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Zusammengestellt von der Redaktion (1958)

Israel und Judentum in heutigen deutschen Geschichtsbüchern (Teil I)

Es dürfte so manchen Rundbriefleser interessieren zu erfahren, was in den deutschen Geschichtsbüchern nach der Hitlerzeit der Jugend über die jüdische Geschichte dargelegt wird (Stand von 1957!). Als erste Probe davon geben wir im Folgenden wieder, was in den vier am weitesten verbreiteten Geschichtslehrbüchern für die Oberstufe höherer Schulen den Obersekundanern (von ca. 17 Jahren) im Rahmen der antiken Geschichte zum Thema Israel und Judentum geboten wird. Etwaige Kritik und Wünsche dazu würden wir dankbar entgegennehmen und wären gern bereit, sie den Verlagen zuzuleiten, sofern dies begrüßt werden sollte.

Grundriss der Geschichte I: ‚Geschichte der Alten Welt’, von K. Leonardt, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1954.

Geistesgeschichtlich wichtiger (als die Aramäer) sind die Israeliten, die vom Gebirge Juda in Palästina in das Fruchtland der Küstenebene drängen und trotz des Widerstandes der dort ansässigen Kananäer das Land bis auf den schmalen Küstenstreifen, den die Philister besetzt haben, schließlich erobern.

Die Kämpfe der Israeliten unter ihren Königen Saul (um 1050) und David mit den Philistern führen um 1000 v. Chr. zur Eroberung der Stadt Jerusalem, die unter König Salomo prächtig mit Tempel- und Palastbauten geschmückt wird. Doch zerfällt die Macht des salomonischen Reiches schon unter seinen Nachfolgern; das Reich spaltet sich 932 in zwei Teilreiche auf: Israel im Norden und Juda im Süden. Beide bekämpfen sich in erbitterter Feindschaft.

So wenig diese kleinräumigen Reiche für die Weltgeschichte bedeuten, so wichtig werden die Israeliten für die Entwicklung des religiösen Bewusstseins. Ihrem Propheten Moses erscheint in einem aufwühlenden Gotteserlebnis am Berge Sinai „Jahwe“ und schließt einen Bund mit ihm: das Volk Israel soll sich verpflichten, nur Jahwe allein zu verehren und seine religiös-sittlichen Gebote zu halten. Dafür will Jahwe das Volk Israel in allen Gefahren beschützen und zu einem großen Volke machen.

Es war ein großer religiöser Gedanke, der hier zuerst in dem religiös besonders produktiven Orient zum Durchbruch kam: der Glaube an einen Gott und die Forderung einer absoluten Sittlichkeit, die in der Religion gegründet ist. Diese religiös-sittliche Idee verband seitdem die Israeliten zum Volk und gab ihnen einen politischen Zusammenhalt und einen sittlichen Rückhalt durch die Jahrtausende.

Kurz vor 600 v. Chr. stürzen die Neubabylonier im Verein mit den Medern das Assyrische Weltreich. Ihr König Nebukadnezar wendet sich auch gegen den Rest der Israeliten, der in dem unbedeutenden Fürstentum Juda vereint ist, nachdem das Reich Israel schon von den Assyrern 722 v. Chr. unterworfen worden ist. Dies führt zur Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr. und zur Babylonischen Gefangenschaft der Juden.

Die Israeliten sind damit aus der Weltpolitik ausgeschieden. Ihr Gott Jahwe geht jedoch nicht unter wie die anderen Götter von Assur oder Babylon. Er wird durch die großen israelitischen Propheten (Jeremias, Jesaias) zum Weltengott, der über alle Völker Gericht hält, auch über sein eigenes israelitisches Volk, weil es durch Ungerechtigkeit und Üppigkeit seinen heiligen Zorn erregt. Opfer, Priestertum und alle Äußerlichkeiten des Kultus sinken in Nichts zusammen gegenüber der Reinheit des Lebenswandels, den Gott vom Menschen fordert. So wird der Gott Israels nicht nur zum sittlichen Prinzip und zur treibenden Kraft im Leben des Einzelnen, sondern auch im Leben der Völker. Hier ist der Höhepunkt altorientalischer Frömmigkeit, von dem aus die kommenden Jahrhunderte aufs tiefste beeinflusst werden.

Grundzüge der Geschichte V: ‚Von der Urgeschichte bis zum Werden der abendländischen Völkergemeinschaft’, von Dr. H. Haverkamp (Bonn), Prof. Dr. H. Maybaum (Flensburg), Dr. H. Werner (Berlin) in Verbindung mit Dr. R. Weirich (Donaueschingen). Verlag Moritz Diesterweg, 1956.

Die Schwäche des ägyptischen Reiches zu Beginn des 13. Jahrhunderts erlaubte den Israeliten, sich im südlichen Palästina festzusetzen. Zur See drangen, wahrscheinlich von Kreta aus, die Philister ein und besetzten die Küstenstädte. Als Gründer des israelitischen Volkes gilt Moses (um 1300); er befreite das Volk und schuf die Grundlagen der staatlichen und religiösen Gemeinschaft. Größere Bedeutung gewannen Volk und Staat unter David und Salomo. Jerusalem wurde erobert und Hauptstadt. Ein ausgedehnter Handel brachte die Mittel, auf dem Berg Zion bei Jerusalem den Königspalast mit dem Jahwetempel zu bauen. Nach dem Tode Salomos zerfiel das Reich. Der Norden kam unter die Herrschaft Assyriens (721).

Anderthalb Jahrhunderte konnte sich das Südreich gegen Assyrien und dann gegen den neubabylonischen König Nebukadnezar (604–561) halten; 587 wurde Jerusalem erobert, seine Bewohner wurden in die „Babylonische Gefangenschaft“ geführt. Als im Jahre 539 Babylon unter die Herrschaft der Perser gelangte, gestattete Kyros den Juden, nach Jerusalem zurückzukehren und ihre alte religiöse Gemeinde wiederaufzurichten. Zwar bildeten die Juden jetzt keinen selbständigen Staat mehr, aber als Kultgemeinschaft verbreiteten sie sich allmählich über die ganze Erde.

Die Geschichte des Volkes Israel ist undenkbar ohne die erhabenen Gestalten der rufenden Mahner in Zeiten religiöser, sozialer und politischer Not. Die Propheten treten auf als Sendboten Gottes („So spricht der Herr ...“) und bewahren dem zahlenmäßig unscheinbaren Volk inmitten einer mannigfaltigen, mächtigen Umwelt die Selbständigkeit des Weltbildes und das Bewusstsein einer großen Zukunft (Isaias um 700). Das Alte Testament gibt uns einen Spiegel von den Lebenskräften Israels: in ihm leuchten auf: der Glaube an einen persönlichen Gott, eine in der Überzeugung von göttlicher Führung gründende Geschichtsauffassung, eine klare und realistische Sicht im Rechtsleben und in der Behandlung sozialer Fragen sowie tiefe Innerlichkeit, mystische Naturverbundenheit und persönliche Frömmigkeit in dichterischer Gestaltung (Psalmen, Hohes Lied).

Erbe des Abendlandes I: ‚Die Alte Welt’, von Dr. A. Wucher und Prof. Dr. G. Stadtmüller, Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1954.
Israel als religiöse Weltmacht.

Die Sonderstellung Israels im Kreise seiner Nachbarvölker beruht in seinem Glauben an einen Gott. Schon bei ihrer Landnahme in Kanaan brachten die hebräischen Stämme einen bildlos verehrten Gott vom Sinai mit, den sie Jahwe, d. h. „Der Seiende“, benannten.

Jahwe ist der eine allmächtige Gott, der Herr des Himmels und der Erde, der Geschichte und der Natur, der Schöpfer, Erhalter und Richter der Welt und der Menschen. Ihm allein gebührt die Anbetung durch den Menschen. Freilich drang dann durch die Verschmelzung mit der Altbevölkerung Kanaans auch die Verehrung der kanaanäischen Ortsgötter, der Baale, ein. Priester und Propheten, so der Prophet Elias, eiferten für die strenge Reinheit des überlieferten Eingottglaubens und für die treue Bewahrung des Bundes zwischen Jahwe und seinem „auserwählten Volke“. Durch die ganze Geschichte Israels zieht sich dieser Kampf zwischen dem Jahwekult und den Kulten der Götzen.

Eine Vertiefung der religiösen Auffassung kam dann durch das Auftreten der Propheten (8.–5. Jahrhundert). Sie predigten die Religion des Herzens und der Gesinnung. Jahwe sei nicht ein Gott des äußeren Opferdienstes, sondern der Gerechtigkeit. Die größten dieser Propheten waren Jesajas und Jeremias. Jesajas, der im 8. Jahrhundert im Südreiche Juda wirkte, verkündigte das Strafgericht Jahwes, der Israel zerstören und ein geläutertes Volk schaffen werde. Auch weissagte er die Geburt eines Knaben Immanuel, der ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit gründen werde. Wegen dieser messianischen Weissagungen wurde Jesajas in christlicher Zeit der „Evangelist des Alten Bundes“ genannt. Noch sprachgewaltiger war Jeremias, der 627–588 als unbequemer Warner und Mahner am Königshofe zu Jerusalem wirkte.

Aus dem Innewerden von Gottes zwingendem Auftrag erwuchs den Propheten der Mut, als Verkünder einer neuen religiösen Innerlichkeit aufzutreten. Diese Verkündigung griff weit in den sozialen Bereich hinaus. Die sozialen Programmpunkte des mosaischen Rechtes griffen die Propheten wieder auf. Als Beschützer der Armen, Witwen und Waisen eiferten sie in leidenschaftlichen Worten gegen die sittliche Entartung und materialistische Verkommenheit ihrer Zeit.

Das prophetische Sendungsbewusstsein schreckte auch nicht zurück vor dem Kampf gegen die Willkür der Staatsgewalt. In der Zeit nach der Gefangenschaft, da das Judentum inmitten der großen heidnischen Nachbarvölker um seine religiöse und völkische Selbstbehauptung einen zähen Abwehrkampf führen musste, wurde die prophetische Abwehrstellung gegen eine jahwefeindliche Staatsgewalt Gemeingut des ganzen Volkes – im Kampf gegen die babylonische, persische und hellenistische Staatsreligion. Schon damals bildete sich jene Einstellung heraus, die dann das Neue Testament noch bewusster und klarer in die Worte fasste: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Die Propheten verliehen auch der allgemeinen Friedenssehnsucht ihrer Zeit Ausdruck in ihrem Idealbild von dem künftigen messianischen Friedensreich, aus dem Kampf und Streit und Unrecht für alle Zeiten verbannt sein werden (Jesaias 11,6–8).

Unter derselben religiösen Verantwortung wie die einzelnen Menschen stehen auch die Völker. So kam Israel als erstes aller Völker dazu, die Menschheitsgeschichte als sinnvolles, von Gott geleitetes Ganzes zu sehen. Im Bewusstsein Israels ist die Geschichte der Völker nicht nur in ihrem Gesamtablauf von Jahwe geplant, sondern sie unterliegt auch seiner ständigen wunderbaren Leitung. In den geschichtlichen, aber auch in den prophetischen Büchern des Alten Testaments hat dieses Geschichtsbild seinen Niederschlag gefunden. Das religiöse und geschichtliche Weltbild der Propheten umspannt die ganze Menschheit.

Die menschheitsgeschichtliche Bedeutung Israels auf religiösem Gebiet ist gewaltig. Israel hat den Gedanken des strengen Eingottglaubens in die Geschichte eingeführt, wodurch es auch die Grundlagen für die Glaubensüberzeugungen zweier anderer Weltreligionen gelegt hat: des Christentums und des Islams. Die Überzeugung, dass der Mensch das „Bild und Gleichnis“ Gottes ist, hat eine hohe Vorstellung von dem Rang der Menschenwürde hervorgebracht.

Vor dem allmächtigen und allheiligen Jahwe ist sich der Mensch seiner Schwäche und Sündhaftigkeit bewusst. Es bleibt ihm nur die Zuflucht zu Reue, Frömmigkeit und Gottvertrauen. Gott wirkt alles. Ohne seinen Segen ist alle Menschenmühe umsonst (Psalm 127,1).

In vielen Bestimmungen des mosaischen Rechtes wird sein tief menschlicher Zug sichtbar. Das Bewusstsein dieser sittlichen Überlegenheit des eigenen gottgesetzten Rechtes gegenüber allen Rechten der heidnischen Nachbarvölker verlieh dem frommen Hebräer ein Gefühl des berechtigten Stolzes (Deuteronomium 4,8).

Dem mosaischen Recht eignet auch eine soziale Einstellung, die stets den Schutz des wirtschaftlich Schwachen im Auge hat. Das heilige Gesetz ist der Anhäufung von großen Vermögen feindlich. Das Zinsnehmen ist verboten (Ex 22,24). Die Propheten eifern gegen den Großgrundbesitz (z. B. Jes 5,8). Eine soziale Absicht liegt auch der Einrichtung des Sabbats und des Sabbat-Jahres zugrunde: Mensch und Tier sollen dadurch die Möglichkeit zur Erholung erhalten.

Auch die hebräische Dichtung ist reich an einzigartigen Leistungen: die religiöse Lyrik der Psalmen, dann die tiefsinnige philosophische Erzählung von Hiob (Job), der Goethe die Anregung zum „Prolog im Himmel“ im ersten Teil des „Faust“ entnommen hat, und schließlich das großartige prophetische Buch von Jeremias, das „Hohelied'“ („Lied der Lieder“) – diese Werke gehören zu den Glanzstücken der Weltliteratur.

Das Judentum, nicht nur in Palästina ansässig, sondern durch die assyrisch-babylonische Gefangenschaft und überdies durch die immer wieder aus der semitischen Urheimat hervorbrechenden Völkerwellen über den ganzen Orient ausgestreut, hatte bislang in den hellenistischen Monarchien eine Sonderstellung innegehabt.

Die Juden galten zwar ob ihrer eigenartigen monotheistischen Gesetzesreligion als Fremde, oft auch als Gottlose, da sie ohne Bilderkult waren, aber man beließ ihnen ihre religiöse Eigenart, ihre Kultvereine, die, vom allgemeinen Bürgerrecht ausgeschlossen, eigene Gemeinden in den Gemeinden bildeten. Gerade durch diese Toleranz kam es zu vielfacher fruchtbarer Begegnung mit der griechischen Kultur.

Die Juden übernahmen Lebensformen und Sprache der Griechen. Im 3. Jahrhundert wurden die Schriften des Alten Testaments ins Griechische übersetzt (Septuaginta). Sie lösten nun wieder Einfluss auf den Hellenismus aus, Theophrast z. B., der Schüler des Aristoteles, war ein Freund jüdischer Weisheit. Auch in Palästina, dem einzigen geschlossenen Siedlungsgebiet der Juden, war es unter der duldsamen Herrschaft der Ptolemäer zu einem Hellenisierungsprozess gekommen. Schon gab es in Jerusalem eine hellenistische Reformrichtung, die Sadduzäer, die den Bestrebungen des Antiochos IV. gerne entgegenkamen und sich von ihm sogar ein griechisches Gymnasium einrichten ließen.

Als nun aber der König von seinem missglückten Zug nach Ägypten 168 zurückkam und im Ärger über seinen Misserfolg den jüdischen Kult verbot und den Tempel in Jerusalem dem Zeus weihen ließ, kam es unter Führung der strenggläubigen Makkabäer zum Religionskrieg. Auch als Antiochos seinen Erlass 164 wieder aufhob, führten die Juden, seit 161 mit Billigung Roms, den Krieg fort, bis schließlich Judäa und Palästina 129 ihre Selbständigkeit unter der hohenpriesterlichen Dynastie der Hasmonäer gewannen. Der gewaltsame Hellenisierungsversuch war ins Gegenteil ausgeschlagen; das Abenteuer des Antiochos hatte lediglich die religiös-nationale Reaktion wachgerufen, die sich fortan bemühte, jeglichen hellenistischen Einfluss auszuschalten, die alte Religion zu festigen und Davids Königtum wiederherzustellen.

Durch die Besetzung Syriens wurde Pompeius schließlich in den jüdischen Bruderkrieg der Hasmonäer verwickelt, den er nach Gutdünken beilegte. Hyrkanos, der sich auf die Pharisäer stützte, die in Glaubensdingen neben dem geschriebenen Gesetz auch die Tradition anerkannten, wurde gegen Aristobulos, der die schriftgläubigen und für Unabhängigkeit kämpfenden Sadduzäer vertrat, im Hohenpriesteramt bestätigt und gegen den Widerstand der Priesterschaft von Jerusalem eingesetzt. Syrien wurde römische Provinz, Palästina Vasallenstaat.

Geschichtliches Unterrichtswerk für höhere Lehranstalten I: ‚Urzeit und Altertum’, herausgegeben von Dr. R. H. Tenbrock, Prof. Dr. H. E. Stier, Prof. Dr. K. Thieme, Verlag F. Schöningh, Paderborn 1956.
Die Israeliten
I. Vorzeit (bis etwa 1250 v. Chr.)

Als Teil der semitischen Völkergruppe der Aramäer, die sich seit dem 14. Jahrhundert v. Chr. gegen das Kulturland in Palästina, Syrien und Mesopotamien vorschoben, treten die Israel-Stämme von Osten her ins Licht der Geschichte. Sie brachten Überlieferungen mit von dem auf göttliche Weisung hin aus dem Zweistromland fortgezogenen Stammvater Abraham, von den Weide-Stationen seiner Söhne und Enkel in Palästina, dem Aufstieg Josephs im Pharaonenreiche und dem Frondienst seiner Nachkommen in Ägypten unter Ramses II., der wohl für das 13. Jahrhundert v. Chr. anzusetzen ist.

II. Auszug und Richter-Zeit (etwa 1250–1000 v. Chr.)

Unter der Führung des ägyptisch gebildeten, aber die Überlieferung seiner Väter in Treue erneuernden Mose, haben sich die versklavten Stämme aus Ägypten befreit und in der Wüste die „israelitische Eidgenossenschaft“ begründet. Als ihre Grundverfassung sind die Zehn Gebote anzusehen, auf deren Einhaltung sich das Volk im Bunde mit seinem Gott (Jahwe, früher falsch „Jehova“ gelesen) verpflichtete und die auf steinernen Tafeln in der Bundeslade, dem Thronsitz des verborgenen Gottes, mitgeführt wurden.

In „heiligen Kriegen“ eroberte und hielt Israel zuerst die gebirgigen Teile, dann das Kulturland in der Ebene, des ihm von Gott „Gelobten Landes“ Kanaan, das wir – nach den später von der Küste her zugewanderten indogermanischen Philistern – Palästina nennen. In der Gegenwehr gegen dieses Kriegervolk schien den Israeliten die lose Zusammenfassung um das Bundesheiligtum unter nur gelegentlicher Führung charismatischer („gottbegnadeter“) „Richter“ (die dem Volk Recht schaffen) ungenügend, und sie wählten sich „einen König, wie ihn alle anderen Stämme auch haben“, in der Person des Saul. Nach erfolgreichen Anfängen geriet dessen Herrschaft in eine innere Krise, und er erlag der Philistermacht.

III. Die Zeit der Könige (etwa 1000–586 v. Chr.)

Unter Sauls anfänglichem Gegenspieler und späteren erfolgreichen Nachfolger David aus dem südlich siedelnden Stamme Juda wurde dieser mit den weiter nördlich ansässigen (im engeren Sinne „Israel“-)Stämmen geeint und das zwischen beiden Gebieten liegende Jerusalem erobert („Davids Stadt“). Es wurde zum politischen und durch die Überführung der Bundeslade auch zum religiösen Mittelpunkt des Reiches. Unter Davids diplomatisch noch erfolgreicherem Sohn Salomo konnte der Tempel gebaut werden, weil der König in regen Handelsbeziehungen zu den Phönizierstädten und zu den Ländern am Roten Meer (Königin von Saba) stand.

Dann freilich spaltete sich ein Nordreich (Hauptstadt Samaria) mit stets wechselnden Dynastien, auch religiös (durch den Kult Jahwes als Jungstier in Bethel), von Jerusalem ab, bis es 722 von den Assyrern erobert und seine Bevölkerung großenteils deportiert wurde. Juda, durch die Umkehr des Assyrerkönigs vor Jerusalem sicher gemacht, behauptete sich noch als Satellitenstaat, unter dem Davidshause, bis es sich trotz Warnungen durch den Propheten Jeremia zu einem aussichtslosen Aufstand gegen das neubabylonische Reich Nebukadnezars hinreißen ließ und Jerusalem von ihm 586 erobert und zerstört wurde.

IV. Exil und Erneuerung (586–164)

Demgegenüber jedoch wurde „der Glaube des Volkes durch die furchtbaren politischen Schicksale nicht nur nicht zerbrochen, sondern in einer einzigartigen und ganz unerhörten historischen Paradoxie gerade erst gefestigt“, weil die politische Katastrophe nicht als Niederlage, sondern als Sieg des eigenen Gottes erschien; denn seine Propheten hatten diese unüberhörbar angekündigt und die Israeliten gelehrt, Gott nicht nur als den Lenker des eigenen, sondern mehr und mehr als den Lenker der Geschicke aller Völker zu begreifen.

Im „Babylonischen Exil“ konstituierten sich die Juden als einziges Jahrtausende überdauerndes „Volk ohne Staat“, „bibelständig“ statt bodenständig, durch zeit- und raumfremdes, in Familie und Lehrhaus überliefertes Brauchtum aus den Gastvölkern herausgesondert. Eine Minderheit freilich durfte unter dem enthusiastisch als Gottes-Sendling („Gesalbter“) begrüßten Perserkönig Kyros nach Judäa zurückkehren und in Jerusalem den Tempel wieder aufbauen.

Unter Führung des am Perserhof emporgekommenen „Schreibers“ Esra und mit Hilfe des ebenfalls jüdischen Statthalters Nehemia (455–433) durften sie dem erneuerten Gesetz wieder volle Geltung verschaffen und Jerusalem ummauern. Als sich unter den Diadochen Alexanders d. Gr. die jüdische Oberschicht hellenisierte und gar den Seleukiden Antiochos IV. Epiphanes zum Verbot der Einhaltung des Gesetzes bewog (167), wurde diese Gefahr einer Aushöhlung von innen gebannt, weil sich dagegen ein Volksaufstand erhob.

Ihn führte Judas Makkabi (wohl: Der Hammer), und sein Haus (die Makkabäer oder, nach dem Ahnherrn, Hasmonäer) ging daraus als Dynastie hervor. Als freilich Herodes – der Satellitenkönig von Roms Gnaden – in diese Dynastie hineinheiratete, löste er die Makkabäer ab (nach Pompejus’ Tempelsturm, 63 v. Chr.). Als Träger der nationalreligiösen Überlieferung traten schon in dieser Zeit an die Stelle der Ritual-Theokraten der assimilierten, kollaborationistischen Priester-Aristokratie Jerusalems die Moral-Theokraten der volkstümlichen, auch in den Lehrhäusern der Diaspora wirkenden Gesetzeslehrer unter den „Pharisäern“ (d. h. den „Frommen“).

V. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums

Die Juden fühlen sich, wie es im Vorspruch ihres Grundgesetzes heißt, als Gottes „Sondereigentum vor allen Völkern, ... Königtum von Priestern, heiliges Volk“. Unter diesem Anspruch wollen sie ihre Geschichte im Guten wie im Bösen betrachten und betrachtet wissen. Deshalb verstehen sie und auch die Christenheit ihr vielhundertjähriges Überdauern der Staatlosigkeit als „einzigen unwiderlegten Gottesbeweis“. Die Propheten (bzw. ,Künder’), die unter ihnen auftraten und als keinem staatlichen oder ,kirchlichen’ Amt verhaftete Geistesmänner maßgebenden Einfluss auf Denken und Handeln ihrer Volksgenossen nahmen (wie im Mittelalter Bernhard v. Clairvaux oder Niklaus v. d. Flüe), haben als Vorläufer Jesu von Nazaret (und später Mohammeds) den Glauben an die Einzigkeit ihres Gottes als des allein wahren und wirklichen über den ganzen Erdball auszubreiten versucht, ohne dass dabei unter den Juden selbst die Gewissheit von einer verbleibenden Sonderstellung ihres Volkes in der Vorbereitung der vollkommenen Gottesherrschaft über alle Welt erstorben wäre.

(Fortsetzung – Teil II – in XI. Folge 1958/59, November 1958, Nummer 41/44, S. 20–22).


X. Folge 1957, Nr. 37/40, Oktober 1957, S. 22–25.

 



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