Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv vor 1986 > 1218  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Redaktion

Dringlichkeit einer Revision?

Dringlichkeit einer Nachprüfung!

Zunächst ist ein für Prof. Weills Anliegen nebensächliches Mißverständnis zu beseitigen, das sich gegen Ende seines von uns nur mit unwesentlichen stilistischen Korrekturen gebrachten Textes ["Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Dringlichkeit einer Revision] findet: Der spezielle Vorwurf des ‚Gottesmordes' ist nicht nur nicht neutestamentlich, sondern – laut 1 Kor 2,8 – ausdrücklich schriftwidrig, erst von Kaiser Konstantins Hofbischof Eusebius aufgebracht, noch von Augustin nachdrücklich abgelehnt, leider trotzdem später weit verbreitet worden, heute von allen ernsthaften Theologen aufgegeben und braucht nicht mehr zur Diskussion zu stehn.

Wohl aber steht die Frage – nach wie vor – zur Diskussion, ob z. B. die Echter-Bibel eine zutreffende Schriftauslegung bietet, wenn es dort zu Matthäus 27,25 heißt:

„Die Verantwortung, die Pilatus für seine Person abzulehnen sucht, nimmt das Volk willig auf sich und seine Kinder. Und diese Blutschuld lastet auf ihm nicht nur bis zur Zerstörung Jerusalems, sondern bis zu dem Tage, an dem es endlich zum Glauben an seinen Messias finden wird. Röm 11,25–32." (K. Staab, Das Ev. nach Matthäus, Würzburg 1951, S. 154).

Auch da, wo im Sinne der ausdrücklichen Gottesoffenbarung über die Heimsuchung von Schuld nur bis ins dritte und vierte Glied (Ex 34,7) und der Parallelstelle Matthäus 23,35 f. die Schuld des ‚ganzen Volkes' von Jerusalem (vgl. Apg 13,27!) mit dem Schicksal der Kinder und Kindeskinder der Rufer vom Karfreitag bei der Zerstörung Jerusalems 40 Jahre später gesühnt erachtet wird, pflegt deren Ausruf als Übernahme der eignen Verantwortung für Jesu Tod verstanden zu werden; nur wird dann – antisemitischer Mißdeutung entgegen – etwa zugefügt (wie in der revidierten Ausgabe des Allioli-NT, Freiburg 1949, S. 14):

„[...] keiner tut anders, der den nationalen oder sozialen Messianismus wählt – und eben dadurch zwangsläufig den Heiland in seinen Gliedern immer wieder ans Kreuz bringt (vgl. Apg 9,4; Hebr 6,6!)".

Im Sinne dieser traditionellen Interpretation der Stelle bemerkt nun auch Blinzler (Der Prozeß Jesu, Stuttgart 1951, S. 90, Anm. 26):

„Die Worte: ,sein Blut komme über uns und unsere Kinder' entsprechen einer jüdischen Wendung (2 Sam 1,16; 3,29; 14,9; Jer 28,35; Apg 18,6) und besagen: Die Verantwortlichkeit und Schuld treffe uns und unsere Kinder; s. Billerbeck I, S. 1033. H. M. Cohn, 'Sein Blut komme über uns', Jahrb. f. jüd. Gesch. u. Lit. 6 (1903), 82–90, faßt die Worte als eine Äußerung zugunsten Jesu auf; sein Tod werde nicht gewünscht, sondern solle im Gegenteil verhindert werden.

Aber diese Deutung scheitert an den Parallelen und am Zusammenhang. Es ist höchstens denkbar, daß die Rufer (oder ein Teil von ihnen) von der Gerechtigkeit ihrer Sache ehrlich überzeugt waren und mit einer ‚Schuld' ihrerseits überhaupt nicht rechneten; dann war der Ausruf nicht eine frivole Selbstverwünschung, wie er gewöhnlich aufgefaßt wird ..."

Schlägt man nun an der hier angegebenen Stelle, d. h. S. 1033 in Band I von Strack/Billerbecks „Kommentar zum NT aus Talmud und Midrasch" nach, so fällt immerhin im Sinne Weills und Cohns auf, daß etwa dem zum Tode verurteilten Gotteslästerer gesagt wird: „Dein Blut ist auf deinem Haupt", so daß man im Munde der Jerusalemiten, wenn sie Jesus für schuldig erklären wollten, erwarten würde. „Sein Blut ist auf seinen Haupt", d. h. er ist selbst dafür verantwortlich, daß er nun sterben muß. – Ob trotzdem notwendig verstanden werden muß: „Wenn er wirklich, wie Pilatus meint, unschuldig sein sollte, so wollen wir und unsre Kinder die Verantwortung für das vergossne Blut tragen", das sollten wohl die Sachverständigen noch einmal nachprüfen, nachdem ernste Zweifel dazu geäußert wurden.

Unabhängig von dieser Nachprüfung aber ist eines über jeden Zweifel gewiß: Daß Jesus vor allem andern „für das Volk" gestorben ist, dem er entstammte, und so wie Johannes dies (11,49 ff.) durch Kaiphas unfreiwillig bezeugt sein läßt, ebenso Matthäus durch das Volk selbst bezeugt hören lassen will, was wir am Christkönigsfest mit dem Weihegebet Pius XI. zu erflehen pflegen: „daß das Blut, das einst auf sie herabgerufen ward, jetzt auch auf sie als Bad der Erlösung und des Lebens niederströme“.


X. Folge, 1957/58, Oktober 1957, Nummer 37/40, S. 61.


top