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Feliks Tych/Alfons Kenkmann/Elisabeth Kohlhaas/Andreas Eberhardt (Hg.)

Kinder über den Holocaust

In Szawle (Litauen) wurde ein Brief mit ungelenker Kinderschrift gefunden:

„Lieber Papa! Ich verabschiede mich von Dir, bevor ich in den Tod gehe. Wir würden so gern leben, aber es geht nicht, man lässt uns nicht. Ich habe solche Angst vor dem Tod; denn kleine Kinder wirft man lebendig ins Grab. Ich umarme Dich ganz lieb. Deine Juneta.“

Das Mädchen Juneta ist eines der fast einer Million jüdischen Kinder im Alter bis zu 14 Jahren, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Polen lebten. Nach der Befreiung gab es noch etwa 5000. Kinder, auch die im Mutterschoß, waren von den Nationalsozialisten insgesamt zum Tode verurteilt worden. Sie, die Ungeborenen, konnten keine Sklavenarbeit leisten, die manchen Erwachsenen noch eine Spanne Überlebenszeit gewährte. Die Kleinen schickte man meistens nicht einmal in die Gaskammer. Sie wurden an Ort und Stelle erschossen, ihre Köpfe an den Wänden erschlagen oder lebendig begraben. In Auschwitz warfen die Nazischergen jüdische Kinder lebendig ins Feuer, da die Gaskammern von den Erwachsenen überfüllt waren. Trotzdem konnte eine kleine Anzahl im Versteck oder mit falschen „arischen“ Papieren am Leben bleiben, in einer Zeit, in der das Überleben eine Ausnahme und die Ermordung die Regel war, wie die Herausgeber des Buches „Kinder über den Holocaust“ schreiben.

Meistens erreichen die Leser Kindheitsberichte erst aus der Perspektive des Erwachsenen. Doch die „Jüdische Historische Kommission in Polen“, später in „Jüdisches Historisches Institut“ mit Sitz in Warschau umbenannt, suchte bereits zwischen 1944 und 1948 jüdische Kinder, vorwiegend in Waisenhäusern auf, da die Eltern ermordet worden waren, und fertigte 7300 Interviewprotokolle über deren Leid im Holocaust an. Ein kleiner Teil der Berichte war von den Kindern selbst niedergeschrieben worden. Die Universität Leipzig (Professur für Geschichtsdidaktik/Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung) und die „Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.“ hatten 2006/2007 von dem Jüdischen Historischen Institut in Warschau die Genehmigung erhalten, die Berichte der polnischen jüdischen Kinder zu durchforschen.

Aus dem umfangreichen Material wurden 55 Protokolle ausgesucht, und unter der Herausgabe von Feliks Tych, Alfons Kenkmann, Elisabeth Kohlhaas und Andreas Eberhardt zum ersten Mal dem deutschen Leserpublikum zugänglich gemacht. Die meisten Protokolle sind in Polnisch verfasst worden, drei in Russisch und eins in Deutsch, von einem Mädchen, das mit seinen Eltern aus Deutschland in das Getto von Riga deportiert worden war. Die Übersetzer Herbert Ulrich und Jürgen Hensel hielten sich streng an das Original und versuchten sogar kindesübliche Fehler in die deutsche Sprache zu transponieren. Ziel der von den jüdischen Kindern aufgenommenen Interviews sei nicht die konkrete Aufzählung der nationalsozialistischen Gräueltaten gewesen, sondern die unmittelbare Wahrnehmung und Verarbeitung dieser Untaten im kindlichen Gemüt, so die Herausgeber. Das Aussprechen des Durchlittenen sollte den jungen Betroffenen als therapeutische Hilfe dienen.

Nach dem deutschen Überfall am 1. September 1939 wurde Polen aufgrund des Hitler-Molotow-Paktes zwischen dem Deutschen Reich im Westen und der Sowjetunion im Osten aufgeteilt. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde auch der Ostteil Polens mit einer jüdischen Bevölkerung von 1,1 Millionen Menschen in das Deutsche Reich eingegliedert. Deren Leidensweg durchlief das Getto und die Vernichtungslager.

Die Feinde der Juden waren neben der Gestapo, der SS und der Wehrmacht auch örtliche antisemitische Einwohner und Verbände. Jüdische Menschen konnten sich nicht einmal auf Mitverfolgte verlassen. So wurden sie in Ostpolen auch von Mitgliedern der polnischen Heimatarmee AK sowie von ukrainischen Nationalisten der Bandera-Gruppen, benannt nach deren Gründer Stepan Andrijovyè Bandera (geb. 1909 in Galizien, 1959 in München ermordet), verfolgt und ermordet.

Die Kinder überlebten im Versteck oder auf der „arischen Seite“. 1200 wurden in Klöstern gerettet. Das Mädchen Lilla Mittler blieb – mit seinen Eltern und seinem Bruder – bei einem früheren Angestellten ihres Vaters am Leben. In nichtjüdischen Familien oder in Ordenshäusern mussten die jungen Verfolgten in den meisten Fällen ihre jüdische Identität verbergen, gutes Polnisch sprechen und katholische Gebete aufsagen können. Für Jungen bildete die Beschneidung eine Falle, die unbedingt verheimlicht werden musste. Doch viele Kinder männlichen Geschlechts kamen wegen dieses jüdischen Zeichens am Fleische ums Leben. Einige schlossen sich auch jüdischen Gruppen an, die im Wald in Erdlöchern oder unter freiem Himmel zu überleben versuchten oder Partisanen um die Aufnahme in ihre Verbände baten. Leider waren auch etliche Partisanenmitglieder antisemitisch gestimmt und verrieten die Kinder bei der Entdeckung ihrer Herkunft. „Ich wollte niemandem eingestehen, dass ich Jude bin, weil ich Angst hatte, sie würden mich nachts umbringen“, berichtet der Junge Zelman Birenfeld.

Manche Retter halfen aus Nächstenliebe, andere aus materiellen Gründen. Jurek Marek erhielt eine mit viel Geld erkaufte (gefälschte) Taufurkunde. Er berichtet im Interview: „Für alles bezahlte meine (ehemalige) Lehrerin, sie verkaufte all ihre Sachen, sodass sie schließlich nichts mehr zu anziehen hatte.“ Die Polin Irena Sendler (vgl. Anna Mieszkowska, Die Mutter der Holocaust-Kinder, in FrRu14[2007]221 f.), die beim Sozialamt der Stadt Warschau arbeitete und beim Jüdischen Hilfsrat die heimliche Rettung von Kindern organisierte, brachte mit ihren Helferinnen und Helfern etwa 2500 Kinder aus dem Warschauer Getto heraus. Es gab Bauern, die von den Kindern Sklavenarbeit für das Versteck forderten. Die Retter setzten ihr eigenes Leben aufs Spiel, und aus Angst vor einer Denunziation wurden sie selber oft zu Feinden.

Das Mädchen Lidia Grünberg berichtet, dass ihr Versorger am Heiligabend 1943 sie und ihre Familie mit vergiftetem Wodka umbringen wollte. Nur die Tante hatte davon getrunken und die Gefahr sofort erkannt. „Am anderen Tag wunderte sich der Wirt, als er sah, dass wir lebten.“ Und Genia Krüger erzählt:

„[...] und dann kamen sie zu Mama, klopften und fragten, wer die Hausfrau sei, und erschossen Mama. Und Papa hatten sie auch erschossen [...]. Und unser Wirt hat Angst, in diesem Dorf zu wohnen, weil alle wissen, dass er uns versteckt hat, und in der Nacht, in der Mama getötet wurde, haben sie ihn sehr geschlagen und ihm gesagt, dass sie auch zu uns nach Tarnów kommen.“

Wie Genia Krüger mussten auch andere jüdische Kinder mit ansehen, wie ihre Eltern umgebracht wurden. So auch Alexander Jakobson (9 Jahre):

„Ich wusste, dass ich Jude bin und deshalb im Getto leben muss. Die Deutschen rotteten die Juden aus, Papa erklärte mir das, aber ich verstand es nicht. Einmal war ich mit Mama unterwegs, und auf der Straße erschoss ein Deutscher sie und verwundete mich am Bein.“

Edward Koenigsberg erinnert sich an die Zeit im Getto:

„Einmal, als ich Typhus und Keuchhusten hatte, kam die ukrainische Polizei und begann, auf kranke Juden zu schießen. [...] Als die Polizei gegangen war, kam ein kleines Mädchen in einem blutigen Hemd herein. Aus seiner Erzählung ging hervor, dass seine Mutter, die auch Typhus hatte, erschossen worden war und es unter der Bettdecke gelegen hatte.“

Ohne Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde waren viele Kinder allein auf ihren Überlebensinstinkt angewiesen. Der primitivste Unterschlupf galt schon als sehr gut.

„Wenn mich jemand einließ, wenigstens auf die Schwelle eines warmen Stalls, freute ich mich so sehr und war so glücklich, als ob man mich auf ein goldenes Pferd gesetzt hätte“,

so das Mädchen Karoline Kremer. Doch die Freude war getrübt von dem Verlust. Karoline musste zusehen, als Ende März 1943 Jugendliche ihren Bruder Saul und ihren Vater erschossen. Ihr kleiner Bruder Berek starb in ihren Armen.

„Als Mutter tödlich zusammenbrach, fiel sie mir in den Schoß, weil ich eher als sie verwundet worden war.“

Chawa Rozenszteijn erinnert sich an den Tag, als sie von mitfühlenden Mitmenschen aufgenommen wurde:

„Meine Freude war unermesslich, aber bei dem Gedanken an meine Nächsten und Liebsten weinte ich bittere Tränen.“

Alle diese Kinder waren um ihre Kindheit gebracht worden. „Dieser Zeitraum“, so Lilia Mittler,

„hat unauslöschliche Spuren hinterlassen. Ich empfinde eine psychische Lücke, die von dem raschen Sprung aus der Kindheit ins Jugendalter herkommt. Eigentlich bin ich nie Kind gewesen, und heute blicke ich auf einige Sachen wie ‚aus dem 16. Stockwerk’ herab, völlig anders als meine polnischen Freundinnen, die diese Hölle nicht erlebt haben.“

Nach dem Kriege mussten diese jüdischen Kinder, die Unsagbares erlebt hatten, erneut den polnischen Antisemitismus fürchten. Einige von ihnen sprachen von Zukunftsplänen, hofften einen Beruf zu erlernen oder – mit der Spur eines noch gebliebenen Optimismus – nach Palästina auszuwandern und am Aufbau des Judenstaates mitzuwirken. Andere haben resigniert. Und alle werden das Trauma des Durchlittenen bis zu ihrem Lebensende mit sich tragen. Ein erschütterndes Buch, aber unerlässlich, um das unsägliche Leid von Hunderttausenden von Kindern wenigstens entfernt zu erahnen.


Jahrgang 16 / 2009 Heft 3 Seite 211



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