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Björn Krondorfer/Katharina von Kellenbach/Norbert Reck

Mit Blick auf die Täter

Die Frage „Wo war Gott?“ stand im Zentrum der theologischen Reflexion von Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Auschwitz. Der Blick auf die Opfer hat zunächst jüdische, dann auch christliche Denker zu einer Radikalisierung der Gottesfrage provoziert: Die Erschütterung der selbstverständlichen Rede vom allmächtigen, liebenden Gott eröffnete die erste Phase einer „Theologie nach Auschwitz“ (Moltmann, Sölle, Metz). Die Gegenfrage „Wo war die Kirche?“, wie waren Christen durch Reden, Tun oder Wegsehen an Auschwitz beteiligt?, eröffnet seit zehn Jahren die zweite Phase einer „Theologie nach Auschwitz“ im Blick auf die Täter. Diese ethische Frage provoziert zu einem tieferen Nachdenken über Schuld und Sünde sowie zu einer tatkräftigen Umkehr der Kirche. Das generelle öffentliche Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. im Jahr 2000 im Petersdom zur „Reinigung des historischen Gewissens der Kirche“ bedarf der Konkretisierung durch das Nennen der verantwortlichen Personen und einer klaren Stellungnahme zu ihren Worten, Taten und Unterlassungen. Nur so kann die Last der Geschichte bearbeitet werden, damit sie nicht wie ein Schwelbrand weiterhin die Luft verpestet und den Atem für eine wirksame Umkehr erstickt.

Erstmals werden die fragwürdigen Gedanken der deutschen Theologen des 20. Jh. über „Kirche und Nationalsozialismus“ dokumentiert und die fragwürdige kirchliche Seelsorge für die NS-Verbrecher offengelegt. Der protestantische Religionswissenschaftler Krondorfer untersucht die ohne Selbstkritik veröffentlichten Autobiographien von 40 protestantischen Theologen. Der katholische Theologe Reck untersucht ausgewählte Schriften acht namhafter katholischer Autoren. Die protestantische Theologin von Kellenbach untersucht die Seelsorgepraxis (vor allem) der evangelischen Kirche zur Aussöhnung der Täter mit Gott. Die Autoren gehören zur Generation der nach 1960 Geborenen, die von der neuen Ostpolitik mit ersten Ansätzen zur Versöhnung mit Polen sowie von dem Medienereignis des Films „Holocaust“ geprägt ist und erstmals die Leiden der Opfer wahrgenommen hat.

Nur wenige aus der Theologengeneration, die die Hitlerzeit als Erwachsene erlebten, haben ihr Tun und Lassen in dieser Zeit selbstkritisch reflektiert. Vielmehr haben sie sich als Opfer dargestellt: Opfer der verlorenen Weltkriege, der Propaganda und des Terrors des Naziregimes, der Bombardierungen und der Herrschaft der Siegermächte. Apologetisch warben sie um Verständnis, daß sie zwar keine Helden waren, aber nicht anders handeln konnten. Diese Verdrängung der ersten Schuld nennt Krondorfer die zweite Schuld. Reck arbeitet in seiner Analyse auch einen theologischen Grund heraus: Diese Männer (Rahner, Guardini u. a.) sahen die Hauptschuld ihrer Generation in der Selbstherrlichkeit der Neuzeit, die den Menschen über Gott erhob, nicht in deren Antisemitismus und Nationalismus, und riefen zur Abkehr von der gottlosen Neuzeit und Bekehrung zum christlichen Glauben auf. Die einseitige Schuldempfindlichkeit gegenüber Gott habe das Schuldbewußtsein gegenüber dem menschlichen Leid verstellt (192 f.).

Die Hitlerjugend-Generation (Ratzinger, Metz u. a.) hat zwar die NS-Zeit streng „verurteilt, nicht aber näher untersucht“ (209). Aber weil sie die eigenen Angehörigen und theologischen Lehrer in Schutz nehmen wollte und nur „die anderen“ für schuldig hielt, blieb die konkrete Schuld der Täter unbearbeitet und wurde „dem Schamgefühl eines kollektiven ‚Wir’ überantwortet“ (209). Erst einige Vertreter der heutigen Theologengeneration brechen eindeutig mit dem Schweigen der Täter. „Die Arbeit ist noch nicht getan. Auch für die christliche Theologie gilt deshalb: Wer Verantwortung für sie übernehmen will, muß bereit sein, in der eigenen Tradition Falsches falsch und Böses böse zu nennen, Täter und Taten beim Namen zu nennen“ (Reck, 221). Denn wie sich das nicht bearbeitete Trauma der Opfer auf die Nachgeborenen überträgt, so wirkt auch nicht bearbeitete Schuld in der Geschichte weiter. Bei den meisten Deutschen setzt sie sich bis heute in einem Schuldgefühl fort, statt zur Umkehr in eine neue Zukunft zu befreien.

Doch weit mehr als die Verirrungen der Theologie schockiert von Kellenbachs Beitrag „Die Praxis der Versöhnung“ über die großen Missionsanstrengungen zur Wiedereingliederung der Täter in Kirche, Beruf und Gesellschaft. Den zum Tod verurteilten NS-Verbrechern wurde ohne Bekenntnis und Reue das Abendmahl gereicht (einzige Ausnahme Göring, 266). Im Frieden mit Gott und ihrem Gewissen sollten sie mannhaft zum Galgen gehen. Seelsorglicher, caritativer und juristischer Beistand und Fluchthilfe wurde auch den Insassen von Gefängnissen und Internierungslagern zuteil. Nervös suchten die Kirchen in der Stunde Null einen Schlußstrich unter die Nazizeit und den Neuanfang einer christlichen Ära. Doch all dies geschah um den Preis der Entsolidarisierung mit den Opfern.

Ein weiteres Ärgernis ist das Argument, theologisch sei nur Gott, nicht die Opfer, Adressat für das Schuldbekenntnis. An die Opfer erging vielmehr die „Warnung vor alttestamentarischer Rache“ (282) und die Aufforderung zu christlicher Vergebung. Doch Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit, ohne gerechte Strafe, verletzt erneut die Menschenwürde der Opfer (271). Diese „Praxis der Versöhnung“ bezeichnet von Kellenbach zu Recht als einen Tiefpunkt kirchlicher Bußpraxis und Bußlehre. Das Buch ist eine gut lesbare und gründlich recherchierte Dokumentation der Irrwege deutscher Theologen und Kirchenleitungen während und nach der Nazizeit. Darüber hinaus sind die theologischen Reflexionen eine Einladung, Schuld und Trauer heute endlich zu bearbeiten, damit sie nicht länger in den nachgeborenen Generationen von Tätern und Opfern in der Geschichte weiterwirken.


Jahrgang 14 / 2007 Heft 4 Seite 303



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