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Schalom Ben-Chorin

Gedenken an Kardinal Faulhaber

Der Kardinal war eine der führenden Persönlichkeiten im Kirchenkampf gegen den Nationalsozialismus. Sein mutiges Eintreten für die Juden und sein unerschrockener Kampf für die Heilighaltung der „Judenbibel", das Alte Testament, gehören der Geschichte an und bleiben unvergessen. Schon 1902 ließ er ein Werk über „Hohelied-, Proverbien und Predigerkatenen" (also über Shir-Hashirim, Mishle und Koheleth) erscheinen. Auch seine Arbeiten über biblische Prophetenbücher (1899) zeugen von diesem Verständnis. Im Jahre 1917 wurde er zum Erzbischof von München geweiht und 1921 wurde er zum Kardinal erhoben.

Kardinal Faulhaber gelang es, das Vertrauen der weitesten Kreise Bayerns, auch der nichtkatholischen, zu erwerben und in den stürmischen Jahren der Revolution und des Hitlerputsches war sein mäßigender und ausgleichender Einfluß von höchster politischer Bedeutung. Als die Nazis 1933 ihren Vernichtungsfeldzug gegen das Judentum begannen, wagte es der Kardinal, ihnen offen entgegenzutreten. Er wählte zum Thema seiner Adventspredigten im Dezember 1933 in der St. Michaelskirche zu München: Die religiösen, sittlichen und sozialen Werte des Alten Testaments.

Diese Predigten wurden von Tausenden gehört und im Druck in zehntausenden Exemplaren verbreitet. Sie waren eine Kampfansage an den Nazismus und wurden von diesem auch so aufgefaßt „Die Wiege der Humanität stand in Palästina, nicht in Hellas", donnerte der Kardinal am 17. Dezember 1933 von der Kanzel und fuhr fort: „Entweder glauben wir an die Inspiration der Heiligen Bücher oder wir müssen dem jüdischen Volke sagen: 'Du bist die genialste Rasse der Weltgeschichte'."

Worte von solcher Klarheit waren in der Atmosphäre des Dritten Reiches ein wirkliches Wagnis. Faulhaber betonte, daß das Gebot der Nächstenliebe nicht erst Botschaft des Christentums ist, sondern Erbgut des Judentums. In einer seiner Predigten aus der Nazizeit heißt es wörtlich: „Für manche ist es vielleicht neu, zu hören, daß das Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst" bereits im mosaischen Fünfbuch (Levit. 19,18), nicht erst im Evangelium verkündet wurde."

Während Kardinal Faulhaber so laut gegen die Diskriminierung des jüdischen Kulturerbes an Europa auftrat, half er in der Stille vielen Juden und ließ seinen großen Einfluß für sie spielen, wo immer es ging. Die Autorität dieses Mannes war so groß, daß die Nazis nicht wagten, direkt Hand an ihn zu legen. Als sie sein Palais von SS-Posten bewachen ließen und den Kirchenfürsten mit Hausarrest belegten, trat der Kardinal in seiner violetten Soutane heraus, kommandierte kurz und schneidend im Ton des alten Soldaten (er war während des ersten Weltkrieges Feldgeistlicher): „Weggetreten" − und die Posten gaben ihm den Weg frei.

Kardinal Faulhaber gab den Widerstand gegen die Nazis nicht auf. Zusammen mit dem Bischof von Münster, Graf Galen, und dem Bischof von Berlin, Grafen Preysing, stand er in der vordersten Reihe der katholischen Aktion gegen die Nazis. Dieser Widerstand und sein Eintreten für die Verfolgten, unter ihnen viele Juden in Bayern, hebt die Bedeutung Kardinal Faulhabers über den Kreis seiner Kirche hinaus.

(Schalom Ben-Chorin, in "Jedioth Chassadoth", Jerusalem 20.6.1952)


V. Folge 1952/1953, August 1952, Nummer 17/18, S. 36.

 



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