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Peter G. Kirchschläger

Karl Thieme und der christlich-jüdische Dialog

Beiträge im Freiburger Rundbrief

Zusammen mit Gertrud Luckner hat sich Karl Thieme nach der Katastrophe der Schoa für ein theologisch orientiertes Gespräch über das Judentum eingesetzt. Einblicke in seine im Freiburger Rundbrief geäußerten Gedanken sollen das geistige Erbe von Karl Thieme aufleben lassen.

Judentum und Christentum

In seinen Ausführungen über das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden betont Thieme, daß das Erwähltsein der Juden nicht aufgehoben ist. In seinem Verständnis der „Brüderlichkeit” zwischen Juden und Christen sowie zwischen den christlichen Kirchen untereinander nennt Thieme die Christen der verschiedenen Konfessionen „Brüder“ (gleiche Offenbarung, wesentlich gleichartige Auslegung), die Juden dagegen bezeichnet er als „getrennte Brüder“ (gleiche Offenbarung, aber unterschiedliche Auslegung). Doch mit Blick auf die verheißene Wiedervereinigung hin sind Christen und Juden gleichzeitig auch „unlöslich Verbundene“.1

Thieme hält fest, daß die neutestamentlichen Schriften die göttliche Erwählung Israels für unumstößlich erklären, räumt aber ein, daß rein innergeschichtlich eine Spannung besteht zwischen dem uneinschränkbaren Anspruch der Petruskirche auf Legitimität und Wahrheit ihrer traditionsgemäßen Autorität und Lehre und jeder widersprechenden Verkündigung. Doch Gottes Geist bleibt frei, um auch im Widerstand und Protest zu wirken.

„Der Gehorsam gegen die ganze göttliche Offenbarung setzt voraus, daß wir einander – also gegenseitig – als die potentiellen Brüder jenes ewigen Jerusalem gelten lassen.”2

In einer Predigt zur Lesung von der Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers versteht Thieme unter dem Mädchen, von dem Jesus sagt, „daß es nicht tot ist, sondern nur schlummert”, das jüdische Volk.

„Immer dürfen wir unerschüttert an der Verheißung festhalten: Sie sind nicht geistlich tot, sie schlummern nur, sie werden auferstehen, wenn Er zu ihnen in ihrer eigenen Sprache sagen wird: Talitha kumi! (Mägdlein, stehe auf!)”3

Was auf den ersten Blick mißverständlich erscheint (was sich auch an den Reaktionen zeigt, die dieser Gedanke auf jüdischer und christlicher Seite auslöste), gewinnt bei genauerem Hinsehen seine wahre Größe: der Glaube an die gemeinsame Erlösung vom Volk des Alten und des Neuen Bundes.

Im Ringen um die rechte Verkündigung der Passion Jesu Christi wagt sich Thieme an ein sehr heikles Thema, das vor allem auch von Jules Isaacs Schrift "Jésus et Israel" (Paris 1948) in das Zentrum der Diskussion gerufen wurde. Ausgehend von dem Standpunkt, daß Jesus als Jude in der jüdischen Gemeinschaft aufgewachsen ist und gelebt hat, und in Auseinandersetzung mit den Gedanken Isaacs, der Jahrzehnte später als erster jüdischer Historiker die neutestamentlichen Texte über die Rolle der Juden – unter dem Eindruck der ständig wachsenden Spannung zwischen Synagoge und der sich aus ihr herauslösenden jungen Kirche – analysiert, gelingt Thieme eine zukunftsweisende Auslegung:

„Wir brauchen [...] nicht die Evangelisten zu berichtigen, sondern wir brauchen sie nur endlich ganz ernstzunehmen, um sagen zu können: Jesus ist vom Anfang bis zum Ende seines Weges, auch noch seines Kreuzweges, von den Sympathien breitester Kreise seines Volkes begleitet worden. Aber freilich gerade die maßgebenden Gruppen haben sich gegen ihn entschieden”.4

Dafür waren nach Thieme eher politische als religiöse Gründe ausschlaggebend.

Zudem betont Thieme, daß „vor Christi Kreuzestod alle versagt haben, nur in verschiedenen Graden, bis hin zu den fliehenden oder gar verleugnenden Aposteln”. In diesem Sinne ist Christi Kreuzestod als Schuld aller Menschen zu verstehen. „Die eigentliche Entscheidung des jüdischen Volkes [...] ist nach seiner Auferstehung gefallen.”5

Anstelle einer Anklage des jüdischen Volkes als ,Mörder Jesu’ versteht Thieme christliche Zuwendung vielmehr als Klage und als Selbstkritik:

„Wie groß muß unser Versagen sein, die wir das Zeugnis von der Auferstehung eures und unseres Herrn noch immer nicht so glaubwürdig für euch abzulegen vermocht haben.”6

Karl Thieme erkennt, daß christliche Rede von der Hoffnung nicht ohne Miteinbezug des jüdischen Volkes geschehen kann.

„Denn unsere einzige Hoffnung ist der EINE, ,die Hoffnung Israels‘ (Jer 17,13), der ewige Gott.”7

Thieme setzt genau diese Identität voraus, wenn er von christlich-jüdischer Wiederbegegnung spricht.

„Bis ins 1. Jahrhundert nach Christus ist das Volk Israel dasselbe, was nach christlicher Auffassung die Ecclesia seit dem 1. Jahrhundert, seit dem Pfingstereignis, ist; anders ausgedrückt: das, was beim Pfingstereignis in einen neuen Zustand seiner eigenen Geschichte eintritt, das war schon vorher als Gottesvolk da.”8

Erst aufgrund dieser Identität kann man von Wiederbegegnung sprechen, denn in ihr besteht eine Bezogenheit zwischen Kirche und Synagoge.

Christlich-jüdisches Gespräch

Nach Thieme waren die Jahre seit 1930 dafür verantwortlich, daß eine jüdisch-christliche Wiederbegegnung ausgelöst wurde. Sie begann mit beidseitigem Staunen: Jüdisches Erstaunen löste die Tatsache aus, daß sich 1933 ein gewisser Widerstand gegen den Totalitarismus der Jahre seit 1933 bildete, was vor 1933 nicht der Fall war. Christliches Erstaunen galt den „Reserven jüdischer Religiösität”, die sich in der Zeit der äußersten Bedrängnis offenbarten.

Der Phase positiver Überraschungen folgte eine Zeit, in denen die Enttäuschung überwog. Auf jüdischer Seite kristallisierte sie sich an Weihnachten 1942 anhand eines sogenannten ,Weihnachtsbriefes an unsere jüdischen Freunde’ von Karl Barth und einiger seiner Freunde heraus, in dem die jüdischen Freunde aufgerufen werden, trotz der Not sich nicht im Widerstand gegen Christus und gegen den Heilsplan Gottes zu versteifen. Eine heftige Reaktion des Basler Rabbiners Dr. Arthur Weil löste wiederum auf christlicher Seite eine Enttäuschung darüber aus, daß „die Verfolgung [...] letztlich eine Verstärkung des jüdischen Selbstbewußtseins” bewirkt hatte.9

Jenseits dieser beidseitigen „Enttäuschungen” wuchs die Begegnung, die nach Thieme am besten im neuen christlichen Verständnis des gegenseitigen Verhältnisses zwischen Christen und Juden zu fassen ist. Bis zur Zeit der Verfolgung der Jahre 1933 bis 1945 glaubte ein Christ, daß er dem Juden Gutes tut, wenn er ihn missionierte. Wegen der jüdischen Enttäuschung fragten sich die Christen, wie und warum es zu dieser Reaktion kommen konnte und bemerkten, daß das Problem zwischen jüdischen Menschen und Christenheit nicht das Problem der Mission war, sondern

„daß es ein ganz ähnliches Problem ist wie das zwischen den getrennten Teilen der Christenheit, und daß es ein ähnliches Problem sogar ist wie das alte Problem der getrennten Teile des Alten Gottesvolkes selbst, also Nordisraels und Judas bzw. in der neutestamentlichen Zeit der Samaritaner oder Samariter und der Juden, das Problem der Spaltungen im Gottesvolk und der richtigen Art der Überwindung”.10

Einerseits erkannte man,

„daß manchmal unter denen, von denen man im Glauben gewiß war, daß sie in ihren Sachaussagen irrten, dennoch die Leute sein konnten, die dem Gotteswillen in der Wirklichkeit, in ihrer Existenz vielleicht viel, viel mehr gerecht würden als die meisten eigenen Glaubensgenossen.”

Andererseits entdeckte man, daß „diese Leute eine echte Frage an einen hätten, ein echtes Anliegen”.

Das Verhältnis zwischen den im Glauben getrennten Brüdern beschäftigte Thieme sehr. Indem er zuerst nach der Haltung der Christen gegenüber den im Glauben getrennten Brüdern, nach den Besonderheit der getrennten Brüder und nach den sich daraus ergebenden Konsequenzen fragte, gelang es ihm, sich diesem so zentralen Thema zu nähern. Nach Thieme dürfen Christen weder einem fanatischen Eifer noch einer Toleranz der Gleichgültigkeit erliegen. Die gebotene Haltung versteht sich als

„jener heiliger Eifer fürsorglicher Liebe, von der man dann wieder sagen kann, daß sie nicht eifert, sondern geduldig, taktvoll und gütig für den Bruder da ist, wo immer und wie nur immer dies möglich sein mag”.11

Die Adressaten christlichen Handelns skizziert Thieme in der Auseinandersetzung mit dem Buch „Die christliche Brüderlichkeit“12, indem er alle als getrennte Brüder bezeichnet, “die in irgendeiner Weise zum Gottesvolk gehört haben”13, d. h. daß niemandem persönlich der Vorwurf der Häresie, der Verstockung und dergleichen gemacht werden kann, wenn „er in Treue dem Gottesdienst ergeben [ist], den seine Väter ihn gelehrt haben und den er nach bestem Wissen und Gewissen zu vollziehen sucht”. Daraus kristallisieren sich nach Thieme in Konsequenz Zeugnispflicht, Gebet und Diakonie.

Antisemitismus

Thieme skizzierte die Geschichte der Judenfeindschaft in vier z. T. überschneidenden Phasen: Spätantike (2. Jh. v. bis 1. Jh. n. Chr.), Nachkonstantinische Reichskirche und ihre Auszweigungen (4. Jh. bis 10. Jh.), Pöbelreaktion im Hoch-, Spät- und Nachmittelalter (11. Jh. bis 16. Jh., im Osten noch bis ins 20. Jh.), Moderner Rassenantisemitismus seit der Emanzipationszeit,

„wo die besondere, die einzigartige Sendung Israels nicht respektiert, vielmehr in ihm ein unerwünschter Fremdkörper und Objekt ungestrafter Plünderung gesehen wurde [...] oder die jüdische Kritik an aller (wirklichen oder vermeintlichen) Kreaturvergötzung Haß weckte”.14

Auf der Suche nach den Hintergründen der Judenfeindschaft15 stößt Thieme auf vier Motive: Fremdkörpermotiv, Plünderungsmotiv, Zersetzungs- und Antihumanitätsmotiv. In einem Vortrag im Bayrischen Rundfunk erkennt Karl Thieme Parallelitäten zwischen dem Antisemitismus und dem Antiklerikalismus Hitlers.

Als aufmerksamer Beobachter wehrte sich Thieme auch gegen feinste Spuren antisemitischen Gedankengutes. So kritisierte er einen Artikel mit dem Titel ,Juden’ im damals neu erschienenen Herder-Lexikon, der mit den Worten endet:

„Weil dieses eigenartigste Volk der Weltgeschichte seine ganze Existenz in seiner Religion hat, wird es im Grund nur theologisch verstanden. Von Gott zur Vorbereitung auf den Erlöser erwählt, wurde es nach dessen Verwerfung selbst verworfen, um den Heiden Platz zu machen.”16

Von der ,Neuen Zeitung’ (1949, Nr. 22) darauf aufmerksam gemacht, kritisiert Thieme einerseits die Verwerfungsthese an sich. Er weist darauf hin, daß auf die Frage, ob Gott sein Volk verworfen hat, der Apostel Paulus im Brief an die Römer die richtige Antwort gibt: „Nicht doch!” (Röm 11,1). Andererseits kritisiert Thieme die symptomatische Tatsache,

„daß ein so zentraler Irrtum in einer grundsätzlich seit 1800 Jahren eindeutig geklärten Frage [...] gedruckt werden konnte, drei Jahre nach dem Ende der größten Judenverfolgung der bisherigen Geschichte”.17

Später sei der ursprüngliche Text durch eine „weit richtigere” Formulierung ersetzt worden.

Mit der festen Überzeugung der unveränderten und ungekündigten Erwählung des jüdischen Volkes und seiner gleichzeitigen Erlösungsbedürftigkeit hat Karl Thieme bereits 1949 den Grundtenor der Erklärung Nostra aetate Nr. 4 (1965) des II. Vatikanischen Konzils vorweggenommen.

Am wichtigsten aber war ihm in seinem lebenslangen Mühen zur Bekämpfung des theologischen Antisemitismus

„die Glaubenseinsicht von der heilsgeschichtlichen Zusammengehörigkeit der beiden Gottesvölker, ihre verborgene Einheit als die Einheit der beiden Glieder eines Gottesvolkes”.18


Dr. theol. lic phil. Peter G. Kirchschläger verfasste diesen Beitrag als Student der Philosophie und Theologie an der Universität Luzern.
  1. Karl Thieme, Internationale Konferenzen zur christlich-jüdischen Zusammenarbeit, in: FrRu III/IV(1950/51)Nr. 12/15, 28–32,32.
  2. Völker Gottes oder Gottes Volk? Vortrag von Prof. Dr. Karl Thieme auf der Bilstein-Woche der Deutschen Volkschaft 1956, in: FrRu XI(1958/59)34–37, 36.
  3. Karl Thieme, Die Tochter des Synagogen-Vorstehers. Zum Evangelium des 23. Sonntags nach Pfingsten, in: FrRu I(1948)Nr. 1, 6.
  4. Thieme, Das Ringen um die rechte Verkündigung der Passion Christi, FrRu II(1949/50, Nr. 8/9)8.
  5. Thieme (Anm. 4), 6–8.
  6. Thieme (Anm. 4), 9.
  7. Thieme, Die Hoffnung der Welt: Gottes Erlöserwirken in der Einheit mit seinem Gesalbten. Thesen für Evanston, FrRu VII(1954/55)26–30,26.
  8. Thieme, Der Weg zur christlich-jüdischen Wiederbegegnung in der Mitte des 20. Jahrhunderts, FrRu VIII(1955/56)3–9,3.
  9. Thieme (Anm. 8), 8.
  10. Thieme (Anm. 8), 9.
  11. Thieme, Zeugnispflicht, Toleranz und geschwisterliche Liebe zwischen im Glauben getrennten Brüdern, in: FrRu XIV(1962)9–15,10.
  12. Josef Ratzinger, Die christliche Brüderlichkeit, Kösel Verlag, 1960.
  13. Thieme (Anm. 11), 14.
  14. Vgl. Arbeitstagung zur Bekämpfung des Antisemitismus, in: FrRu V(1952/53)30.
  15. Karl Thieme, Der religiöse Aspekt der Judenfeindschaft, in: FrRu X(1957/58)7–14.
  16. Thieme, Ein seltsames Konversationslexikon, Zum Artikel „Juden” im Herder-Lexikon, in: FrRu I(1949)Nr. 4,18.  
  17. Thieme (Anm. 16), 18.
  18. Vgl. Nachruf zum Tod von Karl Thieme im Westdeutschen Rundfunk von Dr. Walter Dirks, in: FrRu XV (1963/1964)72.

Jahrgang 9/2002, Heft 2, S. 121−126.


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