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Prof. Dr. Hugo Bergmann

Ein Denkmal jüdisch-deutschen Zusammenlebens

Dem Mitteilungsblatt ,Olej Merkas Europa' ([25/11] Tel Aviv, 15. März 1957) entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Schriftleitung und des Verfassers den folgenden Beitrag über das vom Leo-Baeck-Institut herausgegebene Jahrbuch I. Derselbe unterrichtet so hervorragend, daß wir auf eine eigene Rezension verzichten.1

Das Buch von 466 Seiten, das uns das Leo-Baeck-Institut als sein erstes Jahrbuch, redigiert von Robert Weltsch, vorlegt (Year Book I., London 1956, East and West Library, S. 466), ist in Inhalt und Methode einzigartig, wie der Gegenstand einzigartig ist, den es behandelt. Es ist keine Geschichte der Juden in Deutschland, und obwohl die Periode von 1933 bis 1938 im Mittelpunkt steht, ist es auch keine erzählende Geschichte dieser Jahre. Es verzichtet auch, mit vollem Bewußtsein, auf die Sammlung von Dokumenten über die Verbrechen der Nazis und überläßt diese Arbeit anderen Stellen. Es will vielmehr die besondere Konstellation der Verschmelzung von Judentum und europäischer Kultur festhalten, wie sie sich in Deutschland in zwei Jahrhunderten vollzogen hat und ihren tragischen Ausgang in jenen Jahren.

Unser Blickfeld in bezug auf das Zusammenleben von Majorität und Minorität, das früher durch die europäischen Völkerprobleme allein bestimmt war, ist in den letzten Jahren sehr erweitert worden. Wir sehen heute den Kampf indischer und chinesischer Minoritäten in Südostasien, arabischer Minoritäten in Westafrika; aber so sehr sich unser Blickfeld erweitern mag, so wird sich doch herausstellen, daß das deutsch-jüdische Zusammenleben ein einzigartiges Phänomen war, welches festzuhalten nicht nur eine jüdische Pflicht ist – Herstellung der Stetigkeit der Überlieferung gegen alle zerstörenden Kräfte der physischen und geistigen Zerstreuung –, sondern ein allmenschlicher Auftrag an diejenigen, welche die letzten dieses Phänomens waren. Siegfried Moses, der Präsident des LBI, legt in seiner Einleitung zu diesem Bande das sehr ambitiöse Arbeitsprogramm vor, das sich das Institut zum Ziele gesetzt hat. Es heißt da:

„Die Ideen und Leistungen des deutschen Judentums sollen dargestellt werden in gelehrten Untersuchungen, frei von offenen und verborgenen apologetischen Tendenzen.“

Das Jahrbuch ist als erste Veröffentlichung des Instituts ein gutes Beispiel für diesen Geist. (In diesem Zusammenhange sei erwähnt, daß die Arbeit des LBI durch Subventionen der Claims Conference ermöglicht wurde.)

Die Einleitung, welche Robert Weltsch dem Bande vorausgeschickt hat, versucht auf wenigen Seiten die Einzigartigkeit des Phänomens festzuhalten, ausgehend von Julius Guttmanns Wort: „Deutschland ist die Geburtsstätte des modernen Judentums." In welcher Beziehung konnte ein so stolzes Wort (von einem so bescheidenen Mann) gesagt werden? Sicherlich nicht in bezug auf die Treue zur Überlieferung. In diesem Betracht waren die Ostjuden weit im Vorteil und daher innerlich gesicherter, als der Sturm losbrach. Aber das deutsche Judentum hatte früher als alle anderen Landsmannschaften den Prozeß der Amalgamierung mit den Ideen Europas vollzogen, jenen Prozeß der „Assimilation", welcher, wie der unvergeßliche Adolf Böhm immer betonte, eine geistige Befreiung darstellte und das moderne Judentum erst möglich machte.

Das Wort „Judentum“ kommt, wie kürzlich David Flusser zeigte, zuerst in den Makkabäer-Büchern vor, der Begriff ist also selbst eine Frucht der hellenistischen Assimilations-Epoche. Und das jüdisch-deutsche Zusammenleben reiht sich den großen Perioden der hellenistischen und der spanischen Zeit an. Die moderne Orthodoxie wie das Reform-Judentum, jüdischer Nationalismus und Zionismus sind ohne das deutsche Judentum undenkbar. Es ist diese Synthese der Kulturen, welcher das Buch nachgeht.

Das Jahrbuch baut sich in sechs Kapiteln auf. Das erste Kapitel bildet mit drei historischen Artikeln die Überleitung von der Vergangenheit. Selmar Spier schreibt über „Die jüdische Geschichte, wie wir sie sehen“ (die qualvolle, aber fruchtbare Zweiheit im deutschen Juden; das Verlassen der historischen Gestalt des Judentums, in deren Mittelpunkt die Gemeinde gestanden hatte; die Ersetzung der jüdischen Zusammengehörigkeit durch eine von den Konfessionen unabhängige Kultur; überbetontes Staatsgefühl; und dann der Absturz, hier illustriert durch ein erschütterndes Zitat aus Wassermanns „Mein Weg als Deutscher und Jude“).

Selma Stern-Täubler schreibt über die Prinzipien der deutschen Politik gegenüber den Juden im Beginne der Neuzeit (die Zeit der Renaissance und Reformation ist hier tragische Geschichte: der Kampf zwischen Synagoge und Kirche, der im Mittelalter ein geistiger Kampf war, wurde „vom Himmel auf die Erde versetzt“; die ersten Szenen jener Tragödie von Liebe und Haß, Anziehung und Abstoßung, die in der Hitlerzeit ihren Höhepunkt erreichte). Die Arbeit zeigt, wie die deutschen Juden jener Generationen den schweren Heimsuchungen begegneten und auf die großen entscheidenden Fragen jener Epoche mit Größe und Entschiedenheit antworteten.

Etwas problematisch scheint mir der dritte Aufsatz „Die Bedingungen der Emanzipation 1781–1812“ (H. D. Schmidt). An der Hand eines sehr interessanten Materials aus Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln zeigt Schmidt die Forderungen auf, welche die Deutschen als Bedingung der Emanzipation stellten, und wirft den Juden vor, daß sie nur allzu willig diese Forderungen angenommen haben. Die Nichtjuden fürchteten z. B. die messianische Erwartung als eine Gefahr für die Staatstreue, und die Juden waren bereit, die Messiaserwartungen aus dem Gebetbuch zu streichen. Und so ging es mit der hebräischen Sprache, mit der Forderung nach Aufgabe eigener Erziehungsinstitute, mit der Forderung der Loyalität, welche den deutschen Juden so in Fleisch und Blut überging, daß sie sie untauglich machte für Untergrund-Bewegungen – sogar im Palästina der Mandatszeit. So sieht Schmidt die Geschichte der deutschen Juden-Emanzipation mit denselben Augen, mit welchen Achad Ha’am die „Knechtschaft innerhalb der Freiheit“ des Westjuden sah. Aber dies war eine einseitige Sicht. Die religiösen Werte, welche die Juden (nicht alle!) aufgaben, waren schon unterhöhlt und inhaltslos, noch ehe sie aufgegeben wurden – und anderseits läßt uns Schmidt nicht sehen, wie die Juden die erworbene Gleichberechtigung dazu benutzen, um doch wieder ihre Organisationen zu stärken. Wäre die Sicht des Verfassers richtig, wäre schwer zu verstehen, was uns das zweite Kapitel des Buches erzählt von der „jüdischen Organisation und dem geistigen Widerstande zur Hitlerzeit“.

Das Kapitel beginnt mit Leo Baecks Aufsatz „Zur Erinnerung an zwei unserer Toten“ (Otto Hirsch und Julius L. Seligsohn von der Reichsvertretung; über Hirsch handelt auch E. Simon in seinem später erwähnten Beitrag, wo auch das von Baeck verfaßte Gebet für den Versöhnungstag 1935 abgedruckt ist, wegen dessen Hirsch und Baeck verhaftet wurden). Max Grünewald berichtet über die Anfänge der Reichsvertretung, das Suchen nach einer politischen Linie (Georg Landauer machte den – nicht angenommenen – Vorschlag, Minoritätsrechte zu erstreben). Die Losung war, auszuharren und abzuwarten, daß sich das Regime totliefe. Aber trotz dieser passiven Losung wurde die Reichsvertretung mehr und mehr zu einer Politik des Selbstbewußtseins und der aktiven Pflege jüdischer Werte gedrängt. Grünewald erwähnt auch die Auseinandersetzungen mit dem Christentum, die gerade in dieser Zeit stattfanden und in welchen Menschen wie Baeck und Buber eine Haltung einnahmen, die nicht die Haltung von Besiegten war.2 Schon im Jahre 1933 hatte Buber der Reichsvertretung vorgeschlagen, ein Bildungsamt einzurichten. (Ernst Simon schreibt Frühjahr 1933, aber nach Günewald ist das Gründungsdatum der Reichsvertretung der 17. September 1933.)

Ernst Simon berichtet über die aus jenem Vorschlag hervorgegangene jüdische Erwachsenenbildung. Sein Beitrag ist reich an selbsterlebtem Material – er hatte damals Palästina zeitweise verlassen, um sich dieser Aufgabe zu widmen – und auch an wichtigen biographischen Bemerkungen über die Menschen, welche diese Arbeit leisteten. (Die Ausführungen über Adlers Theresienstadt-Buch hängen mit dem Thema kaum zusammen.3) Was Simon über die Wirkung des jüdischen Buches in jener Zeit (Schocken- Bücherei) erzählt, bildet ein wichtiges Kapitel zum Thema: die Juden und das Buch, über das Agnon Materialien veröffentlicht hat.

Nachum N. Glatzer schreibt über das Frankfurter „Lehrhaus“4 und analysiert für jedes Jahr seines Bestehens das Lehrprogramm nach der sachlichen und persönlichen Seite. Die Stellung des Lehrhauses charakterisiert sehr gut ein von Glatzer zitiertes Wort Richard Kochs: Hundert Jahre vorher wäre das Lehrhaus eine Institution gewesen, welche europäische Bildung unter den Juden verbreitet hätte; zu Beginn des zwanzigstens Jahrhunderts hätte man die Bezeichnung „Jüdisches Lehrhaus“ als zu auffallend vermieden; in den zwanziger Jahren wollte das Lehrhaus den Juden helfen, ihr eigenes Leben zu leben in Übereinstimmung mit den Vorfahren und den Nachfahren.

Die weiteren Aufsätze dieses Kapitels behandeln „Probleme der jüdischen Schulen“ in Deutschland unter Hitler (Hans Gärtner), „Ein jüdisches Theater unter dem Hakenkreuz“ (Herbert Freeden), mit dem Bericht über den inneren Kampf um das jüdische Element im Repertoire, und der Schilderung des Auf und Ab der Beziehungen zum Referenten der Regierung. Die Schilderung der von oben her befohlenen Wiederaufnahme der Tätigkeit des Theaters eine Woche nach dem Novemberpogrom 1938 (S. 159 ff.) läßt den Leser erschauern. Über die jüdische Presse in Deutschland schreibt Margaret T. Edelheim-Muehsam (mit einem Verzeichnis der jüdischen Zeitungen im Jahre 1935, ihren Herausgebern und der Auflageziffer). Das dokumentarisch so wichtige Kapitel wird abgeschlossen mit einem Artikel von Nathan Stein: „Der Oberrat der Israeliten Badens 1922–1937“.

Das Kapitel über Probleme des ökonomischen Lebens enthält zwei Beiträge; einen Artikel von B. D. Weinryb: „Prolegomena zu einer ökonomischen Geschichte der Juden Deutschlands in der Neuzeit“ und E. Rosenbaums „Reflexionen über den Anteil der Juden am deutschen Wirtschaftsleben“. Der Artikel von Weinryb ist sowohl methodisch wie inhaltlich von großem Interesse. Die methodischen Betrachtungen zeigen die völlig veränderte Situation auf, die sich für den Historiker der deutschen Juden heute ergibt. Er soll die Geschichte eines Zentrums schreiben, das aufgehört hat zu existieren. Zugleich geben die neuen bitteren Erfahrungen, die der Historiker gemacht hat, eine völlig neue Wertskala für seine Betrachtungen, an Stelle des „Fortschritts“, welcher den Gesichtswinkel früherer jüdischer Historiker bestimmte; wobei aber die Gefahr besteht, daß er nun wiederum unsere ganze Geschichte unter dem Aspekt seiner Erfahrungen sieht. Die emotionelle Einstellung ist nicht immer ein Segen für die Forschung. Wie andererseits ihr Fehlen die historische Arbeit verhindern kann, zeigt das Beispiel einer geplanten Geschichte des Seminars in Breslau anläßlich seiner Jahrhundertfeier im Jahre 1951. Der Plan mußte aufgegeben werden infolge Fehlens einer Resonanz bei den Absolventen des Instituts. Den Abschluß der Arbeit von Weinryb bildet ein Abriß der Wirtschaftsgeschichte der Juden in Deutschland seit dem Dreißigjährigen Kriege und die Aufstellung von 16 Problemen, deren Lösung die Aufgabe des Historikers von heute wäre.

Eduard Rosenbaum stellt ebenfalls eine methodische Frage in den Mittelpunkt: Kann man überhaupt von einem jüdischen Wirtschaftsleben in Deutschland in demselben Sinne sprechen wie von einem religiösen und kulturellen? Er kommt zu einer negativen Entscheidung: Es gab kein jüdisches Wirtschaftsleben, sondern nur eine deutsche Wirtschaft, an welcher Juden wie andere Bürger teilnahmen. Rosenbaum nimmt auch Stellung zu einer Frage, die vor einigen Jahren auch bei uns sehr diskutiert wurde im Zusammenhang mit A. D. Gordons Vorwurf gegen die Galuthjuden, sie seien „Parasiten". Rosenbaum sagt, man habe sich unbewußt die Vorwürfe der Nichtjuden zu eigen gemacht und halte es für notwendig, sich dafür zu entschuldigen, daß die Juden im Handel eine große Rolle spielten. Es ist ein Trugschluß und Aberglaube, daß der Handel eine wirtschaftlich weniger wichtige Aufgabe erfülle als die Produktion. Eine Nebenbemerkung Rosenbaums, die er im Gefolge der Frage nach der Definition des Juden macht, scheint mir wert, hier unterstrichen zu werden. Er bespricht die verschiedenen Versuche, das Wesen des Judentums zu erfassen, und schließt:

„Jede Definition wird hoffnungslos unvollständig sein, wenn sie nicht das religiöse Band des Bundes mit Gott unverrückbar in das Zentrum stellt.“

Die Abteilung „Dokumente der Vergangenheit“ enthält zwei Aufsätze von Daniel J. Cohen und B. Brilling, die eine Art Führer darstellen durch die Archive, in welchen Materialien zur Geschichte der Juden in Deutschland zu finden sind, in Jisrael sowohl wie in Deutschland. Jacob Jacobsohn berichtet über einige Beobachtungen im Zusammenhang mit dem Buch der jüdischen Bürger in Berlin. Abraham Landsberg geht den letzten Spuren Heines in Hamburg nach und erzählt die tragikomische Geschichte der beiden Hamburger Heinedenkmäler.

Werner Rosenstock gibt eine Übersicht über die jüdische Auswanderung aus Deutschland 1933–1939. Der Artikel schließt mit der Tabelle, welche die geographische Zerstreuung der Einwanderer aus Zentraleuropa in den verschiedenen Ländern im Jahre 1954 festhält. An der Spitze stehen die USA (160 000–190 000), Jisrael (90 000–115 000), Großbritannien (50 000–55 000), Argentinien (40 000).

Einige Worte müssen über die bibliographische Abteilung des Bandes gesagt werden. Ein Verzeichnis der Veröffentlichungen über das deutsche Judentum in der Nachkriegszeit ist zweifellos eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Bearbeitung seiner Geschichte. Wer immer Gelegenheit hatte, solche Arbeit in diesen Jahren zu unternehmen, wird davon zu erzählen wissen, wie ungemein schwierig es ist, auch nur die einfachsten Lebensdaten über Menschen der letzten Generation zu erlangen. Es ist deswegen mit großer Dankbarkeit zu begrüßen, daß die Wiener Library in London für das Jahrbuch eine Bibliographie zusammengestellt hat, welche die Jahre 1945 bis 1955 umfaßt.

Die Bibliographie ist sehr übersichtlich und durch die alphabetische Anordnung sehr brauchbar. Für uns in Jisrael aber hat sie den Nachteil, daß sie Quellen benützt, die hier zum großen Teil nicht erreichbar sind. Unser „Mitteilungsblatt“ ist die einzige jisraelische Quelle, die ausgewertet wird. Hebräische Quellen werden merkwürdig überhaupt nicht verzeichnet. Der Herausgeber hat diese Lücke gefühlt und hat eine Bibliographie hebräischer und jiddischer Veröffentlichungen hinzufügen lassen. Aber diese ist in keiner Weise eine Vervollständigung der Wiener-Bibliographie. Sie umfaßt nicht zehn Jahre, sondern fünf, und ist leider nicht nach denselben Prinzipien angelegt wie die erstere, und vor allem, sie ist äußerst unvollständig; dies im einzelnen nachzuweisen, ist hier nicht der Ort.

Das Herzstück des Buches bildet das Kapitel „Jüdischer Gedanke und seine Neuorientierung". Ein Aufsatz von Y. Wolfsberg bringt unter dem Titel „Volkstümliche Orthodoxie“ sehr viel Material über die kleinen Landgemeinden Deutschlands, „das Aschenbrödel unserer Geschichte“. Alexander Altmann, „Theologie im deutschen Judentum des 20. Jahrhunderts“ ist vielleicht die erste zusammenfassende Darstellung dessen, was die letzte Generation in Deutschland auf dem bei uns so sehr vernachlässigten Gebiete der Theologie geleistet hat. Altmann zeigt das Überraschungsmoment im Auftreten H. Cohens in eine Zeit, wo die Wissenschaft des Judentums sich erschöpft hatte, und die jüdische Theologie, die in Geigers Generation gerade gelernt hatte, sich bei der Betrachtung des Judentums von philosophischen Prinzipien leiten zu lassen, nun wieder, bar jedes philosophischen Prinzips, vor einem Zusammenbruch stand. Bei Baeck kreuzt sich dann der Einfluß Cohens mit dem der „verstehenden Psychologie“ Diltheys. Am Gegensatz zwischen K. Kohlers, des amerikanischen Reformers, „Grundriß einer systematischen Theologie des Judentums“ und dem gleichzeitigen „Wesen des Judentums“ von Baeck zeigt Altmann, wie sehr sich das liberale deutsche Judentum von der Reform fortentwickelt hatte.

Ein kurzer, aber gut zusammenfassender Abschnitt ist Buber und seiner „Klärung“ oder „Bekehrung“ gewidmet, wie sie in der Vorrede zu den acht Reden zum Ausdruck kommt. Es folgt ein Abschnitt über Rosenzweig und über Bubers und Rosenzweigs Bibelwerk, das den Mittelweg fand zwischen der „Scylla der Bibelkritik und der Charybdis des Fundamentalismus“. Es folgen Ausführungen über den Anteil der deutschen Orthodoxie an der Theologie, und endlich ein Abschnitt über die Leistungen der letzten Jahre in Deutschland (Wiener, Schoeps, Maybaum).

Der Artikel schließt mit der Veröffentlichung einer wichtigen Urkunde: In den dreißiger Jahren berief Buber eine Sitzung ein, an welcher Altmann teilnahm, und welche den Plan zur Herausgabe eines Kollektivwerkes über jüdische Theologie beriet. Der Plan ist hier abgedruckt und ist von großem Interesse, da er die Probleme aufdeckt, welche die jüdischen Theologen Deutschlands in den Krisenjahren beschäftigen: das Verhältnis des Judentums zu dem Absolutheitsanspruch des Staates; Messianismus und Fortschrittsglaube; der religiöse Wert der Kultur, Kulturfreudigkeit und Skeptizismus; die Mission; Judentum und dialektische Theologie. Der zweite Teil des Werkes sollte behandeln: Lehre und Gesetz, Bibelwissenschaft und Botschaft der Bibel, Gebet, Sünder-Versöhnung und Tod. Der dritte Teil sollte dem Anteil des Judentums an den Gegenwartsfragen gewidmet sein.

Das Werk ist begreiflicherweise nicht geschrieben worden, aber der in Aussicht genommene Inhalt zeigt die Höhe, welche die jüdische Theologie in Deutschland erklommen hatte. Man vergleiche dieses umfassende Programm mit der Ärmlichkeit des jüdischen Denkens in allen Ländern heute, um zu sehen, was wir verloren haben.

Altmanns Artikel wird aufs glücklichste ergänzt durch eine Arbeit von Hans Liebeschütz, welcher dieselbe Epoche behandelt, jedoch unter dem Gesichtspunkt des deutschen Hintergrundes: den Einfluß der deutschen idealistischen Philosophie auf Grätz, seine Verwandtschaft und sein Gegensatz gegenüber Ranke, seine Ablehnung des Begriffs des Volksgeistes, dessen romantischen Ursprung er fühlte; ferner den Einfluß der liberal-protestantischen Theologie auf Cohens Stellung in der Marburger Periode, und Cohens Rückzug aus Deutschland, ja aus Europa, zur Zeit, wo die romantischen Strömungen wieder zu herrschen beginnen. Baeck führt die Linie Cohens fort, aber seine Geschichtsauffassung ist schon geformt von Tröltsch, Weber, Dilthey, daher zeigt sie größeres Verständnis für die Romantik, wenn auch die Antipathie bleibt. Die neue Stellung zur Romantik innerhalb des Judentums tritt im Zionismus zum Vorschein. Der Konflikt Cohen-Buber ist der Konflikt zweier Generationen. Bubers Geschichtsauffassung in jenen Tagen ist schon viel konkreter und hat auch Platz für jüdisches Versagen.

Sehr interessant sind in der Abhandlung die Ausführungen über Cassirer. Liebeschütz zeigt, wie Cassirer in seinen Arbeiten über deutsches Denken allen Themen auswich, in denen die harten politischen und ökonomischen Realitäten sich meldeten. 1928 hielt Cassirer vor den Studenten eine Rede am Tage der Weimarer Verfassung, unter Berufung auf Leibniz und Kant.

„Daß die Deduktion des Professors das Ja und Nein des deutschen Judentums zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des deutschen Volkes bedeutete, das fühlten die Gegner klarer als die Mehrheit der Freunde.“

Ein besonders schmerzvolles Kapitel in der Geschichte des deutschen-jüdischen Zusammenlebens ist das Deutschtum der Juden in Böhmen. Felix Weltsch hat, es hier zum Gegenstand einer eindringenden Studie gemacht. Er schreibt von der Schule des Prager Piaristen-Klosters, welche de facto, ihren Schülern nach, eine jüdische Schule war:

„Es schien jedem ganz natürliche und in keiner Weise aus der Regel fallend, daß hier katholische Lehrer tschechischer Herkunft jüdische Kinder unterrichteten, die deutsche Kultur zu schätzen.“

Am Beispiel Franz Kafkas zeigt Weltsch auf, wie die Tragödie der Symbiose zweier Kulturen hier zur Tragödie eines einzelnen Menschen wurde, welcher, seiner Vergangenheit entfremdet, vergebens die beinahe physische Wärme ethnischer und religiöser Zugehörigkeit suchte, die ihm erst in seinen letzten Lebenstagen zuteil wurde.

Der Leser, der diesen Band, für dessen Produktion wir Robert Weltsch nicht genug dankbar sein können, zu Ende liest, wird sich unwillkürlich fragen: Wo ist die Fortsetzung dieser großen synthetischen Arbeit des deutschen Judentums, dieses Versuchs, Judentum und Menschtum so miteinander zu verschmelzen, daß beide Komponenten zu ihrem gleichen Recht kommen? Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: in Jisrael.

In Jisrael und, soweit ich sehe, hier allein, ist das Hauptthema dieses Buches von einer brennenden Aktualität. In unserer Erziehungsarbeit, in der Art, wie wir unser Gemeinschaftsleben gestalten, überall stoßen wir auf das Problem dieser Synthese, und die Polarität von Judentum und Europa, welche sich in diesem Buche spiegelt, ist bei uns zur Polarität geworden, die jede Stunde unseres Alltags durchdringt. Hier findet das heiße Bemühen der deutschen Juden der letzten fünf Generationen seine organische Fortsetzung. Das sollte den Leitern des LBI stets vor Augen stehen. Daß dieses Buch in englischer und nicht zugleich in hebräischer Sprache erscheint, ist bedauerlich. Es ist leider nicht zu hoffen, daß es in dieser Form in die Hände des Lesers in Israel kommt. Es ist dringend erforderlich, daß das LBI sofort mit einer energischen und umfassenden Arbeit im hebräischen Sprachbezirk beginnt. Unsere Kinder hier haben das Recht zu verlangen, daß ihnen in ihrer Sprache die Wege aufgezeigt werden, auf denen die deutschen Juden um jenes Problem rangen, welches das zentrale Lebensproblem der nächsten Generation in Jisrael sein wird.


  1. Wir weisen gleichzeitig hin auf das erste „Bulletin für die Mitglieder der Gesellschaft der Freunde des Leo-Baeck-Instituts" (Nr. 1, 1957), herausgegeben durch Bitaon Ltd. Tel Aviv. Unter den Beiträgen dieser wertvollen Zeitschrift, die viermal jährlich erscheinen soll, seien genannt: Die geschichtliche Aufgabe des L. B. I. von Hans Trainer; Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in deutschen Städten im ausgehenden Mittelalter von S. Stern-Täubler; Martin Buber und das neue jüdische Geschichtsbild von H. Liebeschütze.
  2. „Nicht der Jude erscheint hier in der Rolle des Verteidigers, eher der Christ in einem moralischen Zwiespalt, dem größten, der ihn je betraf, für welchen er nicht allein verantwortlich war und dem er dennoch nicht entgehen konnte. Als der Jude die Nachbarschaft des Christen verließ, brauchte er nicht sein Haupt zu beugen“ (S. 66).
  3. Womit nicht gesagt ist, daß sie nicht ein wichtiger Beitrag zur Selbstdarstellung des Judentums wären! (FR)
  4. Diese von Franz Rosenzweig 1920 gegründete Begegnungsstätte, in vielem Vorläuferin der Evangelischen Akademien der zweiten Nachkriegszeit. (FR)

X. Folge 1957/58, Nummer 37/40, Oktober 1957, S. 54–56.


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