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Hubert Frankemölle

Das jüdische Neue Testament und der christliche Glaube

So provozierend die Rede vom „jüdischen Neuen Testament“ klingen mag – neu ist sie nicht. Schon 1938 veröffentlichte der unvergessene Rabbiner Leo Baeck eine Schrift über „Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte“, und insbesondere nach der Schoa waren die jüdischen Wurzeln des Christentums und die jüdische Identität Jesu Gegenstand zahlloser jüdischer und christlicher Veröffentlichungen. Dennoch demonstrieren erschreckende Beispiele aus Schulbüchern und Predigten immer wieder, dass weder offizielle Erklärungen der christlichen Kirchen noch theologische Forschung noch der mit großem Engagement geführte jüdisch-christliche Dialog bisher in die Praxis christlicher Lehre und Verkündigung vorgedrungen sind. Dabei fehlt es meist nicht an gutem Willen, sondern am Wissen und an der Einsicht in die theologischen Konsequenzen für konkrete christliche Glaubensinhalte. Bei diesem Defizit setzt Frankemölle an.

Ausgehend von der These, dass alle neutestamentlichen Texte als „genuin jüdische Schriften“ (34 u. ö.) zu verstehen sind, werden zunächst die unterschiedlichen Zielsetzungen und theologischen Vorstellungen der jüdischen Gruppen zur Zeit Jesu charakterisiert, um eine Antwort zu finden auf die Frage: „Lässt sich Jesu sprachliches und nichtsprachliches Handeln sowie die Interpretation seines Handelns und seiner Person in den ntl. Texten aus der jüdischen Lebenswelt Jesu und der Verfasser der ntl Schriften heraus deuten?“ (14). Diese Fragestellung ist nicht neu, doch die Vergleichsgrundlage wurde in den vergangenen Jahrzehnten verbreitert. Galt in der Anfangszeit des jüdisch-christlichen Dialogs als alleiniger Maßstab das pharisäisch geprägte palästinische Judentum, das nach der Tempelzerstörung normativ wurde, so hat die Forschung zwischenzeitlich durch die Einbeziehung des hellenistischen Judentums ein differenzierteres Bild von der Vielfalt jüdischen Denkens um die Zeitenwende erarbeitet. Die Erkenntnis, dass „hebräisch-aramäische und griechisch-jüdische Vorstellungen [...] im letzten Jahrhundert v. Chr. parallel nebeneinander im Judentum existiert haben“ (160), eröffnet neue Perspektiven insbesondere für die Einordnung der paulinischen und der johanneischen Tradition.

Auf diesem Hintergrund konfrontiert der Autor zentrale Aussagen des Neuen Testaments mit zeitgenössischen jüdischen Vorstellungen und kommt zu dem überzeugend begründeten Ergebnis: „Alle Verfasser der ntl. Schriften bleiben innerhalb der Grenzen jenes vielgestaltig entfalteten Glaubens an Gott, den Einen und Einzigen, der in den hebräischen, aramäischen und griechischen heiligen Schriften Israels und in den frühjüdischen theologischen Texten (vgl. Philo) in Jahrhunderten entfaltet wurde“ (226). Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis wird der Leser gefordert, doch diese Mühe wird durch die Erfahrung einer neuen Dimension christlicher Glaubensinhalte belohnt.

Die Bedeutung dieses Buches liegt weniger in den (teilweise bekannten) Einzelaussagen als vielmehr in der umfassenden Sicht auf das gesamte Neue Testament durch einen profunden Kenner der Materie. Das Werk sollte daher zur Pflichtlektüre für alle werden, die mit der Vermittlung christlichen Glaubens betraut sind. Ein Abkürzungsverzeichnis, Stellen- und Sachregister erschließen die vielschichtige Darstellung, eine thematisch gegliederte Literaturübersicht zeigt Möglichkeiten zur Vertiefung auf. Allerdings hätte das Buch mehr Sorgfalt bei der Erstellung des Manuskripts verdient: zahlreiche Flüchtigkeitsfehler, v. a. im ersten Teil, sollten bei einer (unbedingt wünschenswerten) Neuauflage behoben werden.

Hildegard Gollinger, Freiburg/Merzhausen


Jahrgang 17 / 2010 Heft 3 Seite 212


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