Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv vor 1986 > 1220  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Walter Dirks

„Er ist anders — er ist wie Du"

Das, was zwischen den nichtjüdischen Deutschen und den Juden passiert ist, gestattet mir nicht, aus diesem Anderssein die sonst so oft erlaubte Folgerung zu ziehen, daß ich mich gleichgültig von ihm abwende. Wenn mir dergleichen mit einem biologischen oder geistigen Typus begegnet, mit dem ich geschichtlich nichts zu tun habe, kann ich achselzuckend von dannen gehen. Es muß oder mag genügen, daß ich keine negativen Folgerungen aus dem Anderssein ziehe, daß ich weder äußerlich noch innerlich aggressiv werde. Dem jüdischen Anderssein gegenüber aber muß ich standhalten, indem ich sage: „Er ist wie Du. Ich liebe diesen Nächsten."

Für die Christen und für die gläubigen Juden gilt alles dies in gleicher Weise, aber es kommt etwas Neues hinzu, das ihrem Verhältnis ein ganz anderes Gesicht gibt. Allerdings gewinnt zunächst auch das Anderssein eine neue Dringlichkeit. Der theologische Antisemitismus, der viel tiefer sitzt, als wir es wahrhaben wollen, der als alte Wurzel des modernen Antisemitismus höchst verhängnisvoll gelebt und oft gewuchert hat, der offenbar auch heute noch nicht ganz aus unseren Religionsstunden geschwunden ist, dieser theologisch begründete Antisemitismus zieht mit seiner Formel von den „Gottesmördern" aus dem Bericht der Evangelisten falsche Folgerungen und macht sich schwer schuldig, wenn er aus dem Wort der jüdischen Menge „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder" die Verfolgungen und das Unglück der Juden rechtfertigt.

Aber wir kämen nicht weiter, wenn wir im christlich-jüdischen Verhältnis die Gestalt bagatellisierten, die uns trennt, Jesus von Nazareth. Ich denke da noch nicht einmal so sehr an den Streit um seinen messianischen Anspruch, um seine Göttlichkeit, um seine Tötung und um seine Auferstehung, den gleichsam öffentlichen Streit der Bekenntnisse, sondern ich denke vor allem an die intimste Erfahrung, die wir Christen mit diesem Menschen haben, an die Stunden des Gebetes und die Stunde des Sakraments, an das Geheimnis der Begegnung und Einigung.

Ich will gar nicht versuchen, mich in ein jüdisches Herz hineinzudenken, es genügt mir, das Gefühl von Ratlosigkeit und Trauer in mir selbst festzuhalten, das in einer solchen intimen christlichen Erfahrung sich darüber klar wird, daß andere von ihr ausgeschlossen sind oder sich von ihr ausschließen, Menschen, denen gegenüber man sich durch das Schicksal der deutschen Judenverfolgung und vieles andere so eng verbunden fühlt. Ich kann diese Ratlosigkeit und diese Trauer nur andeuten. Daß sie den bestreiten, der unser Herr ist, auf eine viel dezidiertere Weise als die Ungläubigen, die asiatischen Religionen, das bedeutet einen Schmerz, der um so größer wird, je inniger und je redlicher beide es mit ihrem Glauben nehmen. Mit Abschleifung und Indifferentismus ist dieser Schwierigkeit nicht beizukommen, und von den Zeiten, da sich das Christentum wie das Judentum nur als historische Denominationen des einen Vernunftglaubens verstanden, sind wir weit entfernt.

In Amerika mögen die Dinge etwas anders liegen: bei uns jedenfalls ist es kein Zufall, daß es auf christlicher Seite nicht die indifferenten oder die Kulturchristen sind, welche eng mit den Juden zusammenarbeiten, sondern ausgesprochen gläubige, ich möchte sagen: orthodoxe Christen. Es sind weder die sogenannten liberalen und konzilianten Christen, denen es nicht so genau darauf ankäme, noch sind es die Grenzkatholiken hier und die katholisierenden Grenzprotestanten dort, denen die christliche Einheit eine schwere Sorge und eine große Aufgabe ist, sondern es sind gerade die gläubigen Katholiken und die gläubigen Protestanten, wenn auch nicht gerade die bornierten. So wie es auch gerade gläubige Christen und sehr sozialistische Sozialisten sind, denen um ihres Glaubens willen und um des Sozialismus willen das unglückliche und schiefe Verhältnis, das zwischen der katholischen Kirche und den sozialistischen Parteien besteht, Kummer macht. Wem es hier nicht ernstlich um den Anspruch des Glaubens, dort nicht ernstlich um den Anspruch des Sozialismus geht, findet sich viel leichter mit den Tatsachen ab.

In allen diesen Beziehungen gibt es Analogien zu der Dialektik des Satzes „Er ist anders – er ist wie Du". Überall führt gerade das redliche und konsequente Ernstnehmen der Verschiedenheiten zu der Not, in der das Gemeinsame entdeckt und tiefer gesehen wird als in den Zonen des leichten Übergangs, der bequemen Vermittlungen. So ging es uns auch im christlich-jüdischen Verhältnis. Das Kreuz Christi ist wieder zum Ärgernis geworden, und wir Christen bekennen uns offener dazu als in der liberalen Ära.

Es ist wohl diese Not um den anderen Glauben, die uns dahingebracht hat, die ganz vergessene Wahrheit wieder zu entdecken, daß es sogar in der trennenden Frage nach dem Messias eine tiefe Gemeinsamkeit gibt. Daß wir uns einig sind in der Erwartung dessen, der die Welt heilen und Gottes Herrschaft zum Siege führen wird, darin haben die jüdischen und christlichen Apokalyptiker etwas Gemeinsames.

Wenn die Christen auf die Wiederkehr des Auferstandenen, die Juden aber auf einen anderen oder auf etwas anderes warten, so warten sie doch beide auf Gottes Heil und sind sich darin einig gegen alle Idealisten, Naturalisten und Evolutionisten, erst recht gegen die Gleichgültigen jeder Art und Herkunft. Aber selbst wenn wir mit dieser eschatologischen Erwartung, in der sich unter Christen und Juden das Trennende und das Gemeinsame so außerordentlich eng berühren, ein wenig vorsichtig umgehen und uns vor formalen Kurzschlüssen und modischen Paradoxien und theologischen Koketterien hüten, so bleibt doch die große Gemeinsamkeit des Glaubens an den Einen Gott, der sich geoffenbart hat.

Wir sind als Christen berechtigt und genötigt, von dem Einen Gottesvolk zu sprechen, und wir sind uns heute darüber im klaren, daß in ihm Israel seine Rolle nicht etwa mit der Erfüllung des Alten Testaments ausgespielt hat, sondern in einer besonderen Weise, deren Charakterisierung freilich jüdischen Ohren wieder wehtun kann, neben der Kirche nach Gottes Willen da ist und seinen eigenen Weg geht, bis die Stunde der Vereinigung geschlagen hat.

Und auch auf jüdischer Seite scheint man bereit zu sein, dem Christentum eine gleichfalls tragische und fragwürdige, aber doch in letzter Instanz positive, nämlich auf Gottes Willen zurückgeführte Rolle in der Geschichte des Einen Heils zuzuerkennen.

Wenn Christen und Juden gemeinsam den Wegen Gottes in der Geschichte nachsinnen, so stoßen sie immer wieder auf scharf Trennendes und übrigens auch auf Schmerzliches und Peinliches – und hart daneben auf eine bestürzende Nähe, ja Gemeinsamkeit. Es käme darauf an, beides genau und redlich ins Auge zu fassen. Gewiß gibt es Juden und Christen genug, die mit dieser Komponente des jüdisch-christlichen Gesprächs wenig zu tun haben, weder mit den Ereignissen des Glaubens und der gläubigen Existenz, etwa des Betens, aber auch des Zweifelns, noch erst recht mit den theologischen Auseinandersetzungen, die sich teils aus solcher Glaubensexistenz, teils aus der Überlieferung des christlichen und jüdischen Denkens ergeben: ich werde mich hüten, etwas gegen die enge Zusammenarbeit von ziemlich säkularisierten Christen und sehr liberalen und modernen Juden zu sagen, denen die Theologie, ja sogar die Religion Hekuba ist, erst recht nichts gegen die Zusammenarbeit von frommen Christen und Juden, die sich in den elementaren und vor allem den praktischen Gemeinsamkeiten Genüge tun und alles andere dem lieben Gott überlassen. Aber Sie müssen es mir erlauben, zu bekennen, daß nach meiner Überzeugung und Erfahrung unsere christlich-jüdische Zusammenarbeit ihren Kern hat im Glaubensgespräch.

Und gerade in diesem Glaubensgespräch, in dem es in allem Ernst um die Wahrheit geht, um die Wahrheit Gottes und um die Wahrheit des Lebens, das er uns geschenkt hat, stoßen wir unerbittlich immer wieder auf die Tatsache, daß der Jude anders ist, nämlich anderes glaubt und anders glaubt als der Christ. Wohl uns, wenn wir uns auf beiden Seiten damit nicht begnügen, sondern der eine am andern, an seinem Wort und seinem Angesicht und seinem Leben erkennt, daß er, der anders ist, gleichwohl und indem er anders ist, in letzter Instanz „ist wie ich“.

Aus einem Vortrag von Walter Dirks, gehalten im Westdeutschen Rundfunk, März 1957.


X. Folge 1957/58, Oktober 1957, Nummer 37/40, S. 62 f.

 



top