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Georg Munk (Paula Judith Buber)

Muckensturm

Dass es dieser Roman schwer hatte, in Deutschland einen Verleger zu finden, kann man sich nach dem Lesen des Buches gut vorstellen. Die Autorin war und ist zwar eine durchaus anerkannte Persönlichkeit. Auch wenn sie stets unter dem Pseudonym „Georg Munk“ veröffentlichte, so war dennoch klar, dass sich dahinter Paula Judith Buber (1877–1958), die Frau des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878–1965), verbarg.

Das Thema ihres Romans „Muckensturm“ aber ließ die Verleger zögern (1953 erschien eine kleine Auflage in Heidelberg, die kaum beachtet und bald verramscht wurde). Es geht schließlich um das Jahr 1933 und um das Leben einer kleinen Stadt in Deutschland. Es lässt sich trotz aller Namensänderungen unschwer erkennen, dass Paula Buber mit dem Ort „Muckensturm“ (in Anlehnung an das Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer“) keine andere kleine deutsche Stadt beschreibt als jene, in der sie und ihr Mann lebten, bevor sie nach Israel flüchten mussten, nämlich Heppenheim. Und wer wollte nach 1945 schon mit jener sprachlichen Eleganz, wie sie Paula Buber an den Tag legt, daran erinnert werden, wie es 1933 war, als die Nationalsozialisten in Deutschland das Ruder übernahmen und mit ihrem Terrorregime begannen.

Paula Buber schrieb Muckensturm im Exil zwischen 1938 und 1940. Es gelingt ihr eindrucksvoll, die schleichenden Veränderungen akribisch genau zu beschreiben, die sich in dieser Stadt zutrugen, nachdem in Berlin der Reichstag gebrannt hatte und vor allem nachdem die NSDAP die Wahlen in Deutschland gewonnen hatten. Schritt für Schritt gelangten die zunächst durchaus noch verpönten Hakenkreuzfahnen an jeden Hausgiebel, außer natürlich an jene, in denen Juden oder Kommunisten wohnten. Auf einmal wurden die braunen Hemden öffentlich in den Schaufenstern zum Kauf feil geboten, und immer mehr Leute trugen diese Uniform mit stolzer Brust auf den Straßen.

Man fühlt sich an Eugène Ionescos (1908–1994) absurdes Drama „Die Nashörner“ erinnert. Zuerst ist es schrecklich, ein Nashorn zu sein. Als die Nashörner jedoch die Mehrheit bilden, schwenkt die Volksmeinung um. Plötzlich wird jener als anormal bezeichnet, der noch Mensch geblieben und kein Nashorn geworden ist. Das ehemals Anormale wird auch in der kleinen deutschen Stadt Muckensturm mehr und mehr zur Normalität, obwohl mit dieser Normalität die ersten Hausdurchsuchungen, Gewaltaktionen und mysteriösen Todesfälle erklärter Nazi-Gegner einhergingen.

Dem LIT Verlag ist es zu verdanken, dass Paula Bubers Roman heute wieder gelesen werden kann. In der Reihe „Vergessene Schriftstellerinnen“ bildet „Muckensturm“ den ersten Band. Damit wird nicht nur eine Schriftstellerin neu ins Bewusstsein gerufen, sondern auch ein wesentliches Zeichen gegen das Vergessen dessen gesetzt, was damals – 1933 – in einer ganz normalen kleinen deutschen Stadt geschah.

P. Herbert Winklehner OSFS, Eichstätt


Jahrgang 17 / 2010 Heft 3 Seite 220


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