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Professor Dr. Franz Böhm

Sollen wir vergessen?

Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin der „Zeit“, die zu der Gruppe vom 20. Juli gehörte, schilderte in der Monatsbeilage des „Aufbau“ Nr. 44 (XXII/35) vom 31. 8. 1956 das Kölner „Mittwoch-Gespräch“, bei dem Professor Carlo Schmid und Professor Franz Böhm über das Thema „Darf man vergessen?“ sprachen. Es heißt da:

Es war das 260. Mal, dass der Buchhändler Ludwig zu einem Mittwoch-Gespräch im Kölner Bahnhof geladen hatte. Thema: „Darf man vergessen?" Das mochte zwar vieles bedeuten, aber irgendwo wusste man: Es ging um das, was Deutschland in der Hitlerzeit den Juden angetan hatte. Ein „heißes Eisen“ also. Heiß, nicht etwa, weil Antisemitismus heute in Deutschland ein besonders aktuelles Thema wäre. sondern wegen des allgemeinen, oft ganz unbewussten Wunsches, einen Vorhang vor die Vergangenheit zu ziehen.

Als ich mich durch den Wirrwarr von Bretterverschlägen, die den Umbau des Bahnhofs charakterisieren, hindurchgefunden habe und die Stufen zum Wartesaal herunter gestiegen bin, ist der Raum bereits überfüllt. Hinter blauen Rauchschwaden, im gelben Schein elektrischer Beleuchtung, ragt die massive Gestalt von Carlo Schmid empor. Daneben der kleine schmächtige „Hausherr“, der Buchhändler Ludwig, und der CDU-Abgeordnete Professor Franz Böhm (Schwiegersohn von Ricarda Huch), der seinerzeit die Wiedergutmachungsverhandlungen mit dem Staate Israel geführt hat. Die Stühle sind zu Reihen eng zusammengerückt, die Tische an die Wände gestellt. Darauf sitzen, dicht bei dicht, junge Leute, und hinter ihnen steht noch eine Reihe aufrecht auf den Tischen und lehnt mit dem Rücken gegen die Wand. Die Theke ist vorübergehend geschlossen. Man fühlt sich ohne große Umschweife sogleich zu Hause in dieser „Wartesaal-Atmosphäre“, in der alles Provisorium ist, Aufbruch und unverbindliches Zusammensein. Und fast scheint die Wirklichkeit da draußen im hellen Sonnenlicht mit aller Prosperität nur Trug und dies hier ist die eigentliche Realität.

Ich schiebe mich durch die Menge. Zwei jüngere Leute – sie mochten als Schüler gerade noch das Ende der Zeit erlebt haben, von der hier die Rede sein soll – rücken noch enger zusammen und verschaffen mir einen Viertelsitzplatz auf der Tischkante. Es mögen etwa 600 Leute in  dem verhältnismäßig kleinen, winkligen Raum zusammengedrängt sein. Eine merkwürdige Versammlung: alte, vornehm aussehende Damen, grauhaarige Herren mit großer Hornbrille, in Loden gehüllte rustikale Erscheinungen, ein Bierkutscher in weiß gestreifter Leinenjacke mit dunkelblauer Schürze und viele, sehr viele junge und ganz junge Leute.

Professor Böhm sagt gerade, das Thema lautet: „Dürfen wir vergessen?“ Was denn eigentlich? Jene Jahre, in denen so viel von Vaterland, Ehre und Treue die Rede war? ... ... Inzwischen ist Carlo Schmid aufgestanden ...

„Tun wir doch nicht so, als ob wir hier alle einig wären! Wir müssen uns mit diesen Fragen auseinandersetzen, nicht weil ich glaube, dass der Neonazismus eine echte Gefahr sei, sondern weil die Neigung, alles zu verdrängen, eine Gefahr für unsere Seele ist. Es bilden sich Abszesse, die eines Tagesaufbrechen können ... Sie wissen, dass im Zuge der sogenannten Endlösung sechs bis sieben Millionen Juden umgebracht wurden. Zwar gibt es viele, die sagen ganz einfach: ,Diese Zahlen sind eine Erfindung der Sieger des Zweiten Weltkrieges.’

Ich aber sage Ihnen: Wir sind im Besitz eines Dokuments, nämlich der Zeugenaussage des Mannes, der vom 1. Mai 1940 bis zum 1. Dezember 1943 Kommandant von Auschwitz war – Höss hieß er –, und der angibt, dass dort allein während dieser Zeit zweieinhalb Millionen Juden vergast wurden und eine halbe Million an Hunger und Krankheit zugrunde ging. Und wir haben ein weiteres Dokument, eine Meldung von Budapest nach Berlin, die besagt, dass in den Monaten von April bis Juli 1944 nicht weniger als 43 0000 ungarische Juden nach Auschwitz zur Vernichtung transportiert worden sind. Und ich sage Ihnen, es gibt noch viele andere Zeugnisse und Dokumente ...“

Im Folgenden bringen wir auszugsweise die Rede von Prof. Böhm:

Wenn man mich fragte: Sollen wir Deutsche denjenigen Deutschen vergeben, die sich mitschuldig an den furchtbaren Massenverbrechen gemacht haben, die im Dritten Reich begangen worden sind, so würde ich mit einem Bismarckwort antworten, das lautet: Wir haben hier keines Richteramtes zu walten, sondern deutsche Politik zu treiben. Wenn man aber fragt: Sollen wir Deutsche vergessen, was bei uns von 1933 bis 1945 geschehen ist, dann kann ich nur sagen: Das könnte denen, die eine solche Frage stellen, so passen!

Vergessen, das darf das Ausland. Aber wir Deutsche dürfen nicht vergessen, gerade wenn wir hoffen, dass die Welt vergisst. Wir dürfen nicht vergessen, wenn wir unser Vaterland lieben, wenn uns dieses Vaterland mehr ist als eine politische Gemeinschaft von Menschen verwandter Abstammung oder von Menschen, die den gleichen germanischen Dialekt sprechen, nämlich eine Gemeinschaft, die sich den edlen und großen Vorbildern verpflichtet weiß, die unser Volk hervorgebracht hat. Sein Vaterland lieben, das heißt vor allem, die guten und edlen Überlieferungen seines Volkes gegen diejenigen verteidigen, die sie verfälschen, erniedrigen, sie durch schmutzige, unedle, rohe, gehässige Grundsätze und Handlungen verdrängen wollen ...

Als Hitler bei uns herrschte, da waren wir Deutsche in Gefahr, unser Vaterland von innen her zu verlieren. Denn was bedeutet es anderes, als einen Verlust von Deutschland, wenn bei uns eine Lehre aufkommt, die uns befiehlt, die Juden, lebendige Menschen und Glieder eines durch Religion gestifteten und geeinten Volkes, zu einem großen Teil unsere deutschen Mitbürger, als eine verworfene Rasse zu verachten. die es für eine Pflicht aller Deutschen erklärt, die Juden zu beleidigen, ihren Umgang zu meiden, als seien sie Aussätzige, ihnen jedes Erbarmen zu versagen, sie anzuzeigen, wenn sie ohne den Judenstern auf der Straße gehen oder wenn sie die Elektrische benutzen oder sich auf einer Bank ausruhen, die jeden mit Strafe bedroht, der einen Juden beherbergt, ihm Nahrungsmittel oder Brotmarken gibt, ihn in seinem Luftschutzkeller duldet oder gar ihn bei sich beschäftigt?

Was ist das für ein Vaterland, das von mir verlangt, stillzuhalten, wenn immer neue Juden aus meiner Bekanntschaft oder Nachbarschaft abgeholt werden, wenn sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden, obwohl wir alle wussten – alle, ohne Ausnahme! –, dass etwas Unheimliches und wahrscheinlich Furchtbares mit ihnen vorging, und jeder von uns – jeder, ohne Ausnahme! – wusste, was das für Menschen waren, denen diese Unglücklichen in die Hände fielen. Wir mussten uns erniedrigen, mussten uns stellen, als bemerkten wir nichts oder als billigten wir, was wir bemerkten, und mussten zusehen, wie wir uns alle erniedrigten, wie wir von Angst erfasst waren, wie wir uns von Tag zu Tag benahmen wie charakterlose, elende, feige Menschen.

Was hatten wir als Deutsche mit einer Regierung zu schaffen, die jeden, der sich zu den Grundsätzen der Humanität bekennen sollte, für einen „Lumpen“ erklärte? Und was gehen uns die Deutschen an, die damals solche Schändlichkeiten glaubten, als seien es Heilslehren, die sich über die rohe und üble Sprache freuten, die in tosenden, minutenlangen Beifall ausbrachen, wenn solche Sätze ausgesprochen wurden? Was hat das mit deutschen Überlieferungen zu tun, wenn die Nationalsozialisten forderten, die Deutschen müssten die Eigenschaften von Bestien in sich züchten, weil man nur mit solchen Eigenschaften den Lebensraum zusammenrauben kann, den man für die Nachzucht ebensolcher Bestien braucht?

Was geht uns Deutsche der Lebensraum an und das Volk, das auf diesem Lebensraum siedelt, wenn dort eine Staats- und Volksgesinnung herrscht, die den Menschen eine Moral von Kellerasseln, Haifischen, Hyänen und Giftschlangen predigt? Dabei muss man diese Tiere noch um Vergebung bitten; denn auch sie haben nichts zu tun mit Menschen, die von ihrer eigenen Art abfallen und ihre eigene Natur verraten.

Und das alles sollten wir vergessen? Diese fürchterliche Gefahr, die sich wiederholen kann, wenn wir uns nicht vorsehen? Bevor die Nationalsozialisten zur Macht kamen, haben wir diese Schmutzlehren nicht ernst genommen. Das war ein Leichtsinn, der uns teuer zu stehen gekommen ist. Als sie dann in der Macht saßen, haben wir uns über diese Schmutzlehren hinweggehört, sie ins Gebildete übersetzt, sie verharmlost, verzuckert und beschönigt. Dabei haben wir Schaden genommen an unserem Charakter, an unserer Seele.

Und heute, nachdem das Unheil von uns abgewendet worden ist, sind wir im Begriff, sie zu vergessen, heute fordert man uns auf, sie zu vergessen, heute überlegen wir uns in allem Ernst, ob wir dieser Forderung nicht entsprechen sollen. Nun, wenn wir auch das noch tun, dann kann man getrost von uns sagen: Wie man lebt, so stirbt man auch.

Wer sind eigentlich die Leute, die uns heute das Vergessen predigen? Nun, sie setzen sich aus zwei Gruppen zusammen. Die eine davon ist groß und gedankenlos, und die andere ist klein und gefährlich.

Die große Gruppe besteht aus der Masse derjenigen Deutschen, die damals aus Blindheit, Irrtum, Illusion oder Berechnung, also aus irgendeiner Spielart von gemeiner Lebensliebe, wie das Jakob Burckhardt genannt hat, mitgelaufen sind, die sich bis zum Schluss geistig und moralisch niemals freigeschwommen haben, denen das aber heute Leid tut. Diese wollen begreiflicherweise nicht immer wieder an ihren Irrtum, an ihre Schwäche erinnert werden ...

Die zweite und kleine Gruppe setzt sich aus denjenigen zusammen, die der schändlichen Irrlehre oder einer ähnlichen auch heute noch anhängen, die nach wie vor die Demokratie, den Rechtsstaat, die Humanität, das Gewissen, die Rechtschaffenheit verabscheuen, die nur ein Regime der Härte, der Gewalt, der Entwürdigung des Menschen, der Unterwerfung der Gutgesinnten unter die Schaftstiefel der Aktivisten und Berufsrevolutionäre gelten lassen. Diese sind aus sehr naheliegenden Gründen daran interessiert, dass wir vergessen. Und weil sie uns für sentimentale Schwächlinge halten, so schicken sie die Masse der Mitläufer und Verführten vor als „Mitleidsgarde“, wie sich Goebbels einmal ausgedrückt hat. Sie blicken uns scheinheilig an und sagen: Herzenstakt geht vor Selbstverteidigung. Ihr seid doch Christen und Demokraten! Für so töricht und feige halten sie uns. „Sollten wir den Krieg verlieren“, so soll Goebbels einmal gesagt haben, „dann werden wir eine Mitleidspropaganda starten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat.“

Angenommen, wir würden ihnen gehorchen und vergessen. Ist irgend jemand hier in diesem Saal, der glaubt, dass wir mit einer solchen Tat diesen Menschen ihren eigenen Hass abkaufen könnten, den sie gegen uns im Herzen tragen und den sie uns fühlen lassen werden, wenn sie dazu wieder einmal in der Lage sein werden, schrecklicher und mitleidloser als zuvor? Wir haben ihren Schiffbruch miterlebt; das werden sie uns niemals verzeihen. Wir sind keine politischen Gangster, wir schinden niemanden in Konzentrationslagern, wir hetzen niemanden als Zwangs- und Strafarbeiter zu Tode, wir liquidieren niemanden; auch das werden sie uns nicht verzeihen. Sie halten uns für harmlos, ungefährlich, tatenscheu und dumm; dieses werden sie uns erst recht nicht verzeihen.

Es kommen noch zwei weitere Gründe hinzu, warum wir nicht vergessen dürfen. Es handelt sich bei den Nationalsozialisten nicht um Menschen, die im privaten Leben Verbrecher wären. Wohl aber um Menschen, die sich zu einer erbarmungslosen, unmenschlichen politischen „Weltanschauung“ bekennen und im Dienst dieser Weltanschauung zu jedem Verbrechen fähig und bereit sind. Solange sie die politische Macht noch nicht besitzen, vergiften sie die Herzen der Menschen und vor allem der Jugend mit ihrer verbrecherischen Irrlehre. Und wenn sie die Macht besitzen, dann befehlen und begehen sie die Verbrechen, die sie für nötig halten, um ihre Ziele zu erreichen, und noch eine große Reihe weiterer Verbrechen dazu, die keinen Zweck haben, sondern bloß begangen werden, damit der Terror nicht einrostet und weil es straflos geschehen kann.

Aus dieser Einsicht ergibt sich für uns die Pflicht, uns für diese Irrlehren zu interessieren und ihre Ausbreitung mit allen Mitteln, auch mit dem Entzug der Grundrechte, die dem Schutz der freien Meinungsäußerung dienen, zu verhindern. Vor allem aber die Pflicht, den Wiedererwerb der politischen Gewalt von unserem Lande abzuwehren, koste es, was es wolle. Es darf in unserem Lande keine legale Revolution von Richtungen mehr geben, die eine Gewaltherrschaft anstreben.

Wenn jemals in unserem Lande eine auf Gewaltherrschaft abzielende politische Bewegung ihre Hand wieder nach dem Staatssteuer ausstrecken sollte, dann dürfen wir sie niemals wieder durch die verfassungsmäßige Vordertür hereinlassen, sondern dann müssen wir sie zwingen, zur Gewalt zu greifen. Und dieser Gewalt muss Gewalt bis zum äußersten entgegengesetzt werden. Der hat keine wahre Vaterlandsliebe, der sein Leben nur gegen äußere Feinde aufs Spiel setzt, gegen Verderber von innen her aber nicht ...

Die Einsicht und die Ungleichheit der Lage, in der sich die Gewissenhaften beim Kampf gegen die Gewissenlosen befinden, verbietet es uns aber auch, das, was geschehen ist, aus bloßem Taktgefühl gegen die Schwachen und Mitläufer zu vergessen. Denn diese Massen der Schwachen und Mitläufer sind es leider, die mit ihrer Furchtsamkeit, mit ihrer Neigung zur Krokodilanbetung und zur Unterwerfung unter jeden hinreichend brutalen Willen die Erfolgsaussichten politischer Gewaltlehren so unverhältnismäßig vergrößern und die Gegenwirkung der Gewissenhaften gegen solche Gewaltlehren vor und nach ihrem Sieg so unverhältnismäßig erschweren. Sie müssen es deshalb schon ertragen, wenn wir die furchtbaren Erfahrungen unserer jüngsten nationalen Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten lassen; ja, sie sollten uns dafür danken.

Was aber die überzeugten Aktivisten nationalistischer Gewaltlehren betrifft, so werden sie es freilich als Provokation empfinden, wenn wir mit dem Nichtvergessen Ernst machen. Eine solche Provokation ist aber unerlässlich und nötig. Die Gewaltanbeter müssen vor die Wahl gestellt werden, ob sie die Provokation einstecken oder ob sie zurückschlagen wollen. Stecken sie sie ein, dann werden ihnen ihre Anhänger davonlaufen. Schlagen sie aber zurück, dann müssen sie ihre wahre brutale Natur offenbaren, und zwar schon heute, wo es noch nicht zu spät ist. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Auch für gute Ziele, für Freiheit, Recht und Menschlichkeit müssen Opfer gebracht und Gefahren in Kauf genommen werden. Ein Volk, das etwas auf sich hält, verlässt sich nicht auf die Polizei und auf Verfassungsschutzämter. Eines der Opfer aber, die wir bringen, und eine der Gefahren, die wir in Kauf nehmen müssen, ist, dass wir nicht vergessen. Wir werden auch niemals vergessen, was sich ereignet hat und was sich immer wieder ereignen kann, wenn ein Volk seine Regierung mit solcher Gewalt ausstattet, wie wir das im Jahr 1933 getan haben. Niemals, niemals mehr werden wir eine solche Gewaltfülle in die Hand einzelner Deutscher legen!

Das Nichtvergessen hat aber auch eine moralische Seite. Auf sie hat vor kurzem der bekannte deutsche Philosoph Professor Theodor Litt in einer Diskussion hingewiesen. Das Nicht-vergessen ist ganz einfach ein Gebot unserer Selbstachtung. Es ist eine Regung des moralischen Mutes, der Wahrheitsliebe, eine sittliche Pflicht, die wir den zahllosen Unglücklichen schulden, die da Leid tragen von der Hand der Deutschen und Furcht davor, dass sich diese Hand noch einmal erheben, dass sich das deutsche Antlitz noch einmal zur erbarmungslosen Fratze verzerren könnte.


IX. Folge 1956/1957, Nr. 33/36, Oktober 1956, S. 39–41


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