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Prof. Dr. Karl Thieme

Der religiöse Aspekt der Judenfeindschaft (Teil 1)

Wenn jüdische Menschen als Juden von andern Menschen mit Reserve, Ablehnung oder geradezu Hass betrachtet und behandelt werden, so stellt sich zum mindesten die Frage. ob das zusammenhängt mit dem Judentum als religiöser Wirklichkeit bzw. mit dem Verhältnis der Religion dieser nichtjüdischen Menschen zur jüdischen.

In der Diskussion über Wesen und Herkunft des neustzeitlichen massenmörderischen ‚Antisemitismus’ sind auf diese Frage zwei völlig verschiedene, einander schroff widersprechende Antworten gegeben worden, mit denen sich jeder, der hier klar sehen will, auseinandersetzen muss.

Die Mehrzahl der jüdischen Beantworter von Franz Rosenzweig1 bis zu Jules Isaac2, aber auch eine beachtenswerte Minderheit unter den nichtjüdischen Erforschern des Antisemitismus, wie James Parkes3 und Michael Müller-Claudius4, vertreten die These: Der ‚Antisemitismus' ist in seinem Ursprung und innersten Wesen eine moderne Form einer vielhundertjährigen religiös bedingten Massendämonie, welche durch christliche Unterweisung über die jüdische Kollektivschuld an Christi Kreuzestod und die göttliche Verwerfung des jüdischen Volkes mindestens latent jeder Generation der Christenheit von neuem eingepflanzt wird.

Die Mehrzahl der nichtjüdischen Beurteiler dagegen – wie Charles Journet5 – und vereinzelte jüdische – wie Hannah Arendt – vertreten die ganz entgegengesetzte Auffassung; wie auch immer es mit der Judenfeindschaft früherer Jahrhunderte und ihrer religiösen Motivation gestanden haben möge, für den antijüdischen Komplex unserer Zeit jedenfalls gelte: „Antisemitismus und Judenhass sind nicht dasselbe. Judenhass hat es immer gegeben, Antisemitismus ist in seiner politischen wie ideologischen Bedeutung eine Erscheinung der letzten (anderthalb) Jahrhunderte.“ Judenhass sei „in der Geschichte von untergeordneter, in der Politik ohne alle Bedeutungs“6; was er an Verfolgungen auslöste, werde übertrieben aufgebauscht7: erst der Antisemitismus sei die wirkliche Dämonie, als die man oft fälschlich schon jenen Hass hinzustellen suche.

Der eindeutig antichristliche Charakter jedes ausgewachsenen ‚Antisemitismus' der neusten Zeit stützt natürlich diese zweite These, vollends, wenn sie so glänzend wie von Hannah Arendt vertreten wird. Ihr Verdienst ist unbezweifelbar, die spezifische Form einer früher so noch nie dagewesenen Abart der Judenfeindschaft im so noch nie dagewesenen Zeitalter der Massenagitation und Industrialisierung aufgewiesen zu haben. Aber die Fragwürdigkeit jener These ist dennoch fast so groß, wie sie es wäre, wenn jemand behauptete: Die Kraftquelle im modernen Großkraftwerk und in der Mühle am rauschenden Bach ist nicht dieselbe.

Gewiss: Ob vom Wasser mechanisch Mühlrad und Mühlstein in Gang gesetzt werden, oder ob zwischen fallendes Wasser und Nutzung seiner Kraft erst noch die Transformation in elektrische Energie und deren Leitung dazwischenkommt, ist zweierlei; und ebenso, ob ein Mordgieriger direkt durch das Motiv zum Totschlag ermuntert wird: Die Juden erschlugen unsern Heiland; also darf ich die Juden erschlagen, oder ob zwischen Lockung und Tat erst noch die Apparatur einer ,rassistischen Weltanschauung’ mit den Juden als ausrottungswürdigen ‚Untermenschen’ eingeschaltet ist. ohne dass in jedem einzelnen Falle die Enthemmung ihnen gegenüber durch religiöse Residuen zum Bewusstsein zu kommen brauchte. Aber die einfache Frage bleibt ja: Warum locken hier wie dort gerade Juden besondere Mordlust hervor, wie auch immer sich diese ‚legitimiere'? Noch so geistvolle und weitgehend richtige Ausführungen über die sozialpsychologische ,Blitzableiter’-Rolle der ,Hof’- bzw. ‚Ausnahme-Juden’ in Staat und Gesellschaft erhellen im einzelnen viel, beantworten aber eben im ganzen nicht die Vorfrage: Wie gelangen gerade Juden in die Situation solcher Ausnahme-Existenz hinein? Und zwar betonter im christlichen als in irgend einem anderen (auch dem islamischen) Kulturbereich!8

Von hier aus aber gelangen wir nun zwar gewiss nicht einfach zu jener ersten These (Isaacs und Müller-Claudius’) in ihrer übermäßigen Vereinfachung, wohl aber zu der ernsthaften Prüfung eines religiösen Aspekts selbst noch an der Gegnerschaft gegen die Juden, die heute unter dem so durch und durch verlogenen scheinwissenschaftlichen Sammelnamen ‚Antisemitismus’ im Schwange ist.

Wir meinen nun feststellen zu können, dass den Schlüssel zur Erkenntnis dieses – in sich konstanten, in seinen Erscheinungsformen variabeln – religiösen Aspekts der Judenfeindschaft die von ihr Betroffenen selbst aus den ersten damit gemachten Erfahrungen heraus gefunden und uns in einigen Sätzen der Bibel des spätantiken Diaspora-Judentums, der Septuaginta, hinterlassen haben. (Von denen einer sogar auch in der hebräischen Bibel steht.) In dem heute meist auf die Makkabäerzeit zurückgeführten Buch Esther nämlich überredet (3,8) der Amalekiter-Sprößling (bzw. „Makedonier“) Haman den Perserkönig ,Artaxerxes’ (bzw. Ahasverus) zu einem Vernichtungsschlag gegen die Judenheit mit den Worten:

„Es ist da ein Volk, das wohnt zerstreut und abgesondert unter den Völkern in allen Bezirken deines Königtums; ihre Gesetze sind andere als die der andern Völker, und die Gesetze des Königs halten sie nicht, so dass es für den König nicht zuträglich ist, sie gewähren zu lassen. Wenn es dem Könige gut dünkt, so werde vorgeschrieben, sie auszurotten, dann vermag ich zehntausend Talente Silbers den Beamten auszuhändigen für die königlichen Schatzkammern.“

Das Doppelmotiv, durch das hier die Obrigkeit zum Eingreifen gegen die Juden bewogen werden soll, geht zurück auf jenes Gesetz, das ihr gesamtes Leben religiös und sozial regelt und sie aus den Wirtsvölkern heraussondert. Wir möchten es benennen als

1a) Das Fremdkörper-Motiv

Diese Leute sind anders als die andern Völker, in deren Mitte sie wohnen, und zwar nicht etwa bloß naturhaft ‚rassisch’, wie Neger unter Weißen oder Weiße unter Gelben, welche bei aller Blutsverschiedenheit durchaus einordnungswillig inmitten eines Mehrheitsvolkes leben können; sie sind vielmehr anders in dem tiefen Sinne; dass sie einem andern Grundgesetz unterstehen als die Völker, unter denen zerstreut sie leben. Diese Tatsache aber, dass die Juden nach dem ihnen von ihren Vätern überlieferten Verständnis des ihnen von Gott offenbarten Gesetzes abgesondert unter den Völkern leben (Connubium und vor allem Commensalität mit ihnen höchstens sehr eingeschränkt pflegen und dergleichen), wird durch die totalitäre Unterstellung, dass damit eine Verletzung der ,Gesetze des Königs' verbunden sein müsse, dreist zum Verbrechen gestempelt.

1b) Das Plünderungs-Motiv

Eben jenes Abgesondertsein der Juden scheint auf den ersten Blick zu erleichtern, dass man sie ungestraft plündern kann in einer Weise, wie es andern, weniger wehrlosen, weil ständisch fester im Volksganzen inkorporierten Bevölkerungsgruppen gegenüber zum mindesten erheblich schwieriger wäre; ökonomischer Erfolg fällt bei den Juden viel weniger weitgehend mit physischer Macht zusammen als bei den Angehörigen ihrer Wirtsvölker; auch pflegt ihr Besitz beweglicher zu sein, was den Zugriff – mindestens scheinbar – erleichtert.

Noch etwas weiter führt eine zweite Motiven-Gruppe, die neben der obrigkeitlichen die vulgäre Juden-Feindschaft ins Blickfeld treten lässt. Wir finden sie zunächst in einem der griechischen Zusätze zum Buche Daniel (14,27 ff.; ebenfalls aus der Makkabäer-Zeit). Sein Held als von König Darius Privilegierter zieht um seiner besonderen Tüchtigkeit willen den Neid seiner Konkurrenten auf sich und um seiner ‚jüdischen Kritik’ an den angestammten religiösen Überlieferungen des Wirtsvolks willen den Hass des Pöbels. Als er einen Priesterbetrug entlarvt, daraufhin den Baals-Tempel zerstört und gar noch einen ‚heiligen Drachen’, den er hätte anbeten sollen, beseitigt hat, muss berichtet werden:

„Und es geschah, da das die Babylonier hörten, da ergrimmten sie heftig, rotteten sich wider den König zusammen und sprachen: ,Ein Jude ward der König! Den Bel ließ er herunterreißen, den Drachen töten und die Priester hinschlachten!’ – Und gingen zum Könige und sprachen: ‚Gib uns den Daniel heraus! Wenn aber nicht, so töten wir dich und dein Haus!’ – Da sah der König, dass sie ihn hart bedrängten, und notgedrungen gab er ihnen den Daniel heraus ...“

Was hier anklingt, das möchten wir nennen:

2a) Das Zersetzungs-Motiv

‚Jüdische Kritik’ zersetzt die angestammte religiöse Überlieferung und hat damit gar noch in den höchsten Kreisen des Wirtsvolks Erfolg! Diese Kritik, die schon im stummen ,Nicht-Mitmachen’ bei den Götzendiensten der Völker bestehen kann, erscheint, vollends, wenn sie gar irgendwie laut wird, als „Ferment der Dekomposition“; das jüdische Nein zur Vergötzung vor allem, was nicht Gott ist, wirkt maßlos aufreizend auf jeden Abergläubischen, ja selbst auf den ungereiften Gläubigen; noch ganz abgesehen davon, dass dieses Nein selbst zur leeren Form werden, zu einer ,Kritik um der Kritik willen’ entarten kann, die nicht mehr prophetisch verhöhnt, nur noch journalistisch heruntermacht – und so auch den Gutwilligen verbittert.9 Diesem wahrscheinlich wichtigsten Motiv (2a) entwächst wohl [in Verschwisterung mit (la), dem Fremdkörper-Motiv] das noch weitergehende:

2b) Das Antihumanitäts-Motiv

Wie später den noch immer so tief jüdisch bestimmten ersten Generationen der Christenheit odium generis humani vorgeworfen wurde, so heißt es schon in einem der griechischen Zusätze zum Buch Esther (13,5 Vg.; bzw. 3,13e LXX), das jüdische Volk befinde sich „in jeder Weise in Lauerstellung gegen jeden Menschen“. Hier ist der Gipfel erreicht: Weil dieses Volk den Willen des einzigen wahren Gottes tun will, von dem es den Menschen als sein Ebenbild geschaffen und sich als Volk zu seinem Sondereigentum erwählt glaubt, –  ebendarum wird es als aller Menschen Feind verschrien und geächtet.10

Wie diese vier Motive, bzw. zwei Doppelmotive von Anfang bis heute in wechselnder Abwandlung und Verflechtung die Judenfeindschaft auslösen, das wird nun für die vier geschichtlichen Phasen darzulegen sein, die wir folgendermaßen bezeichnen möchten:

I. Vorchristlicher Mob- und Literaten-‚Antisemitismus’
II. Reichskirchlich-klerikaler Konkurrenz-Antijudaismus
III. Volkstümliche Blitzableiter-Judenfeindschaft
IV. Postchristlicher Massen- und Literaten-‚Antisemitismus’.

Das Hauptgewicht unserer Betrachtung wird auf der II. und III. Phase zu liegen haben, da die erste ohnedies nur ein Vorspiel ist, die letzte aber in andern Beiträgen dieses Sammelwerkes breiter analysiert wurde und hier ja nur der religiöse Aspekt an ihr zur Diskussion steht.

Weiter zu Teil 2


  1. Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung; Heidelberg 19543. „Der ewige Judenhass des Christen“ III, 199 f.; vgl. Briefe; Berlin 1935, S. 670 f.
  2. Jules Isaac, Jésus et Israël; Paris 1948 Genese de l'Antisemitisme; Paris 1956.
  3. James Parkes, Die Judenfrage als Weltproblem (The Jewish problem in the modern world); Duisburg 1948. bes. S 8 ff.
  4. Michael Müller-Claudius, Deutsche und jüdische Tragik; Frankfurt am Main 1955; Neubearbeitung von: Der Antisemitismus und das deutsche Verhängnis, F. 1948; mit Kapitelüberschriften wie: „Christlicher Religionsunterricht als Keimzelle des Antisemitismus“.
  5. Charles Journet. Destinées d’Israel; Paris 1945 (Stellenangaben sub verbo: ,Antisémitisme’, S. 436 f.).
  6. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft; Frankfurt/ Main 1955, S. 48.
  7. ebenda, S. 168.
  8. In dem noch wiederholt zu zitierenden I. Band einer umfassenden Geschichte des Antisemitismus von Léon Poliakow, Du Christ aux juifs de cour (Paris 1955), wird (S. 29 ff. ) stark betont, dass in China und Indien kein Antisemitismus durch die Einwanderung von Juden ausgelöst worden sei. Einen kurzen Überblick über ,The Jews and Islam’ gibt S. Rosenblatt in ,Essays on Antisemitism’ (herausgegeben von Koppel S. Pinson, New York 19462, S. 112 ff.) und legt dar, dass der Islam im allgemeinen ,die Völker der Schrift’ toleriert hat, d. h. Christen und Juden, sowie dass die letzteren stets islamische Wirtsvölker christlichen relativ vorzuziehen hatten. – Inwieweit sich dies im letzten Jahrzehnt durch die Entstehung des Staates Israel geändert hat, ist wohl noch nicht mit Sicherheit zu sagen.
  9. Etwas vom Tiefsten, was zum Verständnis der „entzauberten Welt des Judentums“ gesagt wurde, das jedes Sichvertröstenlassen bei den gegebenen Tatsachen dieser Welt um der Hoffnung auf die kommende bessere willen ablehnt, finden wir in der ,Dialektik der Aufklärung’ von Max Horkheimer und Theodor Adorno (Amsterdam 1947, S. 36), woselbst – unter Rückgriff auf Hegels fruchtbaren Begriff der ‚bestimmten Negation’ (Phänomenologie des Geistes, Einleitung; Leipzig 1921, S. 57) – dargelegt wird: „Die jüdische Religion duldet kein Wort, das der Verzweiflung alles Sterblichen Trost gewährte. Hoffnung knüpft sie einzig ans Verbot, das Falsche als Gott anzurufen, das Endliche als das Unendliche, die Lüge als Wahrheit. Das Unterpfand der Rettung liegt in der Abwendung von allem Glauben, der sich ihr unterschiebt, die Erkenntnis in der Denunziation des Wahns. Die Verneinung freilich ist nicht abstrakt. Die unterschiedslose Bestreitung jedes Positiven, die stereotype Formel der Nichtigkeit, wie der Buddhismus sie anwendet, setzt sich über das Verbot, das Absolute mit Namen zu nennen, ebenso hinweg wie sein Gegenteil, der Pantheismus, oder seine Fratze, die bürgerliche Skepsis“ (S. 36). Vielleicht kann von hier aus erkannt werden, dass die ,jüdische Kritik’ zugleich die größte Gabe und die für den Geber selbst gefährlichste (subjektiv und objektiv) ist, welche dem Judentum von der Menschheit zu danken ist.
  10. Vgl. Margarete Susmann, Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes (Zürich 1916), worin die ganze Schwere dieses Schicksals entfaltet und dann dennoch gesagt wird, im Wissen um das messianische Heil sei es „herrlich, trotz aller irdischen Fraglichkeit herrlich, ein Jude zu sein. Denn es heißt Mensch sein" (S. 144).

X. Folge 1957/58 Nr. 37/40, S. 7−14.


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