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P. Paul F. Démann N. D. S.

Die Juden in der christlichen Katechese

Dieses Überlegungen von P. Démann, Paris, wurden 13 Jahre vor der Veröffentlichung von Nostra aetate (1965) verfasst als offizielle Richtlinien für den katholischen Religionsunterricht in Frankreich. Ein Vergleich des Textes mit neueren Erkenntnissen (z. B. Erich Zenger, Die Bibel Israels − Wurzel der Gemeinsamkeiten für Juden und Christen; Hubert Irsigler, "Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich"; Wilhelm Breuning, Die Juden − Unsere älteren Geschwister im Bund; Moshe Navon, Jesu Teilnahme am jüdischen Gottesdienst) zeigt den weiten Weg, den die katholische Lehre über das Judentum und ihr Verhältnis zum Judentum seither gegangen ist. P. Démann zählt dennoch zu den theologischen Wegbereitern des christlich-jüdischen Dialogs.

I.  Unsere Haltung gegenüber den getrennten Brüdern im  allgemeinen

Parallel zum Streben nach Einheit, das durch die Kirche unserer Zeit hindurchgeht, macht sich auch ein Bemühen um Wahrheit und Redlichkeit bemerkbar, das manche schematischen, ja sogar karikierenden Ansichten über die getrennten Christenheiten, das Judentum und die Nichtoffenbarungsreligionen berichtigen will. Man legt sich mehr und mehr Rechenschaft davon ab, daß in dieser Hinsicht ein Bestreben nach Verständnis und Gerechtigkeit vonnöten ist. Mit der anspruchsvollen Treue gegen unseren Glauben soll sie eine aufrichtige Achtung vor den Menschen mit ihren Überzeugungen und Werten verbinden. Wir sollen ihnen gegenüber nicht Richter, sondern Zeugen sein. Dies regt uns an zum Fragen nach unseren eigenen Verantwortlichkeiten für die Zerrissenheit, welche die Kirchen tief betrübt, und für die stetig weiter dauernde Entferntheit jener, die ihr nie angehört haben. Danach können wir aus unserem Denken, Fühlen und Handeln alles wegschaffen, was den Graben zwischen unseren „ getrennten Brüdern“ und uns vertieft: Verständnislosigkeit, Verachtung, Groll.

Dies ist ein Grunderfordernis der Liebe. Aber mehr noch, die Erfahrung aller Tage zeigt, daß auf diesem Gebiet kein fruchtbares Handeln möglich ist ohne Arbeit an uns selbst. Je nach der offenen, d. h. wahrhaft katholischen oder verschlossenen Haltung, die wir selbst angenommen und durch Lehre, Predigt und Veröffentlichungen unseren Brüdern in der Kirche gegenüber unseren Brüdern außerhalb dieser eingeprägt haben, tragen wir dazu bei, „auch alle zerstreuten Kinder Gottes in eins zusammenzubringen“ (Joh 11,52), oder wir hintertreiben es.

II. Unsere Haltung gegenüber den Juden

Nur eine Seite der Frage soll in diesen Seiten geprüft werden; ein Fall, der sich unserer Aufmerksamkeit aufdrängt sowohl durch sein enges Band mit der christlichen Lehre als auch durch seine praktischen Rückwirkungen, nämlich die Juden und die christliche Lehre, die die Juden betrifft:

Ein erster Unterschied zwischen diesem Fall und allen andern ist augenfällig. Im Unterricht (abgesehen von dem der Kirchengeschichte) und in der Predigt spricht man nur gelegentlich von den nichtkatholischen Christen und den Nichtchristen. Aber eine christliche  Verkündigung ist unmöglich, ohne von den Juden zu sprechen. Wollte man sie totschweigen, so müßte man die ganze Offenbarung totschweigen: das Alte Testament, das Evangelium, Jesus von Nazareth, Sohn Gottes und Sohn Davids, und die Ursprünge der Kirche.

Ganz anders ist es, wenn im Bibelunterricht von den Assyrern, Philistern oder Römern gesprochen wird. Diese sind, nachdem sie eine beiläufige Rolle gespielt haben, von der Bühne der Geschichte verschwunden. Juden aber haben unter religiösem Gesichtspunkt eine wesentliche Rolle gespielt, und sie sind immer noch da. Wir können ihnen alle Tage begegnen. Es sind Menschen aus Fleisch und Blut. Diese Juden setzen wir spontan mit denjenigen der Heiligen Geschichte oder des Evangeliums gleich. Was übrigens keineswegs falsch ist, denn es gibt sehr wohl eine Art historischer Identität, eine fortdauernde Schicksalsgemeinschaft, welche bewirken, daß eine Gruppe durch die einander folgenden Generationen hindurch bestehen bleibt.

Diese Gleichsetzung hat weitgehende Folgen. Die Juden des Katechismus, der Predigten, der Literatur werden für viele Christen die ersten sein, denen sie begegnen, manchmal sogar die einzigen. Der Eindruck, den sie dabei bekommen haben, wird in einem großen Ausmaß die Meinungen und den Seelenzustand bestimmen, mit dem sie den Juden gegenübertreten, die das Leben ihnen über den Weg schickt. Es kann ein Gefühl der Achtung und Geneigtheit sein gegenüber dem von Gott erwählten Volke, dem Volke der Heiligen des Alten Bundes, unserer Ahnherrn im Glauben, dem Volke Jesu, Mariens und der ersten Jünger; oder aber ein Gefühl der Abneigung, der Verachtung und dumpfen Feindseligkeit gegen ein „gottesmörderisches, treuloses, verworfenes, gefallenes und verfluchtes Volk“. Beide Reaktionen lassen sich beobachten. Gebe Gott, dass die zweite nicht die häufigere sei!

Die Geschichte macht den ganzen Ernst der Frage offenbar. Welchen gegenseitigen Anteil auch die religiösen und soziologischen Faktoren an der Lage gehabt haben mögen, die sich für die Juden im Lauf der Jahrhunderte herausgebildet hat, es wäre schwer zu streiten, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen der harten Sprache, die gegenüber Israel so viele  christliche Prediger und Schriftsteller geführt haben, und den Juden in der mittelalterlichen Christenheit zugefügten Demütigungen und Einschränkungen, den Verfolgungen, die die Juden in christlichen Ländern erlitten haben, den judenfeindlichen Gefühlen, die in den Seelen vom Christentum gebildeter Völker verankert sind. Von dieser schmerzlichen Vergangenheit, ihrer Erbschaft, ihren Atavismen sich zu befreien, ist nicht leicht, weder für die Juden, noch für uns. Die kürzlich Ausmerzung von sechs Millionen Juden zeigt zur Genüge, welches die letzten Folgen des Judenhasses sind. Ist es also nicht geboten, sich auch über die anscheinend „harmlosesten" Formen des Antisemitismus zu beunruhigen? Umso eher sollte uns die bloße Vorstellung, daß es hier eine Verknüpfung geben könnte – sei es unbewusst und unfreiwillig – zwischen gewissen Formen der christlichen Katechese und jenen unmenschlichen und widerchristlichen Leidenschaften, im Tiefsten aufrühren.

Der ganze Ernst einer solchen Mitschuld erscheint indessen erst im Licht des Glaubens. In der Tat, dieser allein sieht in den Juden nicht nur Brüder wie in allen Menschen, sondern das Volk der ersten Berufenen, der Zeugen von Gottes Verheißung, das voläufig von uns getrennt, aber immer von Gott geliebt und immer in der Kirche erwartet ist, die ihre Vollendung ohne es nicht erlangen kann. Seine Wiedereinsetzung ist nach St. Paulus bedingt durch unser Zeugnisablegen in Gestalt von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Sowohl dieses Zeugnisablegen als auch im Gegenteil das Ärgernis des Unverständnisses und der Verachtung, das wir ihnen gegeben haben werden oder das wir ihnen gegenüber durch unsere Lehre erregt haben werden, haben eine zutiefst katholische und eschatologische Bedeutung.

III. Zu einer Klärung unserer Katechese

Vielerlei Versuche, Anregungen und Veröffentlichungen bezeugen, daß diejenigen zahlreicher werden, die sich dieser Wahrheit bewußt werden. Diese Reifung entspricht der gleichen, die wir heute in Bezug auf die Einheit der Kirche und die Missionen beobachten und auf die sich auch die gegenwärtige biblische Erneuerung wohltätig auswirkt. Es macht sich also das Bedürfnis bemerkbar, die Katechese in allem, was die Juden berührt, den nunmehr besser verstandenen, gebieterischen Erfordernissen des christlichen Geistes anzupassen. Die folgenden Ausführungen möchten zu dieser Arbeit Anregung bieten und Wegweiser aufstellen.

1. Der Biblischen Geschichte des Alten Testamentes ihre traditionelle Wichtigkeit und Rolle in jeder christlichen Unterweisung geben. Unsere Geschichte darin aufzeigen. („Geistlich sind wir alle Semiten“, hat Pius XI. gesagt.) Die Zusammengehörigkeit des Alten und des Neuen Testamentes verstehen lehren, die Einheit des göttlichen Heilswerkes. Das Volk Gottes mit seiner noch zu vervollkommnenden Erkenntnis, mit seiner noch nicht zur Genüge aus seinem Nationalleben herausgeschälten Universalmission und seinen unvermeidlichen und sehr menschliechen Schwächen, aber auch mit der Größe seines Glaubens, seiner unverbrüchlichen Hoffnung, seinen großen Gottesmännern wird dadurch in lebendige Nähe rücken.

2. Jesus, das fleischgewordene Wort, konkret inmitten seines Volkes und Landes zeigen, mit seiner Mutter, seinen Aposteln, seiner jungen Kirche. Als Fortsetzer der Patriarchen und Propheten, der „wahren Israeliten" (Joh. 1,47), kommt er nicht, um aufzuheben, sondern zu erfüllen, (Matth. 5,17).

3. Ein wahrheitsgetreues Bild des mit Jesus zeitgenössischen Judentums geben, mit seiner Atmosphäre der Krisis und Erwartung, den Abwegen, aber auch den Reichtümern seines religiösen Lebens, ohne übermäßige Vereinfachung, die daraus womöglich eine bloße Entartung macht. Eine derartige Deformierung ebenfalls vermeiden, wenn man vom nachmaligen oder heutigen Judentum spricht. Christus oder das Christentum erheben wollen durch systematische Herabsetzung des Judentums wäre ebenso unwürdig wie unzutreffend. Z. B. wird man vermeiden, das Alte Testament dem Neuen als ein Gesetz der bloßen Furcht dem der Liebe gegenüberzustellen.

Der Religion Israels wohnt ein unbegrenztes Vertrauen in einen unendlich barmherzigen Gott inne, und sein erstes Gebote will, daß man Gott von ganzer Seele liebe. Wenn nun Christus wohl diese Offenbarung zu ihrer letzten Fülle bringt, so besteht er doch auch ebenso eindringlich wie das Alte Testament auf den göttlichen Forderungen und auf der ewigen Vergeltung. Was den Formalismus anlangt, der Israel schon von den Propheten oft vorgeworfen wird, ist dieser nicht eine Versuchung, der jede religöse Praxis ausgesetzt ist?

4. Es ist besonders wichtig, den Konflikt zwischen Jesus und den führenden Kreisen seines Volkes, ebenso die Passion selbst historisch und theologisch wahrheitsgemäß darzustellen.

Nur ein Teil der Juden in Palästina – diese selbst stellten schon zu jener Zeit nur eine kleine Minderheit der im ganzen Mittelmeergebiet verstreuten Juden dar – hat Jesus kennen können. Unter ihnen gab es schwache und verschlossene Seelen, aber auch begeisterte Mengen und treue Jünger. Der systematische Widerstand gegen Jesus und seine schließliche Verurteilung sind nur die Sache einer beschränkten dominierenden Gruppe, für die das Volk keinerlei Sympathie empfand; sowie maßgebender Religionsunterweiser, die durch ein allzu menschliches  Festhalten an den Überlieferungen hingen, deren Hüter sie waren. An diese, die viel empfangen und ihrem Auftrag nicht gewachsen waren, richten sich die strengen Vorwürfe und Drohungen des Herrn.

In Treue und Untreue repräsentiert nun aber das auserwählte Volk die gesamte Menschheit. „Die Belehrung“, schreibt Pater Lagrange O. P., „ist umfassend genug, um überall und zu allen Zeiten zu gelten“. Und versichern nicht Jesus, Petrus und Paulus selbst von den tatsächlich Verantwortlichen am Drama von Golgatha, daß sie aus Unwissenheit gehandelt haben (Luk 23,34; Apg 3,17; 1 Kor 2,8)?

5. Man wird also die Ausdrücke vermeiden, welche das ganze jüdische Volk oder gar die Juden aller Zeiten mit den gegen Jesus verbündeten Häuptern gleichzusetzen scheinen: „Die Juden haben Jesus zurückgewiesen, verurteilt, gekreuzigt ..." Johannes wendet gewiß oft den Ausdruck „die Juden“ an, nicht etwa auf alle Juden, sondern einzig auf die feindlich gesinnten Führer – Hohepriester, Älteste und Pharisäer –, so wie er oft ,,die Welt“ sagt, nicht um alle  Menschen zu bezeichnen, sondern ausschließlich die, welche sich dem göttlichen Wirken widersetzen. Es handelt sich da um einen schematisierten Typus des Menschen, der sich dem Wort, das in die Welt gekommen ist, widersetzt, und nicht etwa um Juden in ihrer historischen Wirklichkeit. Ein solcher Sprachgebrauch, wie man ihm auch in der Apostelgeschichte und bei gewissen Kirchenvätern oder in der Liturgie begegnet, sollte im richtigen Sinne verstanden und deutlich erklärt, nicht aber mechanisch übernommen werden.

6.  Noch verweilt Israel als Gemeinde, indem es sich dem Evangelium versagt, schmerzlicherweise abseits der Kirche. Heißt dies nun, daß sich darum seine Mitglieder irgendwie mit den Urhebern der Kreuzigung solidarisieren? Nur aus einer bewussten, starrsinnigen und persönlich sündigen Versagung kann eine derartige Solidarität resultieren. Das gilt aber für jeden Menschen! Treue und Treulosigkeit – das geheimnisvolle Verhalten des menschlichen Herzens gegenüber dem göttlichen ihm Entgegenkommen – kann man in allen Völkern und zu allen Zeiten finden, sogar innerhalb der Kirche. Das Offenbarungslicht und die empfangenen Gnaden steigern jedoch die Verantwortlichkeit Israels. Um wieviel mehr dann nicht die unsere?!

7. Um darzutun, was das wahrhaft bedeutet, wird man sich an die authentische Überlieferung der Kirche halten, so wie sie z. B. im Katechismus des Konzils von Trient ausgedrückt ist: Christus hat gelitten und ist gestorben um unser aller Heil willen und unser aller Sünden wegen. Niemand ist von der Solidarität der Sünde ausgenommen (die Unbefleckte selber ist eine auf besonders erhabene Weise Erlöste); niemand ist von der Wohltat des Heils ausgeschlossen. Die einzige Haltung, die angesichts des Kreuzes angebracht ist, ist nicht, andere anzuklagen, sondern über seine eigenen Sünden zu weinen.

Man sollte also rednerische Übertreibungen vermeiden, welche, um die Gestalt des leidenden Heilandes erschütternder zu zeichnen, hart und beharrlich über seine Widersacher herziehen, über diese hinaus alle Juden mit dem grauenerregenden Erbe des „Gottesmordes“ belasten und dadurch tiefen Widerwillen gegen sie einflößen.

Indem man die Juden so die Last des Kreuzes fühlen läßt, gewöhnen wir sie daran, im Kreuz eine Quelle der Trennung und des Hasses zu sehen, und verbergen ihnen seine wahre Bedeutung, die der Einheit und der Liebe (Eph 2,11–18).

8. Der Übergang zwischen dem Volke des Alten Bundes und dem des Neuen Bundes sollte gewissenhaft dargetan werden. Das Evangelium läßt – z. B. in manchen Gleichnissen – einen umwälzenden Strukturwandel des Gottesvolkes vorausahnen: seine Institutionen werden eine tiefgreifende Umbildung erfahren, seine Grenzen sich über die ganze Welt hinaus  ausdehnen,  um die Heiden aufzunehmen, die zu Christus kommen und so durch den Glauben zu Abkömmlingen Abrahams werden. Daraus ergibt sich von selber, daß die exklusiv bevorzugte Rolle des jüdischer Volkes als solche ein Ende findet.

In der Kirche gibt es nunmehr „weder Jude noch Heide“ (Gal 3,28) Aber nichts deutet im Neuen Testament darauf hin, daß die Gesamtheit des jüdischem Volkes künftig verworfen sei, daß in der Heidenkirche die Heiden schlechthin an seine Stelle gesetzt werden sollen. Zu Beginn im Wesentlichen aus Juden zusammengesetzt, dann in ihrer überwältigenden Mehrheit aus Heiden, bleibt die Kirche immer der „treue Rest“ Israels, der durch die Berufung der Völker erweitert worden ist, und in ihrem Schoß soll sie Juden und Heiden vereinen.

9. Ebenso solltet man unterstreichen, daß nichts im Neuen Testament den Gedanken zuläßt, das jüdische Volk stehe nunmehr unter der Last einer geheimnisvollen Vergeltung, einer Verstoßung oder eines Fluches:

Z. B. der Verwünschung einer Gruppe von Manifestanten, die vor dem Prätorium von Anführern aufgehetzt worden waren: „Sein Blut sei über uns und unseren Kindern!“ (Matth 27,25) einen solchen Sinn zu geben, indem man annimmt daß Gott selbst sie sich zu eigen macht und auf Millionen Unschuldiger zurückfallen läßt – wär ein barer Unsinn, der an Gotteslästerung grenzen würde.

Ebenso: wollte man in der Zerstörung der jüdischen Selbständigkeit und der Zerstreuung des jüdischen Volkes (ein Zustand, welcher den Fügungen der göttlichen Vorsehung gemäß für die Verbreitung des Evangeliums günstig war) eine Strafe für die Verurteilung Jesu sehen, so vergäße man damit, daß zur Zeit Jesu der größte Teil des Volkes schon seit langer Zeit zerstreut und die völkische Selbständigkeit längst dahin war. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels ist das Signal für das Ende des „Regimes“, dessen Vertreter sich Jesu widersetzt haben und nicht das des ganzer Volks. Aber lassen die jahrhundartenlangen Leiden und Demütigungen des jüdischen Volkes nicht Gedanken an einen auf ihm lastenden Fluch aufkommen? Die ganze Schrift und die gesamte christliche Erfahrung sprechen im Gegenteil dafür, daß die Prüfungen, die Gott sendet, noch immer seine Liebe bezeugen.

Die Lehre Pauli läßt keinem Zweifel Raum: „Nein, Gott hat sein Volk nicht verworfen“ (Röm. 11,1–2); trotz ihrem Widerstand gegen das Evangelium „sind sie in Hinsicht der Auserwählung Lieblinge um der Väter willen“, „denn Gottes Gaben und Berufung gereuen ihn nicht und schließlich wird „ganz Israel gerettet werden“ (ebda. 11,26–29). Die sichtlich von der Vorsehung gewollte Bewahrung des jüdischen Volkes bezeugt die Treue Gottes gegenüber seinen Heilsratschlüssen.

10. Auch sollten wir niemals vom Gefallensein Israels als eines Volksganzen sprechen, ohne, sei es wenigstens mit einem Wort, an die göttlich gewährleistete Hoffnung auf seine Wiedereinsetzung zu erinnern. Das würde die ganze Frage ein für allemal in die theologisch einzig richtige Gesamtperspektive setzen. Hier liegt in der Tat der Schlüssel für die geheimnisvolle Schicksalsgeschichte Israels. Wenn schon der Fall einer großen Zahl in Israel die Verkündigung und das Heil der Heiden begünstigt hat, um wieviel mehr wird die Wiedereinsetzung ganz Israels der Kirche unendliche Freude bringen, eine unvergleichliche Fülle in der Einheit des Gottesvolkes, letzten Triumph göttlicher Barmherzigkeit und Treue (Röm 11,11–15.32–36; siehe im Ganzen die Kapitel 9–11).

Schlußgedanken

Diese Ansichten werden einen mehr oder einen minder großen Raum einnehmen im Rahmen eines bloß grundlegenden oder eines breiter angelegten Unterrichtes. Das Wesentliche aber auf allen Stufen ist, daß die Religionslehrer, die Prediger usw. selber von dem christlichen Verständnis des Problems durchdrungen sind und ihm infolgedessen ständig in ihrem Unterricht voll Rechnung tragen können. Man wird ohne Mühe den richtigen Ton finden, wenn man in dieser Hinsicht innerlich selbst auf die Forderungen des Glaubens und der Liebe abgestimmt ist.

Handelt es sich um eine Einzelfrage? Gewiß nicht! Haben wir doch deren ganze katholische Tragweite an den Tag gelegt. Ihre religiöse Wichtigkeit und ihre praktischen Rückwirkungen machen sie zu einem Prüfstein des christlichen Geistes, des gelebten Glaubens, der ja das Ziel jeden Religionsunterrichts ist. Das Heil Israels und das Heil der Welt in ihrer geheimnisvollen Verbundenheit stehen auf dem Spiel in jedem Gedanken, in jedem Wort, jeder Geste des Christen, die sich auf die „zerstreuten Kinder Gottes“ beziehen. Möchten sich doch alle, die in irgendeiner Form am Lehrauftrag der Kirche teilhaben, ihrer Verantwortlichkeit in dieser Hinsicht bewusst werden!

Ergänzende Anmerkung über einige Evangelientexte bezüglich der §§ 5, 8 und 9.

a) Wenn Jesus die Menge in Gleichnissen lehrt, so ist der Grund dafür nicht in der ablehnenden Haltung der Zuhörenden zu suchen (Matth 13,10–47); Mark 4,10–12; Luk 8,9–10). Es handelt sich einfach um die Offenbarung von ihrer eigenen Natur nach geheimnisvollen Dingen (Math 13,34–35), in einer außerordentlich erzieherischen Form, die im Orient sehr gebräuchlich ist und für empfängliche Hörer leicht zugänglich. Aber die Offenbarung wird unvermeidlich zur Verurteilung jener, die sie verweigern; daran erinnern die Evangelien – in Voraussicht des Scheiterns der Predigt bei dem größten Teil des Volkes – mit Nachdruck, wobei sie sich auf Jesaias (6,9–10) beziehen.

b) Wie die anderen Gleichnisse des Evangeliusms, verkündet auch das der mörderischen Weingärtner weder Verwerfung und Verdammnis des Gesamtvolkes, noch die einfache Ersetzung der Juden durch die Heiden. Der Weinberg ist eines der überlieferten, biblischen Bilder des Gottesvolkes; die Gärtner, denen jener Weinberg anvertraut ist, können nur die Häupter sein, welche die Autorität in Israel innehaben. Inder Tat: „als nun die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach“ (Matth 21,45). Da sie ihren Auftrag nicht erfüllt haben, werden sie kein Teil haben am Aufbau des Gottesreiches, und im Moment, da das Volk Gottes in die letzte Phase seiner Geschichte eintritt, wird es einer neuen Hierarchie anvertraut werden, einer neuen Einrichtung, die ihm erlauben wird, ein geistliches „Volk“ zu werden, das allen offensteht, und das durch den Glauben vereint wird und nicht durch ein völkisches Band. Kein Übergang von einem Volke zu einem andern im ethnischen Sinne des Wortes, sondern nur von einer Strukturform des Gottesvolkes zu einer andern.

Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl (Matth 22,1–14, Luk 14,15–24) hat die gleiche Umwandlung des Gottesvolkes zum Gegenstand. Es hat die führenden Kreise im Auge, die sich Jesus und seinem Werk widersetzen, – Gesetzeslehrer und Priesteraristokratie –, zeigt eine Vorliebe für die Kleinen, Armen und Niedrigen, schließlich unterstreicht es, daß der Eintritt in das Königreich eine Sache der Gnade und nicht erworbenen Rechtes ist.

Dieselbe Lehre wird eingeprägt in Matth 8, 10–42: wie der Hauptmann von Kapernaum, dessen Knecht Jesus soeben geheilt hat, werden nunmehr die Menschen aller Völker durch den Glauben in den Besitz der Erbschaft Abrahams, Isaaks und Jakobs gelangen können, während jene, die das Königreich nicht als Gnade, sondern als Recht kraft Geburt („die Söhne des Königreichs“) in Anspruch nehmen, davon ausgeschlossen bleiben. (In Luk 13,28–29 liest man die gleiche Wendung in einem anderen Zusammenhang, als Antwort auf eine Frage nach der Zahl der Erwählten.)

c) Was die Erzählung vom verdorrten Feigenbaum (Matth 21,18–22; Mark 21,12–14, 19–25) anlangt, so deutet nichts im Text darauf hin, daß es sich da um ein Symbol der Verdammnis oder der Bestrafung Israels handelt, wie man es oft behaupten hört. Jesus selber erklärt, wie man es nicht klarer könnte, den Sinn seines Tuns: nichts ist dem Glauben, dem  vertrauenden Gebet unmöglich. Das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum, das man bei Luk 13,6–9 nach einer Ermahnung zur Buße liest (und das man wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Bilde des verdorrten Feigenbaumes mit diesem in Zusammenhang gebracht hat), zeigt ganz allgemein die Notwendigkeit eines wirksamen Glaubens und auch die Geduld, mit der Gott die Früchte eines solchen Glaubens abwartet.

d) Man wird hier nicht nötig haben, auf die in Matth 27,25 berichtete Verwünschung zurückzukommen, welche oft als Grundlage für den Volksglauben dient, nach welchem ein Fluch auf dem jüdischen Volke laste (Vgl. III, 9).

e) In der eschatologischen Rede Jesu (bes. Matth 23,36–39; 24,1–3, 15–20; Mark 19,41–44, 21,5–7, 20–24), wo man die Sprechweise und sie Sicht der Propheten Israels wiederfindet, sind die drohende Katastrophe, die über Jerusalem und Judäa niedergehen wird, die Prüfungen, die die Kirche erwarten und die Plagen der letzten Zeiten wie überlagert. Deutlich angekündigt wird hier die Zerstörung des Tempels und der Heiligen Stadt, zugleich mit der Besetzung der letzteren durch die Heiden für eine Zeitdauer, deren Länge nicht genau angegeben wird, und der Verschleppung ihrer Einwohner.

Die Stadt und der Tempel sind  das Symbol der alten Ordnung des Gottesvolkes und der Sitz seiner Institutionen. Ihr Fall bedeutet das Ende dieser Ordnung und trägt den Charakter einer Strafe für seine offiziellen Repräsentanten, die sich der ungeheuren, von Jesus gebrachten Erneuerung widersetzt haben.

(Übrigens bilden bei Matthäus die Vorwürfe und Prophezeiungen, die Jesus voll Traurigkeit über die Heilige Stadt ausspricht, den Abschluß eines ganzen Kapitels [23], das aus Vorwürfen und Drohungen gegen die Schriftgelehrten und heuchlerischen Pharisäer  zusammengesetzt ist.) Wie die Prüfungen, die Israel in der Vergangenheit gekannt hat, wird diese Katastrophe ohne Zweifel viele Leiden für das ganze Volk von Jerusalem und Judäa (Luk 21,23 f.) nach sich ziehen; aber nichts berechtigt zu der Behauptung, daß es sich um eine Strafe handle, die das ganze jüdische Volk trifft, und noch weniger, dass diese auf immer zu dauern bestimmt sei.

Die Worte, welche Jesus in Luk 23,28-31 an die „Töchter Jerusalems“ richtet, weisen deutlich auf dieselben Bedrängnisse, hin wie die Kapitel 19 und 21; Bedrängnisse, welche  dicht bevorstehen und lokalen Charakter haben, und die zugleich die der letzten Zeiten vorbilden.

f) Das Gebet Jesu um Verzeihung (Vater, vergib ihnen ... Luk 23,34) nur für die Juden und für alle Juden zu verstehen, als wenn nur sie, aber sie alle mit der Verantwortlichkeit für den Tod Jesu beladen wären, wäre, was den Text anlangt, völlig unberechtigt und der kirchlichen Überlieferung widersprechend. Das Gebet Jesu bezieht sich zunächst auf die tatsächlich an seinem Tod Verantwortlichen und über diese hinaus auf alle Sünder.

g) Um Abschnitt 5 zu vervollständigen, weisen wir auf einige Texte des Johannesevangeliums hin, in denen der Ausdruck „die Juden“ eindeutig nur die Jesus feindlich gesinnten führenden Kreise bezeichnet: Joh 1,19; 2,18-20; 5,10-18; 7,1.11-13; 8,48 bis 57; 9; 18-24; 10,31-33; 18,14.31.36.38; 19,7.12.14; 31,38; 20,19.


V. Folge 1952/53, August 1952, Nummer 17/18, S. 12−16.

 



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