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Ilse Weber

Wann wohl das Leid ein Ende hat

Briefe an das exilierte Kind. In Theresienstadt eingemauerte Gedichte. Auf einem Dachboden in England liegen gebliebene Freundschaftsbriefe. – Auf schier unglaubliche Weise sind die hier veröffentlichten Dokumente erhalten geblieben und nach Jahrzehnten wieder zusammengeführt worden. Eindringlich und mit der Unmittelbarkeit des gegenwärtigen Blicks erfahren wir aus ihnen vom tragischen Schicksal einer ganz normalen tschechisch-jüdischen Familie unter der Schreckensherrschaft der Nazis. Einsetzend im Februar 1933 schildern die Briefe an die Jugendfreundin Lilian zunächst den Alltag, die Sorgen und Freuden einer jungen, berufstätigen Mutter, einer deutschsprachigen Jüdin in Mähren, deren Lebensbedingungen sich zunehmend verschlechtern. Mit glasklarem Blick analysiert Ilse Weber die Mechanismen, durch die in ihrer Umwelt Menschen ihre humanen Wertvorstellungen preisgeben und stellt fest, wie immer mehr Tschechen und Deutsche „vom antisemitischen Bazillus infiziert“ werden.

1903 in Witkowitz bei Mährisch-Ostrau geboren, hatte Ilse Herlinger in den 1920er Jahren noch unter ihrem Mädchennamen Gedichte und einige Kinderbücher veröffentlicht. 1930 heiratete sie den Gärtner Willi Weber, der neun Jahre in einem Kibbuz gearbeitet hatte und mit einer Malaria-Erkrankung aus Palästina zurückgekehrt war. Als die Situation der Familie nach dem Einmarsch der Deutschen Anfang 1939 immer aussichtsloser wurde, entschieden sich Ilse und Willi Weber, den älteren Sohn Hanus (geb. 1931) über England zu Ilses Freundin nach Schweden zu schicken. Er überlebte den Krieg. Sie selbst wurden nach mehreren gescheiterten Emigrationsversuchen 1942 mit dem jüngeren Sohn Tommy (geb. 1934) nach Theresienstadt deportiert. Ilse Weber arbeitete dort als Krankenschwester in einer Kinderkrankenstube. Für ihre Pflegekinder (und für die älteren Mithäftlinge) schrieb sie etwa sechzig Gedichte und Lieder und musizierte auf einer ins Lager geschmuggelten Gitarre. Die schlichten und naiven Reime, die die Qualen des Lageralltags ebenso ungeschminkt beschreiben, wie sie kleine Lichtblicke öffnen, geben einen Eindruck davon, wie die Poesie den Häftlingen Würde und Lebensmut vermitteln konnte.1

Um „ihren“ Theresienstädter Kindern bis zum Ende beizustehen, ging Ilse Weber zusammen mit ihnen und ihrem Sohn Tommy den letzten Gang, der im Oktober 1944 in die Gaskammern von Auschwitz führte. Willi Weber gelang es vor dem „Osttransport“ noch, die Gedichte seiner Frau in einem Geräteschuppen einzumauern. Er überlebte und konnte die Papiere nach der Befreiung in Sicherheit bringen. Aus den folgenden wenigen Versen wird Ilse Webers Haltung deutlich, ihre Gedichte und Lieder halfen Tausenden von Mithäftlingen gegen die Verzweiflung:

Wir dürfen, umgeben von Tod und von Grauen,
den Glauben an uns nicht verlieren,
wir müssen der Freude Altäre bauen
in den düsteren Massenquartieren.

Mit Dichterwort und ein wenig Musik
woll’n wir dem Elend entfliehen,
aus schlichten Liedern soll bisschen Glück
und gütiges Vergessen erblühen. (aus „Musica Prohibita“)

Die Herausgeberin hat nicht nur in jahrelangen Nachforschungen die Puzzleteile der auf wundersame Weise erhaltenen Dokumente zusammengefügt. In einem äußerst informativen Essay rekonstruiert sie auch ein eindrucksvolles Porträt Ilse Webers, das vor die dokumentierte Zeit zurückreicht und in dem die kargen Briefe aus Theresienstadt mit Berichten von Zeitzeugen ergänzt werden. Die hier veröffentlichten zeitgeschichtlichen Dokumente vermitteln durch ihre Intimität und Kontinuität einen besonders tiefen, differenzierten Einblick in eine beispielhafte Familienbiografie – und sind gerade darum umso erschütternder.

Ilse Weber, die bereits 1933 feststellt, sie kenne „keine widerlichere Physiognomie als die Adolf Hitlers“ und sie möge „die deutschen Juden nicht“, da sie „in ihrem Assimilationsstreben dem erträumten deutschen Ideal zu ähnlich geworden sind“, bekennt sich offen zu ihrem Judentum, trägt den Judenstern mit Freude und Stolz und hofft bis zuletzt, dass es wieder besser kommt. Herzzerreißend in ihrer Unmittelbarkeit, Sehnsucht und auch Verzweiflung zeigen die Briefe an den Sohn Hanus, wie Ilse Weber versucht, den Kontakt zu dem fernen Kind aufrecht zu erhalten, ihn mit liebevollen Späßen und strengen Ermahnungen weiter zu erziehen, und wie sie doch die zunehmende Entfremdung konstatieren muss, greifbar am deutlichsten im Verlust der gemeinsamen Sprache:

„Es ist furchtbar schade, dass Du Deine Muttersprache immer mehr vergisst. Wenn wir uns irgendwann wieder sehen, wirst Du nicht mehr wissen, wie Du mit mir sprechen sollst. Das wird was werden, Junge!“

  1. Die Lieder sind inzwischen ediert, einige von ihnen auch auf CD eingespielt. Vgl. Ilse Weber, Ich wandre durch Theresienstadt. Acht Lieder für Singstimme und Klavier, hg. von Winfried Radeke, Berlin 2008. Die CD Terezín enthält von Ilse Weber die vier Lieder „Ich wandre durch Theresienstadt“, „Ade, Kamerad!“, „Und der Regen rinnt“ und „Wiegala“.

Jahrgang 16 / 2009 Heft 4 Seite 296



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