden auf.

Die Katholischen Könige verlangten schon bald vom portugiesischen König, gegen die Marranen vorzugehen, vor allem aber die Juden auszuweisen. Nach 1496/97 gab der portugiesische König Emanuel I., der eine Tochter der Katholischen Könige zu heiraten beabsichtigte, dem inneren wie äußeren Druck nach. Da er aber aus politischen und wirtschaftlichen Gründen die Minderheit im Land halten wollte, wurde ein Ausweisungsedikt des Jahres 1496 in der Praxis so umgesetzt, daß 1497 fast alle Sephardim Portugals zwangsweise konvertiert wurden – ein in diesem Umfang beispielloser Vorgang mit schwerwiegenden Folgen.

Mit Beginn der Neuzeit war nun in Spanien wie in Portugal das sephardische Judentum als offen gelebte Religion verschwunden, untergründig bestand es aber in beiden Ländern in einer bedeutenden marranischen Minderheit fort, deren Geschichte allerdings jeweils recht unterschiedlich verlief.

Zwischen Integration und Ausgrenzung im Spanien des 16. Jahrhunderts

In Spanien dauerte die massive Verfolgung der getauften Juden oder "conversos" durch die Inquisition bis in die 20er Jahre des 16. Jahrhunderts hinein an. Dann sinken die Zahlen der Verurteilten. Religiöses Erbe und Bewußtsein der jüdischen Abstammung gingen langsam verloren, der innere Zusammenhalt der Marranen wurde schwächer, während sie – ein Prozeß, der schon im Spätmittelalter eingesetzt hatte – in Institutionen und Bereichen, die Juden verschlossen waren, Fuß fassen konnten. Sie spielten zunehmend in Kirche und Orden, in Universitätskollegien und Universitäten, in Staat, Militär und Stadtregierungen eine Rolle. Sie stiegen in den Adel auf und erwarben Seigneurien. Im 16. Jahrhundert lösten sich die conversos langsam in der spanischen Gesellschaft auf.

Allerdings verlief dieser Prozeß keineswegs ohne Widersprüche und Ausnahmen, denn in dem Maße, in dem die Marranen im Begriff standen, in der christlichen Gesellschaft aufzugehen und aufzusteigen, formierte sich Widerstand. Vor allem die lokalen und regionalen Eliten leisteten erbitterten Widerstand. Ausgehend von der Theorie der sogenannten Reinheit des Blutes, der „limpieza de sangre”, führten viele kirchliche wie weltliche Institutionen Statuten der „Blutsreinheit” ein, mit denen Personen jüdischer Abstammung ausgeschlossen wurden.

Neben diesen Gegenbewegungen lassen sich aber auch Ausnahmen der Assimilation nachweisen. In der Mancha oder im südlichen León etwa hatten Ende des 16. Jahrhunderts einige marranische Inseln überlebt. Die marranische Minderheit im frühneuzeitlichen Portugal In Portugal bietet sich ein radikal anderes Bild. Die portugiesischen Marranen überlebten als Minderheit mit einem starken Zusammenhalt, einer außerordentlich lebendigen kryptojüdischen Tradition sowie weit geringeren Tendenzen, in die Bereiche einzudringen, in denen die spanischen conversos erfolgreich waren. Dafür spielten sie eine um so bedeutendere Rolle im nationalen wie internationalen Handel und im Geldgeschäft.

Der portugiesische König wußte sehr wohl, warum er die Neuchristen im Land halten wollte. Dazu machte er ihnen nach der Konversion ein entscheidendes Zugeständnis: Es sollte in den ersten Jahrzehnten keine Inquisition oder andersgeartete Verfolgung in religiösen Angelegenheiten geben! Erst Mitte des 16. Jahrhunderts änderte sich die Situation grundlegend mit der jahrelang erbittert umkämpften Einführung der Inquisition, welche die abgelegenen Regionen Nordostportugals, neben Lissabon das Zentrum der portugiesischen Marranen, erst um 1580 erreichte – fast ein Jahrhundert nach der Zwangstaufe!

Die ersten Berichte der Visitationen der Inquisitoren in diesen peripheren Gebieten des Landes müssen für Inquisitionsrat und Generalinquisitor in Lissabon schockierend gewesen sein. In vielen Städten und Dörfern in der Beira und Trás-os-Montes gab es eine zweigeteilte Gesellschaft. Eine „altchristliche” Mehrheit stand einer nur äußerlich christianisierten Minderheit gegenüber, die nicht bereit war, ihr jüdisches Erbe aufzugeben. In dieser von Verdächtigungen, Drohungen und Widerstand, von wirtschaftlichen und sozialen Erfolgen wie Niederlagen geprägten Welt wuchs der eingangs vorgestellte Fernão Lopes Telles alias Fernando Montesinos auf.

Die Portugiesische Inquisition stand vor einer gewaltigen Aufgabe. Von den 10 559 Prozessen von Coimbra zwischen 1541 und 1820 sind 10 374 genauer bekannt. 83,4 Prozent standen unter der Anklage des Judaisierens. Derartige Verfahren machten in den Jahren 1567–1605 88 Prozent der Prozesse Coimbras aus. In Évora fällten die Inquisitoren in den Jahren 1533–1668 8644 Urteile. 84 Prozent bezogen sich auf den Vorwurf, heimlich dem Judentum anzuhängen. In dieser engen Ausrichtung unterscheidet sich die portugiesische Inquisition deutlich von der breiter agierenden spanischen. Darin zeigt sich aber auch das besondere Gewicht der Marranen in der frühneuzeitlichen portugiesischen Gesellschaft.

Wirtschaftliche Interessen und der Wunsch, zum Judentum zurückzukehren, soziale Ausgrenzung, ja Haß, der bis zur blanken Gewalt gehen konnte, sowie die kontinuierliche Inquisition führten zu einer massiven marranischen Auswanderung, die im frühen 16. Jahrhundert einsetzte und Jahrhunderte anhielt. Zerrieben zwischen Emigration und Verfolgung versank die marranische Minderheit, nachdem im späten 18. Jahrhundert die rechtliche Diskriminierung der portugiesischen Neuchristen durch den Marquês de Pombal aufgehoben worden war, in der Bedeutungslosigkeit.

Die marranische Renaissance im Kastilien des 17. Jahrhunderts

Seit dem späten 16. Jahrhundert emigrierten die portugiesischen Marranen in großer Zahl nach Kastilien, wo sie – zusammen mit den versprengten Resten der kastilischen conversos – eine erstaunliche Renaissance der marranischen Minderheit einleiteten. Im Kastilien des 17. Jahrhunderts eroberten sie eine überragende wirtschaftliche Position, vor allem als Partner der Krone. Allerdings formierte sich sehr bald erbitterter Widerstand der städtischen Oligarchien Kastiliens, denen der wirtschaftliche und soziale Aufstieg der Marranen ein Dorn im Auge war. Hinzu kam die vehemente Ablehnung der Stärkung des absolutistischen Staates durch dessen Zusammenarbeit mit der marranischen Geschäftswelt.

Diese Opposition gegen Neuchristen und Krone spielte wahrscheinlich eine entscheidende Rolle, daß sich Mitte des 17. Jahrhunderts der auf die Marranen ausgeübte Druck der Inquisition schlagartig erhöhte und zu einem jahrzehntelangen Feldzug gegen die häufig kryptojüdischen Neuchristen führte. Die bemerkenswerte Geschichte der zumeist portugiesischen Marranen läßt sich an der Biographie von Fernando Montesinos ablesen, der um 1610 ins Land kam, als Kaufmann und Geschäftspartner Philipps IV. große wirtschaftliche Erfolge feiern konnte, schließlich aber unter dem existenzbedrohenden Druck der religiösen Verfolgung das Land verlassen mußte.

Die Glaubenshüter vermochten es in den letzten Jahrzehnten der Herrschaft der spanischen Habsburger allerdings nicht, der marranischen Minderheit in Kastilien den Todesstoß zu versetzen. Dies blieb der Inquisition der frühen Bourbonenzeit vorbehalten. 1718–1725 wurde die jüdische Minderheit von einer Verfolgungswelle überrollt, welche die des 17. Jahrhunderts an Intensität in den Schatten stellte. Die Marranen haben sich davon nicht mehr erholt.

Auswanderung und Rückkehr zum Judentum

Die Migration der iberischen Neuchristen – vor allem der portugiesischen – verlieh ihrer Geschichte in der Frühen Neuzeit sehr bald schon eine internationale Dimension, die nicht zuletzt geprägt war von einem weltweiten Netz marranischer Wirtschaftsbeziehungen. Portugiesische und spanische Neuchristen gelangten im Zuge der iberischen Expansion nach Hispanoamerika und Afrika, nach Brasilien und Asien, Kolonien, in deren Wirtschaftsleben Marranen im 16. und 17. Jahrhundert – trotz kontinuierlicher Inquisitionsverfolgung – eine wichtige Rolle spielten, ehe sie dort im Lauf des späten 17. und 18. Jahrhunderts infolge mehr oder weniger erzwungener Anpassung und Auswanderung „verschwanden”.

Ephraim Bueno

Ephraim Bueno1 (1599–1665) von Jan Lievens (Leiden 1607–1674, Amsterdam) um 1655–1660.
Kupferstich, Amsterdams Historisches Museum.

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich in den Spanischen Niederlanden. In Antwerpen existierte bis ins späte 17. Jahrhundert hinein eine bedeutende Niederlassung portugiesischer Geschäftsleute, fast ausnahmslos Marranen, unter ihnen Fernando Montesinos. Die marranische Auswanderung in nicht unter spanischer Herrschaft stehende europäische Länder zeitigte erstaunliche Folgen. In Italien – vor allem in Venedig und im Großherzogtum Toskana der Medici – konnten sie unbehelligt wieder zum Judentum zurückkehren. Die bedeutende sephardische Gemeinde in Livorno mit etwa 3000 Mitgliedern im Jahre 1700 erwuchs fast ausnahmslos aus diesen neuchristlichen Wurzeln.

Während in verschiedenen italienischen Territorien die Konversion zum Judentum stillschweigend toleriert wurde, war in Frankreich dieser Schritt in seiner letzten, formalen Konsequenz nicht möglich. Allerdings entstanden im Südwesten des Landes – vor allem in Bayonne und Bordeaux – unter dem Deckmantel des Christentums jüdische Gemeinden, die in dieser Verkleidung mehr als zwei Jahrhunderte toleriert wurden, ehe im Zuge der Französischen Revolution offizielle jüdische Gemeinden daraus hervorgehen konnten.

In eine besondere Erfolgsgeschichte aber mündete die marranische Einwanderung in das protestantische Europa. So ließen sich an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in den Niederlanden portugiesische Kaufleute jüdischer Abstammung nieder, die zunächst als Katholiken auftraten, sich aber bald als Juden zu erkennen gaben und als solche toleriert wurden. In der Folge entstand eine Reihe blühender sephardischer Gemeinden, die im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben der jungen Handels- und Weltmacht eine nicht geringe Rolle spielten und deren wichtigste – Amsterdam – sich im 17. Jahrhundert zu einem der bedeutendsten Zentren der jüdischen Welt entwickelte.

In ähnlicher Weise entstanden Anfang des 17. Jahrhunderts sephardische Gemeinden in Hamburg und London. Das marranische Erbe ging in jüdischen Gemeinden auf. Nur in Palma de Mallorca haben sich die sogenannten Chuetas als jüdische Minderheit bis in unsere Tage behauptet, allerdings das religiöse Erbe ihrer sephardischen Vorfahren verloren. Im abgelegenen Nordostportugal überlebten kleine kryptojüdische Inseln, deren Existenz erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. In deren Lebenswelt spiegelt sich noch ein wenig die zweigeteilte Gesellschaft vieler nordostportugiesischer Dörfer und Städte des 16. und 17. Jahrhunderts. In dieser kleinen Welt manifestiert sich aber auch eine einzigartige Geschichte, die sechshundert Jahre zuvor in Spanien begonnen hatte.


Dr. Markus Schreiber arbeitet als Lektor und Historiker in München. Er studierte Geschichte und Romanistik in München, Freiburg, Madrid und Salamanka. Der Beitrag ist ein geringfügig überarbeiteter Vortrag, der am 22. November 2000 im Rahmen der 14. Jüdischen Kulturtage in München im Instituto Cervantes gehalten wurde.
  1. Ephraim Hezekia ben Joseph Bueno, Arzt und Schriftgelehrter, finanzierte die wichtigsten Bücher für die zum Judentum zurückgekehrten „Conversos“ (Anm.de.Red.).

Literatur:
  • Henri Méchoulan (Hg.), Les Juifs d’Espagne, histoire d’une diaspora, 1492–1992, Paris 1992. Israël S. Révah, Les Marranes, in: Revue des Études Juives 118, 1959.
  • Cecil Roth, A History of the Marranos, New York 1974.
  • Markus Schreiber, Marranen, Krone, Inquisition und Gesellschaft im Kastilien des 17. Jahrhunderts, in: Saeculum 45, 1994, 265–305.
  • Ernst Schulin, Die spanischen und portugiesischen Juden im 15. und 16. Jahrhundert. Eine Minderheit zwischen Integrationszwang und Verdrängung, in: Die Juden als Minderheit in der Geschichte, hg. von Bernd Martin und Ernst Schulin, München 19853.

Jahrgang 8/2001, Heft 3, S. 182−189.


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