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Prof. Dr. Karl Thieme

Der religiöse Aspekt der Judenfeindschaft (Teil 2)

I. Der vorchristliche Mob- und Literaten-,Antisemitismus'

Der antike vorchristliche ‚Antisemitismus’ ist – ebenso wie die gradlinig aus ihm hervorgegangene Christen-Feindschaft – einerseits die Sache einer dünnen, vom sieghaften Vormarsch des Feldzugs gegen jederlei Götzendienst bedrohten Literaten- und Intellektuellenschicht, anderseits gelegentlicher Ausbruch des Pöbelhasses gegen eine privilegierte, vielfach erfolgreiche, deutlich ausgesonderte Minorität.1

Bei jenen antiken ,clercs’ (von dem ägyptischen Priester Manetho im 3. vor- bis zu dem römischen Quindecimvir sacris faciundis Tacitus im 2. nachchristlichen Jahrhundert) spielt unsre zweite Motivgruppe die Hauptrolle: Die Juden – wie später die Christen – sind Menschheitsfeinde und zersetzen das herkömmliche religiöse Brauchtum; beim Pöbel von Großstädten, wie Alexandria und Rom, dominiert eher die erste Gruppe: Juden und Christen sondern sich ab, machen nicht mit, bieten leichte Beute. (Irgendwelche wirtschaftliche ,Ausbeuter’-Position der Juden dagegen spielt, weil inexistent, in jenem vorchristlichen ‚Antisemitismus’ keine Rolle – im nachchristlichen übrigens auch nur noch die einer mitgeschleppten Reminiszenz.) Hören wir nun doch einige von den nicht übermäßig zahlreichen Zeugen; also Tacitus (Historiarum Lib. V, 5):

„... alle übelsten Elemente pflegten unter verachtungsvoller Preisgabe der Religion ihrer eigenen Väter Spenden und Abgaben mit dem Ergebnis zusammenzutragen, dass dadurch die jüdische Sache gefördert wurde, wie auch dadurch, dass sie selbst zäh zusammenhalten, schnell bereit sind zu barmherzigen Gaben (füreinander), allen andern aber feindseligen Hass entgegenbringen. Abgesondert bei Tisch, getrennten Bettes, enthält sich dieses sonst sehr lüsterne Volk des Beilagers fremdstämmiger Frauen, ohne unter sich Schranken zu kennen; die Beschneidung haben sie eingeführt, um am Unterschied kenntlich zu werden. Und die zu ihrem Brauch übertreten, maßen sich dasselbe an und lernen nichts rascher als die Götter zu verachten, das Vaterland abzutun, Eltern, Kinder, Brüder geringzuschätzen ..."

Sehr ähnlich werden die – bis ins dritte und vierte Jahrhundert sehr zahlreichen – Proselyten zum Judentum von Juvenal beurteilt (Sat. XIV):

„... bald lässt er sich beschneiden. In der Verachtung der römischen Gesetze herangezogen, mag er nichts lernen, einhalten und verehren als das jüdische Gesetz, all das, was Moses seinen Adepten in einem geheimnisvollen Buche überliefert hat: Keinen Weg zu weisen dem Wandrer, der nicht dieselben Bräuche pflegt, nur dem Beschnittnen allein den Brunnquell zu zeigen ...“

Auf diesen Ton ist alles gestimmt, und nur die Krassheit der Greuelmärchen über das unbekannte Heiligtum einer Religion, das doch jeder ihrer Schmäher aus der griechischen Bibel kennenlernen konnte, variiert etwas. Weit entfernt davon, dem Judentum wahrhaft gefährlich zu werden, ist diese Art von Antisemitismus weit eher der Gradmesser seines Erfolgs: Die Hunde bellen, die Karawane marschiert. – Weil das Judentum immer mehr im Vormarsch ist (später noch mehr das Christentum), hat es den ohnmächtigen Hass der Traditionshüter des Heidentums hinzunehmen. Diese Seite der Sache hat bisher Jules Isaac am klarsten gesehen und am nachdrücklichsten herausgearbeitet.2

Was ihm entging, ist, dass es sich bei dem unzweifelhaften Vormarsch des Judentums etwa vom Ende des 2. vorchristlichen Jahrhunderts an um einen ‚Gegenangriff’ gehandelt hat (wie am Ende des Buches Esther), bzw. um einen Obergang von fast aussichtslos erscheinender Defensive zu einer weitausgreifenden Offensive mit kaum vorstellbar hohen Zielen. Zunächst nämlich war nicht primär von außen herein, sondern von innen heraus das palästinensische Judentum seitens seiner eignen Oberschicht durch kollektive Selbstassimilation an die hellenistische Umwelt tödlich bedroht worden, wie es erst kürzlich Elias Bickermanns Untersuchungen über Sinn und Ursprung der makkabäischen Erhebung nachgewiesen haben.3

In diesem Sinne hat der antike ‚Antisemitismus’ schon im 3. und 2. vorchristlichen Jahrhundert als ,jüdischer Selbsthass’ begonnen, als eine neue Abwandlung des alten Verlangens „zu sein wie alle anderen Völker“ (1 Sam 8,20), also das aus allen andern heraussondernde Gesetz Gottes nicht länger zu befolgen. Schritt für Schritt sind damals in Jerusalem selbst die Tendenzen vorgedrungen, als deren Ausdruck das erste Makkabäerbuch die Parole der Abtrünnigen zitiert: „Auf, laßt uns einen Bund schließen mit den Heidenvölkern rings um uns! Denn, seit wir uns von ihnen abgesondert haben, hat uns viel Unheil heimgesucht“ (1 Makk 1,11).

Als es nicht rasch genug damit voranging, wandte sich der ,fortschrittliche’ Hohepriester ,Menelaos’ (gräzisiert aus: Onias!) mit seinem Anhang an Antiochus IV. Epiphanes mit dem ausdrücklichen Wunsche, „die väterlichen Gesetze und die bei ihnen selbst geltende Verfassung zu verlassen, um die königlichen Gesetze zu befolgen und eine Verfassung hellenistischen Charakters zu haben“ (Josephus, Antt 12,240).

Aber gerade die ,makkabäische Verfolgung’, die durch diesen Wunsch der ,reformjüdischen’ Kreise von seiten des heidnischen Seleukidenkönigs gegen das traditionelle Judentum ausgelöst wurde, hat dieses durch den bei ihm wachgerufenen Widerstand gerettet, ja ihm jenen weit über den damals gehaltenen Raum hinausgetragenen Gegenangriff ermöglicht, von dem oben die Rede war. Wie bei der Verhaftung des Erzbischofs Droste im Kölner Kirchenstreit, mit der die Wende von der schrittweisen Selbstauflösung zur Selbstermannung des deutschen Katholizismus eintrat, Josef Görres gejubelt hat: „Gott Lob, man braucht Gewalt!“ –, so sagt schon das alte Wort des Midrasch zu der Anspielung auf des Makedoniers Antiochus Judenverfolgung in Gestalt der Judenverfolgung des ,Makedoniers’ Haman im Buch Esther: „Als König Ahasverus dem Haman seinen Siegelring übergab und damit dessen grausame Judenverfolgung besiegelte, da hat er mehr für Israel getan als alle Propheten.“4

II. Der reichskirchlich-klerikale Konkurrenz-Antijudaismus

Vom vierten Jahrhundert an wird der bis zum dritten feststellbare vorchristliche ‚Antisemitismus’ durch den deutlich unterscheidbaren Antijudaismus des Klerus der nunmehr obrigkeitlich anerkannten und geförderten christlichen Kirche abgelöst; nicht zuletzt infolge des aufreizenden Zwischenspiels bewusst antichristlich gemeinter Begünstigung der Juden durch den Restaurationsversuch Kaiser Julian Apostatas.5 Dieser Antijudaismus ist primär eine Sache des Klerus, höchstens sekundär eine solche des von ihm aufgehetzten Volkes oder gelegentlich des von ihm beeinflussten Staates; seine eigentliche Zeit ist das 4. –9. Jahrhundert; vom 10. an beginnt er in dem Maße zurückzutreten, als ihm die volkstümliche Judenfeindschaft den Rang abläuft und ihr gegenüber vor allem der hohe Klerus eher wieder die Juden zu beschützen nötig findet als sie noch weiter zu bedrängen.

Dass es überhaupt zu solchem Bedrängen kam, wird man zwar nicht leicht verzeihen – besonders angesichts ausdrücklicher Warnungen davor seitens wahrhaft heiliger Päpste wie Gregors des Großen6 – aber verstehen, wenn man sich die weitgehende intellektuelle Überlegenheit der durchschnittlichen jüdischen Verkündiger gegenüber den durchschnittlichen christlichen (bes. in der zweiten Hälfte der genannten Periode, s. u. Anm. 13!) sowie jenes Nutznießertum von den letzten heidnischen Christenverfolgungen (bes. noch im 3. Jahrhundert) vergegenwärtigt; vor allem aber, wenn man in diesem Zusammenhang erkennt, wie riesengroß die Versuchung sein musste, aus enttäuschtem Missionseifer oder ängstlicher Hirtensorge angesichts jüdischer Proselytenwerbung (wie später das Volk aus schlecht getauftem heidnischem Hass) alle harten Schriftworte des Alten und des Neuen Testaments über Juden und Judentum als inappellable Verdammungsurteile zu missdeuten, die jüdisch-prophetische Selbst-Kritik als bloße warnende Aufrufe zur Umkehr einst geprägt hatte.

Insbesondere galt dies natürlich von den Worten Jesu, seiner Evangelisten und Apostel, die so ganz und gar jüdisch-prophetisch bestimmt und gezielt sind und doch so regelmäßig antijüdisch missverstanden und missbraucht wurden und werden. Gewiss scheint auf den ersten Blick ein Paulus geradezu heidnischen ,Antisemiten’ nachzusprechen, wenn er von den die Verkündigung der rettenden Botschaft an die Völker hindernden Juden sagt, sie verhielten sich „Gott nicht zu Gefallen und allen Menschen feindlich“ (1 Thess 2,15); aber es bleibt ja doch dabei, dass für ihn der höchste Ehrenname der des wahren Juden ist (Röm 2,28 f.) und er selbst das Hinweggebanntsein von dem Messias hinzunehmen bereit wäre, wenn er damit seine jüdischen Brüder retten könnte (Röm 9,3), deren sämtliche gottgegebenen Privilegien er als unverscherzbar anerkennt (Röm 9,4 f.: 11,29), die zu respektieren er den Heidenchristen drohend einschärft (Röm 11,17–24) und deren vollzähliger künftiger Rettung er im Glauben gewiss ist (Röm 11,25 f.).7

Ähnlich stehen im angeblich ‚antisemitischsten’ Evangelium nach Johannes nicht nur jene Wendungen gegen die ‚Juden’, d. h. ihre Führungsschichtig8, deren schärfste lautet: „Ihr stammt vom Teufel als Vater“ (8,44), sondern auch das unauslöschliche Wort: „Das Heil kommt von den Juden“ (4,22); und dass dieser Name für den Zebedaiden letztlich sakrosankt ist, kann jeder, der ihm mit der Tradition auch die Apokalypse zuerkennt, an den zwei Stellen (Apk 2,9; 3,9) erkennen, wo in ihr „,Jude“ als Ehrenname vorkommt, dessen nur eben die abtrünnige „Satans-Synagoge“ unwürdig sei, – bis sie „erkennen werden, dass ICH dich (die Kirche) geliebt“. Auch für Johannes, wie für Paulus, ist die schließliche Rettung des nur vorübergehend zum geistlichen ‚Sodom und Gomorrha’ entarteten Jerusalem (Apk 11,8; vgl. Is 1,9 f.) so gewiss, wie sie nur je für einen der mit ähnlichen Vergleichen warnenden früheren jüdischen Propheten sein konnte (Apk 11,1 bis 13; vgl. Ez 16,46 ff. 55).

Für den noch unbekannten Verfasser des sog. ,Barnabasbriefes’ aus dem 2. Jahrhundert gilt dasselbe.9 Noch Justins, des Märtyrers, aus der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts stammender ,Dialog mit dem Juden Tryphon’ zeigt über alle Bitterkeit der Anklagen wegen jüdischer Christenverfolgung während des Bar-Kochba-Aufstands hinweg die Gesinnung brüderlich suchender Liebe. Vom dritten Jahrhundert aber und vollends vom vierten an werden die Juden so gut wie gar nicht mehr als getrennte Brüder gesehn – außer vereinzelt bei Augustin10 – und von manchen sogar nicht einmal mehr als die, deren schließliche Rettung unumstößlich offenbart ist; so von Johannes Chrysostomus, wenn ihn Simon richtig versteht.11

Chrysostomus ist überhaupt einer der allergehässigsten Antijudaisten; gerade weil auch für manche Christen Antiochias der jüdische Kult in der Synagoge viel Anziehendes hatte, muss diese sich von dem redegeübten ,Goldmund’ schmähen lassen: „Nenne einer sie Hurenhaus, Lasterstätte, Teufelsasyl, Satansburg, Seelenverderb, jeden Unheils gähnenden Abgrund oder was immer, so wird er noch weniger sagen, als sie verdient hat."12

So klingt es – kaum gröber, aber wohl farbiger als gegen andre Nonkonformisten – auch weiter durch die Jahrhunderte aus dem Munde christlicher Bischöfe, vor allem in Zeiten erfolgreicher jüdischer Proselytenwerbung; aus solcher Gesinnung nötigt ein Ambrosius in offner Kirche den Kaiser Theodosius, den auf bischöfliches Anstiften vom Pöbel gelegten Brand der Synagoge von Kallinikum am Euphrat ungesühnt zu lassen, d. h. seine schon gegebne Anordnung zu ihrem Wiederaufbau aus Kirchenmitteln zurückzuziehen; aus gleichem Geiste appelliert der spanische Klerus erfolgreich an die katholisch gewordenen letzten Westgotenkönige, der fränkische ziemlich erfolglos an die sehr judenfreundlichen Karolinger, um sie zum Einschreiten gegen die ,insolentia Judaeorum’ zu veranlassen.13

Aufs Ganze gesehn tritt im Osten des Reiches mehr das Fremdkörpermotiv (1a) auf und führt bis zu großangelegten Zwangstaufaktionen unter dem besonders auf die Reichs-Einheit erpichten Kaiser Heraklius, der ja ebendazu auch den ,Monotheletismus’ als vermeintliche Einheitsformel für die sich spaltende Christenheit erfand, zu Beginn des 7. Jahrhunderts.14 Im Westen dagegen überwiegt das Zersetzungsmotiv (2a), die Angst des Klerus vor jüdischem Proselytismus; im katholisch- westgotischen Spanien kumulieren sich beide.15 Das Judentum selbst aber entwickelt – genau wie verfolgte christliche Gruppen! – begreifliche Sympathien mit den Reichsfeinden, erst den Persern, dann den Muslim, soweit es unter staatskirchlichem Druck steht, und vermag sich im übrigen trotz allen gelegentlichen Rückschlägen kraftvoll zu behaupten.

III. Die volkstümliche ,Blitzableiter’-Judenfeindschaft seit den Kreuzzügen

Wie der jüdisch-prophetische Antisadduzäismus der Urapostel und Antipharisäismus Pauli streng unterschieden werden muss vom rein heiden-christlichen Konkurrenz-Antijudaismus des Reichsklerus im 4. bis 9. Jahrhundert, so von beiden der elementare Judenhass fanatisierter Volksmassen im hohen und späten Mittelalter, der in Osteuropa vielfach bis ins 20. Jahrhundert hinein anhielt, im Westen schon seit dem 18. in den moderneren ‚Antisemitismus’ überzugehen begann. Was Apostel und Evangelisten als Warnung an die Juden geprägt, Bischöfe und Kirchenlehrer als Warnung vor den Juden wiederholt hatten, das begann nun – durch aktuelle Verleumdung vergiftet – als tödliche Waffe gegen die Juden gewendet zu werden. Sie waren ,Teufelssöhne’? Der Teufel Menschenmörder? (Jo 8,44) So mochten sie ja wohl auch Ritualmörder sein, wie man es ihnen seit 1146 immer und immer wieder bis ins 19. Jahrhundert hinein nachgesagt und (vergebens) nachzuweisen versucht hat!16

Nach flüchtigen Vorspielen zu Beginn des 11. Jahrhunderts17 wird die kaum noch abreißende Serie der Massenmorde und Massenaustreibungen durch den ersten Kreuzzug im Jahre 1096 eröffnet. Die mit Obrigkeit und Mitbürgern in vollem Frieden lebenden Judengemeinden, zuerst der nordfranzösischen, dann der rheinischen Städte (Speyer, Worms, Mainz, Köln, Trier) sind die ersten, deren Glieder zu Hunderten und aber Hunderten das Blutzeugnis für ihre Gesetzestreue darbringen müssen. Beim zweiten und dritten Kreuzzug folgen weitere in Ost und West.18

Rund ein Jahrhundert hindurch zeichnet sich dabei immer wieder dasselbe Bild ab: Der Appell zum Kreuzzug, zum Heiligen Krieg, hat Geister heraufbeschworen, die man so wenig los wird wie der ,Zauberlehrling’ die von ihm gerufenen. Was an Hefe der Bevölkerung einmal aufgewühlt ist, das lauscht gern der Logik etwa jenes aus Clairvaux entlaufnen Mönches Radulf (dem dann St. Bernhard entgegentrat): „Rächet zuerst einmal den Gekreuzigten an seinen Feinden in unsrer Mitte, und danach geht die Türken bekriegen!“19 Wo die Obrigkeit Autorität hat, da tritt sie diesem Treiben damals noch nachdrücklich und erfolgreich entgegen wie jener Bischof Johannes I. von Speyer, der den Judenverfolgern im Mai 1096 die Hand abhauen und die Zwangsgetauften zu ihrem Glauben zurückkehren läßt.20

Wie diese konservativen Kreise noch in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von der Synagoge dachten, das zeigt vorbildlich das Tegernseer Spiel vom Antichrist, das die Juden diesem nach vorübergehender Irreführung von seiner Seite zuletzt aufrecht widerstehen und durch ihn zu Blutzeugen werden lässt: in der Dichtung das Gegenstück zu dem, was etwa gleichzeitig bildende Kunst in der edlen Figur der ,Synagoge’ am Portal des Straßburger Münsters gestaltete.21 Aber der blut- und beutegierige Haufen ist nicht bereit, solche der ursprünglichen Tradition der Kirche gemäße Haltung gegenüber den Juden einzunehmen; und dieser Haufen hat damals die Zukunft für sich, seit dem 13. Jahrhundert in England, Frankreich, dem Reiche; vom 14. Jh. an auch in Spanien (nach Maßgabe der ,Reconquista’); seit der Mitte des 15. Jh. in Polen, wohin seit dem 12. Jh. aus Deutschland flüchtige Juden einzuwandern begonnen hatten, die sich auch noch im 16. Jh. einer vergleichsweise günstigen und angesehenen Position erfreuten.22

In den Kernlanden Europas folgt auf die ersten Wellen der physischen Morde der weitere solche provozierende systematische Rufmord: „Die Gereiztheit gegen die Juden nährt sich aus den von ihr selbst veranlassten Schlächtereien: erst tötet man sie, und daraufhin detestiert man sie vollends", schreibt treffend Poliakov.23

Dass aber nicht nur Verleumdungen und theologische Kurzschlüsse den Hass auf die Juden schüren helfen, dafür sorgt nun die entscheidende Verschlechterung ihrer ökonomischen und sozialen Situation, wie sie aus den Konsequenzen des Plünderungsmotivs vom 12. Jahrhundert an allmählich eintritt.24 Erst seitdem nämlich werden die Juden aus sozial gehobenen Kaufleuten, Feinhandwerkern (ja z. T. Grundbesitzern) und Gelehrten (bes. Ärzten) immer mehr zu ‚Wucherern’ und Trödlern degradiert, werden sie auf alle Weise – vom 13. Jahrhundert an auch durch die sie aussondernde Kleiderordnung – zu Parias hinabgedrückt, wird das ihnen ursprünglich oft auf eignen Wunsch und zum Selbstschutz zugewiesene ‚Ghetto’ mehr und mehr zum Kerker. Die unerhört hohen Abgaben, die sie als ,kaiserliche Kammerknechte’ der Obrigkeit für ihr bloßes Dasein und für jederlei Form seiner Fristung zu entrichten haben, macht sie gleichsam zu ‚Blutegeln’ am Volks-Körper: Um von den Fürsten ausgepresst zu werden, haben sie sich vollzusaugen und den Hass dafür von den eigentlichen Blutsaugern abzulenken. Wie unsinnig es ist, diese auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens in Erscheinung tretende Verhasstheit der Juden auch primär wirtschaftlich begründet sein zu lassen, statt primär religiös, das mag einem Zitat aus der ersten Anfangszeit dieser Entwicklung entnommen werden, in der es auch unter den Christen noch klarblickende Beobachter gab, die nicht Ursache und Wirkung verwechselten, um das eigne Gewissen besser einschläfern zu können, wie es seitdem fast allgemein üblich wurde:

„Die wahren Ursachen der politisch-sozialen Problematik und ihre besondere Schwere wurde von der Generation nach dem ersten Kreuzzug am besten erkannt. Petrus Abaelardus (gest. 1142) legt in seinem ‚Dialog zwischen einem Philosophen, einem Juden und einem Christen’ dem Juden die treffendsten Worte in den Mund. Man erkläre Gott für grausam, wenn man glaube, die Standhaftigkeit der Juden im Leiden könne ohne Lohn bleiben. Keine Nation hat je derartiges für Gott erlitten. Unter alle Nationen zerstreut, ohne König oder weltlichen Fürsten, werden die Juden mit schweren Steuern bedrückt, als ob sie jeden Tag von neuem ihr Leben loskaufen sollten. Die Juden zu misshandeln hält man für ein Gott wohlgefälliges Werk. Denn eine solche Gefangenschaft, wie sie die Juden erleiden, können sich die Christen nur aus dem höchsten Hass Gottes erklären. Das Leben der Juden ist ihren grimmigsten Feinden anvertraut. Selbst im Schlaf werden sie von Schreckensträumen nicht verlassen Außer im Himmel haben sie keinen sicheren Zufluchtsort. Wenn sie zum nächstgelegenen Ort reisen wollen, müssen sie mit hohen Geldsummen den Schutz der christlichen Fürsten erkaufen, die in Wahrheit ihren Tod wünschen, um ihren Nachlass an sich zu reißen. Äcker und Weingärten können die Juden nicht haben, weil niemand da ist, der ihren Besitz garantiert. Also bleibt ihnen als Erwerb nur das Zinsgeschäft, und dieses macht sie wieder bei den Christen verhaßt.“25

Und zwar dies in stets steigenden Ausmaßen. Dichtete noch um 1300 ein Geffroi de Paris nach der ersten Judenaustreibung aus Frankreich durch den habgierigen Philipp den Schönen:

„Alles arme Volk drob weint:
Juden, die Geschäfte trieben.
Waren weit mehr noch die lieben.
Als die Christen jetzo seind ...“,26

so konnte nach ihrer – teuer erkauften – Wiederzulassung, als sie 87% Zins nehmen ‚durften’, um entsprechend steuerfähig zu sein, von solcher Liebenswürdigkeit natürlich nichts mehr wahrgenommen werden.27 Überhaupt beginnt nun im Hoch- und Spätmittelalter unter der ‚christlichen’ Folter das jüdische Antlitz sich allmählich in der Richtung zu verzerren, in der seine Peiniger es sich schon längst vorgestellt haben.28 Jetzt erst tauchen ausgesprochen gehässige Ausdrücke im Hebräischen für alles auf, was dem Christen heilig ist.29 Erst für die im Zeichen des Kreuzes Verfolgten wird dieses Kreuz ebendarum zum Unheilszeichen, als das es noch viele unter den zeitgenössischen Bürgern Israels in ihrer osteuropäischen Kindheit haben erfahren müssen; ein Umstand, der verstehen helfen sollte, warum die grundsätzliche Toleranz des neuen Staates noch keineswegs Gemeingut der Gesellschaft seiner Bürger zu werden vermocht hat.

Während in Polen und Russland die Massenmorde an Juden (Pogrome) überhaupt erst im 17. bis 20. Jahrhundert stattfinden und gerade in der Schlussphase am ausgeprägtesten jene ,Blitzableiter’-Rolle spielen, den Volkszorn von der Obrigkeit auf die ,Fremdkörper’- Minderheit und ihr Hab und Gut abzulenken, enden die großangelegten Massenvernichtungen und -austreibungen in Mittel- und Westeuropa mit dem 16. (vom Weiterwirken der spanischen Inquisition gegenüber den Zwangsgetauften im 17. Jh. einmal abgesehn), ohne dass die Ächtung der Verhassten darum abgeschwächt würde, weder bei den Humanisten30, noch – bekanntlich – bei Luther31. Diese Ächtung aber hat in breiten Kreisen die Aufklärung überdauert, wie es in der materialreichen Frühgeschichte des eigentlichen Antisemitismus von Eleonore Sterling zwingend nachgewiesen wurde,32 so dass derselbe bei seiner Propaganda tatsächlich auf ein riesiges Reservoir unüberwundener ‚mittelalterlicher’ Judenfeindschaft zurückgreifen konnte, die gleichsam mit der Muttermilch, mit Sprachgebrauch und Märchen (,Der Jude im Dorn’), mit Religionsunterricht und Predigt, eingesogen und aufgespeichert worden war.33

Während das anfangs – besonders bei den Kreuzfahrern34 – dominierende Plünderungsmotiv im Laufe der Entwicklung allmählich zurücktrat (außer in Osteuropa), schob sich dabei vom 19. Jahrhundert an das Zersetzungsmotiv (2a) in den Vordergrund: Die Juden waren die Leute, die den Heiland gekreuzigt hatten – und dem christlichen Volke seinen Glauben zu rauben suchten. Dass die Aufklärung sie aus dem Ghetto geholt und sich religiös in mancher Hinsicht jüdischen Konzeptionen genähert hatte, wurde – wiederum unter Verwechslung von Ursache und Wirkung – vielfach als Inszeniertsein der Aufklärung von jüdischer Seite interpretiert – und so die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Anklagen gegen eine geheime jüdische Weltverschwörung, den ‚christlichen Völkern’ ihre heiligsten Güter zu rauben, um sie zu versklaven, offne Ohren fanden: ,Heiden’-christlicher Judenhass hat so der offen anti-christlichen Juden- und Christenverfolgung den Weg gebahnt.

IV. Der postchristliche Massen- und Literaten-Antisemitismus

Antisemitismus im engeren Sinne des Wortes ist jene Feindschaft gegen Menschen jüdischen Stammes, welche ihnen nicht eines jüdischen Religionsbekenntnisses, sondern einfach ihrer Herkunft halber, ihrer angeblichen ‚Rasse’-Eigenschaften wegen, zuteil wird und nach rund hundertjähriger Inkubationsfrist im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts breitere Massen in Deutschland, Osterreich und Frankreich zu verseuchen, im 20. sogar zeitweise die Polizeigewalt im größten Teil Europas an sich zu reißen und mehr als sechs Millionen Männer und Frauen, Kinder und Greise umzubringen vermocht hat. In seinem Wesen ist dieser ‚Antisemitismus’ genau so gut wie gegen die Juden natürlich auch gegen die Christen gerichtet, die ja nach einem bekannten Wort Pius’ XI. „geistlich Semiten sind“35, und ist darum von der römischen Kurie wiederholt verurteilt worden, explizit36 und implizit37.

Trotzdem sind Vorformen des Antisemitismus auch schon innerhalb der Christenheit überall da aufgetreten, wo sie selbst durch Zwangstaufmaßnahmen eine Menschengruppe ins Leben rief, deren Angehörige Juden waren, ohne formell der Synagogengemeinschaft anzugehören.38

Genau dasselbe wiederholte sich vom Beginn des 19. Jahrhunderts an, seit die Taufe ein ,Entreebillet zur europäischen Kultur’ geworden war, wie es Heine ausdrückte, – welcher gelegentlich noch deutlicher erklärte, dass er sich nie hätte taufen lassen, wenn „das Gesetz das Stehlen silberner Löffel erlaubte“, d. h. wenn er seinen Lebensunterhalt auch als Ungetaufter verdienen zu können gemeint hätte.39

So erzeugte der Anachronismus des ,christlichen Staats’ den scheinbaren Selbstwiderspruch des ,getauften Juden’, und dieser ,getaufte Jude’ half den Antisemitismus provozieren, der noch bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts gern ein christliches Mäntelchen trug, bei Hofprediger Stoecker in Deutschland40, bei Oberbürgermeister Lueger mit seiner Christlich-sozialen Partei in Wien41 und Edouard Drumont samt den Anti-Dreyfusards in Frankreich42.

Bald aber begannen radikalere Nachfolger dieser halbherzigen Vorläufer deren christliche Selbsttäuschung fallen zu lassen oder höchstens noch zur bewußten Tarnung für Zurückgebliebene zu verwenden.43 Hier aber, beim eigentlichen, ‚weltanschaulichen’ Antisemitismus, taucht nun erst recht die Frage auf, ob er wirklich von aller früheren, sich für christlich haltenden Judenfeindschaft so ganz wesensverschieden sei, wie es Hannah Arendt behauptet.44

Hitlers einziger Ausspruch (zu Rauschning): „... das Gewissen, diese jüdische Erfindung ...“, zeigt aber u. E. schon zur Genüge, dass gerade der konsequenteste Antisemit die Juden letztlich um ihrer Religion willen ausrotten wollte. Nicht abgelöst also wird der spätmittelalterliche Judenhass durch den Antisemitismus, sondern vollendet und damit zugleich entlarvt. Es wird deutlich, dass man schon fast tausend Jahre hindurch uneingestandenermaßen die vertilgt zu sehn wünschte, deren bloße Existenz dokumentierte, dass noch nicht alles so war, wie es sein sollte, die Welterlösung noch nicht abgeschlossen ist, Geheiß und Verheißung vom Sinai noch immer als unüberhörbare Forderung vor den Völkern stehn.45 Ebendarum gibt es ‚Antisemitismus’ ja immer erst da, wo diese Forderung zugleich gehört und – mit wachsender Bewusstheit – abgelehnt wird: Bei den vormakkabäischen Assimilanten, der missionsausgesetzten spätantiken Intelligenz und Großstadtbevölkerung46, den auf den Irrweg gewalttätiger statt leidender Erringung des Gottesreiches geratenen Kreuzfahrern und eben jenen modernen  Massen samt ihren Wortführern, die sich durch keine ‚jüdische’ – oder christliche – Kritik in ihren jeweiligen Götzendiensten gestört fühlen möchten.

Es braucht kaum ausdrücklich gesagt zu werden, dass wir mit diesem Hinweis auf die Erstursache aller Judenfeindschaft die Existenz mannigfacher Zweitursachen nicht zu leugnen gesonnen sind, wenn sie auch nicht hier behandelt werden können. Nur ein Punkt muß noch ausdrücklich erwähnt werden, um so mehr, als er auch bei Hannah Arendt eine große Rolle spielt: Die Bedeutung des (geschichtlich gesehen kaum vermeidbaren) Selbstmissverständnisses vieler moderner Juden als Angehörige eines ,von Natur’ auserwählten Volkes, einer Art Edel-Rasse, der Erfinder des reinen Gottesbegriffs und dergleichen; kurz die Verwandlung des unbeweisbaren (und unwiderlegbaren) Glaubens an das Theologumenon einer einzigartigen Erwählung des Volkes durch den verborgenen Gott in ein vermeintlich erfahrungserwiesenes Wissen um eine einzigartige anthropologische Qualität, die dann von den meisten Juden mit ausgesprochen positivem, von den Antisemiten mit noch viel ausgesprochener negativem Vorzeichen versehen wurde. Es ist gewiss schwer zu bestreiten, „dass das jüdische Selbstbewusstsein gerade des assimilierten Judentums, das seinen Glauben an den Gott Israels, der auserwählt und verwirft, verloren hatte, ohne darum den Auserwähltheitsanspruch aufzugeben, in auffallender Weise dem völkischen Nationalismus glich, der sich auf psychologische und physische Eigenschaften des eigenen Stammes und nicht auf geschichtlich tradierte und erinnerte Leistung berief“.47

Es ist auch sicher richtig, dass Äußerungen und Auswirkungen solchen kollektiven Selbstbewusstseins von ‚assimilierten’, ja z. T. getauften Juden48 den Antisemiten als Vorwand und Modell eigner Selbstkonstitution zur internationalen ‚Herrenrasse’ hochwillkommen waren (und reinen Fälschungen wie den ‚Protokollen der Weisen von Zion’ die nötige Glaubwürdigkeit bei solchen, die getäuscht werden wollten, vermitteln halfen). Bei alledem aber bleibt ein wesentlich religiöses Phänomen ein religiöses auch noch in seinen säkularisierten Verzerrungen und Karikaturen. Als solch ein ‚religiöses Phänomen mit umgekehrten Vorzeichen’, als anti-religiöses, muss nach allem letztlich gerade die Judenfeindschaft und vollends in ihrer jüngsten Form eines ,weltanschaulichen Antisemitismus’ begriffen werden. Dann wird auch klar, dass ihre ‚rassistische’ Motivation bloß eine zeitgemäß naturalistische Pseudorationalisierung darstellt. dass sie unvergleichlich weniger mit den Spannungen zwischen Weißen und Farbigen zu tun hat als mit denen zwischen religiösen Mehrheits- und Minderheitsgruppen (,Sekten’) und ganz besonders zwischen Laienbevölkerung und aus ihr herausgesondertem Klerus. Dem ‚Antisemitismus – Antiklerikalismus’ zutiefst wesensverwandt zu erweisen, scheint uns daher noch immer als eins der besten Mittel, jenen zu überwinden. (Ein Beitrag dieser Art in Gestalt eines Kurzvortrages am Bayrischen Rundfunk erschien im FR 8/9, S. 12 ff.)

Wofern nun hier wirklich das Richtige gesehn und dem vielschichtigen Phänomen auf den Grund gekommen ist, dürfte klar sein, dass die bloße Widerlegung von Oberflächen-Anklagen gegen die Juden bei der Bekämpfung des Antisemitismus in keiner Weise genügt, ja sogar eine sehr zweischneidige Waffe werden kann. wo sie – wie ja auch manche Apologie für den Klerus – von den Angesprochenen als ,aufdringliche Propaganda’ empfunden und abgelehnt wird.49 Zu analysieren dagegen, dass die bloße Tatsache der jüdischen Sonderexistenz unter den Völkern jene Motivationen auslöst, die ja nun sämtlich im modernen Antisemitismus auf die Spitze getrieben sind, kann gar nicht anders als komplexlösend wirken.

Speziell die Christenheit aber ist es sich schuldig, jeden Schatten eines Vorwands zu beseitigen, den ihre religiöse Unterweisung antisemitischer Mordgier gewähren könnte. In der Konsequenz dieser Einsicht entstanden 1947 die sogenannten Seelisberger Thesen, die wir anhangsweise in jener Schwalbacher Fassung bringen, in der sie am 29.7.1950 die kirchliche Druckerlaubnis des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg i. Br. erhalten haben, so dass wahrlich keine ,höhere Weisung’, sondern nur herzensträge Gewohnheit ihrem Durchdringen bis in die letzte Karfreitagspredigt und Katechismus-Stunde im Wege steht.50

Darüber hinaus noch stellt sich sogar die Frage, ob die Solidarität des Verfolgtseins von Juden und Christen Gemeinsamkeiten zwischen beiden entdecken half, kraft deren sie einander so nahegekommen wären wie noch niemals in ihrer Geschichte. Vielleicht wäre dann auch der moderne Massen-Mordantisemitismus zuletzt wirksam geworden als

„... ein Teil von jener Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.51

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  1. Die letzte deutschsprachige Zusammenfassung unsrer einschlägigen Kenntnisse findet sich in Heinemanns Artikel ‚Antisemitismus’ in Pauly-Wissowas Realencyclopädie der class. Altertumswissenschaft, Suppl. V, S. 3–43; nach dem zweiten Weltkrieg boten eine knappe Übersicht über ,Antisemitism in the Hellenistic-Roman World’ R. Marcus in den erwähnten ,Essays an Antisemitism’, S. 61–78; eine noch knappere Marcel Simon in ,Verus Israel’ (Paris 1948), S. 239–245; eine ausgesprochen oberflächliche findet sich in Poliakovs erwähntem I. Band (Geschichte des Antisemitismus, Du Christ aux juifs de cour, Paris 1955), S. 19–29. Die weitaus gründlichste und förderlichste Überprüfung gerade des religiösen Aspekts am antiken ‚Antisemitismus’, die uns aus der Nachkriegsliteratur bekannt wurde, bietet Jules Isaac in der oben (Anm. 2) erwähnten ,Genèse de l'A.’.
  2. Besonders in der Schlusszusammenfassung, a. a. O., S. 125 ff., zum ersten zuverlässigeren Teil des Werkes; vgl. u. S. 98.
  3. Elias Bickermann, Der Gott der Makkabäer, Berlin 1937, bietet seine eingehenden Untersuchungen; das Schockenbändchen Nr. 47: ,Die Makkabäer’, Berlin 1935, erzählt ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Untergang des Hasmonäerhauses im Jahre 63 v. Chr. (Pompeus’ Einnahme Jerusalems).
  4. Hier zitiert nach M. Susmann, Das buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volks, Zürich 1946, S. 158; den genaueren Wortlaut dieses Ausspruchs des palästinensischen Amoräers Abba bar Kahana (um 310) zitiert Strack-Billerbecks Kommentar zum NT aus Talmud und Midrasch, München 1926, Band III, S. 12.
  5. Vgl. Joseph Vogt, Kaiser Julian und das Judentum, Leipzig 1939; kurz auch Simon, a. a. O., S. 139 ff. und bes. S. 269.
  6. Vgl. Peter Browe, Die Judenmission im Mittelalter und die Päpste; Rom 1942, S. 232 (und S. 13, Anm. 1).
  7. Dazu Literaturangaben und Näheres in meinem Überblick ,Paulinismus und Judentum’ im Freiburger Rundbrief, Nr. 17/18, S. 20 ff.; 19/20, S. 20 ff. und 21/24, S. 13 ff.; letzteres auch französisch in Dieu vivant 26, S. 101 ff., ,Diaconie primordiale, remède au schisme primordial’.
  8. Schon Jo 1,19 wird deutlich, dass „die Juden“ in dieser Schrift die führenden Kreise in Jerusalem sind; wer den Gebrauch des Worte, „die Deutschen“ in Theodor Haeckers ‚Tag- und Nachtbüchern’ ab 1939 verfolgt, wird hier einer ganz ähnlichen Entwicklung begegnen, wie sie offenkundig auch der Evangelist in seinem Verhältnis zum eignen dennoch geliebten Volke erfahren hat, soweit es sich mit einer verblendet erscheinenden Führungsschicht identifizierte. Dass Johannes nicht ein hellenisierter, sondern der jüdischste Jude unter den Evangelisten war, das ist entgegen früher üblichem Missverständnis durch die Funde dem Johannes-Evangelium strukturverwandter ‚essenischer’ Schriftrollen am Toten Meer seit 1947 zwingend erwiesen; zum ,Philosemitismus’ des einzigen als Nichtjuden bekannten neutestamentlichen Autors Lukas vgl. in meinem Beitrag ,Der Weg zur christlich-jüdischen Wiederbegegnung in der Mitte des 20. Jahrhunderts (Freiburger Rundbrief 29/32), S. 5 f.!
  9. Nachgewiesen in: Karl Thieme, Kirche und Synagoge. Die ersten nachbiblischen Zeugnisse ihres Gegensatzes im Offenbarungsverständnis: Der Barnabasbrief und der Dialog Justins des Märtyrers, Olten 1945; und gegenüber Einwänden bekräftigt in J. Osterreicher und Karl Thieme, Um Kirche und Synagoge, Ztschr. f. kath. Theologie 1952 (74,1), S. 63–70.
  10. Vgl. Bernhard Blumenkranz, Die Judenpredigt Augustins, Basel 1946, bes. S. 173 ff., wo B. Augustins Auslegung des Lukas-Gleichnisses vom verlorenen Sohn und seinem stets beim Vater befindlichen ,älteren Bruder’ – dem Juden – behandelt, von der auch in dem in Anm. 11 zitierten Lukas-Hinweis des Verfassers die Rede ist.
  11. Simon, a. a. O., S. 119, Anm. 2, zu Chrysostomus’ Worten (in Horn 6,2), den Juden verbleibe für ihre Sünde „weder Besserung, noch Verzeihung, noch Entschuldigung“.
  12. Ebenda, 5. 259, Anm. 3 aus Horn 6,5.
  13. De insolentia judaeorum handelt Agobard von Lyon in einer Schrift an Ludwig den Frommen, worin er erwähnt, nicht wenige Christen hörten sich synagogale Predigten in der Landessprache an und meinten, melius eis praedicare Judaeos quam presbyteros nostros (MPL 104, 71a; nach Albrecht Oepke, Das neue Gottesvolk, Gütersloh 1930, S. 291), – woraufhin es ja dann auch zu Fällen wie dem des kaiserlichen Beichtvaters Bodo kam, der sich in Saragossa beschneiden ließ; nicht der einzige Kleriker seiner Art im MA.
  14. Vgl. Fliche-Martin, Histoire de l’Eglise, Band V, Paris 1945, S. 108 ff., über Heraklius’ Vorgehen gegen die Juden.
  15. Vgl. ebenda S. 238 f., 266 f. über die ziemlich erfolglosen Zwangstaufunternehmungen der Westgotenkönige, wobei vielleicht auf deren Kosten der Klerus etwas zu sehr entlastet wird, wenn auch von halbherzigem Widerspruch Isidors von Sevilla gegen die Zwangsmassnahmen zu berichten ist.
  16. Überblicksweise resumiert zuletzt von Poliakov a. a. O. S. 272 ff. und 293 ff., wobei auch die wiederholten Nachprüfungen und Ablehnungen der Ritualmordanklage durch verschiedene Päpste zur Sprache kommen, wie Innozenz IV. (nicht: III., Poliakov, S. 77), Gregor X. (S. 78) und Kardinal Ganganelli (später Clemens XIII , S 294).
  17. Poliakov, a. a. O. S. 52; vgl. Ernst L Dietrich, Das Judentum im Zeitalter der Kreuzzüge, in: Saeculum 3,1 (1952), S. 97.
  18. Poliakov, a. a 0., S. 57 ff.; Dietrich, a. a. O., S. 94–131; etwas überakzentuiert Müller-Claudius, a. a O., S. 32 ff. dafür allzu gewichtlos W. Neuss, in: Beiträge zur christlichen Betrachtung der Judenfrage (Hrsg. G. Luckner; Freiburg 1951, S. 23 f.); wohlabgewogen Wilhelm Maurer, Kirche und Synagoge; Stuttgart 1953; S. 28 ff. und Exkurs 6, S. 76 ff.
  19. Poliakov, a. a. O., S. 65; dagegen Bernhard v. C., Epistola 365.
  20. Dietrich, a. a. O., S 108; so auch die übrigen Salier und Staufer samt ihrem Anhang im Klerus, – während das gregorianische Reformpapsttum und sein Anhang den Zwangsgetauften nur theoretisch die Rückkehr offen ließ (falls sie noch im Moment der Taufe Widerwillen dokumentiert hätten, was mit Selbstmord gleichbedeutend zu sein pflegte; Poliakov, a. a. O., 5. 63, A. 1).
  21. Gottfried Hasenkamp, Das Spiel vom Antichrist deutsch; Münster (Westf.) 1949: bes. S. 7 und S. 32–36; zur Straßburger ‚Synagoge’, Oepke, a. a. O., S. 336, im Anschluss an Pinders ‚Kunst der deutschen Kaiserzeit’.
  22. Poliakov, a. a. O., S. 266 ff., bes. S. 269; für Spanien sei verwiesen auf die einschlägigen Partien des großen Werkes von Americo Castro, Espana en su historia, die deutsch im ‚Hochland’ (44,4; Juni 1952) unter der Überschrift erschienen sind: ‚Ritterorden, Heiliger Krieg, Duldsamkeit’.
  23. Poliakov, a. a. O., S. 140; ebendies der Grund, warum jeder nachträglichen ‚Legitimation’ der Judenmorde des ‚Dritten Reichs’ unbedingt vorzubeugen ist.
  24. Poliakov, a. a. O., S 90 ff.; Dietrich, S. 125 f.; auch Guido Kisch, Forschungen zur Rechts- und Sozialgeschichte der Juden in Deutschland wählend des Mittelalters, Stuttgart 1955, stellt (S. 61) einen Rückschlag in der Entwicklung des mittelalterlichen Judenschutzrechts im 13. Jhdt. fest.
  25. Zitiert nach Jizchak Fritz Baer, Galut (Berlin 1936), S. 32 f aus Abaelards Dialogus inter philosophum Tudacum et Christianum (MPT 178, 1609 ff.).
  26. Poliakov, a. a. O., S. 98; vgl. auch Müller-Claudius, a. a. O., S. 67 ff.
  27. Poliakov, a. a. O., S. 132; vgl. Cecil Roth, Geschichte der Juden von den Anfängen bis zum neuen Staate Israel; Stuttgart 1954, S. 249, 272.
  28. Poliakov, a. a. O., S. 100 f., 172 ff.
  29. Dietrich, a. a. O., S. 127; vgl. Baer, a. a. O., S 34 unten und 52 unten.
  30. Poliakov, a. a. O., S. 233 ff.; vgl. aber Maurer, a. a. O., S. 36 ff.
  31. Poliakov, a. a. O., S. 235 ff.; ähnlich kritisch gegenüber Luther der Reformierte Herbert Hug, Das Volk Gottes (Zürich 1942), S. 81–147; mehr apologetisch Maurer, a. a. O., S. 39 ff. und Exkurs 9, S. 88 ff.; zwischen beiden Haltungen in der Mitte Ernst Wolf, Luther und die Juden, in: ,Rundbrief zur Förderung der Freundschaft zwischen dem Alten und dem Neuen Gottesvolk im Geiste der beiden Testamente’, 17/18 (1952), S. 18 ff.
  32. Eleonore Sterling, Er ist wie du. Aus der Frühgeschichte des Antisemitismus in Deutschland (1815–1850), München 1956, einem Werke, das vor allem die unheimliche Verwandlung des die religiöse Entscheidung des Juden angreifenden Antijudaismus in den ihre Naturanlage (u. a. als vorgeblichen Quellpunkt ihrer Religion) abwertenden Antisemitismus aufweist.
  33. Was speziell der Religionsunterricht allzu häufig leistete, dafür finden sich beschämende Beispiele in der sorgfältigen Untersuchung von rund 2000 katechetischen Werken französischer Zunge, die 1952 als Sonderheft (VI, 3/4) der Pariser ,Cahiers Sioniens’ von deren Herausgeber Pater Paul Démann NDS unter dem Titel ,La Catéchèse chrétienne et le peuple de la Bible’ publiziert worden ist, und zwar für die jüngste Schicht des katechetischen Schrifttums einen deutlichen Fortschritt vermerken kann, für die große Masse des früheren und z. T. noch weiter mitgeschleppten aber weitestgehende Verständnislosigkeit und vereinzelt geradezu ,Kollektivhasspropaganda’ feststellt, etwa wenn es in einer ‚Dogmatik’ für die Ausbildung von Religionslehrern über die Juden heißt: „...Die dem Gottessohn zugefügten Schmähungen sind auf sie zurückgefallen wie auch seine Qualen; Backenstreich für Backenstreich, Entblößung für Entblößung, Geißelung für Geißelung, Kreuz für Kreuz wurde Ihren Kindern zuteil“ (S. 170, dazu Anmerkung 295), oder in einer Anleitung für Schulschwestern zur Behandlung der Karfreitagsereignisse: „Man spricht nicht von ,bösen Soldaten’ aber von ,bösen Juden’. In der ganzen Passionsgeschichte lässt man ,die Soldaten’ nur als solche handeln, die Befehle ausführen, welche man ihnen gibt.“ (S. 128; man vergleiche das gegenteilige Zeugnis der Evangelisten: Matth 27,27 ff.; Mk 15,16 ff.; Joh 19,1 ff.!) Näheres über diese Publikation im Freiburger Rundbrief, 21/24 (1954), S. 24 ff. bzw. Herder-Korrespondenz VII, 7.
  34. Emicho vor Mainz (Dietrich, a. a. O., S. 112); Plünderung in Worms, S. 109.
  35. Ansprache vom 6.9.1938 an belgische Pilger laut Documentation catholique 1938, col. 1460; zitiert bei Journet, a. a. O., S. 122 und ausführlicher bei John M. Österreicher, Racisme – Antisémitisme – Antichristianisme (2. Aufl. New York 1943), S. 104 ff.
  36. Vgl. Journet, a. a. O., S. 121 f. (nach Doc. cath. 1928, col. 1077) und Österreicher, a. a. O., S. 108, sowie auch die von Österreicher schon Februar 1937 in seiner Zeitschrift ,Die Erfüllung’ (II, 5/6, S. 73 ff.) veröffentlichte Denkschrift: ,Die Kirche und die Judenfrage’ mit den Unterschriften prominenter katholischer Persönlichkeiten, wie J. Maritain und P. Franziskus Stratmann OP. (Englisch: The Church and the Jews, ed. Feige, N. Y. 1937).
  37. In Gestalt des Verdikts der römischen Studienkongregation vom 13.4.1938 über den ‚Rassismus’, zitiert bei Österreicher, a. a. O., S. 57 f.
  38. Baer, a. a. O., S. 47 ff.; hierher gehört auch der sog. ,Arierparagraph’ in den Satzungen der Gesellschaft Jesu, deren zweiter Ordensgeneral Jakob Laynez (1512–1565) jüdischer Herkunft und in der auch sonst das Marannentum so aktiv war, dass seit dem Ende des 16. Jahrhunderts die Zulassung zum Orden von ‚altchristlicher’ Herkunft abhängig gemacht ward (1592/93 unter General Aquaviva, laut L. Koch, Jesuitenlexikon, Paderborn 1934).
  39. Arendt, a. a. O., S. 112 f.; das Nähere bietet Max Brod, Heinrich Heine, Amsterdam 1935, der Heine grade als Juden erst wirklich verstehen lehrt.
  40. Vgl. Maurer, a. a. O., S. 62 ff. und Exkurs 14, S. 122 ff.
  41. Vgl. Maurer, a. a. O., S. 124, über den fragwürdigen katholischen Antitalmudisten August Rohling, aber auch Friedrich Funder, Vom Gestern ins Heute, Wien 1952, bes. S. 138 ff. über das Eingreifen der Kurie gegen den Antisemitismus der christlich-sozialen Partei Österreichs.
  42. Vgl. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt/Main 1955, 152 ff., über die Dreyfus-Affäre und Malcolm Hay, The foot of pride, Boston 1950, über Drumont; knapp auch S. M. Dubnow, Neuste Geschichte des jüdischen Volkes, Band III (Berlin 1923), S. 237 ff.; dass Leon Bloy dem Antisemitismus Drumonts von vornherein dezidiert widerstand, sollte davor bewahren, die hier wie überall bei ihm exzessiven Formulierungen seines ,Salut par les juifs’ (deutsch, in: ,Das Heil und die Armut’, Heidelberg 1953) als ‚antisemitisch’ mitzuverstehen, obwohl sie nicht dem Hass, sondern grollender Liebe entstammen; s. u. A. 54.
  43. Am besten knapp resumiert in W. Gurian, Antisemitism in modern Germany (in den Essays an Antisemitism, S. 218–265; vgl. A. 8); ausführlicher, aber mit irriger Rückführung des politischen Antisemitismus auf Bismarck, in Paul Massing, Rehearsal for Destruction, New York 1949; in gleicher Richtung irreführend: James Parkes, Antisemitismus, ein Feind des Volkes, Nürnberg 1948.
  44. 53 S. Anm. 6 Teil 1.
  45. „Das Heil der Völker war durch ihre Bosheit im übertragenen wie im eigentlichen Sinne teuflisch suspendiert“, schreibt (a. a. O., S. 349) Léon Bloy zur Begründung der Judenfeindschaft unter diesen ‚christlichen’ Völkern; eine Meinung, welche in deren Mitte auch noch heute weit verbreitet ist. Man folgert hier aus der neutestamentlich verheißenen Wiederkehr des triumphierenden Jesus Christus im Moment der Umkehr seines Volkes zu ihm: Also hält der Juden Nichtbekehrung die Vollendung unsres Heiles („teuflisch“) auf. Die neutestamentliche (speziell, aber nicht nur, paulinische) Lehre hingegen besagt: Um die Gnadenstunde, während welcher alle Völker noch zum Heile gelangen können, auszudehnen, ist von Gott aus „Verstockung zu einem Teile dem Israel geworden“ (Röm 11, 25), so dass der Heidenapostel den Römern geradezu über die Juden sagen kann: „Im Hinblick auf die Evangeliumsverkündigung zwar sind sie Feinde“ (objektive Widersacher Gottes; vgl. Röm 5,10; 8,7) „um euretwillen" 11,28; vgl. 11,2 und 2 Petr 3,9!); wie er ihnen denn auch ausdrücklich den guten Willen, den – wenn auch unerleuchteten – subjektiven „Eifer für Gott" bezeugt (10,2); erst die Verschleierung der Synagoge hat der Kirche, soweit sie aus den Heiden stammt, neutestamentlich gesehen, jene Gnadenfrist verschafft, in der sie zum Vollmaß der Altersfülle des Christus heranreifen soll, wie es im Epheserbrief (4,13) heißt.
  46. Vgl. Apg. 16, 20 f. in Philippi und 19, 23 ff. in Ephesus (bes. 19, 26 f., 34).
  47. H. Arendt, a. a. O., S. 388 f.
  48. etwa Disraeli; ebenda, S. 118 ff.
  49. Laut Tests des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.
  50. Vgl. im Freiburger Rundbrief 29/32, S. 3 ff. unsern Beitrag „Der Weg zur christlich-jüdischen Wiederbegegnung in der Mitte des 20. Jahrhunderts“ sowie die Angaben über S. Freuds und M. Samuels verwandte Theorien in Hans Ornstein, Der antijüdische Komplex, Zürich 1949, S. 11.

X. Folge 1957/58 Nr. 37/40 S. 7−14. 



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