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Axel Töllner

Eine Frage der Rasse?

Was für ein Buch! Welch mühsam gründliche Recherchen verbergen sich hinter diesem Werk mit seinem wohlabgewogenen und doch sehr klarem Urteil. Und welch tiefe Scham erfasst einen – auch als Nachgeborenen – , wenn man konfrontiert wird mit der damaligen Haltung des weitaus größten Teils der Kirchenleitung ebenso wie der Pfarrerschaft und Theologenzunft seiner Kirche. Diese überarbeitete Fassung einer Dissertation versteht sich als ein Mosaikstein in der „Erforschung der Geschichte der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Bayern im ‚Dritten Reich’“, wie sie in der im Herbst 1998 von der Landessynode in Nürnberg verabschiedeten Erklärung zum Thema Christen und Juden intendiert war (vgl. FrRu 8[1999]191–197).

Knapp, klar und sehr hilfreich wird zu Beginn eine begriffliche Differenzierung unterschiedlicher Formen von Judenfeindschaft vorgenommen. Indem damals durch Theologen wie Paul Althaus, Werner Elert, Emanuel Hirsch, Heinrich Stapel oder Friedrich Gogarten Kategorien wie Rasse, Volkstum und Blut als „göttliche Schöpfungsordnungen religiös überhöht“ (28) und im Hinblick auf Staat und Volk auch noch politisiert und naturalisiert wurden, bauten diese Theologen „trotz kritischer Distanz im Einzelnen schon vor 1933 die Hemmungen gegenüber dem nationalsozialistischen Volkstums- und Rassedenken ab“ (28).

Wenn dann zusätzlich auch bei Bischof Hans Meiser – wie ganz allgemein im antimodernen konservativen Bürgertum – „der Antisemitismus als Ersatz für Gesellschaftskritik“ fungierte (31) und Walter Künneths „Vermischung weltanschaulich-politischer und schöpfungstheologischer Kategorien [...] die rassenpolitische Forderung nach der Reinhaltung der Rasse theologisch als gottgegebene Pflicht für das deutsche Volk und seine Kirche legitimierte“ (39), dann war damit „eine Art mentales Fundament gelegt, auf dem in der Folgezeit die theoretischen Überlegungen und die praktischen Konsequenzen basierten“ (18 f.).

Im weiteren Verlauf zeichnet Töllner nach, bis zu welchen Grenzen aus der Perspektive des bayerischen evangelisch-kirchlichen Milieus eine Übereinstimmung mit oder Toleranz gegenüber nationalsozialistischen Vorstellungen für möglich gehalten und an welchen inhaltlichen Punkten diese Grenze als gravierende Differenz oder unüberbrückbarer Gegensatz wahrgenommen wurde. Anhand umfangreicher Schriftwechsel belegt er dabei das häufig wiederkehrende Motiv, bei dem sich ein Bekenntnis zum nationalsozialistischen Staat und seiner rassistischen Politik verknüpfte mit einer dezidiert antijüdischen Polemik. Sogar die Verteidigung des AT diente der Abgrenzung gegen das Judentum (christliches Deutschsein als authentisches Erbe des wahren Israel) sowie gegenüber völkisch-neuheidnischen Gruppierungen andererseits. Deutlich wird dabei die Absicht, dem NSStaat die kirchliche Unterstützung zu seiner Rassenpolitik zu versichern, wenn dieser dabei auf antikirchliche ideologische Spitzen verzichtet, „ohne dass sich mit solchen eingeschränkten Loyalitätserklärungen auch eine deutliche Grenzziehung für die Wahl der Mittel der Rassenpolitik verbunden hätte“ (178). Die Einschätzung, dass teilweise „die um staatliche Anerkennung ringenden judenfeindlichen Äußerungen sogar gewollte oder ungewollte Legitimationsgrundlagen für die Judenpolitik des NS-Staates einschließlich ihrer gewaltsamen Konsequenz (Eduard Putz, Hans Meiser)“ (178) boten, wird man als wohlbegründet stehen lassen müssen – auch wenn einen dabei das eiskalte Schaudern überfällt.

Anhand von sechs ausführlich dokumentierten Fallstudien und mehreren Einzelfällen belegt Töllner, wie sich die weithin theoretischen Weichenstellungen, Grenzziehungen und Zielsetzungen in einer konkreten Situation auswirkten und in welchem Maß antisemitische Vorstellungen taktische und pragmatische Entscheidungen konkret beeinflussten. Generell stellte dabei „der Landeskirchenrat von vornherein klar, dass er die jüdische Herkunft von Pfarrer oder Pfarrfrau in erster Linie als Problem des jeweiligen Geistlichen betrachtete, nicht aber als Problem der Kirche insgesamt“ (285). Besonders aufschlussreich sind dabei die Reaktionen, nachdem der bayerische Staat den evangelischen Geistlichen, die an öffentlichen Schulen Religionsunterricht erteilten, zum 1. Januar 1939 einen Ariernachweis auferlegt hatte. Die allermeisten Pfarrer empfanden dies als FrRu NF 1/2008 67 weithin unproblematisch. „Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, dass das Erbringen des Ariernachweises als Möglichkeit genutzt wurde, nach dem Führereid erneut die eigene Loyalität gegenüber der politischen Führung (und ihrer antijüdischen Politik) zu bekunden“ (325).

Interessant, bezeichnend – und vielleicht auch ekklesiologisch weiterführend – ist die Erkenntnis, dass die betroffenen Gemeinden offenbar ein ausgeprägtes Gespür dafür hatten, wie der schmale Grat zwischen Anpassung und Widerstand im Interesse von Person und Sache glaubwürdiger hätte ausbalanciert werden können. So wandten sich etwa nach der Zwangsversetzung eines Pfarrers elf Gemeindeglieder mit einer Petition an die Kirchenleitung, die wegen ihrer theologischen Argumentation aufhorchen lässt: „In weiten Kreisen der Gemeinde wird ihr Scheiden aufrichtig bedauert, ganz besonders, weil es wegen seines mannhaften Eintretens für das unverfälschte Evangelium Jesu Christi und der Angriffe auf seine Frau ihrer nichtarischen Abstammung halber erfolgt“ (214).

Allen Beteuerungen zum Trotz hatte sich unter den Gemeindegliedern der Eindruck gehalten, dass die Kirche ohne wirkliche Not aus taktischen Erwägungen dem politischen Druck nachgegeben hatte. Sie sahen sich daher verpflichtet, „mit allem Ernst darauf hinzuweisen, dass die evangelische Gemeinde und darüber hinaus weite Bevölkerungskreise dieses kampflose Zurückweichen vor niedrigen Angriffen als bedauerliche Schwäche empfinden, die der evangelischen Sache schaden [...] und Zweifel an der Festigkeit der immer erneut von der evangelischen Kirche verkündeten Grundsätze wachrufen muss“ (ebd.). Dem ist nichts hinzuzufügen – außer der Hoffnung, daß dieser „sensus fidelium“, das achtsame Gespür des „Volkes Gottes“, auch in der Gegenwart das nötige Gewicht entfaltet als Leitlinie im Verhältnis zu den „Mächten und Gewalten“, die heutzutage dem Evangelium entgegenstehen.


Jahrgang 15 / 2008 Heft 1 Seite 66



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