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Daniel Krochmalnik

Sol und Luna in der jüdischen Tradtion

1. Sol und Luna im Schöpfungsplan

Die Schöpfung (Gen 2,4; Gen 1,3) folgt dem Tages-, Wochen- und Monatsrhythmus, ein Rhythmus, der schon im ersten Vers der Bibel angeschlagen wird: Er enthält auf Hebräisch genau sieben Wörter entsprechend der siebentägigen Woche oder einer Mondphase und zählt genau achtundzwanzig Buchstaben entsprechend dem vierwöchigen siderischen Monat. Dennoch sind Sonne und Mond nachrangige Geschöpfe, jedenfalls, wenn wir den Schöpfungsplan wie üblich lesen. Am ersten Tag sprach Gott:

„Es werde Licht [...], Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht“ (Gen 1,3),

aber erst am vierten Tag heißt es:

„Es seien Lichter an der Fläche des Himmels, zu scheiden zwischen dem Tag und der Nacht, und seien zu Zeichen (Ottot), so für Festzeiten (Moadim), so für Tage und Jahre“ (Gen 1,14).

Ist das Licht also am ersten oder am vierten Tag angeschaltet worden? Die jüdische Tradition hat diesen Widerspruch durch die Unterscheidung zweier Lichtschöpfungen harmonisiert: die des Gotteslichtes am ersten Tag und die des Sonnen- und Mondlichtes am vierten Tag, jenes, welches nach den Rabbinen (bChag12a) den Gerechten im Jenseits scheint, dieses, das für uns auf die Erde blinkt (Gen 1,15). Gibt es folglich zweierlei „Tage“? Wird die Zeit mit zweierlei Maß gemessen? Es ist kaum zu glauben, dass ein Text zur Überwindung des Chaos, selber chaotisch sein soll. Eher glauben wir schon, dass ihm eine nichtlineare Ordnung zugrunde liegt, die wegen der ordinalen Reihe der Schöpfungstaten und -tage übersehen wird.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass das folgende Schema dem Sechstagewerk zugrunde liegt: Erst werden die Zeiten und Räume bereitet, ehe die entsprechenden Wesen hineingesetzt werden. Demnach zerfällt die Folge der Schöpfungstage in zwei parallele Reihen, die sich zueinander wie Hülle und Fülle verhalten.

In der A-Reihe werden nacheinander die Schöpfungsbereiche Licht und Dunkel, Himmel und Meer, Land und Wasser gemacht. In der B-Reihe werden sie nacheinander mit den jeweils dazugehörigen Geschöpfen gefüllt: Sonne und Mond, Fische und Vögel, Menschen und Tiere.

Diese Anordnung ist logisch; erst wird die Wohnung fertig gebaut, dann wird sie bezogen, z. B. musste erst einmal das leuchtende Himmelsgewölbe eingezogen und gesichert werden (2. Tag), ehe Sol und Luna einziehen konnten. Es gibt also nur eine Lichtschöpfung, aber sie besteht aus zwei logischen Momenten: An erster Stelle der A-Reihe werden der Lichtraum und an erster Stelle der B-Reihe die entsprechenden Leuchten erschaffen.

Das gleiche gilt für die Zeit: An der ersten Stelle der A-Reihe steht der Hell-Dunkel-Kontrast und an der ersten Stelle der B-Reihe die Taktzeiger (Ottot), die durch Sonnenstand und Mondphase anzeigen, was die Himmelsuhr geschlagen hat, und auf diese Weise die Tages-, Jahres- und Festzeiten (Moadim) angeben. Die logische Ordnung muss nicht unbedingt auch die chronologische sein. Die jüdische Tradition konnte vielmehr aufgrund des Verses, „Dies ist die Entstehung des Himmels und der Erde […] am Tag, da der Herrgott fertigte Himmel und Erde“, schließen (Gen 2,4), dass die A- und B-Reihe synchron waren.

2. Sol im Psalm

Nachdem diese Disposition erkannt ist, kann man nicht mehr behaupten, dass Sol und Luna im biblischen Schöpfungsbericht schlecht wegkommen, vielmehr sind sie in der B-Reihe die ersten und höchsten Geschöpfe. Sie stehen freilich tiefer als ihr Schöpfer. Sie sind nicht mehr – wie die stolzen Amon der Ägypter und Sin der Babylonier – sichtbare Götter, sondern nur noch Leuchten und Zeiger am Himmel für die Erde. Aber es gibt viele poetische Stellen in der Bibel, die sie nicht gar so funktionalistisch entzaubern, sondern ihren unaussprechlich warmen Gottesdienst rühmen (die Sonne mit 15 Mill. Grad Innentemperatur). So Psalm 19:

„Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes; vom Werk seiner Hände kündet das Firmament“ (2).

Ihr Lied freilich ist ohne Worte, nicht fürs Ohr bestimmt; obwohl kein Ton fällt, versteht sie die ganze Welt. Die Himmelskörper selbst legen beredtes Zeugnis von ihrem Schöpfer ab. In regelmäßigen Umlaufbahnen schreiben sie mit einer Tinte aus Licht ihr Lob an den Himmel.

„Dem Sonnenball hat er am Himmel ein Zelt gewiesen aus dem er geht wie ein Bräutigam aus seinem Brautgemach, und sich freut wie ein starker Held auf seiner Siegesbahn,

Am einen Ende des Himmels geht er auf, und kreist bis ans andere Ende, nichts kann sich vor seiner Glut verbergen“ (Ps 19,5–7).

Die Ähnlichkeiten des Psalms Davids mit den Sonnenhymnen der alten Welt sind allen aufgefallen, vor allem mit dem Großen Sonnenhymnus von Pharao Echnaton:

„Du erscheinst vollkommen am Horizont des Himmels, O lebender Sonnengott“,

singen hier die Toten am Eingang ihrer Mausoleen.

„Bist du aufgegangen am Osthorizont / hast du jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt“ (29–30).

Aber für den Psalmisten ist die Sonnenscheibe an und für sich nicht das Höchste, sondern, wie es der heilige Franziskus in seinem berühmten Gesang des Bruders Sonne (Canticum Fratris Solis) sagt, nur Gleichnis eines unvergleichlich viel Höheren und Anderen. Aber sie ist auch an und für sich das Geschöpf, das alle anderen in den Schatten stellt. Und so wird sie im großen Halleluja am Ende des Psalters gleich nach den Engeln zum finalen Gotteslob aufgerufen:

„Lobet ihn Sonne und Mond, lobet ihn, all ihr Sterne des Lichts“ (148,3).

Für uns, die wir tiefer ins All blicken, ist Bruder Sonne freilich nur noch ein vergleichsweise kleiner Bruder, wie im Psalm 19 von Ernesto Cardenal:

„Die Milchstraßen singen Gottes Ruhm. / Arktur ist zwanzigmal größer als die Sonne / und Antares 487-mal heller als ihr Schein. Sigma des Dorado hat den Glanz von dreihunderttausend Sonnen, / Alpha des Orion entspricht 27 Millionen Sonnen […].“

3. Polemik gegen die AKUM

Nichtsdestotrotz galt der Dienst an diesem größten bekannten himmlischen Diener in Israel als das größte anzunehmende Religionsverbrechen (Dtn 17,5) und wird von den Propheten unablässig gegeißelt. Für die  Hei den war das in Ordnung, nicht aber für das Gottesvolk, wie folgende Stelle aus dem 5. Buch Mose einschärft:

„Nehmt euch in acht, so lieb euch euer Leben ist [...], dass du nicht deine Augen zum Himmel erhebst, und wenn du die Sonne, den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels, siehst, dich verleiten lässt und dich vor ihnen niederwirfst und ihnen dienst; sie hat der Herr, dein Gott, allen Völkern, überall unter dem Himmel zugewiesen. Euch aber hat der Herr genommen“ (Dtn 4,19).

Über diese Konzession an die Astrolatrie waren die Schriftgelehrten später so konsterniert, dass sie den Text in der griechischen Übersetzung etwas veränderten und den Vers:

„sie hat der Ewige, dein Gott, allen Völkern, überall unter dem Himmel zugewiesen“,

mit dem Zusatz „zum Leuchten“ ergänzten (bMeg 9b, Vulgata, Raschi), damit ja niemand glaube, der Schöpfer des Himmels und der Erde dulde in seiner Welt den Gestirndienst. Aber der Leuchtdienst kann der Unterschied zwischen Israel und den Völkern nicht sein, denn die Sonne leuchtet allen unterschiedslos.

An ein schiedlich friedliches Nebeneinander von Gottes- und Gestirnanbetern war in der alten Welt ohnehin nicht zu denken. Schließlich führten ihre Anbeter Krieg, und die Anbeter der Sonne und des Mondes gewannen regelmäßig. Im Talmud wird z. B. von einem denkwürdigen Disput zwischen den Judenältesten und heidnischen Philosophen in Rom berichtet (mAwSa IV,7 u. bAZa54b). Die Philosophen fragen:

„Wenn (euer Gott) an der Anbetung der Götzen keinen Gefallen hat, weshalb vernichtet er sie nicht?“

Man muss sich die Häme, die in dieser Frage damals steckte, klarmachen. Die Ruinen des Tempels Gottes waren noch sichtbar, während die herrlichen Tempel der Götzen in Rom allen Beteiligten dieses Gesprächs vor Augen standen. Warum, so die polemische Spitze dieser Frage, ist der angeblich allmächtige Schöpfer ohnmächtig? Und noch anders gefragt: Ist das Schicksal der Juden nicht auch ein augenscheinlicher Beweis für die Ohnmacht des unsichtbaren Juden-Gottes?

Die Judenältesten erwiderten:

„Würden (die Götzendiener) Dinge anbeten, deren die Welt nicht bedarf, so würde er sie auch vernichtet haben. Sie beten aber Sonne, Mond, Sterne und Planeten an. Sollte er denn wegen der Toren seine Welt zerstören?“

Gott, so das Argument der Ältesten, will nicht die Natur zerstören, um die Naturreligionen zu widerlegen. Die heidnischen Philosophen geben aber nicht nach: Es müssen ja nicht gleich die Sterne sein. Gott „sollte doch die Dinge, deren die Welt nicht bedarf, vernichten, und die Dinge, deren die Welt bedarf, zurücklassen“. Es würde ihnen z. B. schon ausreichen, wenn er zum Beweis ein Götzenbild zertrümmerte. Aber die Ältesten weisen auch diesen Vorschlag zurück und wenden ein, dass ein solcher Beweis die Anbeter von Sonne, Mond und Sternen in ihrem Irrtum bestärken würde,

„denn sie würden sagen: Erkennet nun, dass dies wahre Götter sind, denn sie sind nicht vernichtet worden.“

Das triumphierende Heidentum ist empirisch unwiderlegbar!

Mindestens die Gemeinde Gottes sollte nicht irregeführt werden, deshalb wurde gerade der Psalter in die Polemik gegen die AKUM, die Owde Kochawim UMaselot (Gestirnsanbeter), eingeschaltet. Jeder Tag der Woche hat seinen eigenen Psalm, der schlicht „Jom“, „Tag“, genannt wird. Dieser Brauch geht auf den Tempeldienst in Jerusalem zurück, wo früher zweimal täglich ein ganzes Tier auf dem Altar geopfert wurde. Dabei traten die Priester vor das Volk, segneten es und sangen unter Musikbegleitung den entsprechenden Tagespsalm. Der Traktat des Talmuds über das tägliche Ganzopfer (Olat Tamid) schließt mit der Aufzählung der Tagespsalmen (mTam 7,4).

Der Zusammenhang zwischen dem Tagespsalm, eine Art Tageslosung, und dem entsprechenden Wochentag ist freilich nicht immer leicht nachzuvollziehen. Im Talmud wird angenommen, dass die sieben Tagespsalmen mit den sieben Schöpfungstagen korrespondieren (bRoHa 31a). Beim Tagespsalm für den ersten Wochentag, dem Psalm 24, ist das recht einleuchtend. Er beginnt mit dem Vers: „Dem Herrn gehört die Erde und was sie füllt.“ Das passt sehr gut zum ersten Schöpfungstag, an dem Gott Himmel und Erde schuf, die folglich auch sein Eigentum sind.

Schwieriger stellt sich der Zusammenhang beim vierten Tagespsalm für den Mittwoch, Psalm 94, dar. Er beginnt mit der Zeile: „Gott der Rache, Herr, Gott der Rache, erscheine.“ Was mag das mit dem korrespondierenden vierten Schöpfungstag zu tun haben, an dem Gott Sonne, Mond und Sterne erschaffen hat (Gen 1,14–19)? Der Talmud erklärt: „weil Gott dereinst ihre Anbeter bestrafen wird“.

Nebenbei erklärt diese Polemik gegen die AKUM auch, weshalb die jüdischen Wochentage nur gezählt und nicht benannt werden, also: „Erster Tag“ (Jom Rischon), „Zweiter Tag“ (Jom Scheni), denn die gewöhnlichen Namen der Tage – Sonntag, Montag etc. – sind nichts anderes als Namen der vergötterten Himmelskörper, denen sie gewidmet waren.

4. Genealogie der Götzen

Andererseits war die Astrolatrie trotz aller Mühen der Propheten wenigstens im alten Israel unausrottbar (2 Kön 7,16; 21,3 ff.; 2 Chr 33,3 ff.; Jes 17,8; Jer 7,18; 19,13; 44,17 ff.; Zeph 1,5). Maimonides versucht eine Erklärung für die Anziehungskraft der Gestirne. Seiner Meinung nach gründet auch die Religion in der Betrachtung des gestirnten Himmels über uns:

„Wenn der Mensch über Gottes wunderbare und große Werke und Geschöpfe meditiert, und aus ihnen seine unermessliche und unendliche Weisheit erkennt, dann wird er sofort von Liebe ergriffen, er lobt und preist ihn, und sucht leidenschaftlich diesen großen Gott zu erkennen, wie der Psalmist sagt: ‚Es dürstet meine Seele nach Gott‘“ (Ps 42,3) (Hil. Jessode HaTora II, 1).

Aber der gleiche Weg, der zu Gott hinaufführt, führt nach Maimonides auch zu den Götzen hinab. Der berühmte Arzt beschreibt die Ursache für die Krankheit der AKUM, der Owde Kochawim UMaselot, der Anbeter der Gestirne und Sternkonstellationen, wie folgt:

„Weil Gott die Sterne und Himmelssphären zur Leitung und Regierung der Welt erschaffen, sie so hoch gestellt, ihnen dadurch so viel Ehre zuerkannt und sie auch zu seinem Dienste berufen hat, so gezieme es sich wohl, ihnen Lob, Ruhm und Ehrenbezeugungen zu spenden. Es sei der Wille Gottes, gelobt sei er, dass auch wir diejenigen erheben und ehren, welche er selbst erhebt und auszeichnet, ganz so wie ein König wünscht, dass man diejenigen erhebe und ehre, die ihm am nächsten stehen, und dabei sich selbst geehrt sieht.

Als nun dieser Gedanke in ihren Herzen aufstieg, fingen sie an, Tempel für die Sterne zu bauen, ihnen Opfer darzubringen, sie mit Worten zu loben und zu preisen, und sich vor ihnen zu beugen, um auf diese Weise, ihrer irrigen Meinung nach, den Willen des Schöpfers zu vollziehen. Dies war nun der Ursprung des Götzendienstes“ (Hilchot Akum I, 1).

Der Götzendienst wäre demnach gar keine Übertretung, sondern eine Übertreibung des wahren Gottesdienstes, ein dialektischer Umschlag von Glauben in Aberglauben. Dabei ist die Astronomie nur eine der Quellen der Astrolatrie, die andere ist – nach Maimonides’ Führer der Verirrten – die Meteorologie. Schließlich hängt die Ernte vom Wetter ab und führt ganz natürlich zur Ehrfurcht vor den Himmelsphänomenen (Führer III, 30).

5. Degradierung von Sol und Luna

Man muss die Polemik der Rabbinen gegen Sonne und Mond vor dem Hintergrund dieser äußeren und inneren Gefahr sehen. Schon im Schöpfungsbericht sind Sonne und Mond nur mehr Diener des Menschen (Gen 1,14). Die Rabbinen leiten den Namen „Schemesch“ (Sonne) denn auch von „Schamasch“ (Diener) ab. In der Bibel behandelt der Feldherr Josua Sonne und Mond in der Tat wie seine Untergebenen und befiehlt ihnen stillzustehen, bis er gesiegt hat:

„Sonne, halt still in Giwon, und Mond, im Tale Ajalon! Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen [...]. Die Sonne stand mitten am Himmel und beeilte sich nicht unterzugehen, fast einen ganzen Tag“ (Josua 10,12–14; vgl. auch Ilias II,412).

Darauf bezogen die Rabbinen den Psalm 8:

„Du machtest ihn zum Gebieter über das Werk deiner Hände, alles hast du unter seine Füße gelegt“ (GenR 6,9; KohR 3,14; MidrTeh zu Ps 8,4–7).

Das verkehrte Verhältnis von Fuß und Sonne beschreibt ein anderer Midrasch:

„Der Fußballen des ersten Menschen verdunkelte die Sonnenkugel (Galgal Chamah), um wie viel mehr der Glanz seines Angesichtes! Wundere dich nicht darüber, gewöhnlich, wenn ein Mensch Schüsseln (Diskari) macht, eine für sich und eine für sein Haus, so macht er wohl seine schöner als die andere; so war auch der erste Mensch zum Dienste Gottes erschaffen und die Sonnenkugel zum Dienste der Geschöpfe“ (WajR 20,2 und bBBa 58a).

Noch schlimmer ergeht es dem Mond, wie man aus einem Widerspruch im Schöpfungsbericht entnahm.

„Gott sprach am vierten Tag: Es seien Lichter am Himmelsfirmament [...]. Und Gott machte die beiden großen Lichter, das große Licht zur Herrschaft des Tages und das kleine Licht und die Sterne zur Herrschaft über die Nacht“ (Gen 1,14–16).

Waren nun die beiden Himmelslichter gleich groß, wie es zunächst scheint, oder war die Sonne größer und der Mond kleiner, wie zuletzt gesagt wird? Der Talmud löst das Dilemma, indem er zwischen den beiden Aussagen die dramatische Geschichte vom Fall des Mondes einschaltet. Sonne und Mond seien ursprünglich zwar gleich groß gewesen, aber der Mond habe Größeres im Sinn gehabt und sei zur Strafe verkleinert worden.

„Der Mond sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei Er: ‚Herr der Welt, ist es denn angängig, dass zwei Könige sich einer Krone bedienen?‘ Gott erwiderte: ‚Geh und vermindere dich!‘ Hierauf sprach der Mond: ‚Herr der Welt, soll ich mich deshalb vermindern, weil ich vor dir eine richtige Frage gestellt habe?‘

Gott bereute seinen harten Entschluss und befahl: ‚So geh und herrsche bei Tag und bei Nacht.‘ Der Mond war unzufrieden: ‚Was ist das für ein Vorzug, was nützt eine Leuchte am Mittag?‘ Da sprach Gott zu ihm: ‚Geh, die Israeliten sollen nach dir Tage und Jahre berechnen.‘

Der Mond war immer noch unzufrieden: ‚Die Jahreszeiten sind ja nicht ohne die Sonne zu berechnen‘ [...]. Da sprach Gott zu ihm: ‚Geh, nach dir sollen die Frommen benannt werden: Jakob, der Kleine (Am 7, 2), David, der Kleine (1 Sam 17,14).’ Als der Heilige, gepriesen sei Er, sah, dass den Mond dies nicht beruhigte, sprach er: ‚Bringt für mich ein Sündopfer dar, weil ich den Mond verkleinert habe.‘“

Der Streit am Himmel war so verfahren, dass sich sogar der Schöpfer eines Fehlers bezichtigt!

Was war am vierten Schöpfungstag eigentlich geschehen? Unter gleichgeborenen Himmelsleuchten brach sofort Streit um die Vormachtstellung aus. Wer mehr will, bekommt im Himmel weniger! Der Mond, er hat nur eine Frage gestellt, ist untröstlich. Der zu kurz Gekommene ließ sich weder als unentbehrliches Zeichen der Zeit für Israel noch als passendes Zeichen der Demut für die Frommen abfinden.

Ganz so gut geraten, wie Gott in der Bibel angibt (Vers 19), war diese Schöpfung also nicht gewesen. Lange vor dem Fall des Menschen erwies sich die Welt als schadhaft und verbesserungsbedürftig. Die Verminderung betraf übrigens nicht nur den Mond, sondern auch die Sonne, wie man aus folgender Zukunftsvision Jesajas zurückschließen konnte:

„Und es wird das Licht des Mondes wie das Licht der Sonne sein, und das Licht der Sonne glänzt siebenfach, gleich dem Licht von sieben Tagen, an dem Tage, wo der Ewige verbindet den Schaden seines Volkes, und die ihm geschlagene Wunde heilt“ (Jes 30,26).

Im Fall der Sonne war der Grund der Verminderung aber nicht Strafe, sondern Blendschutz. Durch Raschis Torakommentar werden die angeführten rabbinischen Midraschim zu Gemeinplätzen (allgemein verständlich). In Bezug auf die Polemik fängt es schon damit an, dass ihn das defektiv geschriebene Wort „Leuchten“ (Me’orot) an das Wort Verwünschung (Me‘erah) erinnert. Den vierten Wochentag hatten schon die Rabbinen zum Fluch- und Fasttag erklärt (bTa’an 27b), weil an ihm angeblich bevorzugt die Halskrankheit (Diphterie) zuschlägt, wohl zur Strafe der Sternkundigen, die ihren Hals ständig zum Himmel recken. Wenn es ferner heißt, dass die Himmelsleuchten Zeichen seien, so kann das nur ein „böses Zeichen“ sein.

Natürlich konnte Raschi nicht dauernd so fortfahren, ohne auch die positiven Funktionen von Sonne und Mond bei der Zeitrechnung und Raumbeleuchtung zu beschädigen. Schließlich sollen, wie schon die Weisen sagten, die Sterne nicht wegen der Sternanbeter büßen (mAbZa 4,7). Bei der Beschreibung ihrer Funktionalitäten fällt Raschi, der sonst die von der Bibel entgeisterte anorganische und organische Natur mit dem Midrasch reanimiert – und anthropomorph hören, sprechen und denken lässt –, in einen dermaßen trockenen technischen Ton, dass man unwillkürlich an Hegels Wort von der „Prosa der Natur“ in der Bibel denken muss:

„Die Sonne z. B. wird bloß als Sonne, nicht auch zugleich als etwas Höheres angesehen“ (Philosophie der Weltgeschichte I, IV, 3).

Im gleichen Atemzug übernimmt Raschi aber auch die Midraschim über die Verminderung des Mondes. Eine der beiden Himmelsleuchten, die Nachtleuchte, ist mit seiner Stellung unzufrieden und fängt mit der Tagleuchte einen Streit über die Weltherrschaft an (zu 1,16 nach bChul 60a). Der Schöpfer kann Schlimmeres nur verhüten, indem er die Nachtleuchte degradiert und dafür mit der Gesellschaft der im Schöpfungsbefehl gar nicht erwähnten Sterne entschädigt.

Diese reizende kleine Geschichte von der Großmannssucht und der Kleinwüchsigkeit des Mondes soll auch bei Raschi den biblischen Widerspruch erklären, der mal von den „beiden großen Lichtern“ und dann vom „großen Licht“ und vom „kleinen Licht“ spricht (1,14–16).

In diesem von Raschi angeführten Midrasch vom siderischen Sündenfall und der Verkleinerung des Mondes kommen die eschatologischen Implikationen des Midraschs besonders deutlich zum Ausdruck. Es gelingt Gott nicht, den gekränkten und empörten Mond zu besänftigen, und er muss für die Ungleichheit der Leuchtkörper selber sühnen bzw. sühnen lassen. Diese Sünde des Schöpfers verlangt nach einer eschatologischen Wiedergutmachung, die aufgrund von Stellen wie Jes 30,26 in vielen aggadischen, halachischen, liturgischen und kabbalistischen Quellen behandelt wird.

6. Die Mondsymbolik

Das jüdische Mondritual (Kiddusch HaL‘wana) dient auch der Entschädigung des Mondes. Am ersten oder zweiten Schabbat-Ausgang nach Neumond treten die Beter nach Einbruch der Dunkelheit ins Freie und sprechen im Angesicht des Mondes folgende Bitte:

„Es sei dein Wille, Herr, mein Gott und Gott meiner Väter, den Fehler des Mondes (Pegimat HaL’wana) auszufüllen, dass kein Mangel mehr an ihm sei. Das Licht des Mondes werde wie das Licht der Sonne und wie das Licht der sieben Schöpfungstage, so wie es vor seiner Verkleinerung (Mijuta) war, da es heißt: ‚die beiden großen Lichter‘ (Gen 1,16).

Und es erfülle sich der Schriftvers (Hos 3,5): ‚[...] sie wünschen sich den Ewigen, ihren Gott, herbei und David, ihren König’.“

Neumond  

Kiddusch HaL‘wana
(Gebet zur Begrüßung des Mondes).

Holzschnitt aus einem Minhagim-Buch,
Amsterdam 1723.

 

Mit der Erwähnung des Königs David wird die himmlische Wiedergutmachung in eine messianische Perspektive gestellt. König David wird in diesem Ritual mehrmals mit dem bekannten Refrain „Dawid Melech Jisrael Chai WeKajam“ („David, König Israels, lebt und besteht“) erwähnt.

In talmudischer Zeit war das eine verschlüsselte Formel, mit der dem jüdischen Ältesten der Neumond gemeldet wurde (bRHa 25a). Der unsichtbare, aber wachsende Neumond wird so zum Symbol für das unsichtbare, aber kommende Gottesreich, das in der Zwischenzeit allerdings eher das eines traurigen Mondkönigs als das eines strahlenden Sonnenkönigs ist. Eben das drückt ein herrliches Gebet aus dem Mondritual aus:

„Dem Mond hat er befohlen, sich als Krone der Herrlichkeit zu erneuern, für das vom Mutterschoß an getragene Israel (Jes 46,3), das bestimmt ist, sich wie der Mond zu erneuern und seinen Schöpfer zu verherrlichen, zur Ehre seines Reiches.“

Der Mond mit seinen Phasen wird zum Bild für den messianischen Rhythmus der Geschichte Israels (rShem 15,26 u. PRK 5,182, Ed. Buber, S. 83). Danach entsprechen dem zunehmenden Mond bis zum Vollmond am 15. Tag die fünfzehn Generationen von Abraham bis Salomon und der abnehmende Mond bis zum Neumond am 30. Tag den fünfzehn Generationen von Salomon bis zum babylonischen Exil. Die messianische Pointe dieses Gleichnisses ist, dass Israel im Exil ebenso mit einer Regeneration rechnen darf, wie der neue Mond, ja, auf ein Ende des wechselhaften lunaren Zeitalters überhaupt (Ad Beli Jareach, Ps 72,7).

In der jüdischen Mystik wird die „Verkleinerung des Mondes“ zum Symbol des Exils der Schechina (Galut HaSchechina).

„Die Schechina selber ist der ‚Heilige Mond’, der von seinem Rang gesunken, seines Lichts beraubt und ins kosmische Exil geschickt worden ist. Seitdem strahlt sie nur noch, ganz wie der Mond, in reflektiertem Licht.“1

Die Mondphasen weisen darauf hin,

„dass vor der messianischen Erlösung der Mond (das heißt aber eben auch die Schechina), selbst wenn er seine Leuchtkraft wieder gewonnen hat, immer wieder zur völligen Lichtleere und Bedürftigkeit herabsinkt. Erst in der Erlösung wird der Mond wieder in seinen ursprünglichen Stand restituiert, […]. Inzwischen aber scheint den Kabbalisten kein kosmisches Ereignis deutlicher mit dem Exil aller Dinge, der Unvollkommenheit und dem Makel, der allem Sein innewohnt, in Verbindung zu stehen als eben diese periodische Verkleinerung des Mondes.“2

Auf der anderen Seite verhieß gerade die Wiederkehr des Mondlichtes nach seinem völligen Entschwinden die Wiederherstellung aller Dinge in der Erlösung. Dieses Drama spielt sich in Gott selbst ab, wo der Mond das Symbol der Schechina und die Sonne das Symbol der zentralen Sephira Tipheret ist. Ihre Scheidung und ihre heilige Hochzeit symbolisieren folglich Krieg und Frieden in der Höhe und für uns.


Prof. Dr. Daniel Krochmalnik ist Dozent für jüdische Philosophie, Geistesgeschichte und Religionspädagogik an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen.


  1. Gershom Scholem, Tradition und Neuschöpfung im Ritus der Kabbalisten, in: Zur Kabbala und ihrer Symbolik, Zürich 1960, 200.
  2. Ebd. S. 200.

Jahrgang 18 / 2011 Heft 4 Seite 242−252


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