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Alexander Lohner

Das Jesustuch

„Warum sollte das, was zwischen uns drei jungen Menschen gelang, nicht weltweit gelingen können? Der Frieden und die Liebe zwischen den Anhängern der drei abrahamitischen Religionen!“ Diese auch heute noch aktuelle Frage stellt der junge französische Adelige Jean-Pierre de Voisins im 13. Jahrhundert. Er bezieht sich dabei auf seine Freundschaft zu dem moslemischen Prinzen Khalid von Tunis und dem Rabbiner Nathanael. Dabei hatte Voisins bis vor kurzem den Islam und das Judentum noch für Werke des Satans gehalten. Jean-Pierre bricht 1270 vom Hafen von Marseilles auf, um am Kreuzzug von König Ludwig IX. von Frankreich teilzunehmen, beseelt von dem Gedanken, das heilige Grab Christi aus der Hand der „Ungläubigen“ zu befreien. Doch sein Schiff wird von sarazenischen Piraten gekidnappt und er selber dem Emir von Tunis, Al-Mustansir, als Geisel verkauft. Am Hof des moslemischen Herrschers erlebt der junge Franzose echte Gastfreundschaft. Khalid, der jüngste Sohn des Emirs, schließt ihn ins Herz. Als Jean-Pierre durch Khalid auch die Bekanntschaft mit dem jungen Rabbiner Nathanael macht, lässt er alle seine ehemaligen Vorurteile fallen und ändert sein Weltbild von Grund auf.

Der Theologe Alexander Lohner zeigt das mittelalterliches Bild dessen, was in der katholischen Kirche erst sechshundert Jahre später offiziell möglich wurde, als das II. Vatikanische Konzil die Tore der Ökumene öffnete. Im Zentrum von Lohners Betrachtung steht die Person Jesu. An dieser Gestalt scheiden sich die Ansichten der drei monotheistischen Religionen. Khalid macht Jean-Pierre mit Issa bekannt, der nach islamischem Glauben ein großer Prophet war.

Doch erst der Jude Nathanael eröffnet dem ehemaligen Kreuzritter die Person des historischen Jeschua, so wie viele Jahrhunderte später Schalom Ben-Chorin in seinem Buch „Bruder Jesus – Der Nazarener aus jüdischer Sicht“ diesen beschreiben wird. Bei der gemeinsamen Pilgerfahrt nach Jerusalem zeichnet der junge Rabbiner seinem christlichen Freund Stück für Stück die Züge des Nazareners nach, als Sohn des jüdischen Volkes, einem Juden unter Juden, dessen Person die Kirche durch ihre Dogmen verschleiert hatte. Jeschua, der als jüdischer Wanderprediger auf jüdischem Boden wandert, der aus dem Glauben seines Volkes schöpft, die Hebräische Bibel auslegt und dessen Worte aus den Quellen des Judentums stammen.

Es ist ein durchaus fassbarer, lebendiger Jesus, den Nathanael beschreibt. Nicht der Messias, nicht der Sohn Gottes, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der Sohn einer Jüdin und dadurch, nach jüdischem Gesetz, ein Angehöriger des Volkes Israel. Nathanael erklärt Jean-Pierre auch die Grausamkeit des römischen Statthalters Pontius Pilatus, der wegen seiner unmenschlichen Taten auf Bitten der sonst an das Töten gewohnten Römer aus Judäa abgerufen wurde. Dieser sei der Hauptschuldige an der Verurteilung und Kreuzigung Jesu. Der Großteil des jüdischen Volkes, von dem zur Zeit des Nazareners ein Großteil bereits in der Diaspora lebte, wusste nichts von dem galiläischen Wanderprediger. Und die, die ihn kannten, waren entweder seine Anhänger oder standen ihm gleichgültig gegenüber. Die Handvoll Juden, die in einer Massenhysterie seine Kreuzigung verlangte, könne man nicht als „die Juden“ bezeichnen. Der Vorwurf des „Gottesmordes“ sei ein absurder Gedanke, der zahllosen Juden das Leben gekostet hat – durch die Hand von Christen.

Der junger Rabbiner öffnet dem Franzosen auch die Augen für das Judentum als Religion der Gottes- und Nächstenliebe. Der Satz „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ sei keine Vergeltung, sondern Wiedergutmachung; für ein verlorenes Auge oder einen ausgeschlagenen Zahn müsse man je nach der Größe der Beschädigung Schmerzensgeld bzw. Entschädigung zahlen.

Jean-Pierre nimmt das Bild des historischen Jeschua dankbar in sich auf, ohne den christlichen Glauben an die Messianität und Gottessohnschaft Jesu zu leugnen. Damit erfüllt er den Sinn der Ökumene, nämlich den eigenen Glauben zu behalten und die Überzeugungen der anderen Religionen zu kennen und zu respektierten. Er akzeptiert Khalids Islam und Nathanaels Judentum, bleibt selber aber gläubiger Christ. Die Gespräche mit den beiden Freunden bereichern ihn, und er lernt aus der Fülle der Religionen der beiden jungen Männer, – das Vorbild eines echten Dialogs.

Doch man schreibt noch nicht die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern das Jahr 1270. Als Jean-Pierre in Akkon dem fanatischen Franziskaner Hugo de Beaulieu über seine ökumenischen Erfahrungen berichtet, lässt der engstirnige Mönch Nathanael umbringen. Viele Jahre später, als greiser Mann, erkennt der nach Frankreich zurückgekehrte Baron Jean- Pierre de Voisins mit tiefer Bestürzung auf dem als Abdruck des Leichnams Christi geehrten Grabtuch die Züge seines Freundes Nathanael wieder, der aufgrund seines jüdischen Glaubens ermordet worden war.

Der Roman gibt auch einen neuen Einblick in die Grundzüge des Islam, in eine unbekannte weltoffene Sicht des Islam im Mittelalter, die heute durch seine fundamentalistischen Züge verdeckt wird. Alexander Lohner zeigt uns in den Gestalten der drei Freunde, Jean-Pierre, Khalid und Nathanael, ein – wenngleich romanhaftes – doch sehr praktisches und realistisches Beispiel einer Ökumene, über die heute zwar Hunderte und Aberhunderte theoretische Werke geschrieben werden, die aber in der Praxis kaum „greifen“.

Monika Beck, Aachen


Jahrgang 18 / 2011 Seite 298–300

 



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