Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Rezensionen ab Jg. 2001 > 1156  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Wolfgang Kraus/Berndt Hamm/Meier Schwarz (Hg.)

„Mehr als Steine ...“

Ein opus magnum liegt hier vor, das beeindruckt, – sowohl im Hinblick auf die wissenschaftliche Akribie wie auch die geradezu liebevolle Detailgenauigkeit bei der Erarbeitung der einzelnen Beiträge. Die auf drei Bände angelegte Dokumentation „Synagogen-Gedenkband Bayern“ ist ein Ergebnis des 1998 von der Evang.-Luth. Kirche in Bayern eingeleiteten Prozesses zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden. Sie fügt sich ein in die von der Jerusalemer Organisation „Synagogue Memorial“ durchgeführte Projektreihe „Synagogen-Gedenkbuch Deutschland und deutschsprachige Gebiete“. Die gediegene Aufmachung des Kunstverlags Fink tut ein Übriges, um dieses Werk herauszuheben aus der Fülle sonstiger Kunstund Gedenkbände.

Dieses Synagogen-Projekt führt uns eine weithin untergegangene Welt vor Augen und zeigt sehr anschaulich, welche Vielfalt an jüdischem Leben es in Bayern gab; – vor allem die Welt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als eine der fruchtbarsten Phasen deutsch-jüdischen Zusammenlebens, in der aus „Juden in Deutschland“ „deutsche Juden“wurden. Mit diesem Projekt wird den jüdischen Gemeinden in Bayern ein Denkmal gesetzt: für ihre Leistungen im Synagogenbau – ob in einem kleinen Dorf oder in der großen Stadt – ebenso wie für ihr Engagement als integraler Bestandteil der bayerischen Gesellschaft; immerhin betrug der jüdische Bevölkerungsanteil in nicht wenigen Gemeinden ein Drittel oder sogar mehr. Gleichsam zur informativen Einstimmung werden in zwei komprimierten einleitenden Kapiteln die Geschichte der Juden in Bayern (Andreas Heusler) sowie die Entwicklung in der Architektur des Synagogenbaus in Bayern (Frank Purrmann) dargestellt; nicht nur anschaulich, sondern höchst innovativ, insofern Synagogen in der kunsthistorischen Literatur bisher kaum Beachtung gefunden haben, – weshalb die wissenschaftliche Aufarbeitung und Dokumentation des Bestandes über weite Strecken zu einer Spurensuche gerät.

Der Gedenkband bezieht sich auf Synagogen, die um 1930 im Gebiet des heutigen Bayern bestanden. Erstmals waren bei der Erarbeitung dieser Dokumentation Vertreter evangelisch-theologischer Lehrstühle beteiligt: die Professoren Berndt Hamm und Wolfgang Kraus sowie die Theologinnen Barbara Eberhardt und Angela Hager. Im hier vorliegenden ersten Teilband finden sich die Gemeindegeschichten für die Regierungsbezirke Oberfranken, Oberpfalz, Schwaben, Oberbayern und Niederbayern. Dabei wurden die einzelnen Ortsartikel aus einer Fülle von teilweise unveröffentlichten Archivmaterialien, Bildern und Zeitzeugenberichten unter Zuhilfenahme der vorhandenen Literatur und mit Unterstützung von Archivaren und Heimatforschern jeweils neu erarbeitet. Neben der Geschichte der Gemeinden von ihrer Ersterwähnung bis zur Zerstörung in der NS-Zeit enthalten die Darstellungen detaillierte Ausführungen zur Errichtung und Architektur der Synagogen. Auch die Geschichte nach 1945 findet Berücksichtigung, insbesondere die Entwicklung der 14 heutigen jüdischen Gemeinden in Bayern.

lm Rahmen einer kurzen Besprechung ist es auch nicht annähernd möglich, die genau 50 hier versammelten Ortsgeschichten eingehend zu würdigen. Stattdessen seien exemplarisch einige Details benannt, die von der liebevollen Akribie der Verfasser zeugen und den Darstellungen ihre lebendige Farbigkeit verleihen. Etwa, wenn bei der Beschreibung der Geschichte des oberfränkischen Örtchens Buttenheim hingewiesen wird auf das Geburtshaus des Blue-Jeans-Produzenten Levi-Strauss, das im September 2000 als Levi-Strauss-Museum seine Tore wieder öffnete und seitdem mit seinem vielfältigen kulturellen Angebot ganz neue Zugänge auch zur jüdischen Historie in Franken eröffnet.

Oder wenn Erwähnung findet, dass im oberpfälzischen Cham die Inneneinrichtung des Betsaals im ersten Stock des Gasthauses „Zur Goldenen Weltkugel“ von dessen Eigentümer, dem Katholiken Justin Höchstetter, bis Kriegsende verwahrt wurde. Dass dieser Betsaal nach erfolgter Renovierung bereits im September 1945 wieder eingeweiht werden konnte, hatte seinen Grund in dem vorübergehenden Anwachsen des jüdischen Bevölkerungsanteils durch die sogenannten Displaced Persons (DPs) als Folge der Befreiung des KZ Flossenbürg. Seit 1992 ist das frühere Gasthaus Bestandteil der von den Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau betriebenen stetig wachsenden Mädchenrealschule. Der vormalige jüdische Kultraum dient als Aula, „und so können Schülerinnen wie Besucher noch heute den prächtigen, durch eineinhalb Stockwerke reichenden Saal im ersten Geschoss sehen, in dem sich einst die Chamer Juden zum Gebet trafen“ (237).

Die jüdische Gemeinde in Sulzbach-Rosenberg erlebte unter Pfalzgraf Christian August, dem Initiator eines Simultaneums in der zweiten Hälfte des 17. Jh., eine Blütezeit. Wesentlichen Anteil daran hatten die „Hebräischen Druckereien“ (1669–1851) mit der Herausgabe von über 300 religiösen und kulturellen Werken, deren Verbreitungsgebiet bis Böhmen, Österreich, Polen und das Elsass reichte. Infolge des stetig wachsenden Wohlstandes entstand Anfang des 19. Jahrhunderts mit der neuen Synagoge ein „Gotteshaus, das damals als das vielleicht schönste in Bayern galt. Gediegen und geschmackvoll bis in die kleinsten Einzelheiten“ (294). Positiv wirkten sich dabei auch die vielfältigen Kontakte ins benachbarte „Landl“ aus, wo die Juden in Sulzbürg unter ihren Schutzherrn, den Grafen von Wolfstein, eine privilegierte Stellung innehatten, bis 1740 deren Besitz an Kurbayern fiel.

Aus Niederbayern ist einzig die Geschichte von Straubing besonders ausführlich dokumentiert. Schmunzelndes Kopfschütteln ruft dabei der über zwei Jahre dauernde Streit der Gemeinde mit ihrem Rabbiner um den Standort der Bima hervor, welcher die Synagogeneinweihung 1907 erheblich verzögerte. Immerhin versetzen noch heute die von beiden Parteien vorgebrachten Argumente für ihre jeweilige Position „heutige Forscher wegen der Reichhaltigkeit der halachischen und pragmatischen Argumentation und wegen der Hartnäckigkeit der Kontrahenten in Erstaunen“ (321). Wie eine nachdenkliche Vorahnung klingt der Appell, den Bürgermeister Hofrat von Leistner anlässlich der Synagogeneinweihung als Steininschrift anbringen ließ: „Es sei meine und all meiner Nachfolger heiligste Pflicht, dieses Gotteshaus in ihre Obhut zu nehmen“ (330). Durch die Zuwanderung jüdischer Familien aus den ehemaligen GUS-Staaten stieg die Zahl der Gemeindemitglieder auf heute über 1000 an, so dass es wieder „zur Kultur unserer Stadt (gehört), dass hier eine jüdische Gemeinde existiert“ (338); so sieht sich der heutige Oberbürgermeister in der Pflicht des seinerzeitigen Vorgängers.

Dass die jüdische Geschichte der oberbayerischen Bischofsstadt Eichstätt in den letzten Jahren bekannter wurde, ist den Aktivitäten des Gesprächskreises „Christentum-Judentum“ zu verdanken. So erfahren etwa Gäste im Restaurant „Domherrenhof“ nur zufällig, dass der prächtige Kachelofen mit den alttestamentlichen Motiven im Gastraum aus dem Besitz eines vormaligen jüdischen Hausbesitzers stammt. Abgesehen von einem Intermezzo in den Nachkriegsjahren, bedingt durch den vorübergehenden Aufenthalt von über 1300 DPs, gibt es seit 1948 in Eichstätt kein jüdisches Leben mehr. Als im Jahre 1956 im schwäbischen Nördlingen der Umbau der ehemaligen Synagoge in ein evangelisches Gemeindehaus abgeschlossen war, schrieb der damalige Dekan Dr. Karl Lotter anlässlich der Einweihung im Rieser Kirchenboten: „Das alttestamentliche Gotteshaus ist nun so verwandelt, dass es keiner mehr kennt. Es ist in der Ordnung, dass die ehemalige Gebetsstätte der Nördlinger Israeliten nun wieder religiösen Zwecken dient, allerdings der Gemeinde des Neuen Testaments“ (518). Wie viel sich seither im christlich-jüdischen Verhältnis geändert hat, dafür ist dieses Gedenkbuch ein wunderbarer Beleg!

Abgerundet wird das Werk durch ein Literaturverzeichnis, ein Glossar sowie ein Orts- und Personenregister. Vor allem Historiker, Theologen, Judaisten, Kunst- und Architekturinteressierte werden darin manche bislang unbekannte Details und Zusammenhänge dargestellt finden. Lehrkräfte und in der Erwachsenenbildung Tätige finden Grundlagen zur Gestaltung lokalgeschichtlicher Unterrichtssequenzen und Veranstaltungen. Aber auch interessierte Laien wird dieser Gedenkband mit dem vergangenen und gegenwärtigen Facettenreichtum jüdischen Lebens in Bayern vertraut machen – einem Reichtum, der sich nicht nur, aber eben auch in den Steinen der kleinen und großen Synagogenbauten niederschlägt.


Jahrgang 16 / 2009 Heft 1 Seite 51



top