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Rudolf Pesch

Paulus der Exeget Jesu

Es ist eine – vor allem unter jüdischen Autoren – weit verbreitete Meinung, der Völkerapostel Paulus habe das Erbe Jesu verfälscht und die christliche ‚Religion’ begründet. Mit ihm und seiner Theologie und seinem Werk beginne die Scheidung zwischen Israel und der Kirche. So hat z. B. der große Rabbiner Leo Baeck, der den Holocaust überlebte, die Scheidelinie, die das Judentum vom Christentum abgrenze, zwischen Jesus und Paulus angesetzt: „Die Grenze, die das Judentum scheidet, beginnt bei der paulinischen Predigt.“

Unter Bibelwissenschaftlern ist auch die Ansicht verbreitet, Paulus habe von Jesus, den er persönlich nicht kannte, kaum etwas gewusst. Doch wer seine Briefe mustert und sich fragt, wann und wo Paulus sich auf Jesus hätte beziehen können oder sollen, wird feststellen, dass dies häufig genug geschieht; man wird ohnehin annehmen dürfen, dass Paulus bei seinem fünfzehntägigen Besuch bei Kephas/Petrus in Jerusalem (vgl. Gal 1,18) sich ausführlich aus erster Hand über Jesu Wort und Werk informieren ließ. Aber wie steht es um die ‚Scheidelinie’, die Jesus von Paulus, das Judentum vom Christentum trennen soll?

Keine zwei Religionen

Es war kein Geringerer als Franz Rosenzweig, der 1925 in seinem großen Aufsatz Das neue Denken1 die Sonderstellung von Judentum und Christentum so begründet hat: Sie sind „keine Religionen“ und das verbindet sie auch:

„Die Sonderstellung von Judentum und Christentum besteht gerade darin, dass sie, sogar wenn sie Religion geworden sind, in sich selber die Antriebe finden, sich von ihrer Religionshaftigkeit zu befreien.“

Es war auch kein Geringerer als Papst Benedikt XVI., der – noch Kardinal – in seinem Vortrag "Der Neue Bund" vor der Académie des sciences morales et politiques in Paris 1995 ausführte: Man könne „keinesfalls Altes und Neues Testament als zwei verschiedene Religionen einander gegenüberstellen; es gibt nur einen Willen Gottes mit den Menschen, nur ein Geschichtshandeln Gottes mit den Menschen, das sich in unterschiedlichen und zum Teil auch gegensätzlichen, aber in Wahrheit zueinander gehörenden Eingriffen vollzieht“.

Zur Erkenntnis, dass Judentum und Christentum nicht verschiedene Religionen sind, sondern zum einen, einzigen Volk Gottes (als dessen Vater sie Abraham verehren) gehören, haben, dem Papst sekundierend, auch die Kardinäle Jean-Marie Lustiger, Carlo Maria Martini und Walter Kasper und auch protestantische Theologen wie Markus Barth oder Ulrich Wilckens beigetragen. Wir sind also, zumal in der gegenwärtigen Epoche nach dem Holocaust, bald 2000 Jahre nach Paulus, in der Lage, unvoreingenommener auf das Lebenswerk des Paulus zu blicken. Ist es angemessen, ihn den Vollstrecker des Testamentes Jesu zu nennen?

Paulus, der radikale Jude

Der in Berkeley/Kalifornien – und gelegentlich in Rom oder Jerusalem – lehrende jüdische Forscher Daniel Boyarin hat über Paulus als „radikalen Juden“ (The radical Jew) geschrieben und mit manchen Vorurteilen über den angeblichen ‚Apostaten’ aufgeräumt. Paulus hat – wie Jesus – seine jüdische Identität nie verleugnet und sich – abgesehen davon, dass damit ur sprünglich keine Unterscheidung und kein Gegensatz zu ,Jude’ bezeichnet war – nie ‚Christ’ genannt. Er bezeichnete sich ausdrücklich als „Israelit“, aus dem „Stamm Benjamin“, als einer derjenigen, denen die Vorzüge Israels galten. Wer „unbeschnitten“ die Tora erfüllt, ist für Paulus „im Verborgenen Jude“. Und die ehemaligen Heiden, die sich von den Götzen abwenden, um dem lebendigen wahren Gott zu dienen, werden „Juden“, freilich durch die Verkündigung des Paulus solche, die Jesus als den Messias glauben und ihn als den „Sohn“ vom Himmel her erwarten (vgl. 1 Thess 1,9–10). Dem Vorwurf, er wolle die Tora, die Weisung Gottes für Israel, sein einziges Volk, aufheben, hat Paulus vehement widersprochen: 

„Setzen wir nun durch den Glauben das Gesetz außer Kraft? Im Gegenteil, wir richten das Gesetz auf“ (Röm 3,31).

Paulus und Timotheus 

Paulus und Timotheus.

Französische Buchmalerei, 14. Jh.

Lässt sich ein ergreifenderes Zeugnis für die unverbrüchliche Identifizierung Pauli mit seinem Volk erdenken als den Beginn der Israel-Kapitel 9–11 des Römerbriefs?

„Ich sage in Christus die Wahrheit und lüge nicht, und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist: Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. Ja, ich möchte selbst verflucht sein und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind“ (Röm 9,1–3).

Wie einst Mose bei JHWH für Israel eintrat (vgl. Ex 32,32) und, mehr noch, wie Jesus Christus, der für ganz Israel in den Tod ging, möchte Paulus stellvertretend für seine jüdischen Brüder eintreten und selbst mit dem Fluch ihrer Verweigerung beladen sein. Ein unerfüllbarer, Paulus umso mehr peinigender Wunsch, der aber den „radikalen Juden“ charakterisiert!

Paulus in der Spur Jesu

Geläufig ist uns, dass Paulus zum „Völkerapostel“ wurde. Er hat die universale Bedeutung des Todes Jesu in der beschneidungsfreien Hinzunahme der Heiden zum einen Gottesvolk verwirklichend ratifiziert. Dessen geschichtliche Vorhut ist nun die Ecclesia Gottes und seines Messias Jesus geworden. Dass Jesus „für die Vielen“, d. h. für die Gesamtheit Israels, sühnend, Vergebung erwirkend und Versöhnung stiftend in den Tod gegangen war, sollte nicht ‚exklusiv’ verstanden werden, sondern ‚inklusiv’, d. h. für alle, die diesem endzeitlichen Handeln Gottes glauben, also auch für die gojim, die Völker, die Heiden. Eine der Begründungen, die Paulus in seiner rastlosen theologischen Arbeit formulierte, lautete:

„Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren: Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus“ (Röm 3,23–24).

Weniger geläufig ist uns, dass die paulinische Rechtfertigungslehre, die im letzten Zitat anklang, in elementarem Zusammenhang mit der jesuanischen Verkündigung der Gottesherrschaft verstanden werden kann und muss. Freilich schreibt Paulus nicht so häufig von der basileia tou theou, der Herrschaft, dem Reich Gottes, wie Jesus davon sprach; aber die Belege in seinen (echten und den deutero-paulinischen) Briefen sind auch nicht so selten, wie man meinen könnte (vgl. Röm 14,17; 1 Kor 4,20; 6,9.10; 15,24.50; Gal 5,21; Eph 5,5; Kol 1,13; 4,11; 1 Thess 2,12; 2 Thess 1,5; 2 Tim 4,1.18). Schon in seinem ältesten Brief, den er im Jahr 50 aus Athen nach Saloniki schickte, ermahnt der Apostel die Gläubigen, die Gott „in sein Reich und zu seiner Herrlichkeit beruft“ (1 Thess 2,12).

Das Wort (be)rufen (gr. kalein) gehört zu den theologischen Vokabeln, die von Gottes Herrschaft in Schöpfung und Geschichte sprechen. Nach Gen 1 rief Gott die Schöpfung durch sein Wort hervor (Paulus spricht in Röm 4,17 von IHM als dem, der „das, was nicht ist, ins Dasein ruft“); Deuterojesaja setzt dies in Beziehung zur Berufung des Gottesknechts, der für Israel steht. „Gottes Herrschaft“ ist ebenso auf sein souveränes Schöpfer handeln wie auf sein Wirken in der Geschichte des von ihm geschaffenen Volkes bezogen. Gottes Herrlichkeit ist sein leuchtender Machtglanz, sein gegenwärtiges ‚Gewicht’.

Gottesherrschaft und Rechtfertigung

Es ist wohl angemessen, für unsere Auslegung einen jüdischen Autor als Zeugen zu zitieren; in einem 1972 erschienenen englischsprachigen Sammelband „Zeitgenössisches jüdisches religiöses Denken. Originale Essays über kritische Konzepte, Bewegungen und Glaubensvorstellungen“ hat Warren Zev Harvey in seinem Beitrag über Gottesherrschaft geschrieben: „Gottes Königtum ist eine Metapher für die ontologische Beziehung des Schöpfers zur Schöpfung.“ In manchen jüdischen Quellen werde erzählt, Gott habe schon als König regiert, „bevor irgend ein Geschöpf erschaffen war“. Und in anderen werde mit Bezug auf Dtn 33,5 darauf abgehoben, dass die Gemeinde Israel dadurch Gottes Herrschaft anerkennt, dass sie „wie ein Mann“ zusammenlebt, also einmütig.

Darum ist Paulus in seinen Briefen bemüht, dass die Gemeindemitglieder „eines Sinnes sind, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig“ (Phil 2,2). Dies darf der Apostel ihnen zumuten, weil er als radikaler Jude mit dem Propheten Micha weiß, dass der einzige Gott „die Schuld verzeiht und an der Verfehlung vorübergeht“, dass er „Jakob Treue erweist und Abraham Liebe“ (Micha 7,18.20; übersetzt von Erich Zenger2). Jesu Verkündigung der Gottesherrschaft machte für seine Gegenwart, die Endzeit, geltend, was Gott in seiner Selbstvorstellung vor Mose seinem Volk und damit aller Welt schon zugesagt hatte:

„JHWH ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Güte und Treue“ (Ex 34,6).

Gott ‚herrscht’ als der vergebende Vater, und auch die Schöpfung spiegelt diese seine treue Zuwendung zu seiner Welt und zu seinem Volk:

„Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45).

Reich Gottes – Gerechtigkeit Gottes

Die paulinische Rechtfertigungslehre ist gewissermaßen die ‚Anwendung’ der Theologie Jesu auf die Situation nach dessen Tod – angesichts der in seiner Auferweckung erwiesenen Herrschaft Gottes. Wie Jesus es wollte, als er Israel mit seinen Jüngern und insbesondere den Zwölfen zu sammeln begann, spricht die paulinische Theologie dem Sünder die gottgewollte Gemeinschaftsfähigkeit wieder zu, die Ausrüstung mit der zum Aufbau des einen Volkes Gottes notwendigen Gemeinschaftswilligkeit.

Jesus war, wie er von sich selbst sagte, gekommen, d. h. von Gott gesandt, „die Sünder zu rufen“ (Mk 2,17); Paulus, zunächst selbst sein Verfolger, erkannte, dass angesichts des Todes Jesu damit nun alle gemeint sind: „Es gibt keinen, der gerecht ist, auch nicht einen“ (Röm 3,16). Mit seiner Rechtfertigungslehre vollstreckt der „Apostel des Messias Jesus“ das Testament seines Herrn. Im 1. Timotheusbrief 1,12–17 ist in dieser Hinsicht ein angemessenes Porträt des Apostels gezeichnet worden:

„Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte.

Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat.

So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt:

Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste.

Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen.“


Am 13. Januar 2011 ist in Rom der Theologe und Historiker Rudolf Pesch, geb. am 2. September 1936 in Bonn, gestorben. Peschs Publikationen und Kommentare zählen zu den Standardwerken der katholischen Theologie. Pesch lehrte Bibelwissenschaft in Frankfurt/M. und Exegese des Neuen Testaments in Freiburg. 1984 gab er die Professur in Freiburg auf und widmete sich ganz der Integrierten Gemeinde in München. Zuletzt lehrte er an der Lateran- Universität in Rom am 2009 eröffneten fächerübergreifenden „Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes“. Eines von Peschs großen Anliegen war, die Zusammengehörigkeit von Juden und Christen zum einen Volk Gottes aufzuzeigen. Der Beitrag erschien erstmals zur Eröffnung des Paulus-Jahres in der Zeitschrift der Integrierten Gemeinde, HEUTE in Kirche und Welt, 8. Jg., Nr.7/Juli 2008, S. 1 f.

  1. Vgl. Wieland Zademach, Theologie im Licht des Neuen Denkens, FrRu 18(2011)105 ff.
  2. Anm. d. Red.: Zu Leben und Werk von Erich Zenger vgl. S. 168–180 i. d. Heft.

Jahrgang 18 / 2011 Heft 3 Seiten 162−167


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