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Philip A. Cunningham/Norbert J. Hofmann/Joseph Sievers (Hg.)

The Catholic Church and the Jewish People

Der deutsche Kardinal Augustin Bea gehört zu den großen Wegbereitern des katholisch-jüdischen Dialogs. Seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass die auf dem Zweiten Vaticanum heftig diskutierte Erklärung über das Verhältnis zum Judentum in das Konzilsdokument Nostra aetate Eingang fand. Seit 2001 existiert an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom ein nach Bea benanntes Institut, das inzwischen zu den renommiertesten Zentren im christlich-jüdischen Gespräch gehört. Zugleich führt es eine 1978 unter dem damaligen Rektor Carlo Maria Martini SJ begonnene Tradition jüdischer Studien fort. Der vorliegende Sammelband dokumentiert eine Vortragsreihe, die anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums von Nostra aetate am römischen Cardinal Bea Centre veranstaltet wurde. Die 15 Beiträge behandeln das erneuerte katholisch-jüdische Verhältnis seit dem Konzil und geben einen guten Überblick über das – trotz aller Krisen – Erreichte. So würdigt Kardinal Walter Kasper die Arbeit seiner Vorgänger Augustin Bea, Johannes Willebrands und Edward I. Cassidy als Präsidenten der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum und weist auf gegenwärtige bzw. zukünftig noch zu leistende Aufgaben im christlich-jüdischen Gespräch hin. Trotz guter Ansätze gebe es beispielsweise, so Kasper, immer noch keine „umfassende katholische Theologie des Judentums“ (10), die allgemein überzeugen könnte.

Erzbischof Bruno Forte, Erich Zenger und Peter Hünermann machen in ihren Beiträgen deutlich, dass die theologische Forschung auch nicht mehr völlig am Anfang steht. So zeigt Hünermann die methodologischen Konsequenzen auf, die sich aus dem christlich-jüdischen Dialog für die Dogmatik ergeben, während der italienische Systematiker Forte, dessen Arbeiten in Deutschland immer noch zu wenig bekannt sind, versucht, das Verhältnis der beiden Gottesvölker Kirche und Israel neu zu bestimmen. Zenger stellt die Bedeutung des 2001 veröffentlichten Dokuments der Päpstlichen Bibelkommission über „Das jüdische Volk und seine Heiligen Schriften in der christlichen Bibel“ (vgl. FrRu NF 9[2002]19–34) heraus, in dem der jüdischen Leseweise der Bibel erstmals ein eigenständiger Wert zuerkannt wurde, und erläutert die biblischen Grundlagen einer christlichen Bundestheologie, die von alten Enterbungsvorstellungen endgültig abrückt. Daneben fordert der Trienter Judaist Massimo Giuliani, dass sich die christliche Theologie stärker als bisher mit den nationalsozialistischen Verbrechen auseinandersetzen müsse. Seine „Vorschläge für Christen“ (67), eine kirchliche Gedenkkultur zu schaffen, die an die Opfer der Schoa erinnert, ohne sie christlich zu vereinnahmen, haben in den letzten Monaten – man denke nur an die Debatte um die Pius-Bruderschaft und Bischof Williamson – noch an Aktualität gewonnen.

Die Erinnerung an die so schmerzlich belastete Vergangenheit könne, wie der frühere Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Maria Martini, in seinem Aufsatz betont, auch den Blick für gegenwärtige Probleme in der Welt schärfen. Gerade in ethischen Fragen, besonders im sozial-caritativen Bereich, müsse die Zusammenarbeit von Juden und Christen intensiviert werden – ein Gedanke, den Rabbiner Riccardo Di Segni in seinem Beitrag aufgreift. Gleichzeitig dürfe aber nicht übersehen werden, so Di Segni, dass man z. B. in der Bioethik zu unterschiedlichen Bewertungen komme (19). Trotz aller Gemeinsamkeiten von Juden und Christen seien auch die Asymmetrien und „Grenzen des Dialogs“ (17) zu beachten. Das katholisch-jüdische Verhältnis bleibe fragil und störanfällig, wie die zahlreichen Irritationen der vergangenen Jahre gezeigt hätten. Diesem Urteil schließt sich auch der Mailänder Rabbiner Giuseppe Laras an, der in seinem Aufsatz jüdische Interpretationen des Christentums vorstellt. Dennoch bewerten beide Rabbiner den nach 1945 eingeschlagenen Weg des Dialogs insgesamt als sehr positiv; ihn gelte es auch angesichts mancher Rückschläge entschieden fortzusetzen. Wie wenig selbstverständlich dieser Neuanfang im katholisch-jüdischen Verhältnis war, verdeutlichen die historischen Beiträge des Bandes: Anna Foa gibt einen kurzen wie prägnanten Rückblick auf die Geschichte päpstlicher Judenpolitik (41–53), und Alberto Melloni zeichnet anhand der jeweiligen Textentwürfe und -fassungen die Diskussion um die „Judenerklärung“ und die Verabschiedung von Nostra aetate auf dem Zweiten Vatikanum nach.

In einem letzten Teil wird die 1974 gegründete Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum vorgestellt. Neben Kardinal Kasper sind auch zwei frühere Mitarbeiter der Kommission sowie der derzeitige Sekretär, Norbert J. Hofmann SDB, mit Aufsätzen vertreten: Während Kardinal Jorge Maria Mejía an die Anfänge der Kommission und ihre ersten Mitarbeiter Cornelius A. Rijk und Pierre Marie de Contenson OP erinnert, fasst Pier Francesco Fumagalli die Ergebnisse der bisherigen Treffen des Internationalen Katholisch-Jüdischen Verbindungskomitees zusammen. Hofmann schildert eindrücklich die seit 2002 stattfindenden Gespräche mit dem israelischen Oberrabbinat. Auf die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel gehen Kardinal Achille Silvestrini und der frühere israelische Botschafter beim Heiligen Stuhl Oded Ben-Hur ein. Ein interessanter Dokumentenanhang, der u. a. die Erklärungen des Internationalen Katholisch-Jüdischen Verbindungskomitees enthält, rundet den Band ab. Die Herausgeber haben einen bemerkenswerten Sammelband vorgelegt, der einen guten Überblick über „römische Ansichten“ zum katholisch-jüdischen Dialog bietet. Leider fehlt in der englischen Ausgabe ein Hinweis auf die italienische Originalfassung von N. J. Hofmann u. a. (Hg.), Chiesa ed ebraismo oggi. Percorsi fatti, questioni aperte, die bereits 2005 erschienen ist.


Jahrgang 16 / 2009 Heft 3 Seite 216



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