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Harold Troper

The Rescuer

Der Untertitel sagt, worum es geht. Die Einzelheiten muten wie Fiktion an, denn dass eine einzige Person zwischen 1977 und 1999 etwa 3000 Juden insgeheim aus Syrien herausbrachte, scheint kaum glaubhaft. Tatsächlich sind die Fakten von Judy Feld Carr, Musiklehrerin von Beruf, selbst belegt. Außerdem sind die Ereignisse von Beteiligten bezeugt, und von diversen Organisationen dokumentiert in Briefen sowie in Protokollen von Unterredungen und Telefonaten. Die entsprechenden Anmerkungen umfassen 34 Seiten. Als Harold Troper, Historiker an der University of Toronto, mit den Schwerpunkten Sozialgeschichte und Erziehung in Kanada, von Judy Feld Carr angesprochen wurde, ein Buch über die Rettungsaktionen zu schreiben, sagte er ihr behutsam, er sei nicht der Mann, sich mit, wenn auch erfolgreichen, doch immerhin „amateurhaften“ Unternehmen zu beschäftigen. Als er dann die Aktenschränke mit Notizen sah, die sich Frau Feld Carr zu jedem einzelnen Fall gemacht hatte, willigte er ein.

In den einleitenden Kapiteln skizziert Troper die jüngste historische und politische Lage der Juden Syriens. Zu den entscheidenden Daten gehört der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967. Israelische Truppen eroberten vor allem die syrischen Golanhöhen, um den syrischen Angriffen auf die im Tal liegenden israelischen Dörfer ein Ende zu machen. Folglich wurden die in Syrien lebenden Juden zu Feinden Syriens. Ohne Genehmigung durften sie weder von einem Ort zum andern reisen, noch durften sie das Land verlassen. Die Auswanderung nach Israel war ganz untersagt, denn es wurde befürchtet, dass Staatsgeheimnisse dem Feind zugute kommen. Das Leben der syrischen Juden war prekär und bedrängt geworden, überwacht von der staatlichen syrischen Geheimpolizei (Muchabarat). Judy Feld Carr lag daran, auf die Ähnlichkeit der Lage der Juden in Syrien mit der der Juden in Russland hinzuweisen, deren Rettung damals bereits weites Verständnis gefunden hatte, wenn auch die Anzahl der syrischen Juden viel geringer war. Der Auslöser für den Einsatz des Ehepaars Feld war ein Auftritt von Meir Kahane (1932–1990) im Jahre 1968 in Toronto, – und hier wird das Buch spannend. Kahane war ein israelischer Nationalist und derartig radikal, dass seine „Kach“-Partei in Israel verboten und er schließlich offiziell aus der Knesset, dem Israelischen Parlament, ausgeschlossen wurde. Seine Ansichten und Methoden und die der von ihm gegründeten Jewish Defense League 310 (JDL) wurden zum Maßstab für die Schritte, die dem Ehepaar Rubin und Judy Feld für die Auswanderung der in Syrien verbliebenen Juden angebracht schienen.

Judy Feld, in zweiter Ehe Judy Carr, wandte sich anfangs für die Beschaffung der nötigen Ein- und Ausreisepapiere an die in Kanada und Israel dafür zuständigen Behörden. Das Buch führt detailliert durch die diplomatischen Schritte, die immer nur zu dem einen Ergebnis führten: taktisches Abwarten sei aus guten Gründen angeraten. Selbst Rabbiner Günther Plaut, der die Sache der Juden in Syrien aktiv unterstützte und der bei einem Abgeordneten des kanadischen Parlaments für die Erstellung eines Canadian Committee of Concern plädierte – nach dem Vorbild des Henry Clay Committee of Concern in den USA und einer ähnlichen Organisation in Frankreich –, gab sich letztlich damit zufrieden, dass der Canadian Jewish Congress sich der Sache wohl annehmen würde. Doch Judy Feld Carr hatte für Komitees und Kongresse, Kommissionen und Beratungen wenig Geduld. Sie sah keine andere Lösung, als insgeheim kühn ihre eigenen Wege zu gehen. Ihr war vor allem wichtig, über Vertrauensleute mit den Juden in Syrien persönlich Kontakt aufzunehmen. Leser des Freiburger Rundbriefs werden hier an Gertrud Luckner erinnert, die ähnliche Kontakte pflegte, und darauf bestand, dass die direkte Hilfe von Mensch zu Mensch viel erreichen kann.

Einer der ersten Fälle im Jahre 1976 war der eines alten Herrn aus Damaskus, der nach dem Tod seiner Ehefrau nach Toronto zu seiner Tochter ziehen wollte, die er seit 30 Jahren nicht gesehen hatte. Weil weder der Jüdische Hilfsdienst für Immigranten (Jewish Immigrant Aid Service) noch der zuständige Abgesandte im kanadischen Parlament zu helfen vermochte, zog sich seine Auswanderungserlaubnis lange hin. Wie es dann mit Frau Felds Hilfe zu einem Wiedersehen zwischen Vater und Tochter kam, liest sich wie ein Krimi. Als in diesem Zusammenhang brieflich aus Syrien angeforderte Geldbeträge verschwanden, zog sie daraus sehr schnell den Schluss, dass mit Beamtenbestechung vielleicht manches zu erreichen wäre.

Als Rubin Feld, ihr erster Ehemann, im Jahre 1973 unerwartet starb, errichtete die jüdische Gemeinde Beth Zedek in Toronto einen Fonds zu seinem Andenken. An dieser Gemeinde hatte Rabbiner Dr. Stuart E. Rosenberg (1922–1990) siebzehn Jahre amtiert und auch Pionierarbeit auf dem Gebiet des christlich-jüdischen Verständnisses geleistet. Er hatte auch als einer der Ersten die Aufmerksamkeit des Westens auf die Not der russischen Juden gelenkt, so dass die Gemeinde im aktiven Hilfsdienst bereits geübt war. Die Spenden aus dem Feld-Fund benutzte Judy Feld Carr für die Bestechung von syrischen Beamten sowie für finanzielle Notfälle, denn Syrien erlaubte den fliehenden Juden nicht, Geld oder Wertgegenstände mitzunehmen. Judy Feld Carr begann mit der Rettung dringender Einzelfälle; später konnte sie – manchmal über Umwege – ganze Familien aus Syrien herausbringen: nach Israel, Frankreich, Kanada und in die USA. Viele dieser Geschichten werden erzählt, oft mit den Namen der Beteiligten.

Weil Juden seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in Syrien lebten, wenn nicht gar seit der Zeit des babylonischen Exils, waren dort auch antike jüdische Zeremonialgegenstände erhalten. So wurde mit Hilfe von Judy Carr auch ein prachtvolles Dokument, bekannt als Damaskus Keter, in Sicherheit gebracht. Die mehrfarbig illustrierte mikrografische Pergamentrolle mit dem Text des Pentateuchs, im 15. Jahrhundert in Spanien angefertigt, war während der Judenvertreibung nach Syrien gebracht worden. Nur wenige wussten von der Existenz dieser herrlichen Arbeit. In großen Zügen sei hier nur angedeutet, dass das Werk – unter einem Regenmantel versteckt – aus Syrien geschmuggelt wurde. Heute wird die Rolle in der National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem aufbewahrt (vgl. Encyclopaedia Judaica, Art. „Damascus Keter“).

Kritisch wäre anzumerken, dass der Autor (oder Lektor) den als Lob auf Frau Carr gemeinten Ausdruck „crusader“ durch ein anderes Wort hätte ersetzen müssen. Im Englischen bedeutet „crusader“ clichéhaft ein (vielleicht von Feinden bedrohter) Pionier für eine gute Sache. Doch für Juden birgt das Wort die schlimmsten Assoziationen, denn im Mittelalter wurden ganze jüdische Gemeinden von Kreuzfahrern (crusaders) vernichtet. Auch hätte hier und da die Chronologie klarer sein dürfen, sowohl in den einführenden Kapiteln wie auch im Bericht. Zum Beispiel erfahren Leser von Rubin Felds plötzlichem Tod und, nur wenige Seiten später, finden sie dringende Briefe an ihn und seine Antworten darauf. Dass Judy Feld Carrs Rettungsaktion bekannt gemacht wird, ist zu begrüßen. Leider unartikuliert bleibt die ganz große Frage, wieso diese Aktion einer Frau überlassen wurde, die sich auf Meir Kahane beruft und die auf eigene Faust vorgeht, und weshalb bestehende Organisationen, von Tausenden von wohlmeinenden Menschen gefördert, nicht die gleiche Energie aufbrachten.


Jahrgang 15 / 2008 Heft 4 Seite 310



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