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Alwin Renker

Das Mysterium Israels

Karl Thiemes Paulusexegese (Röm 9–11)

Im Kreis um Dr. Gertrud Luckner, der federführenden Herausgeberin der Zeitschrift „Freiburger Rundbrief” ab 1948, war Prof. Dr. Karl Thieme der theologisch wie zeitgeschichtlich herausragende Kopf. Bereits auf dem 72. Deutschen Katholikentag in Mainz (1.–5. September 1948) zeigt sein dort gehaltenes Referat „Die Christen, die Juden und das Heil”1 , wie sich Thieme die Aufgabe vorstellt: Die Kirchen dürfen keine Lücke lassen, in die sich antisemitischer Irrtum über die Judenfrage eindrängen kann. Danach ist schon im Blick, was bei Kenntnis der Bibel, und vor allem der Kapitel 9–11 des Römerbriefs, im Glauben des Christentums festzuhalten ist: die Juden sind Mitträger des göttlichen Heilsplans, ihre Erwählung ist bleibend.

Die Kapitel 9–11 des Römerbriefs2 sind Zeugnis dafür, daß Israel seine bleibenden Vorzüge nicht verloren hat, auch wenn aus christlicher Perspektive die Position des Judentums als Verstockung erscheinen mag. Die heute überholte Vorstellung Thiemes vom Christusbund, der nur darauf wartet, „daß die Juden sich in ihn aufnehmen lassen”, versteht man als Zwischenschritt, der zeigt, wie schwierig das Ringen um neue Erkenntnisse im Verhältnis des Christentums zum Judentum war [9].3 Aber schon ist anfanghaft der „Rest“, der von Israel gerettet wird, im Heil, – zusammen mit den Heiden, „deren sich Gott nun auch erbarmen will“ (Röm 9,23 f; 11,11) [11]. Neben manchen zeitgebundenen Interpretationen liest Thieme Röm 10,4 bereits als „Christus ist der Endsinn des Gesetzes”, und nicht: das Ende des Gesetzes [12 f.].

Die von Thieme interpretierte Botschaft, die Paulus aus Jes 52,74 heraushört, ist „das Zeugnis der Christus-Gesandten, der Apostel“ [9]. Nach Thieme ist schon bei Mose im Deuteronomium das „Eifersuchtsmotiv“ zu finden: Gott wird von seinem Volk verworfen, eifersüchtig gemacht durch „Hingabe an Nichtgötter“ (Dtn 32,16 ff.). Gott macht nun seinerseits sein Volk eifersüchtig „durch Begnadung eines religiös unverständigen Nicht-Volks, eben der Heiden“ [9]; wenn sogar die (= Heiden) verstanden hätten, hätte dann etwa Israel nicht erst recht verstehen können?

Thieme läßt sich auch durch Paulus von jener Restvorstellung überzeugen, die zwar nicht erlaubt, von einer (völligen) Verwerfung seines Volkes durch Gott zu sprechen und auch nicht davon, daß Gott sein Volk „sinnlos scheitern lasse“ [10], aber doch die Verstockungshypothese auf das übrige, dem „Rest“ nicht angehörende Volk der Juden anwendet.

Der „Rest“ sind für Thieme gemäß Paulus die durch die Jahrhunderte stets in bescheidener Anzahl vorhandenen „Christen jüdischer Herkunft“ [10]. Diesem „Rest“ kommt die göttliche Erwählung zu, „nicht mehr aus Werken“ (mit Rückbezug auf Röm 9,32), sondern aufgrund von Gottes freiverfügender Gnade. Sie ist unverdient, „weil man sie nicht verdienen kann, wenn das Wort ‚Gnade’ seinen Sinn behalten soll“ [10]. Das „Straucheln“ der übrigen ist nicht ein Fallen ein für allemal, sondern geschieht, damit zwischenzeitlich dieses Straucheln den Heiden, ‚der Welt’, die ‚Rettung’, die ‚Aussöhnung’ mit Gott, die Aneignung des ‚Reichtums’ seiner Gnadengaben (Röm 10,12) ermöglicht [11].

Der Umweg über das Proselytentum zwecks Eingliederung ins Gottesvolk, ist den Heiden erspart geblieben. Wenn dann die Christenheit angewachsen ist zu ihrer ansehnlichen Größe, werden sich die Juden wirklich nicht mehr dem Eindruck entziehen können, „daß die Christenheit aus den Heiden, den ehemaligen Götzendienern, ein dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs wohlgefälliges ‚Heiliges Volk’ geworden ist“ [11]. Nicht mehr werden dann Juden

“nur vereinzelt wie bisher, sondern als Gesamtvolk (Röm 11,26) sich in Gnaden in dieses erweiterte neue Gottesvolk unter dem einen Jesus Christus aufnehmen, ‚hinzunehmen’ lassen, für das sie ja vor allen andern bestimmt sind” (Röm 11,24) [11].

Dieses „Ja“ der Juden wird noch ganz unvergleichlich Größeres auslösen: „Leben aus den Toten“ (Röm 11,15), d. h. „daß nach der Heimkehr der Juden nichts mehr das Eingehen der auferstandenen Gläubigen in die Herrlichkeit verzögern wird“ [11]. Hier zitiert Thieme zustimmend Marie-Joseph (Albert) Lagrange OP (1855–1938) und betont mit der kath. wie ev. Theologie das streng endzeitliche Verständnis des Zitats. Paulus verstehe, meint Thieme, seinen Dienst als „säkulare Judenmission”, d. h. sein Heidenapostolat befördere (durch Eifersüchtigmachung) die Nachdenklichkeit der Juden, was zur vollen Gnadengewährung führe.

Heute wird man die „Heimkehr“ der Juden in ein (um die Heidenvölker) erweitertes neues Gottesvolk (Thieme zitiert Mt 10,6.23; Joh 10,16) bestenfalls als eine christliche Sicht verstehen, die andere Aspekte nicht einbezieht, wie etwa den, daß Gott „alle in den Ungehorsam eingeschlossen hat, um sich aller zu erbarmen“ (Röm 11,32). Es ist völlig offen, wie das eschatologische Heil bei Juden und bei Heidenchristen eintrifft; freilich nicht, wenn die paulinische Sicht im Aufbau von Röm 9–11 allein gilt.

Ein ansprechender Hinweis Thiemes liegt gewiß darin, daß die Juden (grundsätzlich) als einziges Volk unzerstörbaren Heiligkeitscharakter tragen (Röm 11,16–24). Hingegen erscheint Thiemes Geschichtsinterpretation, zumal des gescheiterten Messianismus innerhalb der jüdischen Geschichte als ein non liquet. Bedenklich ist auch Thiemes, auf Friedrich Wilhelm Maier sich berufende Interpretation des Gerechtwerdens: So wie Paulus im Kleinen „Rettung“ zu wirken angefangen habe, werde sich auch das „Geheimnis“ der Rettung von Juden (und Heiden) vollziehen (Röm 11,25–26a). Es wird doch eher bei dem von Thieme abgelehnten „dann“ bleiben: „dann wird ganz Israel gerettet werden“ [11 ff.].

Diskussion mit Martin Buber

Die exegetischen Ausführungen Thiemes fanden inhaltlich Verwendung in einer Auseinandersetzung mit Buber (Briefwechsel).5 Die wichtigsten Aussagen dieser Diskussion sind ausführlich definiert in Thiemes Würdigung von Martin Bubers „Zwei Glaubensweisen”, wie folgende Auszüge6 zeigen:

„Gott will erst durch uns sie selbst (sein Volk, die Juden) eifersüchtig machen (Röm 11,11), um ihm dann den wissenschaftlich unwiderlegbaren Glauben zu schenken, der als ‚Anerkennung, daß Er ist‘ (Hebr 11,6) und ‚gekommen ist‘ (1 Joh 4,2) beginnt, und als liebreiches Vertrauen gipfelt, bis er jenseits dieses Äons ins Schauen übergeht.”

Bubers Kritik an Jesus, so Thieme, sei noch mild, hingegen die an Paulus „nimmt geradezu karikaturistische Züge an”. Die paulinische Geschichtsdialektik finde sich als Hegelsche „List der Idee“ bei Paulus als List Gottes, die „die Menschen und Menschengeschlechter [...] verwendet [...] zu den oberen Zwecken“ [87]. Auf Bubers Kritik an Paulus, daß „der Zorn Gottes [...] nichts Väterliches” mehr habe, antwortet Thieme: „Von der urzeitlichen, geschichtlichen und ewigen Liebe Gottes zu seinem Geschöpf“ sage Paulus fast nichts, mit Ausnahme etwa einer vereinzelten Erwähnung des um der Erzväter willen geliebten Israel (Röm 11,28)“, [...] damit jetzt auch sie Erbarmen finden (Röm 11,31).

Des weiteren hält Thieme Buber entgegen: Auch die „erst eschatologische Rettung” ist für Paulus kein bloßes „Einst“, sondern ein schon angebrochenes „Jetzt“. Auch die vorangegangenen Generationen waren trotz allem „pädagogischem Gesetzesdruck“ (Gal 3,24) „die Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19; vgl. Lk 15,31). Paulus hält im Kampf gegen die verblendete Führerschaft seines Volkes und ihrer Mitläufer (2 Kor 11,24 ff., Apg 21 ff.)

„unerschütterlich an Gottes unverrückbarer Liebe zu diesem Volke und an der Verheißung [fest]. Das ist das Erstaunenswerte – biblisch Selbstverständliche.”

Immer wieder verweist Thieme in der Diskussion mit Buber auf seine Exegese von Röm 9–11. Die vermeintlich einzige Erwähnung, die Paulus von der Erwählung des „um der Erzväter willen von Gott geliebten Israel (Röm 11,28)” [142] macht, geschieht an zentraler Stelle: nicht erst „einst“ werden sie Erbarmen finden, sondern „jetzt” (Röm 11,31). Wenn man einen [...] undialektisch immer nur auf die eine Seite seiner Aussagen festgelegten Paulus herauspräpariert, [...] stimmt es, daß „mit Paulus Marcion nicht zu überwinden“ ist [171].

Nach Buber gebe es neben dem paulinischen und dem johanneischen Christentum auch ein petrinisches Christentum, „wobei der etwas unbestimmte Begriff ‚Petrus’ für die unauslöschliche Erinnerung an die Gespräche Jesu mit den Jüngern in Galiläa steht“. Thieme wünscht, daß

„die Stimme des Herrn in der unverkürzten Breite und Tiefe seiner Selbstaussage so hindurchklänge, daß auch das jüdische Ohr nirgends mehr den vertrauten Ton verkennen könnte und spürte, daß nicht der protestantisch-bibelkritisch nach ‚der Herren eigenem Geist’ zurechtredigierte, sondern der unverkürzte neutestamentliche Jesus der wirkliche ist“.

Er vertritt nach Röm 11,11.23 f. die Auffassung, daß

„alle gutwilligen unter den Juden durch unsre sich darin zeigende Gottwohlgefälligkeit hätten zu edler Eifersucht angespornt und für ihren Gott und König gewonnen werden müssen, wie es St. Paulus anstrebte“.

Mit dieser Exegese hat Thieme seinen Zeitbefund in die Ebene des Zeitbefunds von Paulus transferiert. Paulus erlebt die große Menge von Juden, die nicht für die christliche Version von „Gott und König“ gewonnen werden konnten und erklärt dies mit einer Konstruktion der „Zwischenzeit“, in der die Fülle der Heiden(-völker) zum Glauben an diesen Gott findet. Auf ihrem Weg wecken sie die Eifersucht der Juden, und, so hofft Paulus, lösen ein „zum-Glauben-Kommen“ der Juden aus (Röm 11,12).

Diese Applikation eines paulinischen (Zeit)Befunds auf die historische Entwicklung klingt für jüdische Ohren gewiß befremdlich. Thiemes Hoffnung, es werde durch angestrengte Gottwohlgefälligkeit der Christen doch noch gelingen, daß die Juden für ihren Gott und König gewonnen werden, ist inzwischen theologisch überholt.

Paulinismus und Judentum

In seinem Beitrag „Paulinismus und Judentum. Ein Literaturbericht”7 wird Röm 9–11 in seiner Schlüsselrolle als aufschlußreichste Charakterisierung des Verhältnisses von Christentum (Paulinismus) und Judentum begriffen. Neben Martin Buber und Josef Klausner hat Thieme auch Franz Werfel, Schalom Asch und Hans Joachim Schoeps auf jüdischer Seite sowie Romano Guardini, Josef Holzner und Giuseppe Ricciotti auf christlicher Seite in die Untersuchung einbezogen. Thiemes Untersuchung dieser Bücher über Paulus geschieht nach den Kriterien 1) Quellpunkt der Lehre; 2) Bezug auf das Gesetz; 3) Bezug auf die geschichtliche Sendung seines Volkes und 4) Bezug auf den Weg zur endlichen Wiedervereinigung der Weltvölker mit Israel.

Nach Klausner8 waren die Apostel nicht bereit, an eine Vision oder gar Offenbarung des Auferstandenen gegenüber Saulus/Paulus vor Damaskus zu glauben. Klausner leugnet auch eine „Mission des Judentums“, die von der aller anderen Völker grundlegend verschieden wäre.

Das Paulusbild von Asch9 ist das Portrait eines urjüdischen Paulus und dürfte das verhältnismäßig getreuste sein, das je bisher entworfen ward. Positiv ist das Bemühen um Verständnis der rabbinischen Verwurzelung Pauli. Holzner10 hat Paulus ähnlich beschrieben wie Asch. Der Stachel war vor allem die Frage nach dem leidenden Messias, nicht die himmlische Erscheinung. Sowohl Asch als auch Buber erfassen die Fragestellung des Gamalielschülers Paulus.

„Asch hat richtig herausgearbeitet, daß Saulus den ihm Erscheinenden sofort als göttliches Wesen agnostiziert. Alle weiteren Hauptthemen der paulinischen ‚guten Botschaft‘ müssen aus dieser Ureinsicht von Damaskus zwingend gefolgert verstanden werden, insbesondere auch die rechtfertigende (gerechtsprechende und gerechtmachende) Kraft des Sühneleidens Jesu” [22].

Dialektik des Gesetzes

Thieme ist überzeugt: Das Gesetz bleibt als Moralkodex als von Gott selbst durch die Autorität Jesu Christi und seiner Apostel in seinem tiefsten Sinngehalt erhellt. Es ist ihm ein Anliegen, „so viel Klarheit wie möglich über diese Lehre und ihr Verhältnis zur jüdischen Überlieferung” zu schaffen [22]. In diesem Zusammenhang setzt sich Thieme mit Klausner (‚was Paulus verkündet, ist alles jüdisch‘), Buber und Schoeps auseinander. Schoeps konstatiert „die Resonanzlosigkeit Pauli unter den Juden“ [23], weil Paulus „ein völliges Zerrbild vom jüdischen Gesetz gezeichnet habe“.

Thieme stellt gegenüber Schoeps heraus, daß jedenfalls einem, dem es nicht gelingt, das Gesetz zu halten, es „die Verdammnis“ erwirkt. Die paulinische Folgerung, daß das Gesetz „ein Gesetz zum Tode sei“, könne – so Schoeps – kein Jude nachvollziehen. Thieme sieht dies anders, wenn er (mit jüdischen Autoren) den Gesetzesbegriff differenziert, wie ja ein Jude unter Tora nicht das Gesetz, sondern „auferlegte Ordnung“ verstünde. Nach Thieme ist die Erfüllbarkeit des Moralgesetzes in ihrem „tiefsten Sinne die Verpflichtung zu gottebenbildhafter Mitmenschlichkeit“ [23]. „Wenn das Reich kommt, wird mit diesem Äon auch das jüdische Gesetz ‚aufhören’, übertreten zu werden.“ Diesem Satz von Schoeps stimmt Thieme zu, doch faßt er im Sinn von Paulus die Tatsache ins Auge, daß, „wer den Nächsten liebt, das Gesetz erfüllt hat“ (Röm 13,8; vgl. Gal 5,14.) Der Ton liegt auf „hat erfüllt“.

Die Konstatierung der faktischen Nichterfüllung des Gesetzes in diesem Äon der gefallenen Menschheit, wobei Paulus in standesgemäßer Bescheidenheit sich einschließt, ist keine Gegeninstanz. Denn eine gesetzestreue Erfüllung des göttlichen Gebots – so Buber – ist gültig, wenn sie in der vollen Offenbarungsintention geschieht, wobei aber der Begriff der Glaubensintention einen eschatologischen Charakter annimmt. Paulus wandle, so Thieme, in den Bahnen seiner jüdischen Lehrer, die sagen, „daß für die Zeit des Messias Gott eine neue Tora geben werde“.11

Die Befolgung der Tora aus frühchristlicher Zeit als Ritualvorschrift ist seit dem Kommen des Messias in Jesu Person nicht mehr heilserheblich, so Paulus (Gal 3,25; 4,4 ff.). Paulus praktizierte die Tora. Würde er sie preisgegeben haben, hätte er für immer den Anspruch verscherzt, von den anderen Rabbinen ernsthaft angehört zu werden. So hat ihn auch Jakobus, der Herrenbruder, aufgefordert unter Beweis zu stellen, daß er selber „in Beobachtung des Gesetzes wandelt“ (Apg 21,24).

Pauli Geschichtstheologie Israels

„Bubers Paulus hat hier eine fatale Ähnlichkeit – nicht mit dem wirklichen Heidenapostel, [...] wohl aber mit jenen Christen, die sich Neigung zu den Juden erst von dem Moment an vorstellen können, wo dieselben zu Jesus bekehrt sind (durch unseren Haß?) und die sich wohl gar nach ihrem eigenen Bilde das eines Gottes zurechtdichten, der für sein Volk andres empfände als manchmal (Lk 19,14 ff., Zach 14,2 ff.) bekümmerten Zorn und immer (Jes 62,11 f.) suchende Liebe.“12 Gerade dies zeige, betont Thieme, daß der Gott des Paulus auch vor Christus kein nur Zürnender, sondern auch ein sich Erbarmender ist.
Karl Thieme
Karl Thieme, Lörrach 1953.
Foto: Eva Thieme, Rom. 
Thieme macht sich die Interpretation von Schrenk zu eigen: An der Verzeichnung des Paulus (durch Buber u. a., A. R.), dessen Gott in der Phase vor Christus kein gnädiger, barmherziger, liebender Gott sein soll, ist einmal schuld eine Trennung von Zorn und Gnade, aber auch die Verkennung der Wesensart des Eschatologischen.

„Wenn [...] bei Paulus die Barmherzigkeit Ziel des Weltplans ist, so ist eben diese Barmherzigkeit nicht ‚nur’ eschatologisch, denn das Eschatologische läßt das, was von jeher vorgezeichnet ist, [...] zur Vollendung gelangen.“

Thieme sagt:

„Man kann diesen Gedanken Schrenks13 als echt neutestamentliche, ja speziell paulinische Stellungnahme zum jüdischen Schicksal bis zu Jesus, aber auch seit Jesus, kaum genug durchdenken und beherzigen und wird sie durch Barths Gedanken zu jenem zweiten ‚jetzt’ in Röm 11,32 ergänzen dürfen: ,Nicht zukünftig, sondern gegenwärtig ist ja das den Heiden erwiesene Erbarmen, und indem dieses und also das Mittel des göttlichen Erbarmens auch für die Juden schon Gegenwart ist, ist heimlich schon jene Aktion des Erbarmens Gottes den Juden gegenüber im Gang begriffen. Das Abschieben der Judenfrage in die Eschatologie [ist] dem christlichen Antisemitismus durch dieses auffallende zweite ‚jetzt’ unmöglich gemacht“ (Barth, Dogmatik II/2, 335).

Dieses göttliche Erbarmen hat nach Paulus schon seit der Sinaizeit über Israel gewaltet. Israel sind die Offenbarungsworte anvertraut, „unbereubar“, wie Thieme mit Buber das „unwiderruflich“ der Einheitsübersetzung in Röm 11,29 zitiert.

Noch verborgen und doch schon volle Gegenwart ist Gottes Erbarmen für Israel in jenem ‚jetzt‘, in den ‚Fristen der Heiden‘, während deren Jerusalem von den Heidenvölkern niedergetreten wird (Lk 21,24); bereits offenkundig und doch erst auf zukünftige eigentliche Erfüllung hin ausgerichtet, hat eben dieses göttliche Erbarmen aber auch nach Paulus schon seit der Sinaizeit Israels gewaltet. Es heißt also Paulus geradezu grotesk mißzuverstehen, folgert Thieme, wenn man wähnt, daß er diesem seinem Volke am Sinai „kein liebendes Gottesantlitz“ zugewendet sehe, da es der Vater in jene Zucht gibt (Gal 3,24), ohne die es doch gerade nach biblischer Offenbarung und Glaubenserfahrung keine wirkliche Liebe gibt.

Ein verbreitetes Mißverständnis braucht nach Thieme nicht weiter erklärt zu werden: Paulus vertritt den das Auferstehungszeugnis ablehnenden Juden gegenüber die für ihre Gesamtheit bleibende gültige Erwählung (Röm 9,4), doch sieht er in prophetischer Scheidung wieder einmal jenen heiligen Rest unter ihnen, „an dem die Begnadung schon stellvertretungsweise für die Gesamtheit offenkundig ward“ (Röm 11,1 f. 5).

„Diese paulinische Konzeption, die Buber in problematischer Einheitsfront mit dem von Barth bekämpften ‚christlichen Antisemitismus’ als ‚nur’ eschatologische Gottgeliebtheit seines Volkes in der Sicht des Apostels mißdeutet, wird heute auch im protestantischen Schrifttum meist richtiger gesehen.“

Leider muß Thieme feststellen, „daß in der eigentlichen Paulusliteratur das Verständnis für des Apostels Deutung der Geschichte seines Volkes noch in den Kinderschuhen steckt“.

Ur-Diakonie als Heilmittel des Ur-Schismas

Das Ur-Schisma14 als zwischen Juden- und Heidenchristen drohende Unmöglichkeit der Tischgemeinschaft versteht Thieme als Schwierigkeit, die immer wieder dort auftaucht, wo „Heidenchristen“ mit „gesetzesgebundenen“ Christen zusammenleben, wie etwa die Gruppierungen in 1 Kor 1,12 (Paulus-, Petrus- und Apollos-Anhänger).

Bei den Bemühungen zur Verhütung des Schismas unterscheidet Thieme zwischen der buchstabengesetzlichen Konzeption Jakobus‘, des Gerechten, und der toragemäßen Konzeption des Paulus. Die „Jakobusklauseln“ sind keine unerfüllbaren Bestimmungen, die zur Spaltung zwischen Heiden(-christen) und Juden(-christen) führen. Sie sind im Gegenteil

„jener Minimalkodex mit  dem gesetzestreue Juden(-christen) gemäß ihrem Gesetzesverständnis die Auflagen befolgen, die sie nach Lev 17,10 ff.; Ex 34,15 bezüglich des Essensverbots von Götzenopferfleisch, Blut [und] Ersticktem [...] auch den Heidenchristen zumuten“.

Aller Wahrscheinlichkeit nach haben in gemischten Gemeinden die unbeschnittenen Christen jene Enthaltungen beobachtet, um den geborenen Juden den Verkehr mit ihnen ohne Gesetzesübertretung zu ermöglichen. Paulus, so präzisiert Thieme, konnte implizit oder explizit diese Ordnungen (Jakobusklauseln) weitergeben, sie aber nicht im Sinn eines noachidischen Minimalgesetzes akzeptieren. Denn ein Widerspruch zum Evangelium wäre für ihn das buchstabengesetzliche Schema. Entscheidend sei, daß gerettet ist, wer das je seinem Stand Gebotene einhält und Jesus als Messias bekennt.

Zusammenfassend folgert Thieme:

„Nicht ein rituelles Minimum an Beschränkung des altadamitischen Daseins, sondern ein caritatives Maximum kraft des mit dem neuen Adam Jesus Christus wiedergeborenen Lebens, nicht das ängstliche Einhalten ‚einer aufs äußerste gelockerten’ Vorschrift, sondern das freudige Erfüllen (2 Kor 9,7!) der ganzen Gottesweisung, wie sie nun in ihrem letzten Sinne nach in Christus offenbar ward (Röm 10,4) – das ist es, was Paulus als die ganz selbstverständliche Voraussetzung des Heils für die Christenheit und auch aus den Heiden betrachtet" (Gal 5,6.13 f.).


  1. Veröffentlicht in: Frankfurter Hefte 4(1949)Nr. 2,113–125.
  2. Vgl. Karl Thieme, Gottes Wort über die Juden in Pauli Römerbrief, FrRu II(1949/1959)Nr. 5/6, 8–3.
  3. Die folgenden in eckige Klammern gesetzten Seitenangaben beziehen sich auf Teil II des Beitrages von K. Thieme Gottes Wort über die Juden in Pauli Römerbrief, FrRu II(1949/1950)Nr. 7.
  4. Jes 52,7 „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.”
  5. Die Diskussion ist dokumentiert in: FrRu II(1949/1950)Nr. 5/6, 20–23.
  6. Martin Buber, Zwei Glaubensweisen, Manesse-Verlag, Zürich 1950. Die folgenden Seitenangaben in eckigen Klammern beziehen sich auf diese Ausgabe. Vgl. Karl Thieme, Zwei Glaubensweisen. Ein Buchbericht über Martin Buber, in: FrRu III(1950/ 1951)Nr. 10/11, 18–21.
  7. FrRu V(1952/1053)Nr.17/18,20–25. Die folgenden Seitenzahlen in eckigen Klammern beziehen sich auf diesen Artikel.
  8. Josef Klausner, Von Jesus zu Paulus (1939), 546.
  9. Schalom Asch, Der Apostel (deutsch 1946).
  10. Vgl. Josef Holzner, Paulus, Freiburg 1937.
  11. Hans Joachim Schoeps, Aus frühchristlicher Zeit, Tübingen 1950, 225.
  12. FrRu V(1952/1953)Nr. 19/20, 20–22.
  13. Gottlob Schrenk, Judaica 8/1, 8–23.
  14. FrRu VI (1953/1954) Nr. 21/24, 13–21.

Jahrgang 9/2002, Heft 2, S. 126−135.


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