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Dieter J. Hecht

Zwischen Feminismus und Zionismus

Die Sozialarbeiterin und engagierte Zionistin Anitta Müller-Cohen wurde durch ihr organisatorisches Genie und ihren selbstlosen Einsatz für die mittellosen jüdischen Flüchtlinge, die während des Ersten Weltkriegs nach Wien flohen, zu einem Mythos innerhalb der Wiener jüdischen Gemeinde. Nach ihrer Auswanderung nach Palästina/Israel 1934 setzte sie dort bis zu ihrem Tod 1962 ihr soziales Engagement fort. Nach der Schoa und nach ihrem mehrmonatigen Besuch 1952 in Wien wurde ihr Wirken jedoch vergessen. Der Wiener Historiker Dieter J. Hecht, der einige Jahre in Israel lebte, hat nun anhand des umfangreichen Materials aus dem Nachlass von Anitta Müller-Cohen, das ihm ihre Töchter Ester Aharoni und Ruth Efrati zur Verfügung gestellt hatten, sowie aus zahlreichen anderen Quellen die Biografie dieser ungewöhnlichen Frau geschrieben.

Müller-Cohen wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie als Tochter des Textilkaufmanns Salomon Rosenzweig in Wien auf. 1909 heiratete sie den Geschäftsmann und Fotografen Arnold Müller; die Ehe wurde 1921 geschieden. Kurz danach heiratete sie den engagierten Zionisten Sam Cohen, der sie auch zurück zur jüdischen Tradition brachte. Ihre Tochter Blanka aus erster Ehe starb 1938 an einem tragischen Unfall in Palästina. Ein enger Freund ihres Vaters war der liberale jüdische Jurist, Sozialpolitiker und Abgeordnete Julius Ofner, und es war der Kontakt mit ihm, der sie erstmals zur Sozialarbeit brachte.

Während des Ersten Weltkriegs baute Müller-Cohen eine der größten privaten jüdischen Hilfsorganisationen auf. Unter dem Namen „Wohlfahrtsinstitutionen der Frau Anitta Müller für Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina“ gründete sie eine Wöchnerinnen- und Säuglingsfürsorge, ein Mütterheim, einen Kinderhort, eine Tee- und Suppenanstalt, eine Arbeitsschule, ein Mädchen- und Knabenheim und eine Kinderheilstätte. 1915 hatten ihre Institutionen rund 80 Mitarbeiter. 1918 wurde ihr das Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse verliehen.

Auch nach Kriegsende setzte Müller-Cohen ihr soziales Engagement fort. Sie organisierte zusammen mit dem Wiener Oberrabbiner Zwi Perez Chajes Erholungsreisen jüdischer Kinder und die Adoption von jüdischen Pogromwaisen aus Osteuropa. 1920 wurde sie Mitglied der Exekutive der ersten jüdischen Welthilfskonferenz in Karlsbad. 1925 wurde sie von dem amerikanischen Rabbiner Stephen S. Wise in die USA eingeladen, wo sie in Philadelphia den Amerikanischen Jüdischen Kongress eröffnete. 1926 gründete sie in Wien das Jüdische Zentrum in der Unteren Augartenstraße, zu dem sie auf ihrer USA-Reise inspiriert wurde. 1929 übersiedelte die Familie nach Luxemburg, wo sie die europäische „Misrachi“ (Abk. f. Merkas Ruchani = geistiges Zentrum) Zentrale leitete; leider ist über diese Jahre besonders wenig bekannt.

Anitta Müller-Cohen war nicht nur Sozialarbeiterin und Feministin, sondern auch Politikerin und Journalistin. Vom Dezember 1918 bis Mai 1919 war sie für die Freiheitlich-Bürgerliche Partei Mitglied des provisorischen Wiener Gemeinderats. 1920 kandidierte sie an zweiter Stelle nach Robert Stricker als Kandidatin der jüdisch-nationalen Partei bei den österreichischen Parlamentswahlen. Sie publizierte auch regelmäßig in der zionistischen Tageszeitung Wiener Morgenzeitung, im Neuen Wiener Journal und in zahlreichen anderen jüdischen Zeitschriften.

Dieter J. Hecht hat mit seiner hervorragend recherchierten Studie einen wichtigen Beitrag zu einem bisher ungeschriebenen Kapitel österreichischjüdischer Geschichte vorgelegt. Der Anhang enthält neben einer ausführlichen Auswahlbibliografie der Artikel Müller-Cohens und einer biografischen Zeittafel auch drei Vorträge. Beigelegt ist weiters eine CD mit der historischen Aufnahme einer Rede von Anitta Müller-Cohen über den Keren Kajemet aus dem Jahr 1925. Schade ist, dass das Personenregister aus unerfindlichen Gründen überaus selektiv gehandhabt wurde.


Jahrgang 16 / 2009 Heft 2 Seite 142



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