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Gertrud Luckner
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Dr. Nahum Goldmann

Eröffnungsansprache zum 60. Zionistenkongress

Im Folgenden bringen wir zwei Dokumente zum heutigen Stand (1957) des Bewusstseins im Welt-Zionismus und im Staate Israel: Die Eröffnungsansprache des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation auf der (60.) Jubiläumstagung des Zionistenkongresses in Jerusalem, Nahum Goldmann (gekürzt) und (Teil 2) die auf eben dieser Tagung gehaltene bekenntnishafte Ansprache des israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion (vollständig). Worum es heute für Israel als Volk und Israel als Staat geht, ist aus beiden Reden eindrücklich zu entnehmen:

Mehr als ein Jahr ist seit dem letzten Zionistenkongress vergangen, und ich will in dieser Eröffnungsansprache die Hauptereignisse dieser schicksalsvollen Jahre zusammenfassen. Ich will drei Gesichtspunkte der gegenwärtigen Situation behandeln:

1. Unsere allgemeine Lage
2. Die interne jüdische Lage
3. Die Lage innerhalb der Zionistischen Bewegung

Die beiden hervorragenden Ereignisse dieses Jahres waren die Sinai-Aktion mit all ihrer Folgen, und zweitens der Beginn der großen Einwanderung, besonders von Europa. Ich will nicht in allen Einzelheiten die Resultate des Sinai-Feldzuges werten, welcher eine militärische Glanzleistung darstellte, politisch allerdings ein viel schwierigeres Kapitel war. Vom allgemeinen israelischen Standpunkt aus gesehen, brachte es als Hauptgewinn eine Dramatisierung von Israels Sicherheitsproblemen, wie sie nie zuvor erreicht wurde, und beeindruckte die Weltmeinung durch den explosiven Charakter des Nahen Ostens, der damit verbundenen Gefahr für den Weltfrieden und der dringenden Notwendigkeit, eine Stabilisierung in dieser Gegend herbeizuführen, was nicht ohne Frieden zwischen Israel und den arabischen Staaten geschehen kann.

Ohne die politische Lage im einzelnen zu erörtern, habe ich den Eindruck, dass wir in eine Periode eintreten, in welcher die Möglichkeit eines Friedens zwischen den Arabern und Israel durchführbarer erscheint als je zuvor. Es gibt zwei Gründe für diese Beurteilung: erstens die Tatsache, dass die arabischen Führer, auch wenn sie es noch nicht öffentlich zugeben, langsam davon überzeugt werden, dass Israel ein dauerhaftes Gebilde ist, und sie beginnen, ihr Denken diesem „fait accompli“ anzupassen. Der zweite Grund ist, dass sich die großen Mächte der Gefahr für den Weltfrieden bewusst werden, welche die chaotische Lage im Mittleren Osten darstellt. Sie sind daher bereit, mit dieser Lage sich wirksamer zu befassen, als sie es bis jetzt getan haben, ganz besonders, da keine der Großmächte einen Krieg wünscht. Sogar die Sowjetunion, trotz ihrer äußerst unfreundlichen Haltung Israel gegenüber und ihrer Ermutigung des extremen arabischen Nationalismus, ist am Weltfrieden interessiert, besonders nach den Veränderungen in ihrer Führerschicht. Diese Situation eröffnet Ausblicke für einen Frieden mit all seinen unschätzbaren Vorteilen für Israel. Andererseits birgt sie gewisse Gefahren, dass Versuche unternommen werden, einen Frieden aufzuzwingen, der für Israel unannehmbar wäre und seiner Zukunft schaden könnte.

Zum Glück für Israel und für uns alle war der zweite Teil des vergangenen Jahres nicht in erster Linie mit politischen Problemen angefüllt und der Verteidigung von Israels Interessen, sondern hauptsächlich mit den Problemen der wieder einsetzenden Masseneinwanderung. Diese Einwanderung hat einen neuen spezifischen Charakter angesichts der Tatsache, dass ihre Mehrheit aus europäischen Ländern kommt. Dies gibt ihr eine außerordentliche historische Bedeutung, nicht nur, weil sie nach Israel Elemente bringt, welche hier dringend benötigt werden und die ohne Zweifel einen großen Beitrag zum Aufbau des Landes leisten werden, sondern ganz besonders, weil sie Aussichten eröffnet auf eine Rückführung jener Judenheiten, welche für unser Volk verloren zu sein schienen.

Wenn wir nun den Punkt erreicht haben, an welchem Zehntausende von Juden auf legale Weise aus diesen Ländern nach Israel einwandern, so ist es nicht länger mehr eine donquichotische Illusion, zu hoffen, dass andere Länder, und sogar die Sowjetunion unter ihnen, auch die Tore für eine jüdische Einwanderung nach Israel öffnen werden.

Dies bringt mich zu der Überzeugung, dass die Zeit für das jüdische Volk gekommen ist, sich aktiver und offen mit dem großen Problem des Lebens und der Zukunft des osteuropäischen Judentums zu befassen. Es stellt den Hauptüberrest aus der Nazihölle dar. Es ist in Gefahr, sich geistig aufzulösen und für unser Volk verloren zu gehen. In erster Linie ist dies das Problem ihrer Fähigkeit und ihres Rechtes, als Juden zu leben, als Teil des jüdischen Volkes in der Welt.

In dieser Hinsicht besteht ohne jeden Zweifel eine Diskriminierung, ganz besonders in der Sowjetunion. Sie genießen nicht, als Minderheit, die gleichen Rechte und Möglichkeiten, welche anderen nationalen Minderheiten in Russland zustehen. Das jüdische Volk kann keinesfalls sein lebenswichtiges Interesse an diesen dreieinhalb Millionen Juden aufgeben, und die Zeit ist gekommen, dieses Problem auf die Tagesordnung der Weltöffentlichkeit zu setzen. Dies heißt nicht, dass wir gegen die Sowjetunion oder gegen irgendein soziales System kämpfen. Das jüdische Volk als solches kann zu solchen Problemen keine Stellung beziehen. Jeder Jude kann dies individuell tun.

Unser Volk als Volk ist nur an einem Aspekt interessiert: die Gleichberechtigung jedes jüdischen Bürgers zu sichern als Bürger, und jeder jüdischen Gemeinschaft als Gemeinschaft. Es gibt nichts in der Ideologie oder im Sozialsystem der osteuropäischen Staaten, was die jüdischen Gemeinden verhindern könnte, ihr eigenes Leben zu führen, wie die Lage in einigen dieser Länder und sogar in den frühen Jahren des sowjetrussischen Regimes beweist.

Die tragische Situation, welche zur Zeit in der Sowjetunion in Bezug auf jüdisches Leben vorherrscht, ist nicht das Ergebnis einer sozialen Ideologie, sondern der spezifisch antijüdischen Politik des stalinistischen Regimes, welche unglücklicherweise durch seine Nachfolger nicht geändert wurde. Aus diesen Gründen werden wir uns mehr und mehr mit diesem Problem zu beschäftigen haben, welches meiner Ansicht nach neben Israel das zentrale jüdische Problem darstellt.

Niemand weiß, wie lange es dauern wird, bis wir Resultate erreichen werden. Doch die Liberalisierung, welche in Osteuropa und in der kommunistischen Welt vor sich geht, gibt uns die Hoffnung, dass wir in der Lage sein werden, durch unsere ununterbrochenen Bemühungen, die Rechte der osteuropäischen jüdischen Gemeinschaften, ihr eigenes Leben zu führen und am gesamtjüdischen Leben teilzunehmen, einschließlich des Rechtes zur Auswanderung nach Israel, zu sichern doch einen Wechsel ihrer Lage herbeizuführen, ganz besonders, da wir die Unterstützung und das Verständnis der Weltöffentlichkeit einschließlich mancher, welche der Sowjetunion freundlich gegenüberstehen, für diese Forderung mobilisieren können.

Was wir der Welt und den osteuropäischen Führern vor Augen zu führen haben, ist die Tatsache, dass es dem kommunistischen Regime nicht gelungen ist, das jüdische Problem in ihren Ländern zu lösen, weder durch völlige Assimilation noch, wie es die Sowjetunion versuchte, durch das bankrotte Experiment von Biro-Bidjan. Die Entwicklung des jüdischen Problems in osteuropäischen Ländern hat erneut die Richtigkeit der zionistischen Lösung für die Judenfrage bewiesen, und im Lichte der neuesten Ereignisse ist die Hoffnung nicht unberechtigt, dass die Führer dieser Regime dies einzusehen beginnen.

Was das Problem der jüdischen Einwanderer nach Israel betrifft, so gibt es noch einen anderen Teil der Welt, in dem eine unbefriedigende und unannehmbare Lage vorherrscht, nämlich Nordafrika. Es gab eine Zeit, in der wir uns um die physische Sicherheit der Juden Nordafrikas sorgten. Glücklicherweise waren unsere Befürchtungen unberechtigt. Die Führer der neuen unabhängigen Staaten Nordafrikas, Tunesien und Marokko, haben ihre Versprechungen gehalten, keine physischen Angriffe gegen Juden zuzulassen und sie als gleichberechtigte Bürger ihrer Länder zu behandeln. Was jedoch die Freiheit der Auswanderung betrifft, so herrscht hier immer noch eine unbefriedigende Lage vor ...

Was nun die allgemeine jüdische Lage betrifft, so ist das Hauptproblem nicht mehr das gleiche, wie nach dem Zweiten Weltkriege. Das Problem ist nicht mehr in erster Linie physische und politische Sicherheit für diese jüdischen Gemeinschaften, sondern ihr kulturelles jüdisches Leben. Antisemitismus ist, wenigstens zum jetzigen Zeitpunkt, nicht das Hauptproblem jüdischen Lebens außerhalb Israels.

Das wahre Problem ist, die jüdische Identität zu bewahren, die Bande der Juden der Diaspora mit ihrer jüdischen Vergangenheit, ihrem jüdischen Erbe und mit Israel zu stärken. Die Hauptgefahr für unser Volk ist heute nicht physische Ausrottung oder politische Diskriminierung.

Im gleichen Maße, in welchem sich die äußere Lage der Juden in der Diaspora sowohl politisch als auch wirtschaftlich gebessert hat, vergrößerte sich die interne Gefahr der Assimilation. Dieses Problem muss das Hauptanliegen des jüdischen Diasporalebens werden, und die zionistische Bewegung muss sich mehr und mehr darauf konzentrieren, diese Gefahr zu bekämpfen und die junge Generation unseres Volkes zu retten ...
(Aus: Maccabi 16/30, Basel, 26. 7. 1957)


X. Folge 1957, Nr. 37/40, Oktober 1957, S. 27–28

 



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