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Prof. Dr. Anton Voegtle

Toleranz in christlicher und jüdischer Sicht

Der vorgesehene Tagungsort für die diesjährige Begegnung zwischen Christen und Juden, die dem Deutschen Evangelischen Ausschuss für Dienst an Israel zu verdanken ist, war dem Thema durchaus angemessen. Die alte Hansestadt galt von jeher als eine Stätte der Pflege guter menschlichter Beziehungen innerhalb der Stadt und der Welt. Das klang bereits am öffentlichen Eröffnungsabend aus den Begrüßungsworten der Vertreter der Stadt, der evangelisch-lutherischen Kirche Lübeck und des kleinen Restes der jüdischen Gemeinde (28 Mitglieder gegenüber früheren 600) immer wieder hindurch. Zu den deutschen Teilnehmern hatten sich denn auch zahlreiche Gäste von außerhalb der deutschen Grenzen gesellt, aus Holland, Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen, England, Schottland und Österreich. Eine besondere Note erhielt die Studientagung durch die Teilnahme starker Gruppen von evangelischen Theologiestudenten und -studentinnen aus Berlin, Göttingen, Hamburg, Mainz, Münster und Tübingen. Diesen jungen Leuten sollte Gelegenheit gegeben werden, zu hören, zu lernen, und einen Weg der Begegnung – fernab von den Sünden und Nöten der Väter – zu suchen.

Es geht bei der Frage der Toleranz letztlich um den konkreten Menschen. Ein Stück erlebtes, durchlittenes Leben wollte deshalb Prof. Dr. K. H. Rengstorf zur Einstimmung bieten, wenn er im Rahmen des Begrüßungsabends im dicht gefüllten Colosseumsaal in seinem feinsinnigen Vortrag „Zwischen Sinai und Golgatha“ den religiösen Weg Franz Werfels zeichnete, den „Weg eines Jesus-gläubigen Juden, der aber kein Christ war“, wie Rengstorf ihn nannte.

Die einzelnen Tage wurden jeweils wie üblich durch eine Bibelarbeit eingeleitet. Sie wurde dieses Mal ausschließlich von einem führenden jüdischen Theologen, Landesrabbiner Dr. Holzer, Dortmund, bestritten. Von Bibelstelle zu Bibelstelle gleitend erarbeitete er die Forderungen des Heiligen Gottes hinsichtlich Tempel, Priester, König, Moses, und zwar nach der strengen Interpretation, die durch „die Lehre“, durch die jüdischen Weisen, überliefert ist. Der nachhaltige Eindruck dieser so andersartigen und vom Standpunkt der Zusammenhangsexegese, also der historisch-kritischen Exegese, als höchst gewaltsam empfundenen Auslegung bekundete sich in der Aussprache nicht zuletzt in dem regen Interesse der studierenden Generation an der Frage nach dem zugrundeliegenden hermeneutischen Prinzip und der Entstehung dieses Auslegungsverfahrens aus dem Protest des frühen Rabbinats gegenüber der Apokalyptik.

Der erste Tag stand unter dem Thema „Herkunft und Wesen der religiösen Toleranz“. Landesrabbiner Dr. R. R. Geis, Karlsruhe, konnte und musste einleitend darauf hinweisen, dass uns die Toleranzidee nach den fürchterlichen Erfahrungen der zurückliegenden Jahre, die in erster Linie die Juden, dann aber auch alle wirklichen Christen machen mussten, aus eigenstem Erleiden beschäftigt. In seinem klaren Referat über den Toleranzgedanken im Judentum stellte er sodann zwei Gedanken des historischen Judentums heraus, die für das Verständnis des Fremden und der fremden Religionen von Bedeutung sind. Einmal werde dem Juden seit dem Sinai unter Erinnerung an die Erfahrung in Ägypten die Achtung und Liebe zum Fremdling, zum sozial Schwachen, immer wieder eingeprägt: denn Fremde wart ihr in Ägypten (Lev 19). Wo der Heide nicht im Verband des Götzendienerischen stehe, sei von militantem Geist nichts zu merken. Zum anderen leitete der Talmud aus dem 1. Buch Mose die sogenannten noachidischen Gesetze ab, die allen Menschen Gotteslästerung, Götzendienst. Unzucht, Blutvergießen und Raub verbieten. Wer diese Gebote hält, darf als Verehrer des Einen Gottes gelten und findet Anerkennung seines – wie immer gearteten – Glaubens. Die Rabbinen und Religionsphilosophen des Judentums anerkannten deshalb kon-sequent Christentum und Islam als Wege zu Gott, und zwar selbst dann, wenn die Synagoge unter den beiden Religionen zu leiden hatte. Für das Judentum handelt es sich deshalb im Unterschied zum Christentum nicht darum, alle Völker zu missionieren, sondern das alte Volk zu erhalten, die vorläufige Provinz des zukünftigen Reiches Gottes. Christentum und Islam seien ihm Vorbereitung und Einleitung zum erwarteten Messias. Der Begriff der Toleranz, also des Duldens und Ertragens anderer Glaubensüberzeugungen, müsste deshalb nach jüdischer Überzeugung eine Erweiterung erfahren hin zum Gedanken der vollen Anerkennung anderer Glaubenswirklichkeiten, freilich unter Aufrechterhaltung des eigenen Auftrags und der sich daraus ergebenden Lebensformung. Eine Toleranz, die den anderen gerade noch duldet, heiße, den anderen beleidigen! Dass es der Talmud an anderen Äußerungen nicht fehlen lasse, sei begreiflich angesichts der schrecklichen Judenverfolgungen von christlicher Seite: man darf vom anderen nicht verlangen, was man selbst nicht tut!

Das großangelegte christliche Korreferat von Prof. Dr. K. Goldammer, Marburg, behandelte zunächst Intoleranz und Toleranz (die als Idee und Praxis Reaktion auf die Intoleranz ist) als Bestandteil eines umfassenden Komplexes religionsgeschichtlicher Erscheinungen, sodann die Rolle der Duldungs- und Duldsamkeitsforderung in der Geschichte des Christentums (die Duldung nach außen und nach innen: Konfessionen, Sekten, Ketzer), ferner die Hauptformen der Toleranz und schließlich die grundsätzliche Betrachtung der Toleranzforderung innerhalb des Christentums. Letztere müsse ausgehen vom biblisch-christlichen Menschenbild, das neben den Gedanken der natürlichen Gottebenbildlichkeit des Menschen das Gebot der absoluten Nächstenliebe stellt und damit zur Respektierung der menschlichen Persönlichkeit, auch des Andersdenkenden, nötigt. Die Erringung eines „humanistischen“ Toleranzstandpunktes könne der Christ auch beim ernsthaft sich mühenden Nichtchristen voraussetzen. Über diese „schöpfungstheologische“ Forderung einer humanistischen Duldsamkeit hinaus werde der Christ aber durch den Gedanken der Nachfolge Christi, durch das Vorbild des duldenden und geduldigen Gottmenschen Jesus Christus auf das Toleranzideal gewiesen. Nachdrücklich betonte Goldammer abschließend, dass echte Toleranz Absolutheitsanspruch voraussetzt, nur standpunktgebunden sein kann, also – im teilweisen Unterschied zu Dr. Geis – nur formale, nicht inhaltliche Toleranz sein kann, während die Preisgabe des eigenen Standpunktes Toleranz illusorisch macht. Wer nichts absolut setzt, braucht nichts zu tolerieren. Daher ist Toleranz genau so wie Intoleranz überhaupt nur auf religiöser Basis möglich.

Die Aussprache ließ eine Reihe von Fragen aufwerfen: Inwieweit ist in einer Religion mit Abso-lutheitsanspruch Toleranz überhaupt möglich? Ist die Darstellung des jüdischen Referenten nicht zu einseitig? Kann das Judentum auf Mission verzichten? Wie ist das Verhältnis des Juden zu den innerjüdischen Sekten? Die 2. Bitte des Achtzehnbittengebets richtet sich gegen die Ketzer! Ist die inhaltliche Toleranz, die jüdischerseits beansprucht wurde, nicht aufklärerisch oder relativistisch zu verstehen? Kennt die rabbinische Theologie nicht auch das extra ecclesiam nulla salus? Ist der Begriff Toleranz nicht zu liberal, sollte man nicht eher von „Liebe“ sprechen, die sich praktisch als Toleranz auswirkt, diese überbietet? Übung der Toleranz, erklärte Dr. Geis jedenfalls hierzu, falle dem Christentum schwerer als dem Judentum. Denn echtes Christentum müsse einen Auftrag am Judentum erfüllen, wie der ganzen Menschheit, so auch diesem das Heil des Kreuzes bringen, während sich der jüdische Universalismus am Ziele fühle, vor Gott. Wichtiger als eine Lösung der gesamten Problematik sei indes, dass wir, Juden und Christen, uns sehen, nachdem wir uns beinahe zwei Jahrtausende nicht sahen, und zwar uns sehen unabhängig von der Frage der Berechtigung und Pflicht der Mission. Das sei eben möglich geworden durch die gleiche Erfahrung im Dritten Reich. Dr. Goldammer verteidigte nach wie vor die Unterscheidung von humanem und christlichem Toleranzdenken (Nächstenliebe), weil wir die theologia naturalis nicht ignorieren dürften, und unterstrich erneut, dass der Totalitätsanspruch der Religion kein Widerspruch zum Toleranzgedanken ist.

„Der religiöse Absolutheitsanspruch“ war das Thema des zweiten Tages. Ausgehend von drei pro-testantischen Theologien (A. v. Harnack, K. Heim, R. Bultmann), die alle in unzureichender Weise den Menschen zum Ausgangspunkt machen würden, entwickelte der erst kurz zuvor gewählte Bischof von Lübeck, Prof. D. D. H. Meyer, mit deutlicher Spitze gegen die enthistorisierende Theologie Bultmanns, unter dem Thema „Das Wesen des Christentums“ in möglichst weit gehaltener Formulierung eine Summa theologica. Das Wesentliche, so führte der Referent u. a. aus, ist nicht die Gabe, die Rechtfertigung, die Gnade, sondern der Geber, der uns hat und an dessen Gaben wir teilhaben, Jesus Christus, durch den wir gerechtfertigt wurden. Dass in Jesus von Nazaret Gott Mensch wurde, bedeutet für den Menschen, dass dieser von Gott her aus der Mittelpunktposition und damit aus der Einsamkeit befreit und in die Gemeinschaft der Glaubenden hineingenommen wurde. Toleranz ist vom Menschen her unmöglich, eine Utopie. Zu begründen ist sie nur aus dem Zentrum der christlichen Botschaft: der Toleranz Gottes, der den Menschen in seiner Sünde strafte und doch trägt, der von den Sündern getötet wurde und doch bei den Rebellen, den Sündern bleibt.

Demgegenüber suchte Rabbiner Dr. Azarja, Köln, das Wesen des Judentums aufleuchten zu lassen: Das Judentum hat am Sinai die hohe Aufgabe auf sich genommen, den einen Gott zu kennen und ihm zu dienen, ihm immer ähnlicher zu werden und damit der Träger der Geschichte zu sein: alle Welt wird im Sinne des jüdischen Messianismus und Universalismus vor Gott niederfallen und das Joch seiner Herrschaft auf sich nehmen. Die eigene Geschichte wird so zur Weltgeschichte. Damit verbindet sich die Achtung vor der Menschenwürde; der Begriff der Humanität ist vom Judentum geschaffen. Dem entspricht der jüdische Grundsatz: besser Unrecht dulden als Unrecht tun! Die höchste Forderung des Judentums ist eben nicht der Glaube, der in der Heiligen Schrift vielmehr vorausgesetzt ist, sondern das Tun, die Erfüllung der 613 Gebote (mizwot), welche die Gemeinschaft der Menschen bewirkt. Die Erfüllung der Gebote, ohne die es nach den Rabbinen keine Thora gibt, ist wichtiger als die Erkenntnis Gottes. Denn an den Menschen, an ihrem göttlich bestimmten Tun, wird Gott erkannt. Die Reihenfolge ist also umgekehrt wie im Christentum: erst das Gebot, dann die Gnade! Im Judentum wählt der Mensch Gott, nicht umgekehrt – wie im Christentum – Gott den Menschen. Gegenüber der christlichen Lehre, dass Gott Mensch wurde, wahrt die jüdische das Geheimnis Gottes. Anstelle der Erlösung lehrt das Judentum das Streben nach Versöhnung. Während der Mensch im Christentum erlöst ist, im Glauben sozusagen das Endziel gefunden hat, stellt das Judentum den Menschen vor eine unendliche, täglich neue Aufgabe: nie ist der Mensch ein gerechter!

Begreiflicherweise ließ die Aussprache gerade dieses Tages einen Großteil der angerührten Problematik unausgesprochen; und manche aufgeworfene Frage blieb unbeantwortet. So z. B. auch die Frage an Dr. Azarja, wo der Unterschied sei zwischen dem Juden, der sich am Gesetz freue, der keine größere Freude kenne als das Studium und die Befolgung des Gesetzes, und dem selbstgerechten Pharisäer. Bischof Meyer bestätigte abschließend, seine These, Toleranz sei vom Menschen her unmöglich, sei durch seine praktische Erfahrung in der Asien-Mission bedingt. Und Dr. Azarja unterstrich noch einmal, dass das Judentum keinen adäquaten Ausdruck für Toleranz habe. diesen Begriff überhaupt nicht kenne, weil er in Widerspruch stehe zur Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes. Ihm gegenüber fordere das Judentum Gerechtigkeit und Liebe, nicht Toleranz, nicht einfach Tolerieren. Im sachlichen Gehalt des geforderten Verhaltens erklärten sich schließlich beide Referenten einig. Vor allem ließ dieser Tag doch weitgehend die Erkenntnis reifen, dass es echte Toleranz immer nur zwischen Menschen gibt, oder, um eine Formulierung zu gebrauchen (Toleranz und christlicher Glaube, Frankfurt 1955) aus dem Buch von P. A. Hartmann SJ, dass Toleranz keine Gleichstellung des eigenen Glaubens mit anderen Glaubensüberzeugungen bedeutet, sondern eine Gleichstellung der Menschen, die nach ihrer Überzeugung leben.

Zum Thema des dritten Tages „Toleranz als praktische Aufgabe“ konnte Pastor Henry Rasmussen, Kopenhagen, an einem eindrucksvollen Beispiel illustrieren, was die Toleranz, noch mehr die Liebe in einer entsprechenden Situation vom Christen verlangt, sodass der Jude hinter dem Christen wirklich Christus selbst erblicken könne. Im Jahre 1943 stellten sich die dänischen Christen so tapfer vor die jüdische Bevölkerung, dass die Gestapo nur 500 Juden verschleppen konnte, und es rund 7000 Juden gelang, sich in letzter Stunde glücklich nach Schweden zu retten. – Der Kulturreferent des jüdischen Zentralrates, Dr. H. Lamm, Düsseldorf, versuchte vom soziologischen Standpunkt die Sonderstellung des Juden in der Toleranzfrage zu präzisieren. Toleranz üben, also „dulden“, könne nur eine Gruppe, welche sich auch gegen das Dulden, also für die Intoleranz entscheiden könne. „Toleranz sei deshalb primär eine Chance und Herausforderung für die jeweilige Bevölkerungsmehrheit, die eine Machtposition besitzt. Eine solche ging den Juden seit fast 2000 Jahren ab. So habe es auch im Grunde dem abendländischen Judentum an Gelegenheit gefehlt, andere zu verfolgen; dieses habe seitens der Nichtjuden, der sogenannten „Wirtsvölker“, bestenfalls Toleranz erfahren können. Und vielleicht obliege dem Juden schicksalhaft die Rolle, als Andersgläubiger stete Bewährungsprobe für Christen und andere Nichtjuden zu sein.

Die Aussprache wurde auch hier offen geführt. Von christlicher Seite wies Prof. Rengstorf mit rücksichtsloser Ehrlichkeit darauf hin, dass die Christenheit in Deutschland in der einzigen ernsten Bewährungsprobe, die ihr gestellt wurde, im großen und ganzen versagte. Wie kommen wir weiter? Prof. Michel, Tübingen, betonte auch bei dieser Gelegenheit wiederum, nur die Einsicht, dass wir Christen an Israel gebunden sind, wir es in der ganzen Bibel mit dem Juden zu tun haben, könne unsere falsche Einstellung gegenüber dem jüdischen Menschen entgiften. Die Frage nach der Intoleranz des Juden gegenüber dem Judenchristen wurde von jüdischer Seite dahin beantwortet, dass man dem Übergetretenen die Achtung nicht versagen könne, auch wenn man seine Handlungsweise zutiefst bedauere. Zu diesem Punkt äußerte Dr. Lamm in der späteren Gesamtaussprache noch folgende persönliche Ansicht: theoretisch könne es keinen Austritt aus dem Judentum geben. Ressentiments gegen Judenchristen habe es immer gegeben, nicht nur, weil die Motive zum Übertritt oft nicht sehr lauter waren, sondern auch, weil das Judentum als kleine Minderheit ohnehin versucht sein müsse, jeden Austritt als Verrat zu betrachten. Dies sei jetzt wohl nicht mehr so stark der Fall. Dr. Lamm gab auch wohl zu verstehen, dass die israelische Verfassung den noch im Lande lebenden Arabern sehr wohl volle Toleranz zubillige, dass diese Toleranz aber – wie überall – nicht vollkommen geübt werde, nicht zuletzt à conto eines noch überschäumenden Nationalismus.

Der Entschluss des Oberkirchenrats O. von Harling, Hannover, zum diesjährigen abendlichen Rundgespräch die Öffentlichkeit einzuladen, wurde sehr begrüßt. Ging und geht die Frage, die zur Diskussion gestellt war, doch alle an! „Was können wir, Christen und Juden, gemeinsam für die Toleranz tun?“ Allzu viel konkrete Ergebnisse durfte man von diesem völlig ungesteuerten Rundgespräch nicht erwarten. Umso wohltuender musste man die Stimmung empfinden: nicht nur seitens der offiziellen Gesprächsführer (von christlicher Seite der evangelische Prof. Michel, Tübingen, und der katholische Professor Schubert, Wien; von jüdischer Seite Generalsekretär L. Goldschmidt, Frankfurt, und Dr. Besser, Berlin), sondern auch von Seiten des zahlreichen Publikums wurde nach den theoretischen Besinnungen der Vortage spontan immer wieder zum praktischen Handeln mit der entscheidenden Frage aufgerufen: „Aber nun, was sollen wir tun?“ Mutig wurden Einzelbeispiele praktischer Toleranz genannt; man rede etwa nicht von „jüdischer Hast“; man biete in der Straßenbahn oder wo es sei dem alten Juden Platz an. Wichtiger als die Frage nach Begriff und Wesen der Toleranz, so ließ sich eine Stimme aus dem Volke vernehmen, ist die Forderung, Intoleranz zu vermeiden. Was als intolerant zu gelten hat, empfinde jeder ohnehin selbst sehr wohl! Die Beteiligung der theologischen Jugend brachte dem Gesprächskreis u. a. zum Bewusstsein, dass die Schuld der Hitlerepoche noch nicht praktisch verarbeitet ist, dass die Überwindung des Antisemitismus bei der Eltern-Generation ansetzen müsse. Ein Münsteraner Theologe, der sich auf dem Podium in das Gespräch einbeziehen ließ, berichtete, er sei nun zum ersten Male in seinem Leben mit Juden ins Gespräch gekommen, „ich kann mein Bild vom Juden, das ich aus dem ,Stürmer’ bezog, korrigieren, aber die anderen am Biertisch?“

Fragen dieser Art bewegten noch einmal die Gesamtaussprache. Wie lassen sich die zwölf Jahre antisemitischer Erziehung überbrücken, da die bewussten Antisemiten nun einmal zu dem erschreckend großen Kreis gehören, der von der Kirche nicht erreicht wird? Der Karfreitagsgottesdienst habe hier gewiss einen Dienst zu erfüllen; mehr noch der Schulunterricht, der immerhin 96 % der Bevölkerung erreiche. Wie lässt sich die Jugend praktisch an den Juden heranführen, der in Deutschland als Fremder gelte, als Angehöriger des Staates Israel, der in der Bevölkerung noch immer als derjenige betrachtet wird, der nach Schlüsselstellungen strebt? Der Christ müsse versuchen, die Sozialstruktur der Juden zu verstehen, so wie auch der Jude verpflichtet sei, sich gegen die bei ihm bestehenden Vorurteile zu wehren. So wenig die Vergangenheit vergessen werden dürfe, solle aber auch die ältere Generation, besonders die des Auslandes, nicht dauernd nur auf die Millionen umgebrachter Juden hinweisen, wenn man der denkenden Jugend einen neuen Weg zeigen will, anstatt sie zur Verzweiflung zu bringen oder ihr Schuldempfinden abzustumpfen. Die Durchführung einer Sammlung für das von dem deutsch-jüdischen Arzt Dr. Wallach geleitete Krankenhaus Schaare-Zedek in Jerusalem war ein würdiger Ausdruck des Geistes dieser Tagung. Nicht weniger aber auch die zum Abschluss geäußerte Anregung, die konfessionell getrennten Christen müssten sich ihrerseits erst mühen, alle gegenseitige Intoleranz zu vermeiden, um der Toleranz gegenüber dem Juden die Wege zu bereiten.


IX. Folge 1956/1957, Nr. 33/36, Oktober 1956, S. 28–31



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