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Professor Dr. Hugo Bergmann

Ein Kampf um das Reformjudentum in Israel

In den ersten Augustwochen spielte sich in Israel ein Kampf zwischen orthodoxem und Reformjudentum ab, der schlaglichtartig die religiöse Situation in Israel erhellte und daher nicht unbeachtet bleiben darf.1

Vor einem Jahr waren Gerüchte verbreitet, dass Professor Nelson Glück, der bekannte Archäologe und Erforscher des Negev, der zugleich Präsident des Hebrew Union College in Cincinnati und des von Rabbiner St. Wise begründeten reformierten Rabbinerseminars in New York ist, beabsichtige, in Jerusalem eine Synagoge nach dem Muster des amerikanischen Reformjudentums zu errichten. Die Gerüchte wurden dementiert, beabsichtigt war vielmehr die Errichtung eines archäologischen Instituts, das unter der Patronanz der beiden genannten amerikanischen Institute stehen würde. Die Regierung Israels stellte hierfür einen Bauplatz im Zentrum der Stadt, in der Nähe des Hotels King David zur Verfügung. Innerhalb dieses Instituts, in seiner Bibliothek, sollte ein Betraum gebaut werden. Dieser Betraum wurde die Veranlassung des Streites, über den hier berichtet wird.

Um diesen Streit verständlich zu machen, wäre es wohl nötig, eine Definition  der beiden einander bekämpfenden Richtungen zu geben: dies ist aber recht schwierig. Man wird soviel sagen können: das orthodoxe Judentum steht auf der Grundlage der schriftlichen und mündlichen Überlieferung, wie sie niedergelegt ist in den großen Codices, deren bekanntester der Schulchan aruch aus dem 17. Jahrhundert ist, und entscheidet alle Fragen des religiösen Brauchtums in einer streng festgelegten Ableitung aus dieser mündlichen Überlieferung.

Das Reformjudentum hat keinen derart festgelegten verbindlichen Codex, sondern räumt der persönlichen religiösen Entscheidung des einzelnen einen Raum ein, dessen Breite in verschiedenster Weise variiert. Es gibt also wohl ein orthodoxes Judentum, aber verschiedene Strömungen des Reformjudentums. Das Reformjudentum wird in Frankreich „Liberales“, in England „Progressives“ Judentum genannt. Sein bekanntester Vertreter in unserer Zeit ist Leo Baeck.

Die beiden Oberrabbiner von Jerusalem, der aschkenasische Dr. Herzog und der sephardische Jizchak Nissim, vertreten das streng orthodoxe Judentum. Der 1933 verstorbene Oberrabbiner von Jerusalem hatte, obwohl selbst streng orthodox, eine versöhnliche Haltung eingenommen, während die jetzigen Oberrabbiner eine intransigente Richtung vertreten. Wie gesagt, war es der Plan der Errichtung eines reformierten Betraums innerhalb des geplanten archäologischen Instituts in Jerusalem, welcher der Anlass des Streites wurde.

Professor Glück wurde, als er im Sommer 1956 nach Jerusalem kam, vor das Oberrabbinat geladen; er erklärte, dass, obwohl der Gottesdienst in den reformierten Synagogen Amerikas zum großen Teil englisch abgehalten wird, dies in Jerusalem nicht der Fall sein würde, die Gebetssprache würde hebräisch sein. Auf die Frage, ob auch Außenstehende am Gottesdienst teilzunehmen berechtigt sein würden und ob Männer und Frauen zusammensitzen würden, antwortete er bejahend. Ein Bericht über die Aussprache ist nicht veröffentlicht worden, jedenfalls ist es zu keiner Einigung gekommen. Am 31. Juli veröffentlichte der oberste rabbinische Rat eine Erklärung des Inhalts:

„Es ist die wohlüberlegte Ansicht des Rates, dass die Reformbewegung nicht die Erlaubnis erhalten darf, durch Eröffnung von Synagogen im Lande Wurzel zu fassen.“

Die Bewegung habe eine furchtbare Zerstörung angerichtet, habe große Segmente des Volkes ihrer Religion entrissen und zu ihrer Auflösung in den Wogen der Assimilation geführt. Die Bewegung verwerfe die Offenbarung der Tora und beachte nicht die in ihr enthaltenen Gesetze. Es könne nicht zugegeben werden, dass die Reformbewegung in diesem Lande Wurzel fasse und die Heilige Stadt entweihe.

Die Erklärung des Oberrabbinats hatte eine aktuelle Absicht: Die Erlaubnis zum Bau des archäologischen Instituts muss vom Stadtrat von Jerusalem gegeben werden. Die politischen Verhältnisse im Stadtrat waren während der Jahre seit der Stadtgründung sehr unstabil und unerfreulich. Schließlich war es während der letzten Monate gelungen, eine Stabilität herbeizuführen durch eine Koalition der Orthodoxen und der Arbeiterpartei. Diese Koalition ermöglichte es, dass zum Bürgermeister von Jerusalem der Kandidat der Arbeiterpartei, der Journalist G. Agron (der Begründer der ,Jerusalem Post’, seiner Herkunft nach Amerikaner) gewählt wurde.

Auf diese Weise erhielt die Hauptstadt einen energischen Bürgermeister, dessen Durchgriff sich bald in allen kommunalen Angelegenheiten fühlbar machte. Nun drohten die Orthodoxen, aus der Koalition auszutreten, falls Nelson Glück die Bauerlaubnis erhalten würde. Agron seinerseits erklärte, der Stadtrat habe gar keine gesetzliche Handhabe, die Erlaubnis zu verweigern, und ein Verbot würde zweifellos vom Obersten Gerichtshof als ungesetzlich aufgehoben werden. So wurde die religiöse Differenz in den Bereich der politischen Parteikämpfe hineingezogen.

Der Generalsekretär der Welt-Misrachi-Organisation (d. h. der Organisation der in der zionistischen Weltorganisation inbegriffenen orthodoxen Juden) veröffentlichte eine längere Erklärung, welche die religiösen Gegensätze zwischen dem orthodoxen Judentum und der Reform scharf unterstrich und in der es u. a. hieß:

„Praktisch gesprochen, ist nichts Gemeinsames mehr zwischen dem religiösen Judentum und der Reform. Sie haben weder ein geschriebenes noch ein ungeschriebenes Gesetz, auch nicht einmal die zehn Gebote, ja sogar nicht den Begriff eines allmächtigen Gottes mit dem historischen Judentum gemeinsam. Im Prinzip besteht eine größere Verwandtschaft zwischen dem religiösen Judentum und den Katholiken, den Griechisch-Orthodoxen, den protestantischen Fundamentalisten, den Moslems, als zwischen uns und der Reform. Denn alle diese religiösen Bekenntnisse haben mit uns gemeinsam den Glauben an einen lebendigen Gott, den Gott der Schöpfung, Vorsehung und des Gerichts. Der Gott des Hebrew Union College ist eine deistische Gottheit, in seinen Sinnen mehr verkrüppelt als Helen Keller, in seinem Bewusstsein mehr beschränkt als ein Geschöpf niederster Ordnung, und er hat viel weniger richterliche Gewalt über das Universum als ein Bezirksrichter.“

Dieser ungeschickt und herausfordernd geschriebene Aufruf der politischen Partei des Misrachi hatte nur den Erfolg, die Sache der Reform zu stärken. Die ‚Jerusalem Post’ veröffentlichte in derselben Nummer (5. August), in welcher der Aufruf des Misrachi abgedruckt war, einen Leitartikel mit dem Motto „Mein Haus wird ein Bethaus sein für alle Völker“.

Der Leitartikel beschuldigte den Sekretär des Misrachi, eine entstellende Beschreibung der Reformbewegung gegeben zu haben. Die Reformbewegung sei zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland gerade deswegen entstanden, um der Massendesertion aus der Synagoge Einhalt zu gebieten und habe dies mit Erfolg getan. Auch dürfe nicht vergessen werden, dass gerade aus dem Kreise der Reformbewegung wesentliche Beiträge zur Wissenschaft des Judentums geleistet worden sind. Schließlich sei die legale Situation in Israel die, dass nach dem Gesetze dreißig erwachsene Juden das Recht haben, eine Vereinigung für die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse nach ihren eigenen Prinzipien zu bilden. Es bestehe also keine Möglichkeit, die Reform in Israel zu verbieten.

Die politische Aktualität der Kontroverse führte dazu, dass die gesamte Presse Stellung nahm, und für eine Weile stand die religiöse Frage im Mittelpunkt des Interesses. Der Versuch, durch ein Verbot des Stadtrates von Jerusalem die Errichtung des Instituts zu verhindern, konnte keinen Erfolg haben. Die orthodoxen Mitglieder des Stadtrates versuchten wohl, durch ihr Fernbleiben die Munizipalität beschlussunfähig zumachen, doch konnten sie auf diese Weise den Beschluss nur um zwei Wochen hinausschieben, nicht aber ihn verhindern. Der Stadtrat hat schließlich die Baubewilligung erteilt, und die orthodox-sozialistische Koalition der Stadtverwaltung ist, während diese Zeilen geschrieben werden, in Frage gestellt. Wie immer diese politische Frage gelöst werden möge, sie ist unbedeutend gegenüber dem religiösen Zwiespalt, der sich aufgetan hat.

In den USA umfasst die Reformbewegung ein Drittel der religiös organisierten Judenheit, hervorragende Führer des amerikanischen Zionismus sind Reformrabbiner. In Amerika freilich ist es gelungen, obwohl der religiöse Gegensatz nicht geringer ist, dennoch eine nach außen geschlossene Front zu schaffen, und das vereinigende Moment – Judesein in einer nicht-jüdischen Welt – erwies sich als stärker als die trennenden Faktoren. In Israel besteht die Gefahr, dass die Gegensätze in aller Schärfe zum Ausdruck kommen.

So ist die Lage voll von Momenten der Gefahr. Diese Gefahr ist umso größer, als befürchtet werden muss, dass die religiöse Auseinandersetzung mit politischen Mitteln, ja mit den Mitteln der Gewalt, geführt werden könnte. Schon ist im Parlament gedroht worden, dass der Bau mit Gewalt verhindert werden wird. Dies würde verhängnisvolle Wirkungen haben in Bezug auf die Einstellung eines einflussreichen Teiles der amerikanischen Judenheit zu Israel.

Aber trotz dieser vielen Gefahrenmomente muss doch gesagt werden, dass die religiöse Diskussion auch großen Segen bringen kann. Heute ist Israel religiös in zwei Lager geteilt: Orthodoxe und religiös Gleichgültige. Dieser Gleichgültigkeit sind vor allem weite Kreise der Jugend verfallen. Es besteht die ernste Gefahr, dass, wenn diese Entwicklung der religiösen Indifferenz weitergeht, die nächste Generation in Israel und die in der Diaspora einander entfremdet werden.

Eine „Bekehrung“ der Jugend von Israel zum orthodoxen Judentum kann sich vielleicht in einzelnen Fällen vollziehen, aber sie wird, soweit die menschliche Voraussicht reicht, nicht die Massen ergreifen. Dagegen konnte die liberal-religiöse Richtung große Teile zum religiösen Leben zurückführen. Die Intransigenz von rechts und von links, von Seiten der Orthodoxen und von Seiten der Atheisten, bedeutet eine ernste Gefahr für den Staat Israel.

Auf der anderen Seite aber muss zur gerechten Abschätzung der Frage das Folgende in Betracht gezogen werden: Es ist zwar wahr, dass die Reform (was ihr ihre Gegner vorwerfen) in der Diaspora vielfach religiös steril blieb und nur rudimentäre religiöse Bedürfnisse des Diaspora-Judentums befriedigen konnte, weil es ihr an religiöser und jüdischer Substanz gebrach. Aber in Israel würde sie auf ganz andere Gegebenheiten treffen. Die Juden sprechen hebräisch, haben fundamentale Kenntnisse des jüdischen Seins, welche der Diaspora fehlen, und haben die lebendige Berührung mit Volk, Land und Geschichte. So sind die Chancen einer religiösen Neubelebung in Israel viel besser als in der Diaspora.

Nur ein friedliches Zusammenleben der beiden Richtungen, das grundsätzlich und in aller Strenge die Anwendung von Gewalt und politischen Druckmitteln ausschließt und geistige Auseinandersetzungen nur mitgeistigen Mitteln führen will, kann den Staat vor großen Gefahren bewahren und eine Synthese der religiösen Richtungen in späterer Zukunft vorbereiten.


  1. Der nachfolgende Beitrag zeigt die Aktualität dessen, was Rabbiner Dr. Messinger, Bern, in Freiburg in seinem Vortrag vom 19.11.1950 über „Die religiöse Hoffnung des jüdischen Volkes – heute“ ausführte und der Rundbrief Nr. 10/11 brachte (Januar 1951, S. 15 ff.).
  2. Nach Mitteilung von Prof. Bergmann hat sich in der im Stadtrat des israelischen Jerusalem gefährdeten Koalition der völlige Bruch vollzogen, die religiösen Parteien sind in die Opposition gegangen, die Folge ist eine Verschärfung der Gegensätze zwischen „Religion“ und „Nichtreligion“' in Jerusalem, die am letzten Sabbat zu großen Demonstrationen geführt hat. „Hoffentlich“ erlaubt uns unsere äußere Lage weiter den „Luxus“ solcher inneren Gegensätze. Sie ist in Wirklichkeit sehr gespannt. – Dem ‚Aufbau’ vom 24.08.1956 entnehmen wir das Folgende über die entscheidende Sitzung:
    „Die Debatte in dieser Sitzung befasste sich fast überhaupt nicht mit der Frage der Baubewilligung, sondern mit dem grundsätzlichen Problem der Gewissensfreiheit im jüdischen Staat. Die meisten Redner, die für die Bewilligung der Baugenehmigung an Dr. Glück eintraten, insbesondere die Vertreter der Arbeiterparteien, versicherten, dass sie selbst in dem Streit Reformjudentum contra Orthodoxie nicht etwa für das erstere plädieren. Es gehe ihnen vor allem um die Wahrung und Sicherung der Geistes- und Gewissensfreiheit und es müsse jedem Juden und Nichtjuden in Israel das Recht gewährt werden, auch religiös nach seiner Art selig zu werden. Trotz des leidenschaftlichen Widerstandes der orthodoxen Sprecher wurde die Baubewilligung schließlich mit den Stimmen der beiden Arbeiterparteien Mapai und Achdut Avoda, der Progressiven und der WIZO gegen die der religiösen Parteien, bei Stimmenthaltung der Allgemeinen Zionisten und Cherut angenommen."

IX. Folge 1956/1957, Nr. 33/36, Oktober 1956, S. 31–33


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