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Günther Saltin

Alfred Delp: Einsatz für verfolgte Juden

Alfred Delp, 1907–1945, wurde am 28. Juli 1944 in München-Bogenhausen von der Gestapo verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße in Berlin überführt. Am 11. Januar 1945 wurde er durch den Volksgerichtshof wegen Hoch- und Landesverrats zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Afred-Delp-Gedenkmedaille

Alfred-Delp-Gedenkmedaille,
gestaltet von Anton Gabrik zu Delps 60. Todestag.

Von Menschen, die sich für Person und Werk Alfred Delps interessieren, wird hin und wieder, zuweilen auch mit Verwunderung oder gar Befremden festgestellt, dass sich in den „Gesammelten Schriften“ keine einzige klare Äußerung Delps gegen die Ausgrenzung, Verfolgung und Ausrottung der Juden finden lässt. Und weil Delp sich mehrfach, am deutlichsten in einer Predigt zum Fest der hl. Elisabeth von Thüringen1 und in einer Predigt zu Allerheiligen 19412, in der er sich u. a. mit dem von den Nationalsozialisten bestellten Propagandafilm von Wolfgang Liebeneiner „Ich klage an ...“ auseinandersetzt, in aller Deutlichkeit gegen das „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten ausgesprochen hat, stellt sich verschärft die Frage, was denn diesen Ausfall zumindest des öffentlichen Engagements für verfolgte Juden begründen kann.

Aus diesem Fehlen eines Protestes allerdings auf Desinteresse an den jüdischen Mitbürgern oder Duldung, gar Billigung von Maßnahmen gegen Juden zu schließen, ist keinesfalls zu rechtfertigen. Zunächst muss hingewie sen werden auf einen gravierenden Unterschied im Risiko für den, der sich im Dritten Reich kritisch zum Euthanasieprogramm äußerte, im Vergleich mit dem, der die Politik gegenüber den Juden anprangerte: Der erste riskierte seine eigene Freiheit, denn Hilfsaktionen zur Rettung der von „Euthanasie“ bedrohten Menschen gab es kaum: Die Betroffenen waren ja in der Regel bereits in geschlossenen Anstalten. Die Kritiker der Maßnahmen gegen die Juden hingegen standen oft mit Organisationen zu deren Rettung in Verbindung, sodass bei Polizeiaktionen eine erhebliche Zahl anderer mit bedroht und die Arbeit der Organisation gefährdet war.

Wie eine Reihe von exakt dokumentierten Beispielen belegt, kann der Verzicht auf den öffentlichen Protest sich geradezu als notwendige Begleiterscheinung konkreter Hilfsmaßnahmen ergeben.3 Denn wer einem Juden zu einem Versteck verhilft, um dessen Flucht vorzubereiten, wird sich hüten, sich zu exponieren, weil dann mit Überwachung, Hausdurchsuchung und weiteren Maßnahmen im Umfeld zu rechnen wäre, in deren Gefolge das Versteck entdeckt werden könnte. Dass Delps Schweigen höchstwahrscheinlich auf diese Weise eine plausible Erklärung findet, wird durch einige Fakten, die im Zug dieses Artikels aufgeführt werden, unterstrichen. Auch die Monatszeitschrift „Stimmen der Zeit“ für das Geistesleben der Gegenwart, deren Redaktion Delp ab 1939 angehörte und die für die Beurteilung sozialer Probleme aus Sicht der Katholischen Soziallehre verantwortlich zeichnete, thematisiert die Judenverfolgung nicht ausdrücklich.

Den Herausgebern war klar: Wenn zu dieser Thematik ein regimekritischer Artikel erscheint, wird dies mit Gewissheit das zeitweise Verbot bzw. unter irgendeinem Vorwand, etwa wegen Papiermangels, das Ende der Zeitschrift zur Folge haben. Wem aber hätte das genützt? Bestimmt nicht den Juden! Es hätte aber Schaden angerichtet insofern, dass viele, die in dieser Zeitschrift einem christlich geprägten Humanismus begegneten, diese Stärkung christlichen Denkens und Empfindens verloren hätten, die bisher so manche Tat zur Rettung jüdischer Mitbürger möglich gemacht hatten. Zeitzeugen, die sich Alfred Delp als ihre Seelsorger anvertraut und etwa im „Bund Neudeutschland“ oder im „Heliand“ eine geistige Heimat gefunden hatten, werden nicht müde zu betonen, wie wichtig Zeitschriften dieser Art für ihr eigenes Durchhaltevermögen und ihr Engagement waren.

Persönliche Voraussetzungen / Ausbildung

Nichts deutet darauf hin, dass Alfred Delp während seiner Einführung in das Ordensleben und im Laufe seines Studiums besonderer Sensibilität gegenüber der „Judenfrage“, etwa bei seinen akademischen Lehrern, begegnet wäre. Seine schriftlichen Äußerungen zum Judentum bewegen sich in den traditionellen Bahnen: Im Schoß des Judentums, dem Gottesvolk des „Alten Bundes“, wurde die Ankunft Jesu als des Christus (Messias) durch göttliche Führung vorbereitet, um von dort aus der gesamten Menschheit zu ihrer Rettung präsentiert zu werden; die Juden aber erkannten – abgesehen von wenigen Ausnahmen – in Jesus nicht den von Gott gesandten Retter. Sie müssen sich „bekehren“.

Die Vorstellung vom Judentum als der bleibenden Wurzel der Kirche und ihres Glaubens war den christlichen Theologen zwar rudimentär bewusst, erkennbar daran, dass die vehement von den Machthabern angestrebte Disqualifikation des „Alten Testamentes“ von weitaus den meisten katholischen Theologen nicht mitgetragen wurde und sich deshalb z. B. im Religionsunterricht nicht durchsetzen ließ. Doch die Erkenntnis, dass die christlichen Kirchen – einmal abgesehen von der humanitären Verpflichtung – sich auf die Seite der bedrohten Juden als den leibhaftigen Brüdern und Schwestern Jesu zu stellen hätten, wird zumindest expressis verbis bei nur ganz wenigen ausgesprochen.

Bei Delp ist häufig von den Kirchen (!) als den Inhaberinnen des Wächteramtes über die Wahrung des „ius nativum“ zugunsten aller Menschen die Rede. Dies allerdings geschieht deutlich und in einer Art und Weise, dass Rückschlüsse auf die Verpflichtung der Kirchen den Juden gegenüber sich zwingend ergeben. Delp weiß sich hier einig mit seinem Provinzial Augustin Rösch, der mit anderen Ordensleuten gemeinsam geradezu verzweifelt versucht, den deutschen Episkopat zu einem in allen Kirchen zu verlesenden „Dekalog-Hirtenbrief“ zu bewegen, in dem die Verbrechen des Regimes gegen fundamentale Menschenrechte klar angesprochen werden.4

Erhalten sind Stenogramme von Abendvorträgen oder Predigten aus den Jahren 1942 und 1943 zum Thema „Zeichen der Zeit“.5 Am 14. September 1942 spricht er über die Kirche als „Licht auf dem Leuchter“ (Mt 5,14), „Stadt auf dem Berge“ (Mt 5,14) und deren „Zeugnis bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8). Die Kirche ist gewollt als „Gemeinschaft, an der die Welt sich selber messen soll und spüren soll, wo sie abirrt, wo der Weg rechts oder links wirklich daneben geht“.6

„Wie wird aus dieser Kirche, aus uns, ein echtes Zeichen, das da steht am Horizont? [...] Wenn die Zeit ihre letzte Klärung finden wird (die politischen und sozialen Verhältnisse des Dritten Reiches) und die Menschen das innerlich verantworten müssen“, dann werden sie „uns ins Gesicht spucken und sagen: Ihr habt es gewusst, nicht nur eure Bischöfe und Pfarrer, auch der Mann auf der Straße [...].“ Was der Redner meinte, war allen Zuhörern klar. Die Menschen in München wussten z. B., dass in einem Teil des Altersheimes der Vinzentinerinnen im Stadtteil Berg am Laim jüdische Mitbürger „konzentriert“ waren und von da aus Deportationen in den Osten durchgeführt wurden.7

Delp und sein Mitbruder Lothar König, engster Mitarbeiter des Provinzials der Oberdeutschen Provinz der Jesuiten, Augustin Rösch, waren exakt in diesen Wochen damit befasst, für die Beratungen in Kreisau8 einen Entwurf zu bearbeiten zur Frage, was von den Kirchen – nach dem Krieg und bei der Neuordnung, darüber hinaus aber bei der Gestaltung von Staat und Gesellschaft überhaupt – erwartet werden kann. Hier ist formuliert, der Kirchen Pflicht sei es, laut zu „schreien“ (Text: „proklamieren“; clamare = schreien), wenn das „ius nativum“ tangiert sei – gegen wen auch immer!9 Dass sich wegen Delps Engagement im Kreis um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg eine Anklage gegen das Regime wegen gravierender Menschenrechtsverletzungen in einem öffentlichen Vortrag verbot, lag auf der Hand; auf äußerste Vorsicht in diesen Situationen hatten sich die „Kreisauer“ verpflichtet. Eine Verhaftung mit Folter hätte viele Menschenleben gefährdet und das Projekt der Kreisauer zunichte gemacht.

Caritas-Netzwerk / Hilfe für Jüdische Gemeinden

Dass Delp bereits früh in seiner Zeit in München, vielleicht ab der 2. Jahreshälfte 1939, an Rettungsaktionen beteiligt war, belegt eine Mitteilung von Dr. Karl Kreuser aus München-Bogenhausen (Pfarrei Heilig Blut), Vater des Delp-Schülers und späteren Jesuiten Karl Adolf Kreuser. Auf die Frage, wie er mit Delp bekannt geworden sei, erzählte er, Delp „suchte ein Unterkommen für einen von den Nazis in Österreich ins KZ geschickten und dort gänzlich zusammengebrochenen Mann. Ich konnte ihm dabei helfen [...].“10 Die hier erwähnte Verbindung nach Österreich könnte auch für die Frage nach Delps Engagement für verfolgte Juden von Bedeutung sein. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass er in Verbindung stand mit dem Jesuiten Ludger Born, der in Wien eine Hilfsstelle für „nichtarische Katholiken“ leitete. 11

Über diesen Kontakt ist bisher kaum Konkretes bekannt; eine gründliche Untersuchung könnte hierzu einiges zutage fördern. Die wichtigste Auskunft über Delps Einsatz für verfolgte Juden erteilt Luise Oestreicher12 in ihrem Antwortbrief an Ger van Roon13. Oestreicher war ausgebildete Fürsorgerin. Bekannte charakterisieren sie als ideenreiche und zugleich pragmatisch denkende Frau.14 Sie pflegte intensive Kontakte zur jüdischen Gemeinde in München und war so die ideale Mitarbeiterin für Gertrud Luckner,
Gertrud Luckner
Dr. Gertrud Luckner (1900–1995), Begründerin des Freiburger Rundbriefs.
die mit einem Spezialauftrag des Freiburger Erzbischofs Dr. Conrad Gröber unter dem Dach der Caritaszentrale in Freiburg ein das Reich umfassendes Netzwerk der Hilfe für „nichtarische Katholiken“ knüpfen sollte.15

In einem Brief an Prof. Ger van Roon schreibt Luise Oestreicher am 3.10.65:

„Tatsächlich habe ich Pater Delp durch eine Untergrundtätigkeit kennen gelernt, bei der es sich darum handelte, jüdische Menschen zu verstecken und womöglich über die Grenze zu bringen. Er wusste im Jahr 1941 od. 42 auch einmal ein wunderbares Versteck, in dem eine ganze Familie über einen ganzen Winter versteckt werden konnte und hernach, im Frühjahr, haben wir gemeinsam gezittert, bis sie über den Bodensee in die Schweiz kommen konnten.

Dass er ein Mittelpunkt der Hilfe für die Juden gewesen wäre, kann ich persönlich nicht behaupten, obwohl ich weiß, dass Frau Dr. Luckner ihn bei ihren Aufenthalten in München jeweils aufgesucht hat. Bei ihm hat eben jeder, der in Not war, eine offene Tür und ein offenes Herz gefunden und damit natürlich am meisten die Verfolgten des Dritten Reiches. [...] Ich kannte jüdische Menschen, die bei ihm ein u. aus gingen bis zu seiner Verhaftung und das war eine sehr große Hilfe für jeden Menschen in solcher Not. Vielleicht meint Gertrud Luckner das, wenn sie von ‚Mittelpunkt’ spricht. Irgendwie war Pater Delp ja immer Mittelpunkt, so wie ein Magnet eben ist. Über seine Kontakte zu Österreich wusste ich nichts.

Es war in dieser Zeit wirklich erstaunlich, mit wie wenig Information untereinander man in gewissen Dingen mit Rücksicht auf die Sicherheit anderer auskam. Ich habe sehr viele Dinge erst hernach erfahren und höre das gleiche von anderen Freunden und Helfern [...].“

Luise Oestreicher modifiziert das von Gertrud Luckner häufig16 geäußerte Urteil, Alfred Delp sei für München der Mittelpunkt der Hilfe für Juden gewesen. Luckners Bemerkung steht auch in einer gewissen Spannung zu ihrem eigenen Verhalten, denn in Vorträgen und Interviews berichtet sie auch von wichtigen Aktionen in München, ohne den Namen des Jesuiten zu erwähnen. „Mittelpunkt“ für die Aktionen, die Luckner verantwortete, war Delp insofern, als sie ihn bei ihren Aufenthalten in München nach Möglichkeit aufsuchte und seinen Rat, wenn möglich auch seine Hilfe erbat. Auch Delps Referententätigkeit im ganzen Deutschen Reich, verbunden mit zahlreichen Verbindungen zu vertrauenswürdigen Personen, bot eine hervorragende Bedingung zur Vorbereitung und Durchführung von Fluchthilfe.

Für die Wertschätzung, die Gertrud Luckner Delp entgegenbrachte, bietet deren Nachlass im Archiv des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg einige Belege. So verschickte sie am 7. Februar 1948 an befreundete Quäker – neben weiteren Schriften – auch die Vater-Unser-Meditation von Alfred Delp, abgedruckt in dem von Pater Paul Bolkovac SJ im Jahr 1947 herausgegebenen Band „Im Angesicht des Todes“. Im Begleitbrief an Mizi (Henriette) Jordan schreibt sie: „Vielleicht interessieren Euch beiliegende Büchlein. Pater Delp gehörte zu unserm Helferkreis in München in den Verfolgungsjahren.“17

Man muss davon ausgehen, dass Delps Hilfsaktionen sich im Großen und Ganzen im Rahmen des Luckner’schen Programms bewegten, und dass der erste Kontakt zwischen beiden über Luise Oestreicher zustande kam. Für Einrichtung und Einsatz des Luckner’schen Hilfsnetzes war die Verbindung zu den Quäkern, denen sie damals angehörte, von entscheidender Bedeutung. Das gilt in besonderer Weise für München.

Durch ihren Übertritt in die römisch-katholische Kirche war Luckner bei vielen ihrer früheren Quäker-Freunde in Misskredit geraten, und sie drängten auf einen formellen Ausschluss. Dieser Meinung konnte sich das Ehepaar Dr. Rudolf Cohen und Dr. Annemarie Cohen-Buch aus München nicht anschließen. Dr. Cohen war Physiker, seine Frau eine renommierte Ärztin. Befreundet waren sie mit Elisabeth Behrend-Rosenfeld, die als Sozialarbeiterin in der jüdischen Gemeinde tätig war.18 Deren vielfach gefordertes organisatorisches Talent war besonders gefragt nach Kriegsbeginn im Jahr 1939: Weil man im südwestdeutschen Raum eine Invasion französischer Truppen nicht ausschließen konnte, musste diese Region zunächst vorsorglich evakuiert werden. Die Juden aus den Großstädten Freiburg und Karlsruhe kamen mehrheitlich nach München. Die jüdische Gemeinde dort hatte für die Unterkunft und die sonstigen Lebensbedürfnisse dieser gut 320 „Rückwanderer“ zu sorgen. Die Organisation lag in den Händen von Elisabeth Behrend-Rosenfeld19, die diese Aufgabe in wenigen Tagen bewältigte.

Die Quäker in München versorgten die oft in Eile aufgebrochenen Menschen mit Kleidung. Diese Maßnahme lag in den Händen des Ehepaares Cohen-Buch. Als die jüdischen Familien bald schon in ihre badische Heimat zurückkehren konnten, nahm Annemarie Cohen-Buch Kontakt auf mit ihrer Quäker-Freundin Gertrud Luckner in Freiburg und informierte sie über die zunehmende Gettoisierung der Münchner Juden. Diese reiste daraufhin nach München, suchte den Kontakt zur jüdischen Gemeinde und lernte E. Behrend-Rosenfeld kennen.

Volksgerichtshof 
Alfred Delp vor dem Volksgerichtshof.
Ab August 1941 kamen die ersten Juden in die „Heimanlage für Juden in Berg am Laim“, um später in den Osten deportiert zu werden. Behrend-Rosenfeld wurde für die Organisation dieser „Heimanlage“ verpflichtet, die sich über zwei Stockwerke eines beschlagnahmten Hauses der Vinzentinerinnen erstreckte. Hier war Hilfe von außen in vielfältigster Weise vonnöten, zumal der Anteil alter Menschen – entsprechend der durch Abwanderung bedingten Altersstruktur der jüdischen Gemeinde – sehr hoch lag. Die engagierteste Mitarbeiterin Luckners in diesem Bereich war nach deren Zeugnis20 Luise Oestreicher, und über sie kam Alfred Delp ins Spiel.

Spurensuche

Damit soll nicht behauptet werden, Delps Hilfe für Juden beziehe sich allein auf den Einsatz für die in Berg am Laim internierten Menschen. Sein Kontakt mit Gertrud Luckner, der auch von gegenseitiger persönlicher Sympathie bestimmt war, brachte eine Einbindung in das von Luckner geknüpfte reichsweite Netz der Judenhilfe mit sich. Doch dies zu dokumentieren ist nur höchst bruchstückhaft möglich, weil die einzelnen Glieder einer Helferkette aus Gründen der Sicherheit möglichst keine Spuren verursachen und nur das nächste Glied in der Kette kennen sollten.21

Solide Zeugenaussagen lassen keinen Zweifel daran, dass Delp für einzelne Juden, denen die Deportation drohte, sichere Verstecke besorgte, wo diese die Zeit bis zur Flucht – in der Regel in die Schweiz – verbringen konnten. Luise Oestreicher erwähnt ein „wunderbares Versteck“, in dem eine ganze Familie den Winter über (entweder 1941/42 oder 1942/43) auf die Gelegenheit zur Flucht in die Schweiz warten konnte. Es ist anzunehmen, dass L. Oestreicher das Versteck nicht kannte. Roman Bleistein erwähnt22 ein „Heim der Katholischen Jugend“ in Oberlaus (Gemeinde Feldkirchen- Westenham zwischen Rosenheim und München) als von Delp mehrfach genutztes Versteck. Der Autor konnte trotz gewissenhafter Recherchen vor Ort dieses Haus nicht ausfindig machen. Selbst alte Dorfbewohner wussten nichts von der Existenz eines solchen Heimes, stellten aber einen Kontakt her mit dem ehemaligen CSU-Landtagsabgeordneten Josef Heiler im ebenfalls zu Feldkirchen-Westenham gehörenden Ortsteil Elendskirchen, der eventuell Auskunft geben könne.

Ein intensives Gespräch mit J. Heiler, der durch mehrere Telefongespräche mit gleichaltrigen Dorfbewohnern von damals die eigenen Erinnerungen absicherte, brachte ein weiteres Haus in Krügeling – dem Ortsteil Elendskirchen benachbart – ins Spiel: Dort habe eine Landwirtfamilie ein Nebengebäude während der Zeit des Dritten Reiches kirchlichen Jugendgruppen, die meist von Geistlichen begleitet waren, für Freizeiten und Schulungen zur Verfügung gestellt. Das Haus in Krügeling steht noch. Die heutigen Besitzer sind die Nachkommen der Familie, der es zur Zeit des Dritten Reiches gehörte. Sie wussten von der Nutzung des Hauses durch kirchliche Jugendgruppen, konnten aber nichts Näheres mitteilen. Das Gespräch mit den ältesten Dorfbewohnern brachte folgendes Ergebnis: Niemand weiß etwas Genaues über einzelne Juden oder eine jüdische Familie, die im Haus Nr. 6 mit den Jugendlichen zeitweise gelebt hätten. Aber Vermutungen in diese Richtung gab es damals. Niemand im Dorf aber – da waren sich die heutigen Gesprächspartner sicher – hätte irgendetwas bei den Behörden verlauten lassen, wenn er von hier versteckten Juden gewusst hätte.

Verlässliche Aussagen belegen zweifelsfrei, dass Delp im Rahmen seiner Möglichkeiten „untergetauchten“ Juden half zu überleben und die Vorbereitungen für die Flucht zu tätigen. Bekannt ist, dass er als Seelsorger in der Pfarrei Heilig Blut oder in angrenzenden Stadtbezirken bei Bombenangriffen unmittelbar nach der Entwarnung betroffene Familien aufsuchte, um mit ihnen zu beten, aber auch ganz praktisch Hilfe zu leisten. Viele der Betroffenen, die Angehörige verloren hatten, ließen Delp deren Lebensmittelkarten zukommen – wissend darum, dass er sie als Überlebenshilfe für bedrohte Menschen, darunter manche Juden, dringend benötigte und so die Einzelpersonen, Familien und Institutionen, die das lebensgefährliche Risiko des Versteckens auf sich genommen hatten, bei der Sorge um die Ernährung der Versteckten entlastete.

Dass Delp, wie Bleistein mitteilt, „von seiner Sekretärin, Luise Oestreicher, neue Fluchtwege ausspionieren (ließ), über Konstanz in die Schweiz, von Serfaus aus zu Fuß über die Grenze, von Feldkirch/Vorarlberg aus, indem man auf einen vorbeifahrenden Güterzug sprang“23, wird von Luise Oestreicher in dieser Form nicht bestätigt. Es ist eher anzunehmen – und die Formulierung ist für diese Interpretation offen –, dass Delp, wenn er um Fluchthilfe gebeten wurde, auf Kontakte mit Personen zurückgreifen konnte, die in der Lage waren, einen gefährdeten Menschen in einen „Stationenweg“ aufeinander aufbauender Rettungsmaßnahmen einzuschleusen, wobei den beteiligten Helfern jeweils nur die unmittelbar benachbarten Stationen bekannt waren.

Gut vorstellbar und von manchen Zeugen bestätigt ist Delps Bereitschaft und Fähigkeit zu spontaner Hilfe, ähnlich jenem Beispiel, das der Jesuit Paul Riesterer von seinem Mitbruder Pater Rupert Mayer berichtet: Eine Jüdin, die in die Vereinigten Staaten auswandern wollte, weil ihr die Einlieferung in ein Konzentrationslager drohte, wandte sich in ihrer Not an Pater Mayer, weil sie die Reisekosten nicht bezahlen konnte. Der Pater ging noch in der Nacht in Pullach zu einem Bekannten, der in der Nähe des Jesuitenkollegs wohnte und sich des Öfteren als Wohltäter des Ordens erwiesen hatte. Dieser gab ihm das nötige Geld: 5000 Reichsmark, die er für den Erwerb einer Statue vorgesehen hatte. „Nun diente es dazu, ein Menschenleben zu schützen.“24

Nach Kriegsende

Die enge Zusammenarbeit von Gertrud Luckner mit Luise Oestreicher und denen, die sie in der Hilfe für verfolgte Juden unterstützt hatten, bis die Verhaftung von G. Luckner das Netzwerk im Zentrum traf, fand unmittelbar nach Kriegsende in München ihre Fortsetzung. Am 4. Juli 1945 traf sich in der Wohnung von Familie Kreuser in München-Bogenhausen (Laplacestraße) ein Kreis von Menschen, die sich dem diakonischen Auftrag der Kirche verpflichtet wussten. Um Dr. Luckner hatten sich – neben dem Ehepaar Karl und Elisabeth Kreuser – eingefunden Max Blumschein, Pfarrer von Heilig Blut, Prof. Dr. Adolf Weber, Volkswirtschaftslehre (Vater von Frau Kreuser), Oskar Jandl, Direktor des Diözesancaritasverbandes München, Georg Rudolf Fritz, Direktor des Landescaritasverbandes Bayern, Anton Pollinger, Landescaritassekretär, Heinrich Auer, Bibliotheksdirektor der Caritaszentrale, Dr. Annemarie Cohen-Buch und Luise Oestreicher.25

Anlass des Treffens war die Ankunft von Gertrud Luckner in München nach der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück, in das sie nach ihrer Verhaftung am 24. März 1943 im D-Zug Freiburg-Karlsruhe eingeliefert worden war. Sie schlug sich nach München durch und fand Unterkunft bei Luise Oestreicher. Beide machten sich sofort daran, sich der Linderung der spezifischen Probleme der unmittelbaren Nachkriegszeit zuzuwenden und führten deswegen die Menschen zusammen, die sie in Zusammenhang mit ihrer Hilfe für Notleidende und Verfolgte als engagiert und zuverlässig erfahren hatten. Alfred Delp, vor wenigen Monaten hingerichtet wegen seines Einsatzes für seine Schwestern und Brüder, war allgegenwärtig. Sein geradezu verzweifelter Appell für eine diakonische Kirche galt seinen Freunden als Testament: Rückkehr der Kirchen in die „Diakonie: in den Dienst der Menschheit. Und zwar in einen Dienst, den die Not der Menschheit bestimmt, nicht unser Geschmack oder das Consuetudinarium einer noch so bewährten kirchlichen Gemeinschaft.“26

Bei der Besprechung in der Laplacestraße schlug A. Cohen-Buch ein Begegnungszentrum für junge Menschen vor, weil viele von ihnen Gefahr laufen, ohne Orientierung aufzuwachsen. Konkret im Blick war die Umwidmung eines bisher von der SS genutzten Hauses als Anlaufstation für Kriegsheimkehrer, die in der Heimat vor den Trümmern des Hauses und den Gräbern der Angehörigen stehen. Diese angedachten, zum Teil auch bereits auf den Weg gebrachten Maßnahmen konnten nur realisiert werden mit dem Einverständnis der Besatzungsmacht, der Amerikaner. Dabei erwies sich die Beteiligung der Quäker als äußerst hilfreich, denn diese genossen das Vertrauen der Besatzungsbehörde.27

Die mühsame Suche nach Spuren zu Erkenntnissen über Alfred Delps Einsatz für verfolgte Juden hat sich auch aus der Sicht des christlichen Zeugnisses gelohnt. Alfred Delp bietet ein überzeugendes Beispiel dafür, dass der Christ als Zeuge der „Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes“ seiner Berufung nur dann gerecht wird, wenn er diese universal interpretiert, also dass er sich einsetzt, um mit Delp zu reden notfalls „sich blutig schindet“28 für die Menschenwürde aller, denen diese streitig gemacht wird.

 


Lic. theol. Günther Saltin, Neuhofen (Pfalz), Religionspädagoge u. a. an der Universität Saarbrücken und am Liselotte-Gymnasium in Mannheim, ist Initiator und Mitbegründer (2005) der Alfred-Delp-Stiftung Mannheim. Abdruck aus Alfred-Delp-Jahrbuch, Band 4/2010, mit Erlaubnis des Autors.

 


  1. Alfred Delp, Gesammelte Schriften Band 1–5. Hg. von Roman Bleistein. Frankfurt/M. 2. Aufl. 1985; 1988 hier: Bd. 3, 288–292.
  2. Gesammelte Schriften Bd. 3 (Anm. 1), 263–269.
  3. Zur Hilfe für verfolgte Juden vgl. Wolfgang Benz (Hg.), Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003.
  4. Antonia Leugers, „Heiligste Pflicht zwingt uns zu sprechen ...“ Kirchenpolitische Kontroversen im deutschen Episkopat um den geplanten Hirtenbrief von 1941, in: Gelegen oder ungelegen – Zeugen für die Wahrheit, hg. von Dieter R. Bauer/Abraham P. Kustermann (Hohenloher Protokolle 28), Stuttgart 1989; dies., Gegen eine Mauer bischöflichen Schweigens. Der Ausschuss für Ordensangelegenheiten und seine Widerstandskonzeption 1941–1945. Frankfurt/M. 1996.
  5. Gesammelte Schriften Bd. 3 (Anm. 1), 409–453.
  6. Gesammelte Schriften Bd. 3 (Anm. 1), 414.
  7. Else R. Behrend-Rosenfeld, Ich stand nicht allein. Leben einer Jüdin in Deutschland 1933–1944. München 1988. Ausführlich über Berg am Laim ab S. 108.
  8. Die Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ befasste sich mit Plänen zur politisch-gesellschaftlichen Neuordnung nach dem erwarteten Zusammenbruch der NS-Diktatur.
  9. Gesammelte Schriften Bd. 4, 401 f.
  10. Manuskript von P. Karl Adolf Kreuser SJ: Wer war Pater Alfred Delp? Für die Familienangehörigen zusammengestellt. Dank an Pater Kreuser, der dem Autor Einblick gewährte!
  11. Ludger Born SJ, Die Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken in Wien, hg. von Lothar Groppe SJ. Wien 1978.
  12. Luise Oestreicher (1910–1983) wird in Roman Bleisteins Delp-Biografie „Alfred Delp: Geschichte eines Zeugen“ und in den „Gesammelten Schriften“ durchgängig als „Sekretärin Delps“ bezeichnet. Diese Charakterisierung bezieht sich darauf, dass L. Oestreicher in der Lage und bereit war, Delps fast unleserliche Handschrift zu entziffern.
  13. Dank an Dr. Klaus Philippi, Heimsheim, der diesen Brief im „Institut für Zeitgeschichte“ in München entdeckt und den Autor darauf aufmerksam gemacht hat.
  14. Briefliche Auskunft einer ehemaligen Mitarbeiterin von L. Oestreicher in Rosenheim, die namentlich nicht genannt werden möchte.
  15. Hans-Josef Wollasch, Gertrud Luckner, „Botschafterin der Menschlichkeit“, Freiburg 2005, 22 f. Ders., „Betrifft: Nachrichtenzentrale des Erzbischofs Gröber in Freiburg“. Die Ermittlungen der Geheimen Staatspolizei gegen Gertrud Luckner 1942–1944, Konstanz 1999. Vgl. auch Elizabeth Petuchowski, Gertrud Luckner: Widerstand und Hilfe, in: FrRu 7(2000)242–259, sowie Michael Kißener (Hg.), Widerstand gegen die Judenverfolgung. Portraits des Widerstandes. Forschungsreihe der Universität Karlsruhe. Konstanz 1996, 238.
  16. Roman Bleistein, Alfred Delp. Geschichte eines Zeugen, Verlag Josef Knecht, Frankfurt/M. 1989.
  17. Nachlass G. Luckner im ADCV; Korrespondenz mit Quäkern 093.2 + 284.01 Kasten 4 Fasc. 02 + 03.
  18. Else R. Behrend-Rosenfeld, Ich stand nicht allein (Anm. 7). Zum Ehepaar Cohen: Das Hilfsnetz von Annemarie und Rudolf Cohen in München. Vortrag von Rudolf Cohen (Sohn des Ehepaares) beim Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus zum Thema: „Stille Helfer. Die Quäker in der NS-Zeit“ am 27. Januar 2009 in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.
  19. Else R. Behrend-Rosenfeld, Ich stand nicht allein (Anm. 7), 71.
  20. Hans-Josef Wollasch, „Botschafterin der Menschlichkeit“ (Anm. 15), 2.
  21. In mehreren Beiträgen in Benz, Überleben (Anm. 3), werden solche Helferketten beschrieben. In Einzelfällen waren um die 50 Personen an der Organisation einer Flucht beteiligt.
  22. Roman Bleistein, Alfred Delp. Geschichte eines Zeugen (Anm. 16), 203.
  23. Roman Bleistein, Alfred Delp. Geschichte eines Zeugen (Anm. 16), 203.
  24. Konrad Löw, Die Münchner und ihre jüdischen Mitbürger 1900–1950 im Urteil der NS-Opfer und -Gegner. München 2008, S. 118 f. – Nach Mitteilung von Freunden Delps, z. B. aus Wolferkam, hatte Delp, wenn es um Hilfe für Notleidende ging, keinerlei Hemmungen, begüterte Gemeindemitglieder, von denen es z. B. in Bogenhausen etliche gab, direkt um Geld oder sonstige Unterstützung zu bitten – meist mit Erfolg.
  25. Hans-Josef Wollasch, „Botschafterin der Menschlichkeit“ (Anm. 15), 110 f.
  26. Gesammelte Schriften Bd. 4 (Anm. 1), 319.
  27. Die Verwurzelung in der Quäkergemeinschaft, mit der G. Luckner auch nach der Aufnahme in die katholische Kirche in intensivem Austausch stand, hat in der katholischen Kirche reiche Frucht gebracht: Luckner, die ihr Engagement für die Juden aus dem Quäkertum in ihre Arbeit bei der Caritas einbrachte, gründete 1948 in Freiburg den Gesprächskreis „Christentum und Judentum“. Im August 1948 erschien die erste Nummer des „Rundbrief zur Förderung der Freundschaft zwischen dem Alten und dem Neuen Gottesvolk – im Geist der beiden Testamente“. Der „Freiburger Rundbrief“ ist bis heute das wichtigste in Deutschland erscheinende Medium des Dialogs von Juden und Christen.
  28. Gesammelte Schriften Bd. 4 (Anm. 1), 319.

Jahrgang 18 / 2011 Heft 3 Seiten 162−167


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