Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 1237  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Mark Zonis

Isaak Babel

Ein Martyrium unter Stalin

Isaak Emmanuilowitsch Babel wurde am 13. Juli 1894 in Odessa als Sohn eines jüdischen Händlers geboren. Er erhielt Französisch-, Englisch- und Deutschunterricht sowie Hebräisch- und Bibelunterricht. Als Kind war er Augenzeuge der Judenpogrome in Odessa. 1911 bis 1915 studierte er am Kiewer Finanz- und Handelsinstitut und schrieb seine ersten Erzählungen in Französisch. 1917–1924 ging Babel auf Anraten des Schriftstellers Maxim Gorkij „unter die Menschen“. Als Soldat der Roten Armee kämpfte er in Semjon M. Budjonnyjs Reiterarmee. Er nahm am Feldzug der sowjetischen Armee gegen den weißrussischen General Nikolaj Judenitsch teil und 1920 am Russisch-Polnischen Krieg. Danach arbeitete er vorübergehend als Reporter und als leitender Angestellter einer Druckerei in Odessa. Seine Erlebnisse als Reporter in Petrograd und Tbilissi lieferten ihm das Material für das spätere Schreiben.

In Babels Geschichten ging die Welt der chassidischen Legenden, ihrer Magie und ihrer uralten Frömmigkeit eine unlösbare Verbindung mit moderner realistischer Darstellungsweise ein. So sind seine Geschichten zart und verwegen, melancholisch und ironisch, überweht von Träumen. Als eine Pressekampagne gegen ihn entfesselt wurde, war Maxim Gorkij der einzige, der zu ihm stand. Nachdem sich Gorkij – als letzte Hoffnung – bei Stalin für seinen Freund einsetzte, bekam Babel sogar die Erlaubnis, nach Paris zu gehen.

Isaak Babel 

Isaac Babel, 1937.
Aus: Antonina Piroshkowa, Ich wünsche Ihnen Heiterkeit, Verlag Volk & Welt, Berlin 1993.

Isaak Babel wurde der „Dichter der Revolution” genannt. Babels Prosa ist von lakonischer Dichte und besticht ebenso durch ihre gedrängte, expressive Sprache wie durch ihre kräftige, treffende Bildlichkeit. Ein charakteristisches Stilprinzip ist das Spiel mit gegensätzlichen Elementen: Zartes steht neben Derbem, Hohes neben Niedrigem, Erhabenes neben Vulgärem. Im Erzählzyklus "Geschichten aus Odessa" (1921–1924) zeichnet er ein Bild des jüdische Gettos vor und während der Revolution und entwirft ein farbiges Bild von Benja Krik, dem „König“ der Unterwelt von Odessa, und seiner aus zynischen Tagedieben, frommen Rabbinern, exzentrischen Kutschern und verschlagenen Kaufleuten bestehenden Umgebung. Wie in den "Erzählungen aus Odessa" führen auch die Dramen "Sonnenuntergang" (1928) und "Marija" (1935) zum Teil ins jüdische Milieu und bringen die Auflösung gesellschaftlicher Normen auf die Bühne. In der Sammlung "Die Reiterarmee" beschreibt Babel die Kämpfe der roten Kosaken gegen die Konterrevolution im Land und gegen die ausländische Intervention.

Die dreißiger Jahre waren die Zeit der Moskauer Schauprozesse der stalinistischen Zwangskollektivierung und eines neuen verschärften Drucks auf alle Intellektuellen. Von 1936 an fanden in Moskau die Prozesse gegen die sogenannten „Feinde des Volkes“ statt. Nacht für Nacht wurden Freunde und Bekannte verhaftetet. Der Komponist Dimitrij Schostakowitsch und der Filmregisseur Sergeij M. Eisenstein, Schöpfer des Films Panzerkreuzer Potemkin (1925), wurden schwer angegriffen. Auch der geniale Regisseur Wsewolod E. Meyerhold wurde ermordet. Daß Babel noch immer frei war, verdankte er Gorkij. Mit Gorkijs Tod (1936) verfiel er in Panik.

Im Januar 1939 wurde Ezov Jeschow, der als Volkskommissar des Inneren und als Vertrauensmann Stalins die zweite Phase der „Säuberungswelle” (1936–1938) geleitet hatte, verhaftet und im März 1939 erschossen. Zwei Monate später, am Morgen des 15. Mai 1939, wurde Babel in seinem Haus in Peredelkino bei Moskau verhaftet und alle seine Manuskripte beschlagnahmt. Sein Name wurde aus der offiziellen Literaturgeschichte und der Sowjetischen Enzyklopädie gelöscht. Schließlich wurde er wegen Zugehörigkeit seit 1927 zu einer trotzkistischen Organisation und wegen Spionage für den französischen und österreichischen Geheimdienst verurteilt. Unter anderem hatte Babel bekannt, sein Verbindungsmann zum französischen Geheimdienst, dem er Militärgeheimnisse der sowjetischen Luftwaffe verraten habe, sei der Schriftsteller André Malraux (1901–1976) gewesen. Babel starb 1941 in einem der sibirischen Arbeitslager „unter ungeklärten Umständen”. Fest steht, daß die stalinistischen Säuberungen auch vor diesem Klassiker der neueren russischen Literatur nicht haltgemacht hatten. Am 23. Dezember 1954 wurde er postum rehabilitiert.

Stalin starb am 5. März 1953, vierzehn Jahre nach dem Verschwinden Babels. Im Februar 1956 erstattete Nikita S. Chruschtschow seinen geheimen Bericht, in dem er einen winzigen Teil der unter Stalin begangenen Verbrechen enthüllte. Ilja Ehrenburg, der mit seinem Roman Tauwetter (1952) die gleichnamige Periode der kulturpolitischen Diskussion nach Stalins Tod eingeleitet hatte, gab 1957 Isaak Babels Geschichten in einer „gereinigten“ Auswahl neu heraus und erfand die Ausrede, Babel sei auf eine falsche Anzeige hin verhaftet worden. Es zeugt von erstaunlicher Phantasielosigkeit, daß den Verteidigern der sowjetischen Bürokratie nichts Besseres einfiel, als Babels Ermordung für einen Irrtum zu erklären oder auf angebliche Spionagetätigkeit zurückzuführen. Andere Schriften Babels, von Stalins GPU beschlagnahmt, sind entweder vernichtet worden oder werden vom KGB zurückgehalten. In der ex-sowjetischen Presse ist erst in den letzten Jahren Näheres über die Todesumstände des Schriftstellers Isaak Babel bekannt geworden.


Prof. Mark Zonis, geb. 1921 in Rumänien, studierte Sprachen und Geschichte an der Universität Odessa und Internationale Beziehungen in Frankreich. Nach seiner Emigration 1972 lehrte er in Frankreich, Spanien und Italien. Seit 1983 lehrt er an der VHS-Frankfurt.
Jahrgang 8/2001, Heft 1, S. 21−23.


top