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Metropolit Filaret

Christen und Juden: Wille zum Dialog

Die Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen reicht zurück bis in biblische Zeiten. Die Schriften der Propheten und das Buch der Psalmen enthalten bereits eine Vorahnung davon. Der Schlussakkord dieser Beziehungen wird von der Offenbarung des Johannes und dem Brief des Apostels Paulus an die Römer vorweggenommen. Bereits das dritte Kapitel des Buches Genesis schenkt der Verheißung des Schöpfers über den „Nachwuchs der Frau“, der den Versucher am Kopf treffen wird (Gen 3,15), theologische Aufmerksamkeit. Die Erwartung dessen, in dem der „Nachwuchs der Frau“ Fleisch wird, bildet die Grundlage des jüdischen Glaubens, seine Anbetung die Grundlage des christlichen Glaubens. Wie im ganzen historischen Gefüge der christlich-jüdischen Beziehungen liegen auch hier Eintracht und Zwietracht untrennbar beisammen. Sie ergeben gleichsam ein mit großen Rätseln behaftetes, überaus tragisches, aber gleichzeitig auch hoffnungsvolles „Ereignisfeld“. Aufgrund des Sündenfalls unserer Ureltern leben wir in einer höchst zerbrechlichen und verwundbaren Welt voller Konflikte und Gegensätze.

Seit biblischen Zeiten sehnt sich diese Welt nach Liebe und Harmonie, die ihre Wurzeln nicht in Kampf und Streit, sondern in der Liebe, der Stille und der Versöhnung hat. Unser Glaube an den Einen Wahren Gott ruft uns auf, diese Harmonie in die Welt hineinzutragen und in den Herzen der Menschen zu verbreiten. Worin besteht der Unterschied zwischen Dialog, Streit und wissenschaftlicher Diskussion?

Bereits in der Blütezeit des Hellenismus haben Sokrates und Platon der Sophistik die Dialektik, also die Kunst der Dialogführung, gegenübergestellt. Dialog ist Begegnung gleichberechtigter Partner, die füreinander offen sind und danach streben, den andern und sich selber je tiefer und je besser zu verstehen. Dialog ist auf Harmonie und nicht auf Konflikt ausgerichtet. Dies trifft umso mehr auf den interreligiösen Dialog zu. Soll unser christlich-jüdischer Dialog konstruktiv sein, so dürfen wir auf keinen Fall die tiefe theologische Betrachtung der Geschichte unserer Beziehungen außer Acht lassen. Sonst wird die Last der Vergangenheit auch weiterhin unser Gespräch hemmen und unser Verhältnis belasten. Es gibt viele sehr schmerzhafte Themen, für deren Erörterung es der lebendigen und offenen Begegnung christlicher und jüdischer Vertreter bedarf. Das gilt auch für die Art und Weise unseres gemeinsamen Zeugnisses, die Frage nach der Erlösung, das Verhältnis zur Heiligen Schrift, die Wahrnehmung Jesu Christi, die Beziehung des Volkes Israel zur Kirche, die religiöse Mission, den Antisemitismus sowie unsere gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung für die Bewahrung von höchsten Werten angesichts unserer vielen Krisenherde.

Frühe Entfremdung und Ablehnung

Lange Zeit wollten die Christen nicht zur Kenntnis nehmen, dass Israel auch nach dem Fall des Nordreichs, nach der Babylonischen Gefangenschaft, nach der zweiten Zerstörung des Jerusalemer Tempels und nach der weltweiten Zerstreuung der Juden weiterlebte. Schon im frühen Christentum existierte ein feindseliges Verhältnis zu den Juden, das man später Antisemitismus nannte. Die Ablehnung der ersten Christen durch die Synagoge als destruktive Sekte begünstigte eine negative Einstellung seitens der Christen gegenüber den Juden. Die wechselseitige Entfremdung war aber in erster Linie mit einem unterschiedlichen theologischen Verständnis der göttlichen Offenbarung verbunden. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass das Phänomen des Antijudaismus schon in vorchristlicher Zeit bekannt war. Dieser hing vor allem mit dem jüdischen Nonkonformismus zusammen, der sich in besonderer Schärfe gegen das Römische Reich richtete, das danach strebte, alles zu vereinheitlichen, was unter seiner Herrschaft stand. Im Mittelalter begann sich ein böser antijüdischer Geist in die Herzen moralisch unreifer Christen einzuschleichen. Dennoch war diese Feindseligkeit nicht rassistisch bedingt wie im Nationalsozialismus des 20. Jh. Sie entzündete sich eher an Fragen des alltäglichen Lebens und hatte psychologischen und wirtschaftlichen Charakter.

Die gegenseitige Ablehnung von Juden und Christen könnte man als „Krankheit der Taubheit“ bezeichnen. Eine ganze Reihe von Faktoren hat ihre Entwicklung beeinflusst:

  1. Die Hellenisierung des Glaubens hat eine spezifische Wahrnehmung der alttestamentlichen Wurzeln des Christentums begünstigt. Nicht zuletzt hat dazu auch die Philosophie des Philon von Alexandrien beigetragen.
  2. In der christlichen Lesart wurden die Tora und jene heiligen Bücher der Juden, die unter dem Namen des Alten Testaments Eingang in die Bibel gefunden hatten, einer neuen Deutung zugeführt. Diese Neuinterpretation wurde nicht selten ausschließlich aus der Perspektive neutestamentlicher Ereignisse vorgenommen, was zu einer typologischen und allegorischen Auslegung der heiligen Schrift führte. Dabei wurde das geistliche Leben Israels als eines eigenständigen Volkes meist ignoriert.
  3. Die feindselige Haltung gegenüber den Juden begann im Alltag wie in der Theologie zur Gewohnheit zu werden, weil ihnen schlechthin die Schuld am Kreuzestod Jesu Christi zugewiesen wurde.
  4. Die Entfremdung von Kirche und Synagoge beschleunigte sich nach der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Reich noch einmal deutlich. Im Ergebnis verstärkte sich die gegenseitige Isolation von Christentum und Judentum – aber nie endgültig! Doch seit jener Zeit traten apologetische Monologe an die Stelle eines Dialogs. Erst in der Neuzeit begannen sich Verbesserungen der wechselseitigen Beziehungen zögerlich abzuzeichnen. Dennoch blieben jene historischen Vorurteile, deren Unzulänglichkeit schon lange erwiesen ist, bis heute bestehen.

Ich möchte meine Gedanken weder als christliche Selbstgeißelung noch als Anklage verstanden wissen. Gerade Christen und Juden begreifen wie kaum jemand sonst, dass es keinen Ankläger geben kann, der strenger als Gott ist, und keinen Verteidiger, der sich barmherziger als Er erweist.  Des halb verweise ich auf die Autorität des weisen Königs Salomon, dessen Worte im Buch der Weisheit (12,15–16) ihre Aktualität bewahrt haben:

„Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient.

Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit, und deine Herrschaft über alles lässt dich gegen alles Nachsicht üben.“

Wie sich auch immer der Gang der Geschichte für Juden und Christen gestaltet hat, so sind wir alle vom Schöpfer gerufen, einen aufmerksamen und kritischen Blick auf uns selbst zu werfen, nicht nur im persönlichen, sondern auch im gesellschaftlichen Bereich. Umkehr ist im Christentum unter den Zielen und Aufgaben des religiösen Lebens von besonderer Wichtigkeit. Denn das griechische Wort für Umkehr (metanoia) bedeutet eigentlich Umdenken, Reue, Änderung seiner selbst.

Ausgrenzung und Verfolgung

Nachdem das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches geworden war und die Märtyrerverehrung einen offiziellen Charakter bekommen hatte, vergaßen die Christen, dass auch sie einst zu den Verfolgten zählten. So erhielten die staatlich-kirchlichen Gesetze immer mehr antijüdische Züge. Den Juden war es verboten, Mischehen einzugehen, in staatliche Dienste zu treten, Synagogen zu bauen oder zu vergrößern. In Westeuropa war den Juden eine bestimmte Kleidung vorgeschrieben, offizielle Ämter waren ihnen verwehrt, und während der Karwoche durften sie ihre Häuser nicht verlassen etc. Die Abgrenzung verstärkte sich so auf beiden Seiten.

Einem aufmerksamen Betrachter entgeht das historische Paradox kaum: Im europäischen Mittelalter begann man gegenüber den Juden Maßnahmen zu ergreifen, die jenen sehr ähnlich waren, welche die Sinai-Gesetzgebung von Juden im Umgang mit den Heiden verlangte! Dieses Paradox könnte man mit Ereignissen im Leben des Patriarchen Jakob vergleichen. War es denn nicht die göttliche Vorsehung, die die Täuschung Isaaks und die Erschleichung des väterlichen Segens zuließ, der eigentlich für Esau bestimmt war? War das „Geschäft“ mit dem Linsengericht ein ausreichendes Argument für diesen Betrug? Gott allein weiß es. Aber in der Folge wurde Jakob selber von seinem Schwiegervater getäuscht und erhielt anstelle der geliebten Rahel Lea zur Frau, die er nicht liebte. Die Einsicht, niemandem anzutun, was man sich selber nicht wünscht, führte Jakob zur Buße, zur Versöhnung mit seinem Bruder und zur Annahme des Namens „Israel“, den ihm Gott selber gab.

Im 19. und zu Beginn des 20. Jh. entstand praktisch gleichzeitig eine Reihe antagonistischer Theorien und Strömungen. Ihre Urheber waren Karl Marx, Joseph Arthur de Gobineau, Theodor Herzl. Es ist heute nicht leicht zu sagen, in welchem Ausmaß diese Bewegungen einander beeinflusst haben. Doch eines steht fest: Verschiedene wirtschaftliche, politische und weltanschauliche Faktoren führten im 20. Jh. zu einem nie dagewesenen Ausbruch des Antisemitismus in der Ideologie des Nationalsozialismus. Als Folge davon wurden etwa sechs Millionen Juden umgebracht, ihre Zahl europa- und weltweit dezimiert. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die tiefgründige und beeindruckende Szene am Schluss des Spielfilms „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg:

„Wohin sollen wir gehen? Wo gibt es zu essen?“ – fragen Juden, die aus dem Konzentrationslager gerettet wurden. „Geht nicht nach Osten, dort erwarteten euch eine Menge Schwierigkeiten. Geht aber auch nicht in den Westen …“, – antwortet ihnen ein russischer Soldat. Plötzlich fragt er: „Was gibt’s denn dort? Etwa eine Stadt?“

Unnötig zu erwähnen, wohin sich die Juden aus dem zerstörten Europa aufmachten, um im Jahr 1949 ihren jahrhundertealten Traum zu verwirklichen. „Erbittet für Jerusalem Frieden!“ (Ps 122,6) – dieser Aufruf des Psalms ist für Juden und Christen gleichermaßen aktuell.

Dialog als lebendige Begegnung

Aber wie konnte die NS-Ideologie das christliche Europa befallen? Weshalb durchlebte das christliche Europa eine „Babylonische Gefangenschaft“ seines Geistes und seines Herzens? Warum wurde das Wort Jesu vergessen: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40)? Dies sind schwierige Fragen, die bis heute nicht wirklich beantwortet sind. Dazu gehört auch der Fragenkomplex, wann, wie und warum es das Russische Reich zuließ, von der revolutionären Krankheit befallen und in die Bürgerkriegswirren gestürzt zu werden. Die Tragödien des 20. Jh. und die spannungsgeladene Geschichte dieser Epoche stellen die Völker vor die außerordentlich schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, tragfähige Antworten auf die bestimmt nicht rhetorisch gemeinten Fragen der Geschichte zu geben. Auf der einen Seite ist es die Aufgabe des christlich- jüdischen Dialogs, den Blick für vergangene Vorurteile und historische Fehler zu schärfen.

Auf der anderen Seite besteht das Ziel unseres Gesprächs in der geistlichen Hinwendung zu einer lebendigen Begegnung. Dabei sollen eigene Wertmaßstäbe nicht aufgegeben werden. Wir wollen uns vielmehr um ein gegenseitiges Verständnis unserer religiösen Grundlagen, unserer Gesellschaftsauffassung und unseres Geschichtsbilds bemühen. Dann kann weder der eine noch der andere die Geschichte des Zusammenlebens von Juden und Christen allein unter negativen Vorzeichen betrachten. Denn die Jahrhunderte, die wir zusammen durchschritten haben, waren auch eine Zeit gegenseitiger kultureller und intellektueller Bereicherung. Je weniger Vorurteile zwischen den Juden und den europäischen Völkern bestanden, desto fruchtbarer gestaltete sich der gegenseitige Austausch. Die Voraussetzungen für einen verständnisvollen Dialog zwischen Juden und Christen sind heute bedeutend besser als in früheren Zeiten.

Im 20. Jh. hat sich die christliche Theologie von ihrer abstrakten Wahrnehmung des Alten Testaments gelöst. Sie weist heute auf die Einheit von Altem und Neuem Testament im Verständnis von Gott und Mensch hin. Das Alte Testament wird nicht mehr nur als Allegorie des Neuen Testaments interpretiert. Die Hoffnung auf das eschatologische Reich Gottes wird von vielen christlichen Theologen als Brücke zwischen der christlichen und der jüdischen Gestalt des Glaubens betrachtet.

Demgegenüber ist in der jüdischen Theologie des 20. Jh. der rigoristische ethische Geist nicht mehr allein dominant. Nicht nur der Talmud, sondern die ganze Bibel ist zu einem Gegenstand des theologischen Diskurses geworden. Juden und Christen haben begonnen, das Alte Testament gemeinsam zu erforschen. Die Konflikte im Umgang mit der Person Jesu Christi sind zurückgegangen. Die Theologen haben angefangen, über gemeinsame Werte von Judentum und Christentum zu sprechen. Große Geister des jüdischen Volkes – Edith Stein, Martin Buber, Franz Rosenzweig, Leo Baeck, Max Brod, Hans-Joachim Schoeps, Schalom Ben-Chorin und viele andere – haben sich im 20. Jh. bemüht, religiös-philosophische Konzepte des Judentums für die Christen verständlicher zu machen.

Israels bleibende Erwählung

Der Dialog von Juden und Christen, wenn er nicht nur formale Angelegenheit sein will, muss jene Bücher zur Grundlage haben, die beiden Bekenntnissen als heilig gelten. Dies fällt nicht leicht, weil das Unverständnis von Christen und Juden durch die Bibel hindurchgeht, die aus zwei Teilen mit zwei Glaubensgestalten besteht. So richten sich die einen nur nach der ersten und die anderen nur nach der zweiten Hälfte und deuten von hierher die jeweils andere. Aber wir können den „Stein des Anstoßes“ im gegenseitigen Verhältnis unmöglich beiseite lassen! Die Christen erinnern sich an die Psalmworte von König David:

„Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden. Das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder“ (Ps 118,22 f.).

Die gegenseitige Entfremdung wird durch die Gestalt Jesu Christi, des verheißenen Messias, durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung hervorgerufen. Zwischen dem Alten und dem Neuen Testament steht das Kreuz, das die Bücher der Bibel nicht unversöhnlich trennt, sondern sie in der Einheit der Geschichte der Göttlichen Offenbarung vereint. Diesem Thema wird in den Briefen des Apostels Paulus, des Schülers von Rabbi Gamaliel, große Aufmerksamkeit geschenkt. Der Apostel Paulus weist die Gemeinde von Rom darauf hin:

„Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus, der über allem als Gott steht, er ist gepriesen in Ewigkeit. Amen“ (Röm 9,4 f.).

All dies wird auch von den Juden bewahrt, auch wenn sie Jesus nicht als Messias annehmen. Der Gott, der in Jesus von Nazaret auf neue Weise an seinem Volk gehandelt hat und den der Apostel Paulus verkündigt, ist kein anderer als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Die christliche Kirche hatte nie die Absicht, eine Missionstätigkeit unter den Juden zu entfalten, weil die Frohe Botschaft zuerst an die Juden ergangen ist und weil Israel an den Einen Wahren Gott geglaubt und das Wort Gottes schon lange vor der Zeit des Neuen Bundes gehört hat. Das Christentum hofft auf die Kraft der Gnade für jeden, der an den Einen Wahren Gott glaubt. „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29), schreibt der Apostel Paulus.

Obwohl das Volk Israel zur Mehrheit die Botschaft Jesu Christi nicht annahm, räumt der Apostel Paulus ein: „Es ist keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist“ (Röm 9,6), und beantwortet gleich selbst die grundlegende Frage:

„Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! […] Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat“ (Röm 11,1 f.).

Israel ist aus dem göttlichen Heilsplan nicht herausgefallen. Dennoch sind die Christen der Meinung, dass die Verheißung Gottes und die Erwählung Israels nicht automatisch das Heil bewirken und kein alleiniges Vorrecht der Israeliten darstellen. Nach Maßgabe seiner Gnade, seiner Liebe und seiner Gerechtigkeit erwählt und verwirft Gott frei, ohne dabei von seiner Ankündigung, Israel zum Heil zu führen, abzuweichen. Für uns deckt das Kreuz Christi jede menschliche Eingebildetheit und Anmaßung auf. Es entlarvt all das als Illusion, was der Mensch als ausreichend für sein Heil betrachtet. Jedes Eigenlob, jede Verachtung gegenüber anderen Menschen, jeder Spott gegenüber dem, was einem anderen Volk heilig ist, entspricht weder der christlichen Moral noch einem christlichen geistlichen Leben. Nur Gott darf richten, nicht der Mensch! Deshalb wendet sich der Apostel Paulus mit folgenden Worten an die Heidenchristen:

„Wenn aber einige Zweige herausgebrochen wurden und wenn du als Zweig vom wilden Ölbaum in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der Kraft seiner Wurzel, so erhebe dich nicht über die anderen Zweige.

Wenn du es aber tust, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,17 f.).

Alle unterstehen dem Gericht Gottes und jeder gehört dem Volk Gottes durch seinen Glauben dann an, wenn er nicht auf sich selber, auf seine eigenen Taten und seine eigenen Kräfte baut, sondern sich auf Gott und seine Gnade verlässt (vgl. Röm 11,19 ff.). Insofern nimmt die christliche Theologie das Judentum auf dialektische Weise wahr. Die Gnade Gottes kann die Christen genauso erlösen wie auch die Juden und die Juden genauso wie auch die Christen. Die göttliche Barmherzigkeit umfasst die ganze Menschheit, denn „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen“ (Röm 11,32). Heute lassen sich bereits sehr erfreuliche Zeichen seitens jüdischer Denker beobachten, wie diese Überlegungen von Schalom Ben-Chorin zeigen:

„Je weiter ich auf meinem Lebensweg voranschreite, desto mehr nähere ich mich der Gestalt Jesu. Er stand an jedem Wendepunkt dieses Weges und stellte mir die Frage von Cäsarea Philippi: ‚Wer bin ich?’ [Damit ist die Frage Christi an seine Jünger gemeint: ,Für wen halten mich die Leute’ (Mk 8,37; Mt 16,13)]?

Immer und immer wieder begegnen wir uns und treten in ein Gespräch ein, das tiefe jüdische Wurzeln hat und auf der jüdischen Hoffnung auf das Reich Gottes gründet.

[…] Wenn ich am Pesach(Seder)-Abend den Kelch hebe und das ungesäuerte Brot breche, so tue ich dasselbe, das er tat, und ich fühle mich ihm gar näher als viele Christen […]“ (aus: "Jüdische Fragen um Jesus [Christus]", 1961).

Israel bleibt ein Zeuge des lebendigen Gottes. Deshalb müssen die Christen in einen Dialog mit dem alttestamentlichen Volk Gottes eintreten, der auf das je größere gegenseitige Verständnis gerichtet ist. Gemäß dem Apostel Paulus war dieser Dialog nie verschlossen, sondern steht bis heute offen: Israel und die Kirche haben die gleiche Grundlage: beide werden von ein und demselben Gott durch die Geschichte geführt mit ihrer je eigenen „Sinai- Wüste“, ihrem „Babylon“ und ihrem „Kanaan“.

Wir brauchen heute keine theoretischen Debatten, sondern ein lebendiges Glaubensgespräch, das Zeugnis für das Fundament unserer Heils-Hoffnung ablegt! Vertrauen wir einander? Ist unser Leben im Glauben füreinander überzeugend? Bis heute fällt es uns schwer zu sagen: Ja! Aber die Hoffnung darf nicht sterben, da selbst in den dunkelsten Zeiten unserer gemeinsamen Geschichte die flammenden Worte nicht verstummten:

„Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer hat ihm etwas gegeben, sodass Gott ihm etwas zurückgeben müsste? Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Röm 11,34–36).


Jahrgang 18 / 2011 Heft 2 Seiten 82—90

 



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