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Walburga Zumbroich

Mythos und Chaos

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem mythisch-mystischen Element im Judentum ist noch relativ jung. Herrschte bereits spätestens vom Mittelalter an – vor allem beeinflusst durch die maimonidische Philosophie – eine stark rationalistisch geprägte Auffassung von jüdischer Religion vor, so zeichnete sich insbesondere nach der Entstehung der Wissenschaft des Judentums im Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine noch stärkere Betonung des reinen Geistes ab, der sich einem philosophisch-rationalen Gottesverständnis verschrieben hatte.

Mythologie als vermeintliches Hauptcharakteristikum des Polytheismus wurde lange Zeit als mit dem monotheistischen, nach Erkenntnis der eigenen Wesensart strebenden Judentum unvereinbar angesehen. Mit der wegweisenden (Wieder-)Entdeckung der jüdischen Mystik vor allem durch Gershom Scholem und Martin Buber erfolgte ein grundlegender Wandel: Scholems Publikationen zur Kabbala ebneten den Weg für eine Neubewertung von Mystik und Mythologie im Judentum, und mittlerweile hat sich die Beschäftigung mit jüdischmythischen Traditionen sowie dem Bildhaft-Spirituellen auch und ganz besonders im Bereich der Erforschung der rabbinischen Literatur erfolgreich etabliert.

In diesen forschungsgeschichtlichen Rahmen eingebettet ist die an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg eingereichte Dissertation von Walburga Zumbroich. Im Zentrum der Arbeit steht die Untersuchung des Motivs des Chaos und des Bösen in ausgewählten spätantiken Midraschsammlungen unter besonderer Berücksichtigung des Midrasch Bereschit Rabba. Das erklärte Erkenntnisziel der Studie liegt in der Beobachtung, dass „in den untersuchten Midraschim eine Remythisierung der in der Hebräischen Bibel weitgehend entmythisierten Themen vorgenommen worden ist“, wobei der Begriff der Remythisierung von der Verfasserin „zur Kennzeichnung eines im Vergleich zu Gen 1,1–2,4 veränderten Bewusstseins in der Wahrnehmung des Chaotischen [verwendet wird], das insofern an klassische mythische Kosmogonien erinnert, als die Schöpfergottheit gegen den massiven Widerstand eines Widersachers um Schöpfung zu ringen hat“ (20).

Und in der Tat liefern die frühen rabbinischen Quellentexte (von denen die Autorin insgesamt 144 bearbeitet hat) vielerorts Entwürfe, die Konflikte zwischen Gott(heit) und chaotischen, dunklen Gegenmächten aufzeigen, Konflikte, wie sie in der Kosmogonie der Schöpfungsgeschichte(n) des ersten Buches Mose so noch gar nicht aufscheinen. Diese Urangst vor den Mächten des Bösen, die in Form von unheilbringenden Urfluten oder Urlebewesen wie dem auf die ugaritischeMythologie zurückgehenden schlangenartigen Leviathan oder dem nilpferdähnlichen Riesentier Behemot Gestalt annehmen, ist eine zutiefst menschliche. Die Rabbinen der Spätantike haben dies erkannt und diese Thematik – immer auch auf dem Hintergrund konkreter zeitgenössischer Erfahrungen – auf vielfältige Weise in Talmud und Midrasch verarbeitet, indem sie beispielsweise bestimmte Motive aufgegriffen haben, die die (bereits im Alten Orient bekannten) Chaos-Kämpfe zwischen dem (guten) Schöpfer und seinen (bösen) Widersachern beschreiben.

Gottes schöpferisches Handeln, so die Rabbinen, muss sich immer wieder gegen Widerstände und feindliche Urmächte durchsetzen und behaupten. Diese Vorstellung einer gewissen Schwäche des Schöpfergottes manifestiert sich darin, dass Gott seine eigene Schöpfung nicht mehr vollständig be„herr“scht, sie ihm gar entgleitet, da beispielsweise das Urmeer sich verselbständigen kann und „zu einer mythisch-personalen Größe mit eigenem Willen [wird], der gegenüber die Souveränität des Schöpfers nicht absolut ist“ (42). Die Diskussion um die „innergöttliche [...] Krise“ (110) bzw. die vermeintliche Ohnmacht Gottes vor dem Bösen, das er selbst geschaffen hat, dessen er sich aber nicht immer erwehren kann, führt zur Frage der Rechtfertigung Gottes, der Theodizee, auch und gerade vor dem Hintergrund des (unverschuldet) Leidenden, dessen unausweichliches Schicksal die Welt vor der absoluten Zerstörung schützen soll. Andererseits wird das Fortbestehen der Welt wiederum als eine wohltätige Geste (Zedaka) Gottes dem Menschen gegenüber gewertet, als ein „Handeln Gottes, das der unverschuldeten Unvollkommenheit des Geschöpfs Rechnung trägt“ (161).

Angesichts der spätantiken vorkabbalistischen Konzeption von einem willkürlichen Schöpfergott als dem Ursprung des Bösen in der Welt (98, 132) stellt sich naturgemäß an dieser Stelle auch die Frage nach dem Stellenwert der Tora im Zusammenspiel mit den kosmischen Mächten: Um den – israelitischen – Menschen vor den drohenden Urgewalten einerseits und dem ihm innewohnenden bösen Trieb, dem Jezer ha-ra, andererseits zu retten, bedarf es der Tora als Schutzmacht. „Die Tora bewahrt den Menschen vor dem übermächtigen Potential der chaotischen Kräfte“ (104) und hat gleichzeitig läuternden Effekt – mit folgender Einschränkung: „Den zerstörerischen Faktor in der Heiligkeit Gottes kann der Mensch auch durch Toragehorsam nicht vollständig überwinden“ (125).

Der Verfasserin gelingt es, den Bogen gleichsam vom bösen Trieb über die Ungeheuer und Urwasser bis hin zu der ambivalenten Stellung des Schöpfergottes spannend, schlüssig nachzuweisen, dass die von ihr untersuchten Midraschim die herkömmlichen Annahmen eindeutig widerlegen, dass das rabbinische Judentum im Wesentlichen rational und antimythisch sei und Gott nur als den allgegenwärtigen, mächtigen und überlegenen Schöpfer und Weltenherrscher betrachte; gerade die Perspektive des Schöpfers, der „nicht unbedingt Herr seiner selbst ist“ (143), rückt in den Mittelpunkt dieser Midraschim und zeigt überzeugend, dass das frühe Judentum keineswegs mythisch-mystischen Gedanken abhold war.

Neben der hohen inhaltlichen Qualität ist auch die makellose äußere Form und Gestaltung der anspruchsvollen Arbeit lobend zu erwähnen: Nach jedem der insgesamt sechs Kapitel fasst die Autorin in ihren „abschließenden Bemerkungen“ jeweils die wichtigsten Teilergebnisse gut verständlich zusammen und behält so, trotz des bemerkenswerten Detailreichtums, den souveränen Überblick über die Gesamtchoreographie ihrer kenntnisreichen Untersuchung. Bedauerlicherweise verzichtet sie auf eine resümierende Gesamtschau am Ende der Studie – die einzige (kleine) Schwäche. Sprachlich sicher und gewandt nehmen sich auch die jeweiligen Übersetzungen der biblischen und der midraschischen Quellen aus. Ein klug ausgewähltes Literaturverzeichnis sowie ein Index der rabbinischen Quellen runden den Band ab.


Jahrgang 15 / 2008 Heft 3 Seite 227



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