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Gertrud Luckner
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Ein Appell an die Christenheit

Seit Monaten war geplant, durch unseren Rundbrief einen Mahnruf an die Christenheit anlässlich der wachsenden Bedrohung Israels ergehen zu lassen. Inzwischen hat die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz einen Aufruf zur Solidarität mit Israel erlassen und die ‚Amicizia Ebraico-Cristiana’ in Italien hat sich ihn zu eigen gemacht.1

Wenn wir selber auch aus theologischer Sicht die eine oder andere Formulierung wohl etwas anders gefasst hätten, so möchten wir uns doch gern dem Sinn und Geist dieses Aufrufs anschließen. Wer wäre mehr dazu verpflichtet als wir Christen in Deutschland?

Der Vorstand der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz hat beschlossen, folgenden Aufruf an seine christlichen Mitbürger, darüber hinaus an alle Christen, insbesondere die Christen Europas, zu richten:

Vor acht Jahren wurde der Staat Israel auf dem Boden des Heiligen Landes gegründet. Sein Boden wurde und wird mit unsäglichen Opfern einer größtenteils verwüsteten Erde abgerungen. Er ist die wichtigste Zuflucht der Überreste des zu zwei Dritteln ausgemordeten europäischen Judentums und der überall aus der arabischen Welt vertriebenen orientalischen Juden. Er ist das neue Zentrum des jüdischen Geistes, dem die Menschheitskultur so unendlich viel zu verdanken hat. Er ist eine einzigartige Synthese aus abendländischer und morgenländischer Lebensart. Er ist ein Werk des Friedens, der positiven, lebensbejahenden Menschengemeinschaft. Schon der Völkerbund hat 1922 das Recht des jüdischen Volkes auf eine Heimstätte in Palästina anerkannt. Die Vereinten Nationen haben dann mit großer Mehrheit das Existenzrecht des Staates Israels ratifiziert und diesen als Mitglied aufgenommen. Dennoch wird dieses Existenzrecht Israels von seinen Nachbarn bestritten, und so steht es vom Tag seines Bestehens an im verhängnisvollen Zeichen des Krieges, der es immer wieder zu vernichten droht.

Israel ist aber für uns Christen auch der Name des vom einigen Gott auserwählten Volkes, der Name des Alten Bundes, ohne den der Neue nicht wäre; es ist der Name des über alle Welt zerstreuten jüdischen Volkes und der mit ihm gegebenen Verheißung. Dieses jüdische Volk hat die ganze Geschichte der christlichen Ära in untrennbarer Verbundenheit mit der Christenheit gelebt. Die Geschichte dieser Verbundenheit ist eine Geschichte unveräußerlicher gegenseitiger Bereicherung, aber auch eine Geschichte des Versagens der Christenheit. Die Folgen dieses Versagens kulminieren in der Ausrottungsaktion der Nationalsozialisten, der rund zwei Drittel der europäischen Juden, 6 Millionen, darunter 1 Million Kinder, schuldlos zum Opfer fielen.

Die Juden, die heute den Staat Israel aufbauen und verteidigen, sind unsere Brüder; sie sind unsere Gefährten durch die Geschichte – und sie bleiben es. Wer verstanden hat, was das Geschehen der nationalsozialistischen Ausrottungsaktion für die Christenheit bedeutet hat und bedeutet, der muss sich zu dieser Verbundenheit mit Israel in des Wortes doppelter Bedeutung bekennen.

Wieder ist ein wichtiger Teil des Volkes des Alten Bundes ernsthaften Drohungen ausgesetzt, deren Durchführung Vernichtung und Ausrottung bedeuten würde. Und wieder ist die Christenheit, sind wir alle in die Schuld verflochten, die darin zum Ausdruck kommt. Das Bekenntnis zur unaufhörlichen Verbundenheit der Geschichte des Christentums mit der Geschichte des Judentums bedeutet heute ein Bekenntnis zur Solidarität mit dem Staate Israel. Wir rufen die Christenheit dazu auf!

Die Herausgeber des Freiburger Rundbriefs:

gez.
Dr. Gertrud Luckner
Dr. Karl Borgmann
Dr. Rupert Giessler
Msgr. Kuno Joerger
Karlheinz Schmidthüs
Prof. Dr. Karl Thieme
Prof. Dr. Anton Voegtle

gez.
Prof. Dr. Rupert Angermair, Kath.-theol. Hochschule Freising
Min.-Rat Dr. Josef Antz, Bonn
Prof. Dr. theol. Franz Xaver Arnold, Universität Tübingen
Prof. Dr. K. S. Bader, Universität Zürich, früher Freiburg/Br.
Prof. Dr. Clemens Bauer, Universität Freiburg/Br.
Stadtdekan Dr. Alfons Beil, Heidelberg
Walter Dirks, Frankfurt/Main
Prälat Alois Eckert, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Freiburg/Br.
Prof. Dr. theol. Richard Egenter, Universität München
Prof. E. Eiffler, Freiburg/Br.; Alfons Erb, Freiburg/Br.
Caritasdirektor Fritz, Freiburg/Br.
Prof. Dr. theol. Rudolf Graber, Eichstätt/Bayern
Dipl.-Ing. H. Happe, Hannover
Prof. Dr. theol. Hauser, Universität Heidelberg
Maria Kiene, Referentin am Deutschen Caritasverband Freiburg/Br.
Direktor F. Kolbe, Gescher/Westf., Haus Hall
Bundesminister a. D. Dr. Hans Lukaschek, Freiburg/Br.
Direktor G. v. Mann, Ref. f. Jugendfürsorge, Deutscher Caritasverband, Freiburg/Br.
Prof. Dr. theol. Nikolaus Monzel, Universität München
Prof. Dr. theol. Wilhelm Neuss, Universität Bonn
Prof. Dr. theol. Nielen, Universität Frankfurt/M.
Prof. Dr. Hugo Rahner SJ, Universität Innsbruck
P. Dr. Augustinus Rösch SJ, München
Dr. phil. Angela Rozumek, Freiburg/Br.
Prof. Dr. theol. Othmar Schilling, Kath. theol. Hochschule Paderborn
DDr. B. Stasiewski, Leiter des kath. Bildungswerkes, Berlin
Dr. Hugo Stenzel, Verleger, Frankfurt/Main
Dr. Konrad Winkler, Freiburg/Br.

Dem obigen Appell des Freiburger Rundbriefkreises schließen sich die folgenden Unterzeichneten an:

gez.
Pastor Lothar Ahne, Essen-Altenessen
Dr. Maria Baum, Oberreg.-Rätin a. D., Heidelberg
Klaus von Bismarck, Schwerte/Ruhr
Prof. Dr. Franz Böhm, MdB [CDU], Universität Frank-furt/Main
Dr. Hans Bornhäuser, Prälat des evangelischen Kirchenkreises Südbaden
Prof. Dr. H. Braun, Bonn
Dr. Adolf Freudenberg, Pfarrer, Bad Vilbel
Prof. Karl Freudenberg, Universi-tät Heidelberg
Prof. Dr. Lic. Helmut Gollwitzer, Universität Bonn
Dr. Hans Kallenbach, Leiter der evangelischen Akademie in Hessen und Nassau, Arnoldshain
Rechtsanwalt Otto Küster, Stuttgart
Dr. Ed. Lais, Wirtschaftsminister a. D., Freiburg/Br.
Prof. Dr. Th. Litt, Bonn
Pfarrer Benjamin G. Locher, Wuppertal-Elberfeld
Kreisdekan Dr. Hermann Maass; Heidelberg
DDr. Reinold von Thadden, Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages
Prof. Dr. Ernst Wolf, Universität Göttingen


  1. Außerdem hat der niederländische ‚Interkirchliche Dienst an Israel’ im April 1956 folgendermaßen Stellung genommen:
    Ernstlich beunruhigt über das sich zuspitzende Verhältnis zwischen Israel und einer Reihe von Staaten der arabischen Welt, sind sich unsere Gemeinden bewusst geworden, welche Verantwortung die Christenheit dafür trägt, dass Recht und Gerechtigkeit gegenüber Juden und Arabern wiederholt vernachlässigt wurden. Wir wollen deshalb für den Frieden in diesem Teile der Welt beten und haben gleichzeitig einen dringenden Appell an die niederländische Regierung gerichtet, ihren Einfluss dahin geltend zu machen, dass die Vereinten Nationen die Konsequenzen ihrer Mitwirkung am Zustandekommen des Staates Israel sowie ihrer Anerkennung Israels als einer ihrer Mitglieder übernehmen und dass die Westmächte ihre Garantie für das Waffenstillstandsabkommen von 1949 in die Tat umsetzen.

IX. Folge 1956/1957, Nr. 33/36, Oktober 1956, S. 3–11


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