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Wieland Zademach

Den Anderen aus dem Glauben verstehen lernen

Eine jüdische Theologie des Christentums ... J. J. Petuchowski zum Gedenken

„Eine jüdische Theologie des Christentums – und eine christliche Theologie des Judentums“, so ließe sich das wahrhaft ökumenische Programm zusammenfassen, dem sich der große Rabbiner und Gelehrte Jakob J. Petuchowski (1925–1991) zeitlebens verschrieben hatte. Anlässlich seines 20. Todestages (gest. am 12. November 1991)1 soll hier daran erinnert werden: an ein Lebenswerk, dessen vielfältige Impulse weiterwirken und das christlich-jüdische Gespräch tiefgreifend beeinflussen.

Kleine biografische Skizze

Jakob Josef Petuchowski stammt aus einer Familie des Berliner orthodoxen Judentums. Seit Generationen wurde hier die Berufung zum Rabbinat offensichtlich so überzeugend gelebt, dass sie jeweils wie selbstverständlich vom Vater auf den Sohn überging. Geboren wurde er am 30. Juli 1925 und erfuhr Bildung wie Erziehung in der „Adass-Jisroel“-Gemeinde, deren Schulen einen hervorragenden Ruf besaßen. In der Tradition des großen jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn wurde hier versucht, „die strenge Beobachtung des jüdischen Ritualgesetzes mit voller Teilnahme an der westlichen Kultur zu verbinden“.2

Diese prägende Erfahrung nahm er mit, als er nach der Schließung der Schule durch die Nationalsozialisten im Mai 1939 mit einem Kindertransport Deutschland in Richtung Schottland verließ, um dort dann als Sechzehnjähriger im Jahre 1941 am Glasgow Rabbinical College sein Studium aufzunehmen. Allerdings sind dort den Talmudjüngern „weltliche“ Studien strengstens untersagt. Er ist enttäuscht und vermisst schmerzlich die gewohnte Verbindung traditioneller Observanz mit westlicher Kultur. Später resümiert er, „dass diese Feindschaft dem ‚weltlichen’ Studium gegenüber der Grund für meine Abkehr von der jüdischen Orthodoxie gewesen ist“.3

Mit der Unterstützung von Rabbiner Dr. Harold F. Reinhart, dem damaligen Repräsentanten des britischen Reformjudentums, setzte Petuchowski seine Studien in London fort. Schwerpunkte waren dabei neben dem Studium des Judentums Psychologie, Philosophie, Logik, römische Geschichte und englische Literatur. 1947 erlangte er den B. A. Honours Grad der Universität in London.

Zum wichtigsten Lehrer seiner Londoner Studienjahre wurde Rabbiner Leo Baeck, der ihn im Privatunterricht in das Studium des Midrasch einführte – was für sein Lebenswerk prägend werden sollte. Denn so wie der Midrasch als Auslegung der Bibel in der Spätantike Antwort zu finden versuchte auf die Herausforderungen durch den Hellenismus, den Gnostizismus und das sich entwickelnde Christentum, so wurde es später zum Programm Petuchowskis, das große Erbe des Judentums mit Hilfe seines fundierten Wissens jüdischen Menschen des 20. Jahrhunderts als bewohnbares Haus des Lebens heute weiterzugeben und es als eigenständige Tradition christlichen Menschen nahe zu bringen.

Der Kontakt zu Leo Baeck blieb auch in Amerika bestehen. Auf dessen Vermittlung nahm J. J. P. ein weitergehendes Studium am reformierten Hebrew Union College in Cincinnati auf und übersiedelte 1948 in die USA – in Begleitung seiner 1946 geehelichten Frau Elizabeth, mit der er später drei Söhne bekam. Weil Leo Baeck 1948 ebenfalls nach Cincinnati berufen wurde, konnte Jakob ihn weiter hören, ebenso wie Samuel S. Cohon, dessen Nachfolger in den Fächern jüdische Theologie und Liturgie er schließlich wurde und die er bis an sein Lebensende in Cincinnati lehrte.4

Ab 1973 besuchte Petuchowski immer wieder Deutschland; zunächst nach großer innerer Überwindung, dann zunehmend interessierter am Austausch mit vielen nicht nur akademischen Freunden und Kollegen in der BRD und in vielen europäischen Ländern, wo der jüdisch-christliche Dialog sich zu entwickeln begann und er eine Fülle von Gastprofessuren bekleidete und mit zahlreichen Ehrungen bedacht wurde. Als er nach einer Herzoperation am 12. November 1991 verstarb, war die Zahl der Nachrufe Legion. Gemäß seiner Maxime der Zusammengehörigkeit von Forschung und Gemeindepraxis war er zudem seit 1956 Jahr für Jahr tätig in einer kleinen jüdischen Gemeinde in Laredo, Texas, um dort an Hohen Feiertagen als Rabbiner zu wirken und seelsorgerlich und liturgisch tätig zu sein.

Gelehrter Rabbiner

Nur ein Jahr nahm er die Aufgaben eines Rabbiners vollberuflich wahr, dann aber während seiner jahrzehntelangen Lehrtätigkeit nebenamtlich und regelmäßig in jener texanischen Gemeinde. Für sein Verständnis von der Berufung zum Rabbiner war besonders wichtig die Wechselbeziehung zwischen den priesterlichen und den prophetischen Elementen in der Persönlichkeit sowie die Kompetenz in der Auslegung der Schrift, verbunden mit der Kunst des Formulierens von Herz und Verstand anregenden Merksätzen und Gleichnissen.

Rabbiner Petuchowski
Rabbiner Petuchowski (li.), bei einer Bar Mizwah in Laredo, Texas, am 5. September 1980. Foto: privat. 

Petuchowski zitierte öfter den berühmten Rabbiner Israel Kahan, der diesen Sachverhalt dialektisch auf den Punkt gebracht hat: „Kein Rabbiner, den die Gemeinde nicht zu der einen oder anderen Zeit zu entlassen wünscht, ist ein wirklicher Rabbiner. Aber kein Rabbiner, den die Gemeinde tatsächlich entlässt, ist ein wirklicher Mensch.“5

Bei der Amtseinführung seines Sohnes Aaron Mark Petuchowski zum Hauptrabbiner der Gemeinde Temple Sinai in Roslyn, New York, enthüllte Petuchowski eine historische Reminiszenz, die für ihn geradezu zu einem familienbiografischen Paradigma geworden ist.

Von Franz Rosenzweig, dem sich Jakob stets sehr verbunden wusste, ist die Geschichte überliefert, wie er am Jom Kippur des Jahres 1913 noch einmal in die Synagoge ging in der Absicht, sich vom Judentum endgültig zu verabschieden und danach taufen zu lassen – unter dem Einfluss seines Vetters Rudolf Ehrenberg. Die Predigt jedoch, die er dann hörte, kehrte ihn zuinnerst um und bestärkte ihn in einer neu gewonnenen Treue zum Judentum, – der Beginn einer großen Laufbahn als Lehrer einer ganzen Generation deutscher Juden.

Der damalige Prediger war Jakobs Großvater, Dr. Markus Petuchowski, dessen Authentizität die lebensgeschichtliche Wende bei Rosenzweig beförderte, auch wenn er nicht wusste, wer da unter seiner Kanzel saß. Aus diesem Geschehen leitet dessen Enkel so etwas wie ein „Petuchowskisches Gesetz“ ab, eine „Herausforderung für alle, die Petuchowski heißen und die sich mit rabbinischen Dingen beschäftigen. Man kann nie sicher sein, ob es da einen anderen potenziellen Franz Rosenzweig gibt, der in der Gemeinde sitzt, einer, der dabei ist, entweder zum Judentum zurückzukehren oder sich gänzlich davon abzuwenden, und zwar in Abhängigkeit davon, wie wir authentische jüdische Lehren und wahre jüdische Ideale von unseren Kanzeln vermitteln.“6

Von seinem Selbstverständnis her wäre Petuchowski wohl als Fundamentaltheologe zu bezeichnen. Für ihn hat jüdische Theologie die Aufgabe, die religiöse Tradition einerseits innerhalb der jüdischen Gemeinschaft rational auszulegen, und andererseits nach außen zu vertreten und nötigenfalls zu verteidigen. Dass er dabei aber alles andere als ein Fundamentalist ist, das zeigt sehr anschaulich sein Verständnis der Offenbarung wie auch sein Umgang mit der Tradition. Talmud und Midraschim als Verschriftlichung der mündlichen Tora sind für ihn ebenso Offenbarung vom Sinai als deren gleichsam geschichtliche Ausdehnung. Quasi zum Dogma erhoben war immer nur der göttliche Ursprung der Tora, der schriftlichen wie auch der mündlichen; über das ‚Wie’ und das ‚Wann’ kann durchaus rational argumentiert werden. Wenn Offenbarung die Überbrückung des Abgrundes zwischen Gott und Mensch bedeutet, dann haben daran beide Seiten Anteil.

Entsprechend ist die Tora als Gabe der Offenbarung Gotteswort im  Menschenwort: menschliche Reaktion auf Erlebnisse der Offenbarung, das heißt menschliche Interpretation der Offenbarung. Das führt zwangsläufig zu Meinungsunterschieden bei den Theologen, die ihren Streit um das rechte Verständnis der Offenbarung niemals endgültig werden schlichten können. Seine Grenze allerdings – und darin die Abwehr von jedem Fundamentalismus – findet dieser schöpferische Streit in dem Bewusstsein, dass es nur eine Quelle der Wahrheit gibt, aus der die Bibel wie auch die Wissenschaft entstanden sind.7

Ökumenische Neuansätze

Mit dem Begriff des Ökumenischen ist hier jene Bemühung auf jüdischer wie auf christlicher Seite gemeint, nach Bezugspunkten von Nähe, Verstehen und Gemeinsamkeit in der jüdisch-christlichen Differenz zu fragen und eine Solidarität angesichts bleibender Eigenständigkeit, Andersheit und Fremdheit zwischen Judentum und Christentum zu praktizieren:

„Was uns also nottut, ist eine jüdische Theologie des Christentums und eine christliche Theologie des Judentums.“8

Dieses Gegenüber der beiden Theologien charakterisiert Petuchowski mit der Kategorie der Interpretation:

„Das Neue Testament ist eine ‚Interpretation’ der hebräischen Bibel und die patristische Literatur eine ‚Interpretation’ des Neuen Testaments, der Talmud eine andere ‚Interpretation’ des Neuen Testaments [...] oder vielmehr eine Sammlung von Interpretationen.“9

Mit dieser Rede von der doppelten Interpretation der hebräischen Bibel nimmt Petuchowski in nuce eine Position vorweg, welche etwa die Päpstliche Bibelkommission in ihrem Dokument „Das jüdische Volk und seine heilige Schrift in der christlichen Bibel“ vom 24. Mai 2001 bekräftigt hat, nämlich mit der ausdrücklichen Anerkennung, dass es eine jüdische und christliche Auslegungstradition des Alten Testamentes gibt, die sich gegenseitig ihr Recht nicht streitig machen dürfen.10

Eine gewisse Asymmetrie besteht dabei allerdings darin, dass das Christentum eine christliche Theologie des Judentums weit mehr benötigt als das Judentum eine jüdische Theologie des Christentums, weil das Judentum ja aus seinen eigenen Quellen und Erfahrungen lebt, wie sie sich niedergeschlagen haben in der hebräischen Bibel und der rabbinischen Literatur. Es geht darum, dass sich aus der gemeinsamen hebräischen Bibel zwei verschiedene legitime Religionen entwickelt haben, die sich ihres unlösbaren Zusammenhangs im göttlichen Plan in Zeit und Ewigkeit bewusst werden sollen.

Genau genommen haben wir es tatsächlich sogar mit drei verschiedenen Traditionen zu tun, die seit zweitausend Jahren – wie auch immer – koexistieren: eine jüdische, eine christliche und eine Tradition, die sowohl Juden als auch Christen gemeinsam ist.

Eben um diese dritte Tradition geht es Petuchowski. Zu vermeiden ist bei solchen jüdisch-christlichen Studien sowohl ein billiger Synkretismus11 wie auch eine kämpferische Apologetik. Es geht aber auch um mehr als ein lediglich historisches oder allgemein wissenschaftliches Interesse, denn Juden und Christen leben nach wie vor als Juden und Christen und repräsentieren lebendige Traditionen. Neben der wissenschaftlichen Erhellung geschichtlicher Entwicklungen ist es deshalb vor allem wichtig, den Anderen aus dem Inneren seines Glaubens her verstehen zu lernen. Bei dieser „wahrhaft kopernikanischen Revolution im jüdischen wie im christlichen Denken“ wird man sich die neuralgischen Punkte der Vergangenheit ebenso vornehmen, wie man dem Gemeinsamen und dem bleibend Trennenden den angemessenen Stellenwert neu zumessen wird. Jüdische Theologie des Christentums und christliche Theologie des Judentums wird „von Menschen betrieben werden, die sich nicht gegenseitig als Konkurrenten um Gottes Gunst betrachten“, sondern von Menschen, „die sich gegenseitig als Arbeiter in demselben Weinberg, als Diener desselben Herrn anerkennen und schätzen“.12

Sein Zukunftsprojekt einer jüdischen Theologie des Christentums beförderte Petuchowski auf eine doppelte Weise. Inhaltlich bedachte er weitere theologische Motive und Themen für eine solche Theologie. Und organisatorisch begann er mit der wissenschaftlichen Verankerung dieser Perspektive, indem er eine Projektdisziplin gemeinsamer jüdisch-christ- licher Studien zu etablieren versuchte. Der für das christlich-jüdische Gespräch entscheidenden Frage, ob denn die Christen auch zum Sinai-Bund gehören, nähert er sich über die Erkenntnis, dass der Gott, der mit der ganzen Menschheit den Noah-Bund und mit Israel den Sinai-Bund geschlossen hat, per definitionem in seinen Bundesschließungen nicht beschränkt werden darf:

„Der Sinaibund hat für die jüdische Glaubensgemeinschaft den Noahbund ergänzt, aber nicht aufgehoben. Könnte man in gleicher Weise von dem Kalvarienbund sprechen, der für einen bestimmten Teil der Menschheit den Sinaibund zugänglich gemacht hat, ohne ihn damit für Israel aufzuheben? Und wie können wir die Möglichkeit verneinen wollen, dass Gott auch noch andere Bünde mit anderen Teilen der Menschheit geschlossen hat und vielleicht immer noch schließt – Bünde, die uns unbekannt sein mögen.“13

Hier tut sich erkenntnistheoretisch eine Weite auf, die den abrahamitischen Religionen den Horizont öffnet – weit über den gemeinsamen Rahmen der „Leute des Buches“ hinaus. Und organisatorisch konnte er diesem Projekt einen wichtigen Schub vermitteln mit der Einrichtung eines eigenen Lehrstuhls für jüdisch-christliche Studien am Hebrew Union College, dem nach den großen Wissenschaftlern benannten "Sol und Arlene Bronstein-Lehrstuhl". Damit war die Basis gelegt für die von diesem Lehrstuhl verantworteten berühmten Bronstein-Kolloquien.

Zur Wirkungsgeschichte

Die ersten drei dieser Symposien (1983, 1986 und 1989) konnte Petuchowski noch selbst organisieren. Dabei sprachen christliche Gelehrte über Texte der Hebräischen Bibel und jüdische Gelehrte über Texte des Neuen Testaments, wozu jeweils ein jüdisches bzw. ein christliches Korreferat korrespondierte. 1989 fand das Kolloquium erstmals in Deutschland statt. Es handelte über einen breiten Themenbogen vom Sühnetod Jesu über den Versöhnungstag in den biblischen Schriften und von deren Vergegenwärtigung in den Liturgien. Fachleute von Rang kamen hierbei zusammen, um streitbar Kontroversen auszutragen und gerade auch so Dialog zu praktizieren, wobei Jakob Petuchowski mit seiner Persönlichkeit und seiner Ausstrahlung von Gelehrsamkeit, Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit die Leitlinien dieser Kolloquien geradezu idealtypisch selbst authentisch verkörperte.14

Beispielhaft hat Jakob J. Petuchowski seine Vision einer Projektdisziplin jüdisch-christlicher Studien verwirklicht im „Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung“, das er 1989 gemeinsam mit Clemens Thoma herausgegeben hat.15 Vom Anfang der Idee bis zum Abschluss seiner Ausführung ist dieses Lexikon ein jüdisch-christliches Gemeinschaftswerk. Es liefert zu wichtigen Themenfeldern des heutigen jüdisch-christlichen Dialogs eine solide objektive wissenschaftliche Information aus beiderlei Perspektiven und formuliert eine theologische Position aus der jeweiligen religiösen Existenz heraus. Eine andere weitergehende Wirkung darf man wohl sehen in dem Ausbau von zahlreichen Instituten für jüdisch-christliche Forschung und Lehre. Hier sind institutionelle Strukturen geschaffen worden, die dem Projekt jüdisch-christlicher Studien zu langfristiger Nachhaltigkeit verhelfen; mehr als 20 solcher Institute sind zusammengefasst in einem „Rat der Zentren für jüdisch-christliche Beziehungen“.

Durchaus als eine späte Wirkung der ausdauernden Bemühungen Petuchowskis darf man das jüdisch-amerikanische Dokument „DABRU EMET“ – „Redet Wahrheit“ (Sach 8,16): "Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum" vom 10. September 2000 bezeichnen.16 Dieses Dokument ist die Frucht eines äußerst intensiven Diskussionsprozesses von über acht Jahren in einer Gruppe jüdischer Gelehrter, die sich wissenschaftlich mit dem Christentum befassten.

Diese von mehr als zweihundert Gelehrten unterzeichnete, inzwischen vielfach zitierte und kommentierte Stellungnahme bestimmt seit Jahren den jüdisch-christlichen Dialog. Sie ist geleitet von der Fragestellung der Autoren und Autorinnen, welche Verbindung es zwischen einer rein wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Christentum und ihrer persönlichen jüdischen Existenz gebe und welche Antwort dem gegenwärtigen Judentum auf die Entwicklungen in der Christenheit möglich wäre.

Damit hat die Frage nach einer jüdischen Theologie des Christentums endgültig den Rang einer hermeneutischen Perspektive im jüdisch-christlichen Dialog eingenommen. Hauptinitiator von „DABRU EMET“ war Jakobs Schüler, Freund und Kollege Michael Signer (1945–2009)17, der in diesem Projekt ein Herzstück seiner wissenschaftlichen Berufung sah. Im Sinne von Petuchowski ist zu wünschen, dass über die rein wissenschaftliche Beschäftigung mit „DABRU EMET“ hinaus auch von christlicher Seite der Dialog zu einer Art und Weise gelebter Existenz wird und so ausstrahlt in weite Bereiche des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens.

Petuchowski Urkunde DKR Urkunde zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit am 6. März 1994 in Wiesbaden.

Herr Professor Dr. Jakob J. Petuchowski
erhält diese Auszeichnung posthum in Würdigung seiner Verdienste
um die Erforschung gemeinsamer Quellen von Judentum und Christentum
um die Vermittlung jüdischen Denkens an Nichtjuden
um Dialog und Begegnung mit Christen.
Er hat über Kontinente hinweg dem interreligiösen Gespräch wichtige Impulse
gegeben und zur jüdisch-christlichen Verständigung beigetragen.
Der großen rabbinischen Tradition in Deutschland durch Herkunft und
Studium verbunden, hat er sich den gemeinsamen Aufgaben von Juden und
Christen intensiv gewidmet. Die enge Zusammenarbeit mit Professor
Dr. Clemens Thoma ist Ausdruck des Vertrauens in die eigene Tradition und
der Offenheit für die religiösen Werte des anderen.


Dr. Wieland Zademach, Unkel, lehrt evangelische Theologie an der Johann Wolfgang Goethe- Universität in Frankfurt am Main.

  1. Vgl. Clemens Thoma, Nachruf auf einen jüdischen Freund: Jakob J. Petuchowski 1925–1991, FrRu 1(1993/94)231–235, sowie Ernst Ludwig Ehrlich, Laudatio für Prof. Dr. Jakob J. Petuchowski, s. A., FrRu 1(1993/94)172–174.
  2. Jakob J. Petuchowski, Mein Judesein. Wege und Erfahrungen eines deutschen Rabbiners, Freiburg 1992, 37. Vgl. auch: Hans Hermann Henrix, Jakob J. Petuchowski (1925–1991): Rabbiner, Wissenschaftler, Ökumeniker, in: Werner Licharz / Wieland Zademach (Hg.), Treue zur Tradition als Aufbruch in die Moderne. Visionäre und mahnende Stimmen aus Judentum und Christentum, Waltrop 2005, 403–481.
  3. Jakob J. Petuchowski, Mein Judesein (Anm. 2), 41 f.
  4. Vgl. Anglikaner und Juden – Leitlinien für die Zukunft. Vortrag von Rabbiner Dr. Jakob J. Petuchowski, Forschungsprofessor für jüdische Theologie und Liturgie, in Cincinnati/Ohio vom 16./17. März 1975, in FrRu XXVII (1975)17–20.
  5. H. H. Henrix (Anm. 2), 428.
  6. Zitiert nach H. H. Henrix (Anm. 2), 432 f.
  7. Vgl. Jakob J. Petuchowski, Das große Buch der rabbinischen Weisheit. Hg. von Elizabeth Petuchowski, Freiburg 2001; Rezension von Olivia Franz-Klauser in FrRu 9(2002)226 f.
  8. Jakob J. Petuchowski, Zum Geleit, in: Johannes Oesterreicher, Die Wiederentdeckung des Judentums durch die Kirche. Eine neue Zusammenschau der Konzilserklärung über die Juden, Meitingen 1971, 17.
  9. Ibd., 19.
  10. Vgl. Lothar Ruppert, Das jüdische Volk und seine Heiligen Schriften in der christlichen Bibel, FrRu 9(2002)19–29.
  11. Vgl. dazu Petuchowskis Erklärung zu Lessings „Ringparabel“ in dem Vortrag „Living together in an age of pluralism“ in Detroit, Michigan, in FrRu XXIX(1977)33–36, hier 34.
  12. Jakob J. Petuchowski, Arbeiter in demselben Weinberg – Ansätze zu einer jüdischen Theologie des Christentums, in: Hans Hermann Henrix (Hg.), Unter dem Bogen des Bundes. Beiträge aus jüdischer und christlicher Existenz, Aachen 1981, 215.
  13. Bekannte und unbekannte Gottesbünde, in: Abdoldjavad Falaturi / Jakob J. Petuchowski /Walter Strolz (Hg.), Universale Vaterschaft Gottes. Begegnung der Religionen, Freiburg 1987, 28.
  14. David Ellenson / Hanspeter Heinz / Klaus Kienzler / Jakob J. Petuchowski (Hg.), Versöhnung in der jüdischen und christlichen Liturgie. Questiones disputatae, Bd. 124, Freiburg i. Br. 1990.
  15. Vgl. die Rezension von Walter Strolz in FrRu 1(1993/94)59–62.
  16. Vgl. Wortlaut von DABRU EMET in FrRu 8(2001)114–117.
  17. Vgl. Michael Tomaszewski, In memorian Rabbiner Michael A. Signer s. A. (1945–2009), in FrRu 16(2009)235 f.

Jahrgang 19/2012, Heft 1, S. 2−10.


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