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Stephan Marks

Warum folgten sie Hitler?

„Warum begeisterten sich Millionen von Menschen für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus?“ Dieser Frage geht Stephan Marks auf den Grund und rekonstruiert in seinem Forschungsbericht die emotionalen, psychischen und sozialen Machtmechanismen und Ideologiestrukturen des nationalsozialistischen Unrechtsstaates. Marks charakterisiert die Tiefenstruktur der NS-Machtausübung als bewusst eingesetzte emotionale Abhängigkeiten, ähnlich der Abhängigkeit von Drogen, sodass auch nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft in vielen Teilen der Bevölkerung eine Art emotionaler Entzugserscheinungen nachweisbar war. Die Unfähigkeit von Tätern, Mitläufern und Zuschauern zu trauern habe, so Marks, hier eine ihrer Wurzeln. Marks vermutet (161) einen Zusammenhang zwischen emotionalen Gruppenerfahrungen in Gliederungen des NS-Systems und emotionaler Abhängigkeit.

Den Thesen und Erkenntnissen des Buches liegen Forschungsarbeiten des von der Ertomis Stiftung geförderten Freiburger Projekts „Geschichte und Erinnerung“ zugrunde, das unter der Leitung von Stephan Marks ernst machen will mit der Forderung, nicht nur über die Geschichte zu lernen, sondern vor allem auch aus der Geschichte. Dieses Unterfangen könne aber nur gelingen, wenn Schuld bekannt und angenommen werde. Aufgearbeitet wurden in dem Forschungsprojekt Erinnerungen von 23 Männern und Frauen und von Teilnehmenden an 11 Gruppeninterviews, die die Nazizeit bewusst als Täter, Mitläufer und Zuschauer erlebt haben.

Marks rekonstruiert in den Interviewauswertungen den „spezifischen Bewusstseinszustand“ der Beteiligten, denn die Wurzeln der NS-Verbrechen sind nach Th. W. Adorno nicht in den Opfern, sondern in den Tätern zu suchen. In sechs Kapiteln werden die Auswertungskategorien (Magisches Bewusstsein, hypnotische Trance, Schamabwehr, Narzissmus und narzisstische Kollusion, Traumata früherer Generationen, Abhängigkeit) deutlich. Magisches Bewusstsein setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, wie Tabuisierungen, Ritualisierungen, Vermeidungsstrategien, Uminterpretation von Verbrechen, Schweigen und Schweigegebote. Vor allem Letztere seien „charakteristisch für alle Geheimbünde, Sekten und alle Formen von emotionalem, körperlichem, sexuellem oder geistigem Machtmissbrauch“ (28). Wenn die Gefährlichkeit der NS-Ideologie aufgrund der genannten Verdrängungsarten sprachlich nicht scharf benannt werden könne, erhöhe sich die Attraktivität der Ideologie, die durch Tabuisierung als magischer Raum definiert wird. Diese Form ideologischer Wirkung lasse sich aus der Art der Inszenierung von Massenveranstaltungen, Sport, Gemeinschaftserfahrungen usw. gut beobachten.

Ähnliches werde mit der Projektion und Bedeutungszuschreibung von Gottähnlichkeit, Unantastbarkeit u. ä. im Personenkult um Adolf Hitler und anderen Nazigrößen bewirkt. Magische Rituale wirken auf Menschen in seelischen Tiefenschichten und verhindern Kognitionen und rationale Strukturen, sodass Irrationalität zur politischen Waffe wurde. „Das NS-Überzeugungsprogramm war demnach nicht erfolgreich obwohl, sondern weil es so primitiv, pseudoreligiös, irrational, sentimental usw. war.

Das Nazi-Programm wollte gar nicht niveauvoll, intellektuell, anspruchsvoll, differenziert, gebildet, rational sein. Im Gegenteil: Aufklärung, kognitive Anstrengung, differenzierendes Abwägen, rationale Analyse, Diskurs wurden als ,zersetzender Intellektualismus’ verachtet“ (44). Die Reden Hitlers und anderer Nazigrößen samt ihrer menschenverachtenden Ideologie wirkten sich – wie noch in manchen Interviews – 60 Jahre nach dem Nationalsozialismus so aus, dass Interviewer vom Interviewten „besoffen geredet“ wurden (46). Die Folgen seien Wahrnehmungsverzerrungen, regressives Verhalten, Verlust von Realitätskontrolle, Verwirrungen, Fesselung der kognitiven Fähigkeiten, Faszination als gefesselte Aufmerksamkeit.

Im drittel Kapitel wird der Mechanismus der Schamabwehr, Schamverdrängung, Schamüberwindung und Schamlosigkeit rekonstruiert, denn Scham galt in der NS-Ideologie als Schwäche (77). NS-Ideologie als individuelle und kollektive Schamabwehr lässt sich in Idealisierungen und Größenphantasien, im zynischen Weltbild und der NS-Alltagspraxis und Unterdrückung gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen wiederfinden, wobei diese als „schwach“ usw. diffamiert wurden (167). Im Zuge des „Terror-Managements“ sind die Opfer dann „an ihrem Schicksal selbst schuld“ (blaming the victims). Narzissmus als extreme Selbstbezogenheit führt zu Desinteresse am Anderen; Beziehungen zu Mitmenschen werden dem Kosten-Nutzen-Kalkül preisgegeben. Narzisstische Selbstbestätigung setzt die Abwertung des Anderen voraus. Narzisstische Strukturen und Angebote seien in der NS-Ideologie so eingesetzt worden, dass amoralische Begehren umdefiniert und in ein moralisches System eingebunden werden konnten: „Tue das Böse im Dienste des Guten“ (122).

Sehr aufschlussreich ist das Kapitel über die generationale Weitergabe traumatischer und schuldhafter Kriegserfahrungen, wobei traumatisierte Eltern die Beziehung zu den Kindern entsprechend ihrer psychischen Deformation gestalten (131). Besonders die Traumata-Erfahrungen des Ersten Weltkriegs sind hierbei bedeutungsvoll, denn unerträgliche Situationen werden de-realisiert, Schmerzen ebenfalls entwirklicht und das Mitgefühl mit den Leiden anderer wird bei alexithymen (gefühlskalten) Personen abgeschnitten. Gleichzeitig wird die Teilhabe an bestimmten Geschehnissen heroisiert und idealisiert. Der Nationalsozialismus, so Marks’ plausible These, konnte an die Abwehr von Traumata des Ersten Weltkrieges anschließen und das NS-Programm als ein Konstrukt von Derealisierung entwickeln (138). „Unter den NS-Mördern galt Mitgefühl mit den Opfern als Schwäche, die es im Dienste einer „höheren Sache“, „Führer“ und „Vaterland“ zu bekämpfen galt“ (139). Auffallend ist in den Interviews, dass Begriffe wie Trauer, Weinen, Tränen usw. nicht vorkommen.

Das letzte Kapitel beschreibt verschiedene Abhängigkeitsqualitäten zum NS-Regime:

„Der Nationalsozialismus zielte nicht darauf, die Menschen kognitiv zu überzeugen, sondern sie emotional einzubinden. Er lebte von der narzisstischen Bedürftigkeit und Abhängigkeit seiner Anhänger, von ihren Schamgefühlen, Kriegstraumata und frühkindlichen Erlösungsphantasien“ (168).

Als erschreckendes Fazit bleibt, dass das Lernen aus der Geschichte erst begonnen hat und dass NS-Ideologiefragmente immer noch in unserer Gesellschaft wirksam sind.


Jahrgang 16 / 2009 Heft 4 Seite 303


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