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Elazar BenyoŽtz

Die Eselin Bileams und Kohelets Hund

Nach Auschwitz gäbe es keine Gedichte mehr, war die Überzeugung des Philosophen Theodor Adorno (1903–1969). Man schrieb weiter Verse, auch in deutscher Sprache, doch diese Dichtung konnte nicht an der Schoa vorbeigehen, wie es Elazar Benyoëtz in einem seiner Aphorismen zum Ausdruck bringt: ‚Arbeit macht frei’, durch dieses Tor geht mein Blick in die Welt.

Auch Benyoëtz, geboren am 24. März 1937 in Wien, befand sich im Schatten des Todes. Seinen Eltern gelang die Flucht in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Der zweisprachige Dichter – hebräisch und deutsch – überlebte den Massenmord nicht nur physisch. Auch sein Jüdisches, in deutschen Worten ausgedrückt, ist knapp dem Tod entronnen. In seinem Werk habe er zu dem „eigentlich Jüdischen“ zurückgefunden, betont Benyoëtz in diesem zu seinem 70. Geburtstag herausgegebenen Buch. Seine Liebe gehöre der hebräischen Sprache und das Deutsche sei seine Geliebte, schreibt Benyoëtz. Eine doppelte Liebesbeziehung, ein Wunder oder jüdische Mystik? „Ich kann nur in Jerusalem schreiben; es ist seltsam zu sagen, dass mein Deutsch auch mein Jerusalem ist.“ Seit fünfunddreißig Jahren lebt Benyoëtz in Jerusalem. Ohne Jerusalem und Israel würde ihm der Boden für seine Dichtkunst fehlen. Über seine zweisprachige Dichtung sagt er: „Meine beiden Sprachen wechseln miteinander kein einziges Wort. Zwischen meinen Sprachen bin ich selbst die Scheidewand.“

Wie Bileam (Num 22,1–24,25; Jos 24,10) auf Geheiß des Königs von Moab das Volk Israel verfluchen sollte und es durch Gottes Eingreifen segnete, so sollte im Nationalsozialismus alles Jüdische ausgerottet werden. Doch das Volk Israel wurde nicht ausgelöscht, auch nicht aus der deutschen Sprache.

„In die Enge getrieben, allerdings auch geschlagen, fand die Eselin Bileams die Worte zu Not. Sie konnte nicht weiter, doch war’s ein Engel, der ihr im Wege stand. Sie hatte einen Blick für ihn, und er machte sie reden. Von ihr sollte ich lernen, von ihr soll nun die Rede sein – und von Kohelets Hund. Immer feiert er nach wie vor seine Triumphe über den toten Löwen: ‚Denn besser dran ist ein lebender Hund als ein toter Löwe’.“

Seine Dichtung ist eine Sprache zu Gott in der Not, einer Not, sich dem außer Raum und Zeit existierenden Sein zu nähern, das der jüdische Schriftsteller Max Brod (1884–1968) das „edle Unglück“ des Menschen bezeichnete. „Das Gebet, von der Not mit Lippen versehen, ist die Evidenz Gottes“, so Elazar Benyoëtz. Die Suche nach Gott, dem entweichenden und stets wieder gefundenen Gott steht im Mittelpunkt seines neuen Buches. Aber auch Zweifel sei ein Weg zur Gotteserkenntnis: „Hat man seinen Zweifel, hat man seinen Gott“, denn da ist „kein Gedanke, der nicht mit seiner Fragewürdigkeit verwachsen wäre.“ Die Fragen werden laut und kommen hoch, und je schwerer sie wiegen, desto höher kommen sie. Und solange man noch einen Atemzug in sich hat, besteht die Zuversicht, wie Kohelet zur Erkenntnis zu gelangen: „Für jeden Lebenden gibt es noch Zuversicht. Denn: Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe“ (Kohelet 9,4). Auch Irren sei menschlich: „Allein der Irrtum ist der Weg zur Wahrheit und der ausgesprochene sogar der kürzeste Weg“, sagt Benyoëtz.

Große Geister rangen mit Gott und begaben sich auch auf die Flucht vor ihm: Hiob, Jona, Kohelet. Sogar Mose hatte kleingläubig Wasser aus dem Felsen geschlagen. Allein Abraham antwortete stets auf Gottes Wort, bis hin zu seiner bittersten und größten Prüfung. Gott nahm das Opfer nicht an, es blieb bei der Prüfung, doch es genügte der Beweis, dass Abraham bis zum Äußersten an seinem Gott festhielt. „Der freie Wille ist groß und heilig, wenn man weiß, wessen Wille geschieht“, schreibt Benyoëtz. Gott ist in Elazar Benyoëtz’ Dichtung nicht das abstrakte Wesen der Philosophen, sondern stets der Gott der Bibel. Und das Volk Israel ist der erste Empfänger des Gotteswortes, woran sich auch Christen erinnern müssten: „Wo das Evangelium gepredigt wird, da wird ein Stück Judentum erobert, nicht überwunden.“ Dem Gebot, sich von Gott kein Bild zu machen, könne der an Materie und an das bildhafte Wort gebundene Mensch bloß teilweise entsprechen. Auch die Bibel beschreibe Gott bildlich. Und Gott sei: „Das Wort, das den Geist bewegt, ein Wort, das die Seele beruhigt; ein Wort, das nicht Fleisch werden will.“

Ein Spiel mit Worten und Sätzen macht Elazar Benyoëtz’ Dichtkunst aus. Die tiefste und kürzeste Sinnaussage sei im Aphorismus enthalten, die auch der Kürze der biblischen Sätze entspreche. „Es werde Licht“, ist ein Aphorismus, der „eine prosaselige Gedichtzeile“ sei. „Am dürrsten Satz erfüllt sich die prophetische Botschaft, und sie würde sich auch am Nichtssagenden erfüllen.“ Neben den eigenen Aphorismen und Prosaeinschnitten zitiert Benyoëtz auch andere Persönlichkeiten. „Man muss siebzig geworden sein, um seinen ersten Satz zu verstehen“, so Benyoëtz, Schopenhauers Aussage über Kohelet zitierend. Doch auch Rabbi Elazar ben Azarja ergraute mit achtzehn durch seine Weisheit eines Siebzigjährigen und blieb stets doch altersfrisch, wie der Talmud sagt, und wie Elazar Benyoëtz die Geschichte in seinem Buch wiedergibt.


Jahrgang 15 / 2008 Heft 2 Seite 136



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