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Gertrud Luckner
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Ben Gurion

Ben Gurions Credo

Die große Debatte über die Frage der Beziehungen zwischen Israel und den Juden der Welt. Dem "Aufbau" (XXIII/32, New York, 9. 8. 1957) entnehmen wir die Rede, die Ben Gurion am Anfang der Diskussion hielt (übersetzt von Lucy Perlitz):

An erster Stelle bin ich Jude, dann erst ein Israeli, denn meiner Überzeugung nach wurde der Staat Israel für das ganze jüdische Volk erschaffen. Von jetzt ab hängt jedoch die Zukunft des jüdischen Volkes von dem Überleben, dem Wachsen und der Festigung des Staates ab.

Der Staat repräsentiert nicht die Juden, die in der Diaspora leben. Jeder Jude, der im Ausland lebt, ist zuerst ein Bürger seines Landes, der seine Pflicht ihm gegenüber zu erfüllen hat und die gleichen Rechte genießt, wie jeder andere Bürger, aber jeder Jude. wo immer er leben mag, gehört dem jüdischen Volk an.

Die Juden der ganzen Welt sind in einer nationalen Einheit verbunden – eine Einheit, die auf einem gemeinsamen Schicksal basiert, auf einem großen, gemeinsamen geschichtlichen Erbe und auf gemeinsamen Hoffnungen für die Zukunft.

Was das Fortleben des jüdischen Volkes durch Generationen und schließlich die Schaffung des Staates ermöglichte, ist die messianische Vision der Propheten Israels, die Vision der Erlösung des jüdischen Volkes und der ganzen Menschheit. Der Staat Israel ist das Werkzeug zur Verwirklichung dieser messianischen Vision.

Er wurde von Einwanderern aufgebaut – und ausschließlich von Einwanderern – und er wird auch in Zukunft allein von den Einwanderern weiter gebaut werden. Die Juden im Ausland haben ihnen dabei geholfen, aber sie haben nicht selbst mitgebaut. Geld baut nicht, Propaganda baut nicht, der ,shtadlan’ baut nicht – der einzige Mann, der baut, ist der, der im Lande selbst lebt und arbeitet. Verwandte und Freunde bringen Geschenke für Kinder, aber nur ein Vater und eine Mutter können sie in die Welt setzen. Genau so ist ein Vaterland die organische und unmittelbare Schöpfung derer, die es aufbauen und bereit sind, es mit Leib und Seele zu verteidigen.

Die Leiden des jüdischen Volkes in der Diaspora, ob sie ökonomischer, politischer oder kultureller Art waren, haben in großem Maße zur Einwanderung in das Land Israel beigetragen, aber nur durch die messianische Vision konnte diese Einwanderung Früchte tragen und zur Schaffung des Staates führen.

Leiden allein ist demütigend, bedrückend und zerstörend. Hätten wir nicht die messianische Vision der Erlösung von den Propheten Israels ererbt, hätten die Leiden des jüdischen Volkes in der Diaspora zu seinem Aussterben geführt. Die Rückkehr der Juden in ihr Land ist der Beginn der Verwirklichung der messianischen Vision.

Der Staat macht keinen Unterschied zwischen dem Juden, der erst gestern hierher kam, und dem, der sein ganzes Leben lang hier gelebt hat, oder dessen Familie seit Generationen hier ist. Alle haben die gleichen Rechte und Pflichten. Meiner Meinung nach ist es auch nicht richtig, einen Unterschied zwischen jenen Juden im Ausland zu machen, die unseren Siedlern seit Jahrzehnten beim Aufbau des Staates behilflich sind, und solchen, die erst vor neun Jahren damit begonnen haben oder auch erst im vorigen Jahr.

Ich weiß nicht – und ich glaube, niemand weiß es – wie viele Juden nach Israel kommen möchten und wie viele die Erlaubnis dazu erhalten werden. Viele von ihnen werden noch für lange Zeit oder vielleicht für immer in der Diaspora leben müssen. Das jüdische Volk in der ganzen Welt ist der wichtigste und dem Staate Israel ergebenste Freund, aber der Charakter des Staates wird von denen geformt werden, die an seinem Aufbau mitarbeiten und in ihm leben.

Es ist unausbleiblich, dass die Juden Israels sich von denen in der Diaspora unterscheiden, und je mehr der Staat wächst und je unabhängiger er wird, desto größer wird dieser Unterschied werden.

Aus diesem Grunde muss der Staat als Vorkämpfer des Erlösungsgedankens und jeder Jude, dem die Zukunft und die Einigkeit des jüdischen Volkes am Herzen liegt, folgende Ziele anstreben:

  • das jüdische Bewusstsein der Jugend in Israel und im Ausland zu vertiefen;
  • ihre Verwurzelung mit der jüdischen Vergangenheit und ihrem jüdischen Erbe zu stärken;
  • ihre Bindung an die Werte des messianischen Erlösungs-Gedankens zu intensivieren;
  • das Gefühl gemeinsamen Schicksals und der Zusammengehörigkeit der Juden der ganzen Welt,
  • aller Generationen und an allen Orten zu konsolidieren; und vor allem
  • die jüdische Erziehung für die jüngere Generation in der Diaspora sicherzustellen;
  • engeren Kontakt zwischen den Juden im Ausland und denen in Israel herbeizuführen und
  • die jüdische Jugend in Israel wie in der Diaspora für Pionierarbeit auszubilden, die die Inhalte des messianischen Gedankens in die Praxis umsetzt.

Die Geschichte beurteilt Menschen, Organisationen, Parteien und Regierungen nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten.


X. Folge 1957, Nr. 37/40, Oktober 1957, S. 28–29.


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