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Hugo Bergmann

Die Hoffnung Israels

„Rabbi Ismael erzählte: Als ich zum Himmel aufstieg, sagte mir der Fürst der Engel: Mein Guter, setze dich auf meinen Schoß, und ich will dir sagen, was mit Israel, dem heiligen Volke, geschehen wird. − Ich setzte mich auf seinen Schoß, er blickte mich an und weinte, daß seine Tränen auf mich niederfielen. Ich fragte ihn: Du meine Wonne, warum weinst du? Darauf sagte er. Mein Lieber, komm, ich führe dich in das verborgene Gemach. Er nahm mich bei der Hand, führte mich hinein, öffnete die Bücher des Schicksals und zeigte mir Schriftstücke, da waren alle Leiden verzeichnet, eines größer als das andere. Ich sagte ihm: Wem sind die bestimmt? Er antwortete. Für Israel."

Mit diesen Worten beginnt ein Midrasch zu berichten, was Israel in Zukunft treffen wird, ein erschreckend fürchterliches Bild, das vielleicht erst wir heute in seiner prophetischen Kraft erfassen können.

„Aber nachdem der Engel dem Rabbi Ismael alle diese unsagbaren Leiden gezeigt hatte, führte er ihn in die Kammer des Heils und der Tröstungen. Dort sieht er den König David und vernimmt aus seinem Munde Lieder des Preises, wie sie kein Ohr je gehört hat, und Engel antworten ‚Heilig, heilig, heilig!', die Himmel alle stimmen in den Chor ein, und zum Schluß ertönt die Stimme aller Könige über alles Erdland, an jenem Tage wird ER der Einzige sein und sein Name der einzige."

Mit diesen triumphalen Worten aus Secharja schließt dieser Midrasch, diese Vision unendlicher Leiden. Es ist das Wort, mit welchem jeder unserer Gemeinde-Gottesdienste schließt, das Wort, das den Juden begleitet, wenn er aus dem Bethaus in den Alltag hinaustritt.

Hermann Cohen sprach einmal von dem Schwanken und der Ungewißheit, von welcher nun einmal jede Hoffnung begleitet sei. Hier jedoch ist eine Hoffnung, die Sicherheit ist. Wir Juden nennen uns „Die auf Gott harren". Hier ist die Quelle jenes vielberufenen Optimismus der Juden. Aber man würde irren, wenn man, wie es geschehen ist, die Juden beschuldigen würde, daß ihr Optimismus der einer satten Bourgeosie, einer „falschen und matten Gottesbürgerlichkeit" sei. Wir hören heute in Israel sehr oft das Wort „jihjeh tow", „es wird gut sein", und dieses Wort (haben es die jemenitischen Juden uns gebracht?) tröstet, stärkt, richtet auf: aber das ist kein billiger Optimismus, vielmehr ist er gewachsen aus der bittersten Erfahrung des Volkes als ein Dennoch!!, das dem Anschein der sogenannten Wirklichkeit entgegengeworfen wird.

Dieser Dennoch-Optimismus durchzieht unsere ganze Geschichte. Der Verfasser des zweiten Makkabäer-Buches (Kapitel 6) sieht in den Leiden Israels unseren Vorzug vor den Heiden.

„Die Strafen widerfahren uns nicht zum Verderben, sondern für unsere Erziehung. Während nämlich der Herr bei den übrigen Völkern langmütig zuwartet und sie erst bestraft, nachdem sie das Maß ihrer Sünden vollgemacht haben, wollte er in anderer Weise mit uns verfahren, auf daß uns nicht, nachdem wir mit den Sünden schon zum Äußersten gekommen, zuletzt seine Rache treffe."

Daß also Israel leidet, ist mit ein Teil dieses merkwürdigen ‚Optimismus', dies bleibt durch die Jahrtausende die Deutung der Leiden Israels, wie sie etwa aufklingt im Briefe des Maimonides an die Juden von Jemen. Und alle Generationen bis hinab zu unserem Zeitgenossen Raw Kook sehen in der Knechtschaft in Ägypten die Vorausnahme der Wirklichkeit späterer Zeiten. Der Lehrer Spinozas, Saul Morteira, schreibt im 17. Jahrhundert:

„Die Galut in Ägypten heißt ,der eiserne Ofen', weil es an uns die Wirkungen des Schmelzofens gehabt hat, der das Gold und das Silber von den Schlacken trennt, damit sie feuerbeständig werden. So wurde Israel in Ägypten vorbereitet, um die Leiden späterer Verbannungen zu ertragen, denn sie lernten schon damals zu leiden und zu dienen. Und darum nennt sich Gott in jener Erlösung ,Ich bin, der ich bin': ich werde mit ihnen sein in diesem Leid, wie ich mit ihnen sein werde in späteren Leiden. So haben wir dort die Zuversicht gelernt: in ihrem großen Leid werden die Nachkommen auf ihre Voreltern hinblicken, auf ihr Leid und auf ihre unversehens gekommene Erlösung. So wird, wenn er es will, die Erlösung plötzlich und unvermutet kommen." (Ich entnehme die obigen Zitate dem schönen Buche von Prof. Leon Roth: Yalkut hadeoth wehanidoth. Jerusalem, Verlag Reuben Mass, 1938.)

Das ist ein „Optimismus" in Anführungszeichen, ein Optimismus gegen allen Augenschein, und doch eine Sicherheit von ungeheurer Kraft des Vertrauens. Bachja ibn Pakuda erzählt in seinen „Herzenspflichten" (ich entnehme das Zitat der Auswahl jüdischer Gebete, welche N. N. Glatzer im amerikanischen Schocken-Verlag unter dem Titel „The Language of Faith" zusammengestellt hat) von jenem Beter, der zu Mitternacht das Gebet sprach:

„Mein Gott, Du hast mich hungern lassen, hast mich nackt verlassen, mich der Finsternis der Nacht preisgegeben, mich Deine Macht und Größe fühlen lassen. Wenn Du mich auch im Feuer verbrennst, werde ich fortfahren Dich zu lieben, mich an Dir zu freuen, wie Hiob sagte: Mag ER mich töten, ich werde auf Ihn harren."

R. Schlomo Virga, der Verfasser des Buches „Schebet Jehuda" (15.–16. Jahrhdt.) erzählt: Ich habe aus dem Mund alter Leute, welche die Vertreibung aus Spanien mitmachten, gehört, daß in einem Auswandererschiff die Pest ausbrach: Der Kapitän setzte die Auswanderer an einem Orte ans Land, wo es keine Einwohner gab; die meisten starben Hungers; einige faßten den Entschluß, weiterzugehen und eine menschliche Siedlung zu suchen. Unter ihnen war ein Jude mit Frau und zwei Söhnen. Sie bemühten sich weiterzugehen, aber die Frau, an Strapazen nicht gewöhnt, starb auf dem Wege. Der Vater trug die beiden Söhne, dann wurde er ohnmächtig; als er aus der Ohnmacht erwachte, fand er seine beiden Söhne tot. Voll Kummer, stellte er sich hin und sprach:

„Herr der Welten, du tust viel, damit ich meinen Glauben verlasse. Wisse aber: Allen Himmelsbewohnern zum Trotz bin ich ein Jude und werde ein Jude bleiben. Alles, was Du über mich gebracht hast und bringen mögest, wird nichts nützen!"

Diese erschütternde Erzählung belegt, was wir die Art der Hoffnung Israels nennen mögen: eine Hoffnung, die sich stets erneut aus dem Kampf mit dem Nein der Verzweiflung und dem Obsiegen über sie, eine Hoffnung langen Atems. Wir sollen nicht, trotzdem wir es in unserer menschlichen Schwäche immer wieder tun, kurzfristige Hoffnungen nähren, die, wenn sie nicht erfüllt werden, uns in die Verzweiflung hineintreiben. Gott hat seine Zeit.

Spinoza beschuldigt den Glauben, daß er den Menschen die Meinung beibringe, Gott habe die Welt um ihretwillen geschaffen; und wenn die Menschen dann auf Widersprüche stoßen, wie Stürme, Erdbeben und Krankheiten, erfinden sie, um die Widersprüche zu erklären, die sonderbarsten Theorien, um schließlich zu erklären, die Urteile der Götter gingen über die Fassungskraft des Menschen hinaus. Aber hier irrt Spinoza. Der Vers in Jesaia 55, der ihm vorgeschwebt haben mag, „Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken", ist nicht dazu da, um im nachhinein etwa eine Lehre zu rechtfertigen, die von Anfang an verfehlt war, daß nämlich Gott die Welt zum Wohle des Menschen eingerichtet habe. Die Reihenfolge ist umgekehrt: der Prophet weiß von vornherein, daß Gottes Wege nicht der Menschen Wege sind; aber er weiß, daß ein Weg, ein Sinn da ist in der Welt.

Einen gewaltigen Ausdruck findet diese Hoffnung, diese Sicherheit, im Mussaf-Gottesdienst unseres Jom Kippur. Unser Machsor erzählt in grausamst realistischen Farben die Qualen der gefolterten zehn Märtyrer in der Zeit Kaiser Hadrians, Rabbi Akibas und seiner Freunde. Die Engel des Himmels, welche die furchtbarsten Qualen sehen, begehren gegen Gott auf: „Ist das die Lehre und das der Lohn?" und erhalten eine Antwort, die keine Antwort ist: „Eine Himmelsstimme ertönt von oben: So habe Ich es verhängt. Nehmet es an!" Und die Beter, nachdem sie die furchtbare Erzählung gehört haben, sprechen die Worte: „Gott der König, der sitzt auf dem Throne des Erbarmens!"

Würden unsere Beter mit vollem Verständnis der Erzählung folgen, sie müßten erschauern. So schrecklich ist die Schilderung, die Zwiesprache mit Gott und die Antwort des betenden „Chors" in diesem Drama. Das ist die klassische jüdische Sicherheit in der größten Versuchung, das Erbe Abrahams.

Der moderne Mensch kennt diese Gottessicherheit Abrahams nicht mehr. Er hat aber die psychologische Erklärung solchen Glaubens bei der Hand. Es ist, so weiß er, ein psychologischer „Selbstschutz" des Menschen, ein ,Mechanismus der Enttäuschung', der großen Illusion, deren biologische Wurzeln uns die Wissenschaft von heute verstehen gelehrt hat. In Thomas Manns „Doktor Faustus" spricht es der Satan aus:

„Zulässig ist / heute / allein noch der nicht fiktive, der nicht verspielte, der unverstellte und unverklärte Ausdruck des Leides in seinem realen Augenblick. Seine Ohnmacht und Not sind so angewachsen, daß kein scheinhaftes Spiel damit mehr erlaubt ist [...] wenn man die Tatsache der Weltstunde anerkennt. Gewisse Dinge sind nicht mehr möglich."

Die Weltstunde, von der der Satan spricht, ist die Stunde, in welcher alle Illusionen durchschaut sind, damit aber alle Hoffnung auf Erlösung, auf Sinn in der Welt an der Wurzel abgeschnitten.

Der Generalangriff gegen den Glauben − ich möchte hinzufügen: gegen den oberflächlichen Glauben, der es sich mit seinem „happy end" so leicht macht – wird in einer Art Zangenform ausgeführt: Auf der einen Seite hat die Wissenschaft im zweiten Weltkrieg die Mittel geliefert, um die Hölle auf Erden zu verwirklichen, und sie muß bereit sein, sie wieder, und in grausigster Form, zu liefern; und auf der anderen Seite hat dieselbe Wissenschaft das ihrige getan, um die Hoffnungen und Tröstungen als psychologische Illusionen zu entlarven. Es sind wahrhaft nicht die schlechtesten unter uns, besonders unter der Jugend, welche dieser äußersten Versuchung erlegen sind.

Hat Israel, hat der Glauben eine Antwort? Das eine muß klar sein: Die Antwort kann nicht durch theoretische Diskussionen erfolgen. Sie kann nur gegeben werden im Raume des wirklichen Lebens. Denn es ist eine Probe der Kraft, in die wir hineingestellt sind. Können wir in all diesem Widersinn der Weltstunde dem Sinn treu bleiben, dann wird sich dieser Sinn uns auch enthüllen, früher oder später. Es kann hier nicht auf Jahrzehnte oder Jahrhunderte ankommen, sondern nur auf die Kraft und Ausdauer der Treue zur Hoffnung.

Israel hat durch die Jahrtausende, gegen allen Augenschein, dem Gedanken des kommenden Heils, dem Glauben an den Sinn in der Welt, die Treue gehalten, darin besteht seine Größe und seine Bedeutung für die Menschheit. Es ist vielleicht die Aufgabe dieses jüdischen Geschlechts, nach seinen furchtbaren Erfahrungen, den jüdischen Begriff des Heils und der Erlösung wieder zu reinigen, sowohl von der optimistischen Verflachung des 19. Jahrhunderts wie von der engen Politisierung der letzten Generation, und der Hoffnung Israels wieder ihren radikalen Charakter wiederzugeben, den Glauben an eine neue Menschheit, einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Der Kampf mit dem Satan des Nihilismus und der Verzweiflung ficht sich in der Brust jedes einzelnen in jedem Augenblick aus. Jeder einzelne ist durch seine innersten Siege und Niederlagen Mitkämpfer, Teilnehmer am Werke der Erlösung, des Durchbruchs des göttlichen Sinnes in der Welt, sei es in dem plötzlichen Aufblitzen in der Zeit, sei es in der Fülle der Endzeit. So wirkt der einzelne durch die Kraft der Treue seines aktiven Glaubens mit an der Erlösung der Welt. Dies ist die Hoffnung Israels.


IX. Folge 1956/1957, Nr. 33/36, Oktober 1956, S. 19–21.

 



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