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Meret Gutmann-Grün

Zion als Frau

Den Grundstein für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der poetischen Ausgestaltung jüdischer Liturgie, dem Piyyut1, legte bereits Mitte des 19. Jh. einer der bedeutendsten Begründer der „Wissenschaft des Judentums“, Leopold Zunz, mit seinen Werken „Synagogale Poesie des Mittelalters“ (1855) sowie der „Literaturgeschichte der synagogalen Poesie“ (1865). Wenn auch seit Zunz immer wieder wissenschaftliche Arbeiten zum Thema „Piyyut“ erschienen sind, so ist doch festzustellen, dass u. a. (abgesehen von wegweisenden Arbeiten des amerikanischen Spezialisten für mittelalterliches Hebräisch, Raymond Scheindlin) in erster Linie auf israelischer Seite etwa seit den 1970er Jahren neuere und neueste Forschungsergebnisse zur hebräischen synagogalen Dichtkunst vorgestellt wurden. Hierzu zählen u. a. die Werke des Piyyut-Spezialisten Ezra Fleischer, die Arbeiten des profunden Kenners hebräischer liturgischer Dichtung, Josef Yahalom, sowie die Veröffentlichungen der beiden Forscherinnen Shulamit Elizur, die sich vornehmlich mit poetischen Gestaltungsformen des Piyyuts wie etwa der „Keduschta“ befasst, und Tova Rosen, deren Interesse Frauen- und Genderfragen in der mittelalterlichen hebräischen Dichtung gilt.

Im deutschsprachigen Raum verbinden sich mit der Piyyutforschung v. a. die Namen zweier Wissenschaftlerinnen: Während die in Bochum lehrende Judaistin Elisabeth Hollender sich mit dem „Piyyut im mittelalterlichen Aschkenas“ (im Mittelalter die hebräische Bezeichnung für Deutschland) befasst, hat die 2006 an der Universität Basel promovierte Meret Gutmann-Grün – unter der kritisch-geneigten Rezeption der Arbeiten Tova Rosens zum Thema – das Frauenbild Zions in den Piyyutim des mittelalterlichen al-Andalus, des Gebietes der muslimisch beherrschten Teile der Iberischen Halbinsel, in ihrer Dissertation zum Forschungsgegenstand gemacht.

Allein der Untertitel der umfangreichen Studie Gutmann-Grüns verweist darauf, dass die Autorin hier neue Pfade beschreitet, denn zum einen ist „der geistesgeschichtliche Beitrag, den die Gebetspoesie bringt, wenn man sie literarisch interpretiert, [...] noch wenig beachtet worden“ (23); zum anderen widmet sich die Arbeit, die sich motivgeschichtlich und literaturwissenschaftlich, nicht aber historisch oder genderorientiert versteht, erstmalig überhaupt der bemerkenswerten literarischen Bandbreite von Frauenmetaphern Zions im mittelalterlichen Piyyut. Gutmann-Grün stellt diesem die von ihr ebenfalls analysierten sog. „klassischen Piyyutim“ Elazar ben Kallirs und Jannais, zweier Paytanim bzw. Dichter der klassischen Periode des 6. bis 8. Jh., als Vorläufer des andalusischen Piyyut an die Seite, um so die Veränderung des Zion-Frauenbildes anschaulich nachzuzeichnen. Die mittelalterliche spanisch-jüdische Dichtung, die während des Siglo de Oro, des „Goldenen Zeitalters“, entstanden ist und bedeutende Autoren wie die Hofpoeten Jehuda Halevi (ca. 1075–1141), Schlomo Ibn Gvirol (ca. 1021–1057) oder Moshe Ibn Ezra (ca. 1055–1135) hervorgebracht hat, überträgt Motive und Metaphern der arabisch-jüdischen Liebespoesie auf die synagogale Dichtung, wobei die Motive mit Deutungsmustern der traditionellen jüdischen Dichtung (z. B. des Hohenliedes) innovativ miteinander verwoben werden: So ist denn beispielsweise auch „das metaphorische Lesen eines Textes, auch wenn die Metaphern ‚verborgen’ sind, [...] der Schlüssel, mit dem Moshe Ibn Ezra in einem Text den tieferen Sinn entdeckt“ (167).

Dieses Ent-Decken von Metaphern bzw. das geradezu spielerische Operieren mit ihnen wirkt sich ganz besonders auf die (fiktive) Frauengestalt Zion aus: Ob schöne, begehrte Geliebte, ob geschmückte Braut und Herzensdame, ob stolze Königin oder aber – scheinbar ganz das Gegenteil – unterdrückte Magd (vgl. 355 ff.), ob Zion als Mutter (397) oder gar als Geliebte Gottes – der phantasiereiche Facettenreichtum, mit dem die andalusischen Dichter die Zionsfigur bedenken, scheint geradezu unerschöpflich und verweist auf die zentrale und markante Rolle, die die Frauengestalt Zion in der Dichtung spielt. Es ist das uneingeschränkte Verdienst der 2007 mit dem Preis der Theologischen Fakultät der Universität Basel ausgezeichneten Arbeit Gutmann-Grüns, die große literarische Palette von Frauenmetaphern Zions aufgrund des ausgesprochen umfangreichen Quellenmaterials zu sichten, zu beschreiben und in übersichtlichen, neu geschaffenen Kategorien zugänglich zu machen. Die Autorin weist nach, dass sich das Frauenbild Zions durch die neue in al-Andalus entstandene (weltliche) Liebespoesie aufgrund eben jener Umgewichtung der Metaphorik nachhaltig verändert hat (s. o.).

Begründet wird diese Feststellung damit, dass das Zionsbild, „das die Beziehung des Volkes zu Gott und zum Land Israel widerspiegelt“ (29), in al-Andalus aufgrund der dortigen Exilsbedingungen notwendig ein ganz anderes gewesen sein musste als etwa zu Zeiten von Jannai und Kallir. An dieser Stelle nun tritt ein die hebräische Literatur ganz wesentlich auszeichnendes Merkmal hinzu, namentlich der Stellenwert des Exils, denn das „Hauptthema in den Piyyutim ist die traditionelle Hoffnung, aus dem Exil befreit zu werden“ (261) und zu Gott oder – eben – nach Zion zurückkehren zu dürfen.

Auf diesem existenziellen Hintergrund scheint denn auch das grundlegende Motiv der Sehnsucht (nach der/dem Geliebten) auf, das mit der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat assoziiert und poetisch erhöht wird. Die Frauengestalt Zions ist mithin nicht nur die angebetete, die sehnsüchtig erwartete Geliebte bzw. – mit homoerotischen Anklängen (30) – der Freund, der Schützling und der Geliebte in Person, sondern auch und ganz besonders die herbeigesehnte Heimat als virtueller Ort.

Gutmann-Grün bringt diese Doppelrolle Zions folgendermaßen auf den Punkt: „Mit Flüchtigsein [hebr. „nadad“] und Umherirren, den zwei Handlungen von Liebenden, die sich trennen, wird auch das Exil als Liebesdrama dargestellt: Er flüchtet, sie irrt hinter ihm her“ (458). Und weiter: „All diese hier angetroffenen Paradoxien des Exils gehören zu einem Motiv, das in der weltlichen Literatur als das Motiv der Liebeskrankheit bezeichnet wird“ (312), wobei im Grunde das Umherirren im Exil nun nicht mehr nur als Strafe für Israel gedeutet wird, wie etwa noch bei Kallir und Jannai, sondern, im andalusischen Piyyut, ins Positive gewendet, als das Umherwandern auf der Suche nach Gott dargestellt wird (z. B. 442). Spinnt man diesen Faden weiter, so erstaunt nicht, dass „[e]inzig ihre Schönheit [...] der Knesset Jisrael [d. h. Zion im Exil] die Selbstsicherheit [gibt], dass ihre gegenseitige Liebe zu Gott auch im Exil weiter bestehe“ (301), Israel also mit Gott im Exil quasi eine Art Symbiose bildet.

Die komplexen Zusammenhänge zwischen der bereits seit biblischen Zeiten über den Midrasch bis hin zu den andalusischen Piyyutim als Frau dargestellte Figur Zions, der Frage nach Exil und Akkulturation in der arabo-jüdischen Kultur von al-Andalus sowie der Frage nach dem Verhältnis Gott-Land Israel-Knesset Israel und der hieraus resultierenden Veränderung des – aus männlicher Sicht gezeichneten – weiblichen Zionsbildes werden in der vorliegenden Studie beispielhaft und mit höchster Sorgfalt nicht nur aufgedeckt, sondern auch wegweisend erklärt.

Das Denken der Vfin. ist geprägt vom Streben nach äußerster Klarheit und Stringenz; davon zeugen u. a. die metasprachlich eingewobenen Hinweise auf die unterschiedlichen Schichten der Zielsetzungen der Arbeit, die genauso komplex sind wie die o. e. Zusammenhänge zwischen Zion, Exil und Israels Gottesbeziehung, und mit denen die Autorin den roten Faden stets sicher in der Hand hält. So finden sich an die zwanzig Hinweise auf derartige Zielsetzungen (z. B. auf den Seiten 23, 127, 206, 288, 410) und etwa 15 Abschnitte, die mit „Fazit“ überschrieben sind und längere Ausführungen summarisch zusammenfassen.

Auf diese Weise führt die Verfasserin souverän durch die höchst anspruchsvolle Lektüre. Auch die äußere Form der Arbeit ist makellos – die Sprache ist kraftvoll, besonders die rhythmisierenden Übersetzungen (43) der insgesamt 145 Gedichte sind gelungen (zahlreiche Beispiele werden zitiert; das umfangreiche Gesamtkorpus befindet sich auf einer der gedruckten Version beigegebenen CD ROM). Das hilfreiche 26-seitige Glossar verdient ebensolche Beachtung wie das ausführliche, gut gegliederte Literaturverzeichnis. Wenn die Rezensentin überhaupt Kritik äußern wollte, dann diese: Das Inhaltsverzeichnis ist mit gut zehn Seiten etwas überfrachtet und – im Gegensatz zur übrigen Arbeit – etwas unstrukturiert. Während das Vorwort 44 Seiten umfasst, bildet das rückblickende Gesamtfazit am Ende der Arbeit (470 ff.) statt eines eigenen Kapitels lediglich ein in Anbetracht des Umfanges der Arbeit etwas kurz geratenes Unterkapitel (5 Seiten) von Teil III, Kapitel 6. Indes – angesichts der zahlreichen Tugenden der vorliegenden Studie – muss summa summarum festgehalten werden, dass mit der Dissertation von Meret Gutmann-Grün eine Studie vorliegt, die die Piyyutforschung ohne jeden Zweifel um ein Entscheidendes voranbringt sowie neben der Judaistik auch Fachgebiete wie etwa Theologie, Literatur- und Religionswissenschaft nachhaltig bereichern wird.

Yvonne Domhardt, Zürich/Freiburg


 

  1. Piyyut / Plural: Piyyutim (angloamerikanische Schreibweise) oder: Pijut (dt. Schreibweise) ist die hebräische Bezeichnung für Poesie und meint im Besonderen die religiöse, die synagogale bzw. die liturgische Dichtung. Das Wort leitet sich vermutlich vom griechischen „poietes“, Dichter, ab und wurde als „paytan“ ins Hebräische übernommen. Bekannte Piyyutim sind das Schabbatlied Lecha Dodi, die Gott verehrende Hymne Adon Olam, das zu Chanukka gesungene Ma’os Zur oder das dem Morgengebet vorgeschaltete Jigdal.

Jahrgang 17 / 2010 Heft 4 Seite 297


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