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John Boyne

Der Junge im gestreiften Pyjama

Die Originalausgabe dieses ungewöhnlichen Buches des irischen Autors John Boyne erschien 2006 unter dem Titel „The Boy in the Striped Pyjamas“. Das Buch wurde mit zwei irischen Buchpreisen ausgezeichnet und für weitere Preise nominiert. Der Konzeption nach ist es ein Kinder- oder Jugendbuch. Aber kann man einem Kind zumuten, dieses zutiefst erschütternde Buch zu verstehen? Die Sprache ist die einfache Kindersprache des neunjährigen Bruno, der nicht weiß, weshalb er mit seiner Familie aus dem schönen Haus in Berlin, von der vertrauten Umgebung und von seinen Freunden weg muss, nach „Aus-wisch“ (Auschwitz), wohin sein Vater, der „Kommandant“ mit der neuen Uniform, vom „Furor“ (Führer) geschickt wurde. Gerade durch diese kindlich naive Sprache gelingt es dem Autor, das Grauen jenseits des Zaunes mit den einfachen, beinahe emotionslosen Worten eines Kindes zu beschreiben.

Bruno weiß nichts von dem Entsetzlichen, das dort geschieht. Vom Fenster seines Kinderzimmers aus sieht er die vielen Menschen auf der anderen Seite des Zaunes, aber er weiß nicht, wer sie sind und warum sie dort sind, warum alle so mager sind und keine Haare haben, warum dort kein Gras wächst und keine Blumen, warum es dort keine Tiere gibt und weshalb sie alle gestreifte Pyjamas tragen. Sein Vater, der „Kommandant“, beantwortet ihm seine Fragen nur mit den Worten: „Ach, die! [...] Das sind eigentlich gar keine Menschen, Bruno.“

Als Bruno eines Tages den Zaun entlanggeht, sieht er auf der anderen Seite den „Jungen im Pyjama“ sitzen. Sie reden miteinander, jeden Tag, und Bruno begreift nicht, weshalb ein Zaun zwischen ihnen ist, weshalb er nicht hinüber und der Junge nicht herüber soll. Er weiß auch nicht, weshalb der Junge mit dem seltsamen Namen „Schmuel“ so traurig ist und so dünn, weshalb er keine Haare hat und jeden Tag einen Pyjama trägt. Im Grunde weiß er gar nichts über den Jungen, nur dass er ihn mag und sich freut, dass er ihn jeden Tag sehen kann.

Sein Vater feiert oft mit den Soldaten Feste. Und Bruno wundert sich, weshalb er nie einen von den „Gestreiften“ einlädt. Der andere Junge sagt nur: „Wir mögen die Soldaten nicht und sie mögen uns nicht.“ Eines Tages trifft Bruno den Jungen in der Küche. Schmuel muss Gläser polieren. Bei einer Gegenüberstellung gibt Bruno an, seinen kleinen Freund nicht zu kennen, aber im selben Moment begreift er seinen Verrat.

Bruno weiß auch nicht, weshalb die Menschen „drüben“ manchmal plötzlich umfallen oder weggeholt werden und nicht mehr wiederkommen. Und weil man Schmuels Vater auch wegholte, beschließt Bruno, mit seinem Freund „nachzuforschen“, denn „Forscher“ wollte er immer schon werden. Schmuel bringt ihm auch einen Pyjama. „Davon gibt es im Lager genug!“ Bruno zieht seine Kleider aus, legt sie auf die Erde, zieht den Pyjama an und schlüpft unter dem Zaun durch zu seinem Freund – auf die andere Seite. Und weil Bruno gerade Läuse hatte, und darum auch keine Haare hat, sieht er jetzt auch aus wie „die Gestreiften“, nur eben etwas dicker.

Er ist noch nicht lange auf der anderen Seite, da werden sie zusammen mit anderen von den Soldaten zusammengetrieben. Nach einem heftigen Regenguss ist Bruno froh über den großen warmen Raum, in den man sie getrieben hat, in dem es aber sonderbar riecht und der völlig luftdicht wirkt. Und als dann die Türen von außen verschlossen wurden, „merkte Bruno, dass er Schmuels Hand immer noch festhielt und ihn nichts auf der Welt dazu bewegen konnte, sie loszulassen. Danach hörte niemand mehr etwas von Bruno.

Maria Stiefl-Cermak


Jahrgang 17 / 2010 Heft 1 Seite 55


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